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Zum Scheitern verurteilt

Analyse Baerbock und die Krise der UN

Reformen, die schon zum Scheitern verurteilt sind

Aktualisiert am 14.05.2026, 20:31 Uhr Die UN soll Frieden sichern, wirkt in den großen Konflikten aber zunehmend machtlos. Annalena Baerbock will Reformen anstoßen – doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. (Archivbild vom 14.1.2026) © IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Bianca Otero Lesedauer:4 Min.

Die Vereinten Nationen stecken in ihrer tiefsten Krise seit ihrer Gründung 1945. Annalena Baerbock wirbt als Präsidentin der Generalversammlung für Reformen der UN. Doch das ist schon jetzt zum Scheitern verurteilt.

Eine Analyse von Leon Kottmann Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Leon Kottmann sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Eigentlich wurde die UN genau für solche Zeiten geschaffen. Internationale Konflikte nehmen zu, während die Welt mit dem Klimawandel eine gemeinsame Herausforderung zu meistern hat. Wer, wenn nicht die Vereinten Nationen, könnten dafür sorgen, dass die Welt wieder an einem Strang zieht?

Im ersten Absatz ihres Gründungsdokuments heißt es: "Die UN setzt sich folgende Ziele: den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren." Doch in der Realität versinkt die UN seit Jahren zunehmend in der Bedeutungslosigkeit. Weder im Krieg in der Ukraine, noch beim Krieg in Gaza oder dem Krieg im Iran kam die UN über Appelle hinaus.

"Die UN hat es nicht geschafft, die wachsende Entfremdung zwischen den Großmächten aufzuhalten", erklärt Andreas von Arnauld, Professor für Europa- und Völkerrecht an der Universität Kiel, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Der UN-Sicherheitsrat ist "nicht handlungsfähig"

Dafür macht der Experte auch strukturelle Probleme in der UN verantwortlich: "Der UN-Sicherheitsrat ist weitgehend blockiert und nimmt seine Verantwortung für Frieden und Sicherheit in der Welt nicht wahr", stellt von Arnauld fest. Das liegt auch an dessen Struktur mit den fünf ständigen Mitgliedern USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich.

Jedes dieser Länder verfügt über ein Veto-Recht und kann eine UN-Resolution blockieren. Das führt in der Praxis dazu, dass die UN gegen kriegerisches Verhalten der Veto-Mächte und deren Verbündeter keine Handhabe hat.

Als Präsidentin der Generalversammlung will Annalena Baerbock das verändern: "Die Reform des Sicherheitsrates ist eigentlich das, was seit Jahrzehnten überfällig ist", erklärte Baerbock im November 2025 nach ihrem Amtsantritt im Gespräch mit der FAZ.

Rede vor UN-Sicherheitsrat Wadephul in New York: Iran muss Angriffe auf andere Länder unterlassen vor 16 Tagen

Mehrere Reformvorstöße seit 1992 scheiterten

Doch dafür müssten die Vetomächte einer Reform zustimmen, die ihre eigene Macht beschneiden würde. Laut von Arnauld ein Vorhaben, das "immer schon utopisch" gewesen sei. Er beschreibt die verschiedenen Reformvorstöße seit 1992 als eine "Sackgasse".

Die einzige kleine Änderung, die erzielt werden konnte, ist, dass Vetomächte seit 2022 ihr Veto zu einer Resolution vor der Generalversammlung rechtfertigen müssen. Ein symbolischer Akt, der am Grundproblem wenig ändert.

Für eine wahre Reform wäre zunächst eine Zweidrittelmehrheit in der Generalversammlung nötig, ehe auch die fünf ständigen Sicherheitsratsmitglieder zustimmen müssten. Doch selbst an dieser ersten Hürde scheiterte die uneinige Staatengemeinschaft.

So wirkt der Sicherheitsrat aus der Zeit gefallen: "Im Sicherheitsrat gibt es eine krasse Überrepräsentation der Siegermächte des 2. Weltkriegs", sagt von Arnauld. "Mittlerweile haben aber Brasilien, Indien oder Südafrika weitaus größere Bedeutung erlangt und hätten einen gleichwertigen Platz am Tisch verdient."

Experte von Arnauld: "Baerbock hat keine machtvolle Position"

Baerbock hat es sich zum Ziel gemacht, dem globalen Süden in der UN mehr Gehör zu verschaffen. Doch laut von Arnauld sind ihre Möglichkeiten dabei sehr begrenzt: "Annalena Baerbock hat keine machtvolle Position. Man sollte keine Erwartungen an sie haben, die sie nicht erfüllen kann."

Als Präsidentin der Generalversammlung leitet sie zwar die Sitzungen dieses wichtigen Gremiums, ist dabei aber an Verfahrensregeln gebunden. "Die inhaltlichen Impulse für die UN-Reform kommen vom UN-Generalsekretär", so von Arnauld.

Das ist bis Ende 2026 Antonio Guterres, dann wird die Position von der UN-Generalversammlung neu gewählt. Baerbock bezeichnet es als "eine der großen Aufgaben meiner Amtszeit", diesen Wahlprozess vorzubereiten. Dabei wirbt sie dafür, dass zum ersten Mal eine Frau diesen wichtigsten Posten der UN besetzen sollte.

Der Auswahlprozess ist in vollem Gange. Allerdings kann Baerbock den Wahlprozess nicht bis zum Ende begleiten. Ihre Amtszeit endet im September 2026. Die Wahl des neuen Generalsekretärs findet zwischen Oktober und Dezember statt.

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Das UN-Reformprojekt UN80 ist eher ein Spardiktat

Doch auch der neue Generalsekretär wird weiter den strukturellen Problemen der UN gegenüberstehen. Seit Jahren ist die UN chronisch unterfinanziert. Donald Trumps Kahlschlag für internationale Organisationen haben dieses Problem extrem verschärft.

Das Reformprojekt UN80, das zum 80-jährigen Bestehen der UN angestoßen wurde, liest sich für von Arnauld deshalb eher wie ein Spardiktat: "Aktuell sieht es eher nach Kürzen statt Reformieren aus", stellt der Experte fest.

Die Kürzungen treffem die vielen Unterorganisationen der UN hart. Die Flüchtlingsagentur UNHCR musste bereits ca. 20 Prozent ihrer Stellen streichen. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation WHO soll Geld eingespart werden, Länderbüros könnten geschlossen werden.

Warum die UN trotzdem weiter wichtig ist

Für von Arnauld eine besorgniserregende Entwicklung: "Bei der Koordination von Entwicklungshilfe und Gesundheitskrisen ist die UN nicht wegzudenken." Allerdings will er die UN auch als Friedensstifter nicht komplett abschreiben: "Die UN bleibt als Plattform, die die Staatengemeinschaft zusammenbringt, unverzichtbar."

Gerade informelle Prozesse, bei denen Staaten ins Gespräch kommen, liefen weiterhin viel über die UN. Alternative Strukturen wie den von Trump initiierten "Friedensrat", die G20 oder die BRICS, sieht von Arnauld als nicht gleichwertig an.

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Diese kämen nie über "Clubs" hinaus, die immer nur das Interesse einer Staatengruppe vertreten, nie aber die ganze Weltgemeinschaft repräsentieren können. Der einzige Ort, an dem die ganze Welt zusammenkommt, bleibt daher die UN-Generalversammlung.

Diese ist für von Arnauld das "Herzstück der UN". Bis September hat Baerbock noch den Vorsitz dieses Herzstücks inne. Im Gespräch mit der FAZ bezeichnete sie ihren Job als "Sisyphusarbeit". Auch sie scheint sich bewusst zu sein, dass sie den schleichenden Bedeutungsverlust der UN von dort nicht aufhalten kann.

Über den Gesprächspartner

  • Andreas von Arnauld ist Professor für Öffentliches Recht mit Schwerpunkt Völker- und Europarecht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen völkerrechtlich im Bereich des Friedenssicherungs- und des Konfliktrechts, der Menschenrechte und der Streitbeilegung.

Verwendete Quellen

  • Gespräch mit Andreas von Arnauld
  • FAZ: Annalena Baerbock im Interview: Sollte man die UN abschaffen? | FAZ
  • UN: UN80 Initiative
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