"Wir schwächen möglicherweise jetzt schon die Mannschaft"
Adler zu Neuer-Diskussionen: "Wir schwächen möglicherweise jetzt schon die Mannschaft"
Aktualisiert am 12.05.2026, 10:25 Uhr Rene Adler sieht die Diskussion um die Torwartfrage im deutschen Team kritisch. © IMAGO/DeFodi Images/IMAGO/Oliver Kaelke/DeFodi Images Lesedauer:8 Min.Wir haben mit dem früheren Nationaltorhüter René Adler über die Neuer-Diskussionen, die Auswirkungen auf Oliver Baumann, Manuel Neuers Zukunft beim FC Bayern und Marc-André ter Stegen gesprochen.
Ein Interview von Andreas ReinersRené Adler kann sich gut vorstellen, wie sich Oliver Baumnan fühlen. Nach der Verletzung von Marc-André ter Stegen ist Baumann die Nummer eins in der deutschen Nationalmannschaft. Trotzdem wird öffentlich seit Monaten darüber diskutiert, ob Manuel Neuer nicht doch seinen Rücktritt vom Rücktritt erklären sollte, um bei der WM im Sommer das DFB-Tor zu hüten.
"Da steht ein Torwart, der eine starke Qualifikation gespielt hat, der eine Top-Saison hinter sich hat und über 500 Profispiele auf höchstem Niveau vorweisen kann. Und trotzdem führen wir immer wieder die Debatte darüber, was uns angeblich fehlt. Irgendwann wird das nervig", sagt Adler im Interview mit unserer Redaktion.
Auch über Neuers Zukunft beim FC Bayern, Marc-André ter Stegen und Adlers Nummer zwei hinter Baumann haben wir mit dem 41-Jährigen gesprochen.
Herr Adler, ist die Diskussion, die wir jetzt seit Wochen und Monaten führen – rund um Manuel Neuer und die WM – die sinnloseste des Jahres?
René Adler: Sinnlos ist in dem Fall vielleicht das falsche Wort, denn es ist natürlich eine sehr wichtige Personalie – und wir sind in den letzten Dekaden auf der Position absolut verwöhnt, weil wir diese Thematik nie hatten. Rein sportlich betrachtet gehört diese Debatte auf jeden Fall dazu. Man muss sich ja die Frage stellen: Was bringt das in der aktuellen Situation? Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass Manu wegen der öffentlichen Diskussion plötzlich seine Entscheidung revidiert, also eine Rolle rückwärts macht, wortbrüchig wird und seinen Sommer opfert. Klar, es geht um eine WM, aber er wird auch zum zweiten Mal Vater. Ich sehe einfach nicht, dass das passiert. Und deshalb ist diese Diskussion aus meiner Sicht nicht zielführend.
Analyse Aus im Halbfinale Bayerns Final-Traum zerplatzt an Schwäche und Fehlentscheidung vor 4 Tagen von Oliver JensenEine wichtige Frage, die dabei oft vergessen wird: Was macht das mit Oliver Baumann, der Nummer eins im deutschen Tor?
Da steht ein Torwart, der eine starke Qualifikation gespielt hat, der eine Top-Saison hinter sich hat und über 500 Profispiele auf höchstem Niveau vorweisen kann. Und trotzdem führen wir immer wieder die Debatte darüber, was uns angeblich fehlt. Irgendwann wird das nervig. Aus Sicht von Baumann raubt dir dieses Dauerthema Konzentration, selbst wenn es nur ein paar Prozentpunkte sind und vielleicht sogar nur unterbewusst. Aber genau diese kleinen Faktoren können entscheidend sein.
Neuer weg? Dann schwingt auch ein Stück Wehmut mit
Wie groß ist dieser negative Einfluss?
Wir schwächen mit so einer Diskussion möglicherweise jetzt schon die Mannschaft. Denn in dem Moment, in dem du Baumann auch nur ein Stück schwächst, schwächst du das gesamte Team. Dabei wollen wir doch gemeinsam – auch wir Medien und die Fans – etwas erreichen. Kritik gehört dazu, das ist unser Job. Aber wir müssen auch verschiedene Perspektiven einnehmen und uns bewusst sein, welche Auswirkungen solche Debatten haben können.
Warum reicht Baumann denn nicht – woher kommt die Skepsis?
Die Diskussion kommt daher, dass wir mit Neuer über viele Jahre hinweg einen der besten Torhüter der Welt hatten. Er hat neue Maßstäbe gesetzt und die Messlatte extrem hochgelegt. Wenn du dann feststellst, dass du diesen Standard so vielleicht nicht mehr hast, schwingt auch ein Stück Wehmut mit. Aber ich finde, wenn man ständig nur darauf schaut, was man nicht mehr hat oder was theoretisch möglich wäre, verliert man den Blick für das, was vorhanden ist. Dann fehlt die Wertschätzung und man wird unzufrieden mit der eigenen Situation. Das ist ein ganz typisches menschliches Muster: der ständige Vergleich. Wenn du dich immer daran orientierst, was fehlt, führt das zwangsläufig zu Unzufriedenheit.
WM-Torwart gesucht Baumann reagiert genervt auf die Neuer-Debatte 11. April 2026Baumann ist keiner, der laut wird. Aber müsste er vielleicht offensiver auftreten und den Respekt einfordern, der ihm zusteht?
Da treffen Sie einen Punkt. Das ist einfach nicht sein Naturell, das war es nie. Für mich ist entscheidend, dass er authentisch bleibt. Und zwischen den Zeilen hat er ja schon durchblicken lassen, dass ihn das Thema nervt und dass es nicht zielführend ist. Die Frage ist dann: Warum sollte er diesem Thema überhaupt Energie geben, wenn es für ihn gar keins ist? Jedes Interview dazu wäre aus seiner Sicht eher verschwendete Kraft. Ich glaube, er will dem bewusst keine große Bühne geben. Auch, weil es für ihn und wahrscheinlich auch für Julian Nagelsmann intern gar kein Thema ist. Klar kann so etwas intern sogar eine gewisse Wagenburg-Mentalität erzeugen. Aber unterschwellig nervt ihn das, da bin ich sicher. Und genau deshalb hält er sich zurück. Ich erinnere mich da auch an eine bestimmte Situation.
An welche?
Das war vor ein paar Wochen im Sportstudio, und da nehme ich uns als Medien mit in die Verantwortung. Da sitzt ein Torhüter, der seit über einem Jahrzehnt Bundesliga spielt, der gerade die Nummer eins der Nationalmannschaft ist und eine starke Qualifikation gespielt hat, und trotzdem tritt er bei gewissen Fragestellungen zurückhaltend auf und es wirkt so, als hätte er als so erfahrener und verdienter Spieler Angst sich zu vergaloppieren und etwas Falsches zu sagen.
"Es herrscht die Angst, dass jedes falsche Wort sofort gegen dich verwendet wird"
Inwiefern?
Es herrscht die Angst, dass jedes falsche Wort sofort gegen dich verwendet wird, gerade im Vergleich zu Neuer. Das ist am Ende auch eine Form von Selbstschutz. Und das finde ich grundsätzlich eine problematische Entwicklung. Spieler sagen lieber gar nichts mehr, aus Angst, etwas Falsches zu sagen und dann öffentlich zerrissen zu werden, gerade in den sozialen Medien. Dabei wäre es völlig legitim, eine klare Haltung zu haben, auch wenn die mal nicht perfekt ist. Das ist eine traurige Entwicklung, nicht nur im Sport.
Kolumne Diskussion um WM Das Tischtuch zwischen Nagelsmann und Neuer ist zerschnitten 09. April 2026 von Pit GottschalkZuletzt wurde allerdings auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler darauf angesprochen. Er sagte sinngemäß, Manuel Neuer stehe "normalerweise" nicht bei der WM im Tor. Dieses "normalerweise" wirkt wie ein Hintertürchen. Warum lässt man diese Tür offen und befeuert damit die Debatte weiter?
Vielleicht weiß er mehr als die Öffentlichkeit, vielleicht ist es aber auch einfach Interpretation. Wenn Nagelsmann die Situation intern klar kommuniziert, dann wäre es natürlich sinnvoll, wenn das auch nach außen eindeutig transportiert wird. Aber wir neigen vielleicht auch dazu, mehr hineinzudeuten, als tatsächlich gemeint ist. Im Fußball kann immer etwas passieren. Niemand will jetzt Szenarien an die Wand malen, aber wenn sich zum Beispiel Oliver Baumann verletzt und die WM nicht spielen kann, musst du reagieren. Vielleicht ist genau dieses Restrisiko gemeint. Dann könnte ein Spieler wie Neuer natürlich wieder eine Rolle spielen. Nach dem Motto: Wenn ich gebraucht werde, bin ich da. Aber daraus jetzt eine grundsätzliche Debatte zu machen, halte ich für falsch.
Wie wichtig ist es für einen Torhüter grundsätzlich, die volle Rückendeckung zu haben?
Das ist individuell, aber grundsätzlich performt jeder Mensch besser, wenn er sich wertgeschätzt fühlt und merkt, dass seine Arbeit anerkannt wird. Es gibt sicher auch Ausnahmen, die gerade in einem schwierigen Umfeld besonders gut funktionieren. Aber das ist eher die Minderheit. Gerade auf der Torwartposition, die extrem viel Vertrauen und Verantwortung erfordert, ist Rückendeckung ein zentraler Faktor. Du stehst permanent im Fokus, Fehler werden sofort sichtbar. Da hilft es enorm, wenn du intern das Gefühl hast, dass man hinter dir steht.
Wie war das bei Ihnen?
Ich habe mich immer wohler gefühlt, wenn dieses Vertrauen da war. Nicht, weil ich mich dann zurückgelehnt habe, eher im Gegenteil. Ich war eher jemand, der immer noch mehr wollte, der eher gebremst werden musste. Und ich glaube, so geht es vielen Torhütern heute. Dieses "Sich-Ausruhen" sehe ich bei unseren aktuellen jungen Torhütern gar nicht. Deshalb ist es wichtig, Vertrauen auszusprechen, bei gleichzeitig klarem Leistungsprinzip. Du brauchst diese gewisse Freiheit im Kopf. Denn Druck hast du ohnehin überall: durch Medien, durch Social Media, durch die Öffentlichkeit. Wenn dann noch von innen das Gefühl dazukommt, dass jeder kleine Fehler sofort Konsequenzen hat, wirkt das eher leistungshemmend als leistungsfördernd.
Verlängert Manuel Neuer beim FC Bayern?
Glauben Sie, dass Neuer beim FC Bayern weitermacht?
Ich glaube, dass er noch ein Jahr dranhängt, vielleicht sogar länger. Ich kann mir ganz gut vorstellen, wie er tickt. Er will jedes Spiel machen, fühlt sich im Kopf wahrscheinlich auch noch lange nicht wie jemand, der kurz vor dem Karriereende steht. Wenn er gleichzeitig merkt, wie viel Spaß ihm das Ganze noch macht – mit der Mannschaft, unter Vincent Kompany – dann könnte er auch einen anderen Weg wählen: etwas kürzertreten, nicht mehr jedes Spiel machen, vielleicht im Wechsel mit Jonas Urbig. Da hat er bereits eine etwas andere Gelassenheit entwickelt in der letzten Zeit. Wenn ihm das weiter gelingt, kann ich mir gut vorstellen, dass er sagt: Ich mache noch ein Jahr weiter.
Marc-André ter Stegen wird die WM wohl verpassen. Bei Ihnen war es zumindest ähnlich. Wie hart ist das?
Wenn man ehrlich ist, zieht sich das bei ihm schon über einen längeren Zeitraum. In den letzten Jahren gab es mehrere Rückschläge, und solche Dinge hängen oft zusammen, das ist selten isoliert zu betrachten. Ich kann das gut nachvollziehen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr solche Situationen einen beeinflussen. Wenn du das Gefühl hast, von deinem Verein – dem du viel gegeben hast, auch als Kapitän – nicht mehr wertgeschätzt zu werden, vielleicht sogar schlecht behandelt wirst, dann hinterlässt das Spuren. Diese Enttäuschung nimmst du mit. Und die wirkt sich nicht nur mental aus, sondern kann auch körperlich eine Rolle spielen, weil du nicht mehr komplett bei dir bist. Dazu kommen mögliche private Veränderungen, die ich nicht bewerten will, die aber natürlich auch Einfluss haben können. Am Ende ist das eine echte emotionale Achterbahnfahrt, und wenn sich das dann in mehrere Verletzungen bündeln, die dich dann in Summe um eine WM bringen, ist das brutal. Das tut mir total leid für ihn. Das wirkt schon ein Stück weit wie eine unvollendete DFB-Karriere. Das muss man erstmal verarbeiten.
"Du musst ihn mitnehmen" Prominente Stimmen fordern Neuers DFB-Comeback 08. April 2026Wen nimmt Adler mit zur WM?
Was würden Sie ihm sportlich raten?
Für ihn wäre es wichtig, nochmal einen Verein zu finden, bei dem er echte Wertschätzung spürt, wo er wirklich gewollt ist. Menschen wollen gewollt werden, und das hat er sich absolut verdient. Er ist ein herausragender Torhüter. Entscheidend ist jetzt erstmal, dass er wieder fit wird. Wenn das gelingt, bin ich überzeugt, dass er auch wieder an sein Leistungsniveau anknüpfen kann. Und dann ist er automatisch für viele Top-Klubs in Europa wieder interessant. Wichtig wäre für ihn vor allem, wieder Ruhe reinzubekommen und den Spaß am Fußball zurückzufinden, ohne diese vielen Nebengeräusche.
Wen würden Sie mit zur WM nehmen, hinter Baumann?
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Es sind zwei Pfade. Wenn Nagelsmann in Jonas Urbig oder Noah Atubolu die potenzielle Nummer eins der Zukunft sieht, dann würde ich einen von beiden mitnehmen. Ich persönlich Urbig, weil er die Facette, von der Bank zu kommen, von den Bayern kennt. Er deckt die Rolle ab als potenzielle neue Nummer eins, die WM-Erfahrung sammeln kann und dazu die Rolle als jemand, den du im Notfall kalt in ein Spiel reinwerfen kannst. Deswegen finde ich die Denkweise spannend.
Und der andere Pfad?
Wenn Nagelsmann es nicht so sieht, dann würde ich Finn Dahmen mitnehmen. Da weißt du ganz genau, was du hast. Da hast du Ruhe, da hast du Loyalität, da hast du Trainingsniveau. Mit dieser Wahl täte ich mich auch nicht schwer.
Über den Gesprächspartner
- Der ehemalige Nationaltorhüter René Adler (41) ist während der WM 2026 als ZDF-Experte im Einsatz. Von 2002 bis 2012 war er Torwart von Bayer 04 Leverkusen, wechselte dann 2012 zum Hamburger SV und 2017 zum 1. FSV Mainz 05. Adler stand zwischen 2008 und 2013 zwölfmal im Tor der deutschen Nationalmannschaft.
