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Wie Firmen mit der größten Krise Japans Geld machen 

Haustiere statt Kinder

Wie Firmen mit der größten Krise Japans Geld machen 

Aktualisiert am 14.04.2026, 20:30 Uhr Verkleidet wie kleine Kinder: In Japan werden Hunde zunehmend vermenschlicht. Ein Spiegel der alternden Gesellschaft. © Getty Images/Tamer ALKIS Lesedauer:4 Min. Von Felix Lill

Während in Japan seit langem die Bevölkerung schrumpft, ist die Population von Haustieren gestiegen. Hunde und Katzen dienen auch als Kindersatz – weshalb sie oft auch wie Babys gehätschelt werden.

Als die Hostess im weiß-blauen Kleid die benutzerfreundlichen Windeln erklärt, geht am Verkaufsstand ein Raunen um. "Das Tolle ist nun, dass die Riemen überhaupt nicht schnüren!", erklärt sie. Außerdem: "Das ist jetzt endlich ein one-size-Modell." So können große wie kleine Körper diese Windel tragen. Wer Windeln besorgen müsse, und dies nicht nur für einen einzigen Träger, könne jetzt für alle dieselbe Größe kaufen. Ein Gamechanger!

Bei Elleair, einem japanischen Unternehmen, das seit langem für Hygieneprodukte bekannt ist, könnte es einer sein. "Die Zahlungsbereitschaft der Kunden ist auf jeden Fall vorhanden", sagt Kazuki Akemura, der bei Elleair im Verkauf arbeitet, unserer Redaktion am Rande des Ausstellungsstands. Wer im Paket kaufe, bezahle pro Premiumwindel umgerechnet deutlich weniger als einen Euro. Und das möge man für sein liebes Haustier doch schon mal ausgeben.

Denn die Windeln, um die es sich hier dreht, richten sich nicht an Kinder oder Senioren, sondern an Hunde. Und Elleair, bisher eher für Sanitärinnovationen rund um menschliche Verbraucher bekannt, drängt seit einiger Zeiten ins Geschäft mit Haustieren. "Die Zahl der Kinder nimmt ja seit einiger Zeit ab", erklärt Kazuki Akemura. Jene der Hunde dagegen hat zuletzt wieder zugenommen. Im Unternehmen sieht man hier großes Wachstumspotenzial.

Messe für Haustiere zieht 60.000 Besucher an

Auf der Interpets, einer jedes Jahr im April in Tokio stattfindenden Messe für Heimtierbedarf, hört man solche Storys an jeder Ecke: Unternehmen, die sich einst aufs Geschäft mit Menschen spezialisierten, konzentrieren sich zusehends auf Tiere. 60.000 Besucherinnen sind während der viertägigen Messe ins Tokyo Big Sight gekommen, das größte Messegelände Japans. 633 Unternehmen aus 13 Ländern haben ihre Produkte ausgestellt. Alle wissen: Kein Haustiermarkt ist so ausgereift wie Japan.

Nach Zahlen des Marktforschungsinstituts Yano wurden 2024 1,9 Billionen Yen (etwa 10,9 Milliarden Euro) in der Heimtierbranche umgesetzt. Das ist deutlich mehr als die sieben Milliarden Euro, die in Deutschland ausgegeben werden – und dies, obwohl Deutschlands Volkswirtschaft mittlerweile insgesamt größer ist als die Japans. Denn das ostasiatische Land stagniert. Inmitten niedriger Geburtenraten schrumpft die Bevölkerung seit eineinhalb Jahrzehnten, was weiteres Wachstum schwieriger macht.

Japan hat mehr Haustiere als Kinder unter 15 Jahren

Seit Jahren leben in Japan mehr Haustiere als Kinder, die jünger sind als 15 Jahre. Doch was einst als Indikator für demografische Herausforderungen galt, wird mittlerweile auch als Chance gesehen – als Chance zum Geldmachen. Seit 2020 ist der Heimtiermarkt um 13 Prozent gewachsen, bis 2027 erwartet das Institut Yano weitere Zuwächse von sechs Prozent. Wie das Schrumpfen der menschlichen Bevölkerung mit dem Wachstum des Geschäfts mit Haustieren zusammenhängt, ist auf der Interpets immer wieder zu hören.

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Zum Beispiel vorm Verkaufsstand des Kleidermachers Mimimerry, wo Kaneko Teshigawara überlegt, ein niedliches Rüschenkleid für ihre zwei Chihuahuas zu kaufen. "Eigentlich gefällt mir Blau immer am besten", sagt sie uns im Gespräch und schaut in den Kinderwagen, wo sich die zwei Hündchen an die Innenwand des Buggys schmiegen. Kinder hat die ältere Dame nicht. "Ich habe spät geheiratet", sagt sie mit Blick auf die Kleiderkollektion in verschiedenen Farben, von Blau über Gelb bis Rosa. "Dann war es kein Thema mehr."

Haustiere auch als Ersatz für Kinder

Für viele Menschen, die das Kinderkriegen letztlich aufgeben, spielt Geld eine Rolle. Laut offiziellen Umfragen mussten Eltern in Japan bisher rund 21,7 Millionen Yen (etwa 119.000 Euro) für ein Kind ausgeben, bis es volljährig ist. Der Großteil der Kosten geht für Schulgebühren drauf. Auch für die nachmittäglichen Nachhilfekurse fallen pro Monat oft mehrere Hundert Euro an. Vielen Menschen ist das zu teuer.

Warum dann nicht ein Tier halten, das weniger Geld kostet und einem auch keine Kopfschmerzen mit schlechten Noten in der Schule macht? Kaneko Teshigawara sagt aber, mit Blick auf all die Prinzessinnenkleidchen: "Tiere können auch richtig Geld kosten." So ein Kleid mit Rüschen koste oft 50.000 bis 80.000 Yen (zwischen 270 und 430 Euro). Ähnliche Summen oder deutlich weniger würde man für ein Kleid eines Kindes ausgeben.

Wobei die Messe Interpets aber ja auch ein jährliches Highlight sei, für Frauchen wie für die Hunde. Hier wirbt ein Futterhersteller namens Kazoku – was auf Deutsch Familie heißt – mit Nahrung von "menschlicher Qualität". Dort gibt es Workshops zum Frisieren der Vierbeiner oder zum richtigen Zähneputzen. Auch Perlenschmuck für Hunde ist zu finden. Oder Fahrräder, in denen sich zwischen den zwei Rädern eine transparente Box befindet, sodass Haustiere nicht nur bequem mitfahren, sondern auch rausschauen können.

Unternehmen drängt es auf den Haustiermarkt

Und immer wieder berichten Betriebe, wie sie vom Geschäft mit Menschen in jenes mit Tieren expandieren, weil es dort größeres Wachstumspotenzial gebe. So etwa Hitomi Yamamoto, die im Marketing für das für Kinderwagen bekannte Unternehmen Tavo arbeitet.

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"Unser Knowhow können wir auf Hunde anwenden", sagt sie unserer Redaktion zwischen einem "aufprallsicheren Autositz" für Hunde und einem neuen Buggy mit elektronischem Lüftungssystem, damit Hunde es im Sommer kühl haben. "In Japan ist die Anthropomorphisierung von Haustieren extrem", urteilt Barbara Holthus, Soziologin und stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien (DIJ) in Tokio, in einem Interview auf "soziopolis.de". In anderen Worten: Oft würden den Tieren durch ihre Herrchen und Frauchen Rollen zugeschrieben, die eher deren vermenschlichenden Vorstellungen entsprechen als dem, was die Tiere wirklich brauchten.

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So ist oft unklar, ob die Tiere glücklich werden, wenn sie Prinzessinnenkleidchen tragen oder Trikots der japanischen Fußballnationalmannschaft. Ihre menschlichen Partner aber begeistert das in großen Zahlen. So sehr, dass sie für die Tiere eben oft viel Geld hinblättern. Auf der Messe Interpets sagen Besucher immer wieder, in einem normalen Monat geben sie um die 30.000 Yen (und 160 Euro) pro Haustier aus. Wobei bei Anlässen wie so einer Messe schonmal schnell 50.000 Yen oder mehr dazukommen. Aufprallsichere Kindersitze und Prinzessinnenkleidchen sind eben nicht billig.

Verwendete Quellen

  • Gespräche mit Besuchern und Ausstellern der Messe Interpets in Tokio
  • ZZF: Wie viele Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Vögel leben in Deutschland?
  • The Mainichi: Raising firstborn to age 18 costs over 21.7 million yen in Japan: survey
  • Soziopolis: "In Japan ist die Anthropomorphisierung von Haustieren extrem"
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