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Wie "Michael" den "King of Pop" neu erfindet

Kritik Die dunklen Kapitel fehlen

Wie "Michael" den "King of Pop" neu erfindet

Aktualisiert am 23.04.2026, 12:48 Uhr "Michael" startet am 23. April in den Kinos. © Imago/Skata Lesedauer:3 Min.

Das erste Biopic über Michael Jackson hat alle Missbrauchsvorwürfe und Skandale aus seinem Leben herausoperiert. Das hinterlässt einen schalen Beigeschmack.

Eine Kritik von Felix Reek Diese Kritik stellt die Sicht von Felix Reek dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Antoine Fuqua wollte seine Michael-Jackson-Biografie eigentlich mit dieser Szene beginnen: Polizisten stürmen die Neverland Ranch. "Ich habe gefilmt, wie er nackt ausgezogen und wie ein Tier, wie ein Monster behandelt wurde", so wird er zitiert. Doch die Szene wurde herausgeschnitten. Wie auch einiges andere. Das US-Magazin Variety fand heraus, dass es in der ersten Schnittversion von "Michael" (jetzt im Kino) Szenen gab, in denen es um die Anklagen wegen Kindesmissbrauchs gegen Jackson ging. Sie wurden ebenfalls entfernt. Allein 15 Millionen US-Dollar sollen die Nachdreharbeiten gekostet haben.

Die offizielle Begründung: Die Anwälte des Jackson-Nachlasses übersahen eine Passage im gerichtlichen Vergleich, mit dem die ersten Vorwürfe 1994 beigelegt worden waren. Der Vergleich verbietet es, das mutmaßliche Opfer des Popstars in Filmen darzustellen. Andere Versionen sprechen davon, dass der Jackson-Clan dagegen vorgegangen ist. Auch der zweite Missbrauchsfall, der 2005 vor Gericht landete und in dem der Sänger freigesprochen wurde, kommt in "Michael" nicht vor. Stattdessen ist das Biopic eine rundum familienfreundliche Variante des Lebens des größten Popstars aller Zeiten. Ohne all das Abseitige und den Irrsinn – seine zahllosen Schönheitsoperationen, die immer heller werdende Haut, das Schlafen mit Kindern im Bett, der Tod an einer Überdosis Sedativa.

Trailer zum Michael-Jackson-Biopic - mit Neffe Jaafar in der Hauptrolle

Aktualisiert am 23.04.2026, 10:16 Uhr Regisseur Antoine Fuqua zeichnet das Leben der Pop-Ikone nach: von der Entdeckung seines außergewöhnlichen Talents bis hin zu dem visionären Künstler, dessen Musik jede Generation bis heute inspiriert hat. "Michael", mit Jaafar Jackson in der Titelrolle, startet am 23. April in den Kinos.

Gnadenloser Vater, begabter Sohn

"Michael" startet in den 60er Jahren mit der Kindheit des jungen Sängers (Juliano Valdi). Vater Joe Jackson (Colman Domingo) drillt seine fünf Söhne im heimischen Wohnzimmer. Sie sollen es einmal besser haben als er und Sänger werden. Für Michael heißt das: Wenn andere Kinder spielen, probt er bis zum Umfallen seine Tanzschritte und Gesangspassagen. Der Riecher des gnadenlosen Vaters, der seinen Sohn mit dem Gürtel züchtigt, ist zumindest richtig: Die Jackson Five sind ein Hit, vor allem wegen Michael.

Wie eine Aneinanderreihung von Konzert- und Filmausschnitten, die die Welt schon millionenfach gesehen hat, geht es weiter. Der Plattenvertrag bei Motown für die Jackson 5, das erste Soloalbum von Michael mit Produzent Quincy Jones, Tourneen in ausverkauften Stadien. Als erwachsener "King of Pop" übernimmt Jaafar Jackson die Rolle, der Neffe des Popstars, Sohn seines Bruders Jermaine. Er hat alle ikonischen Bewegungen, Tanzschritte und Gesangseinlagen bis aufs Kleinste kopiert. Im Zentrum steht aber das zerrüttete Verhältnis von Vater und Sohn. Michael will seine künstlerischen Visionen verwirklichen, der größte Star der Welt werden; Joe Jackson will ihn weiter ausbeuten und mit seinen Brüdern auf Tournee schicken. Lösen kann er sich erst am Ende – und dann ist der Film vorbei.

Jackson, frei von Vorwürfen

Dass Musik-Biopics sich künstlerische Freiheiten herausnehmen und die Historie für einen besseren Erzählfluss verbiegen, ist mittlerweile Standard. "Michael" versucht aber etwas anderes: eine Neuerfindung. Michael Jackson, frei von Skandalen und Vorwürfen, so wie er auch direkt auf dem Disney Channel laufen könnte.

Das ist selbst Teilen seiner Familie zu viel. Bei der Premiere in Berlin fehlten Schwester Janet Jackson und Tochter Paris. Sie hatten sich lautstark vorab gegen die Darstellung ihres Bruders beziehungsweise Vaters in dem Film gewehrt – offenbar etwas zu vehement. So spielt zwar Schwester LaToya in dem Biopic mit, Janet hingegen kommt darin nicht vor, obwohl sie zusammen aufgewachsen sind. Denn hinter dem Filmprojekt steckt der Rest der Familie sowie die Nachlassverwalter Jacksons. Und ein "cleaner" Michael verkauft sich eben besser. Nicht ohne Grund endet der Film 1988. Spät genug, um den Überhit "Bad" für den Soundtrack unterzubringen. Früh genug, um die ersten Vorwürfe auszublenden, die 1994 auftauchten.

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Der "King of Pop" als Märtyrer

Alles andere, was schon davor geschieht, wird als das Verhalten eines Mannes interpretiert, dem die Kindheit gestohlen wurde. Er kann einfach nichts dafür, er ist immer noch ein Junge im Körper eines Erwachsenen, der sich in die Fantasiewelt von Peter Pan flüchtet. Körbeweise Spielsachen kauft. Den Affen Bubbles als Spielkameraden anschafft, weil er einsam ist.

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Der Film geht sogar so weit, eine Heiligsprechung anzudeuten: Als Jacksons Haare beim Werbedreh für Pepsi in Flammen aufgehen, muss er mit Verbrennungen dritten Grades ins Krankenhaus. Dort kommt ihm die Eingebung, dass "ein Licht" in ihm brenne und er Liebe verbreiten müsse. Ein paar Momente später sitzt er an einem Krankenbett und spricht einem anderen Patienten Mut zu. Der Popstar als Märtyrer, als Heilsbringer.

Jackson ist in "Michael" ein Universaltalent, das sich gegen den gewalttätigen Vater behaupten muss, um zu dem Künstler zu werden, der er bestimmt ist zu sein: Sänger, Tänzer, Musikinnovator. Den Fans dürfte das reichen, für sie ist Michael Jackson noch immer der "King of Pop". Alle anderen verlassen den Kinosaal mit einem schalen Beigeschmack. Der König ist tot, seine Musik bleibt. Genauso wie die Vorwürfe.

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