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Zverev und der letzte Schritt

Analyse Bleibt er unvollendet?

Zverev und der letzte Schritt

Aktualisiert am 16.04.2026, 10:32 Uhr Wird Zverev noch zum Champion oder bleibt er der große Unvollendete? © IMAGO/Newspix/Kacper Staniec Lesedauer:4 Min.

Ein Punkt fehlte Alexander Zverev bei den Australian Open zum möglichen Grand-Slam-Triumph. Für Ex-Profi Alexander Waske zeigt genau diese Szene, wie nah der Deutsche dran ist – und warum es trotzdem noch nicht gereicht hat.

Eine Analyse von Johannes Fischer Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Johannes Fischer sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Manchmal entscheidet im Spitzensport ein einziger Punkt über Karrieren. Im Halbfinale der Australian Open war Alexander Zverev zu Beginn des Jahres genau diesen einen Moment vom ganz großen Durchbruch entfernt, ehe er Carlos Alcaraz am Ende eines dramatischen Fünf-Satz-Krimis unterlag.

Für Alexander Waske steht fest: "Wenn er den Matchball im Halbfinale macht und im Finale gegen Djokovic spielt, dann gewinnt Zverev seinen ersten Grand-Slam-Titel", sagt der ehemalige Davis-Cup-Spieler im Gespräch mit unserer Redaktion. "Djokovic hatte nach seinem Halbfinale gegen Sinner keine Kraft mehr". Doch der eine Punkt fehlte. Und mit ihm vielleicht mehr.

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Wann macht Zverev endlich den letzten Schritt?

Während Zverev derzeit beim ATP-Turnier in München aufschlägt und einmal mehr als einer der Favoriten ins Rennen geht, begleitet ihn genau diese Frage weiter. Jeder Auftritt, jedes Match wird auch unter diesem Blickwinkel bewertet: Ist das der Moment, in dem er den letzten Schritt macht?

Seit Jahren bewegt sich Zverev in der Weltspitze, konstant, verlässlich, auf Top-Niveau. Und doch bleibt das große Fragezeichen. Warum reicht es nicht für ganz oben?

Für Waske liegt ein Teil der Antwort in der Entwicklung. Während Spieler wie Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic ihr Niveau über Jahre hinweg noch einmal deutlich steigerten, sieht er diesen Sprung bei Zverev nicht in gleichem Maße. "Er hat sich nicht annähernd so gut entwickelt wie andere", lautet die nüchterne Einschätzung. Und trotzdem: Die Konstanz ist da, die Chancen auch. Immer wieder.

Gerade diese Mischung macht die Bewertung so schwierig. Zverev ist kein Spieler, der scheitert – aber auch keiner, der bislang die Massen elektrisiert. In einer Sportart, die sich fast ausschließlich über Grand-Slam-Titel definiert, reicht selbst Platz zwei der Weltrangliste nicht für uneingeschränkte Anerkennung. Waske spricht von einer gewissen deutschen Erwartungshaltung: Wer ganz oben mitspielt, soll am Ende auch gewinnen.

Waske: Zverev ist gegen Sinner chancenlos

Dabei erkennt er durchaus Fortschritte. Zverev habe zuletzt selbst angekündigt, offensiver spielen zu wollen. Ein Schritt, den Waske für entscheidend hält. Denn gegen die neue Generation um Jannik Sinner und Carlos Alcaraz reicht reines Kontrolltennis nicht mehr. Aggressiver, mutiger, dominanter: Nur so könne er die entscheidenden Matches für sich entscheiden.

Auch Boris Becker zeigte sich zuletzt beeindruckt von Zverevs offensiverer Ausrichtung. "Mir geht das Herz auf: Er spielt offensiv. Er steht im Feld. Er geht ans Netz. Er spielt mal Serve-and-Volley. So kann ein Sascha Zverev, mit dieser Spielweise und Einstellung, auch bald ein Grand-Slam-Turnier gewinnen. Ich bin überzeugt", sagte Becker im gemeinsamen Podcast mit Andrea Petkovic. "Er muss nur weitermachen."

Doch selbst wenn die Richtung stimmt, bleiben die Hürden hoch. Vor allem das Duell mit Sinner sieht Waske aktuell kritisch. "Gegen den gewinnt er im Moment nicht", sagt er klar. Ein mögliches Szenario: Zverev braucht im Turnierverlauf die Hilfe anderer, die den unangenehmsten Gegner aus dem Weg räumen. Gleichzeitig widerspricht Waske dem oft vorgebrachten Argument, die Konkurrenz sei heute stärker als früher: "Im Gegenteil. Früher waren es Federer, Nadal und Djokovic, dazu noch Spieler wie Murray oder Wawrinka. Das war mehr Konkurrenz als heute."

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Das eigentliche Problem sieht er an einer anderen Stelle – und hier wird seine Analyse konkret. Zverev verliere in den frühen Runden zu viel Energie, weil er Gegner nicht konsequent dominiert. "Er nimmt sie am Anfang nicht ernst genug", sagt Waske. Ein Satzverlust hier, ein unnötig langes Match dort; Kleinigkeiten, die sich im Turnierverlauf summieren. Die ganz Großen, so der Vergleich, lösen solche Aufgaben schnell und effizient. Gerade in engen Turnierphasen, wenn die Kräfte schwinden, können genau diese Reserven den Unterschied machen.

All das führt zu einer unbequemen, aber naheliegenden Frage: Droht Zverev eine Karriere ohne Grand-Slam-Titel? Beispiele dafür gibt es genug. Spieler wie David Ferrer, Tomáš Berdych oder auch Tommy Haas gehörten über Jahre zur Weltklasse und blieben doch ohne den ganz großen Triumph. "Das könnte ihm auch passieren", sagt Waske. Es ist ein Szenario, das im Hintergrund immer mitschwingt, je länger der ersehnte Titel auf sich warten lässt.

Grand-Slam-Titel? Waske bleibt vorsichtig optimistisch

Und trotzdem überwiegt am Ende der vorsichtige Optimismus. Zverev habe noch viele Jahre auf Top-Niveau vor sich, zahlreiche Chancen, die sich wiederholen werden: "Ich glaube, dass er noch einen gewinnt", sagt Waske. Besonders gute Möglichkeiten sieht er auf Sand in Paris oder bei den US Open. Entscheidend werde sein, ob es Zverev gelingt, die angesprochenen Details zu verbessern – und die wenigen Prozentpunkte zu finden, die den Unterschied ausmachen.

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Es ist also keine einfache Geschichte. Zverev ist weder gescheitert noch vollendet. Er bewegt sich in einem Zwischenraum, in dem Kleinigkeiten über die Einordnung einer ganzen Karriere entscheiden. Vielleicht fehlt nur ein Punkt – wie im Januar. Vielleicht ist es aber auch genau dieser eine Punkt, der am Ende über alles entscheidet.

Zum Gesprächspartner

  • Alexander Waske (51) ist ehemaliger deutscher Tennisprofi und Davis-Cup-Spieler. Der frühere Doppel-Spezialist gewann mehrere ATP-Titel und ist heute als Trainer sowie Experte im Tennis aktiv.

Verwendete Quelle

  • Podcast "Becker Petkovic" via Sport1: Grand Slam für Zverev: Eine Frage der Zeit
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