Wer SIBO diagnostiziert bekommt, braucht in Deutschland Geduld
Warum so viele Menschen mit SIBO keine Hilfe erhalten
Aktualisiert am 14.05.2026, 19:36 Uhr Jahrelange Bauchschmerzen, falsche Diagnosen und kaum Hilfe: Viele SIBO-Betroffene kämpfen nicht nur mit ihrer Erkrankung, sondern auch mit einem Gesundheitssystem voller Hürden. (Symbolbild) © Getty Images/seb_ra Lesedauer:12 Min. Von Martin Rücker (RiffReporter)Wer einen Reizdarm diagnostiziert bekommt, leidet häufig auch unter SIBO, einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms. Zwar gibt es eine wirksame Therapie, doch die steht vielen Patienten nicht zur Verfügung – anders als im Ausland.
Ständige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen: Als die Beschwerden begannen, war Laura Krangel noch keine zehn Jahre alt. Schon früh hatte sie das Gefühl, damit nicht richtig ernst genommen zu werden. "Vom Kinderarzt wurde das sehr schnell auf die Psyche geschoben", sagt die heute 36-Jährige. Schon als junges Mädchen erhielt sie Psychopharmaka. Die Probleme blieben.
Manche Erlebnisse haften Krangel, die in Wahrheit einen anderen Namen trägt, besonders im Gedächtnis. Ein Abend etwa – sie war vielleicht 16 oder 17, wollte mit Freunden ausgehen und Cocktails trinken –, der wieder einmal anders verlief als geplant: "Ich kam vom Klo nicht mehr runter", erzählt sie.
Ein Arzt stellte eine Fruktoseintoleranz fest. Es folgten mehrere Ernährungsumstellungen, richtig wohl fühlte sich die Frau aus dem Ruhrgebiet trotzdem nicht: Der aufgeblähte Bauch und häufige Schmerzen blieben ständige Begleiter, Durchfall und Verstopfung wechselten sich ab.
"Ich wusste gar nicht mehr, was ich essen soll", sagt Krangel – und auch ihre Ärztinnen und Ärzte wussten wenig mit der Patientin anzufangen. Bei mehr als 100 Terminen in den unterschiedlichsten Praxen bekam sie Ernährungstipps und eine ganze Reihe von Magen-Darm-Spiegelungen, keine führte zu einem Ergebnis.
Erst 2022 erfuhr Krangel, inzwischen 33, worin das Problem bestand. In einer Rehaklinik ließen die Mediziner sie erstmals einen (Hydrogen)Wasserstoff-Atemtest machen. Dessen Ergebnis lieferte einen "eindeutig positiven Befund": Die Beschwerden sind Folge einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms, besser bekannt unter der englischen Abkürzung SIBO (small intestinal bacterial overgrowth).
Bis zu zehn Prozent der Menschen in Deutschland betroffen
Das Reizdarmsyndrom gehört heute zu den häufigsten gastroenterologischen Diagnosen. Weniger bekannt ist sein Zusammenhang mit SIBO, den vor allem der US-amerikanische Gastroenterologe Mark Pimentel in den vergangenen Jahrzehnten untersucht hat. Heute zeigen Studien: Bei jeder dritten Person mit Reizdarm könnte eine bakterielle Fehlbesiedelung vorliegen.
Wie hoch der Anteil der SIBO-Betroffenen insgesamt ist, dazu schwanken die Daten je nach Untersuchung. "Geschätzt haben bis zu zehn Prozent der Menschen in Deutschland eine Fehlbesiedelung. Es gibt jedoch keine bevölkerungsweiten Studien", sagt die Gastroenterologin Jutta Keller, Leiterin der Funktionsdiagnostik am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg.
Die Probleme beginnen bereits mit den Nachweisverfahren – was nicht nur die Datenlücken erklärt, sondern auch einen Teil der Odyssee, die viele Patientinnen und Patienten ganz ähnlich erleben wie Laura Krangel.
Anders als im Dickdarm leben im Dünndarm nur sehr wenige Bakterien. Von SIBO ist die Rede, sobald die Bakterienkonzentration im Dünndarm abnormal hoch ist, etwa weil sich Organismen dort ansiedeln, die eigentlich im Dickdarm leben.
Um das zu messen, müssen Ärzte bei einer endoskopischen Untersuchung Flüssigkeit aus dem Dünndarm saugen und diese ins Labor schicken. Diese Methode ist so aufwändig und invasiv, dass sie in der Praxis kaum eine Rolle spielt.
Interview Arzt erklärt Experte über großes Missverständnis bei Darmgesundheit 19. Februar 2026 von Tanja RansomNachweis per Atemtest
Stattdessen kommen unterschiedliche Atemtests zum Einsatz. Eine europäische Leitlinie empfiehlt als Standard einen glukosebasierten Wasserstoff-Atemtest. Dabei trinken Patienten eine Zuckerlösung und pusten anschließend in Intervallen über zwei bis drei Stunden in ein Gerät, das die Wasserstoffkonzentration in der Atemluft analysiert.
Das Prinzip: Wegen der niedrigen Bakterienkonzentration im Dünndarm nimmt der Körper die Glukose normalerweise auf – bei SIBO-Patienten aber vergären Bakterien den Zucker, wobei Wasserstoff entsteht. Dieser gelangt über das Blut in die Lunge und wird ausgeatmet. Der Test zeigt deshalb schon früh einen deutlichen Anstieg der Wasserstoffkonzentration.
Oft nutzen Arztpraxen auch Lactulose als Testsubstrat, wobei das Ergebnis ganz anders ausfallen kann. Denn anders als Glukose resorbiert der Dünndarm die Lactulose nicht. So gelangt sie in den Dickdarm und wird dort fermentiert, was die Wasserstoffkonzentration im Atem zu einem späteren Zeitpunkt erneut ansteigen lässt.
Verläuft der Transfer der Lactulose in den Dickdarm aber bei Gesunden sehr schnell, kann das ebenfalls einen frühen Anstieg verursachen, der dann falsch interpretiert wird. Unter ihren Reizdarm-Patienten würden dann nicht mehr 20 bis 30, sondern 80 Prozent SIBO-positiv ausfallen, berichtet Keller. "Das funktioniert nicht", meint sie.
Tatsächlich steht der Lactulose-basierte Test im Ruf, relativ viele falsch-positive Ergebnisse zu produzieren. Umgekehrt lässt sich mit dem Glukose-Test eine Fehlbesiedelung leichter übersehen – vor allem dann, wenn sie nicht in der Nähe des Magens besteht, sondern kurz vor dem Übergang in den Dickdarm. Denn bevor die Glukose dort ankommt, ist sie bereits teilweise resorbiert.
Ursachen von SIBO
- Eine bakterielle Fehlbesiedelung kann entstehen, wenn die natürlichen Schutzmechanismen des Dünndarms ausfallen oder gestört sind – dies passiert oft infolge einer anderen Grunderkrankung oder aufgrund von anatomischen Veränderungen, etwa nach Operationen. Als häufige Ursache gilt eine verminderte Darmmotilität: Bewegt sich der Dünndarm langsamer als üblich, transportiert er seinen Inhalt auch nicht so schnell weiter – dadurch können sich Bakterien ansiedeln und vermehren.
- Als weiterer Mechanismus gilt ein Mangel an Magensäure. Wird sie nicht ausreichend produziert, kann dies die Magenbarriere schwächen und mehr Bakterien in den Dünndarm spülen. Fehlt die Ileozökalklappe (eine Art Ventil zwischen Dünn- und Dickdarm) oder ist sie beschädigt, kommt es zu einem Rückfluss von Bakterien aus dem Dickdarm. Bildet der Darm nicht ausreichend Antikörper der Klasse Immunglobulin A (IgA), ist zudem seine Abwehr gegen Bakterien geschwächt. Ernährungsprobleme können SIBO begünstigen, und wenn SIBO vorliegt, triggern zahlreiche Nahrungsmittel das Auftreten der Symptome.
Antibiotika sind häufig effektiv
Klarer als die diagnostischen Vorgaben sind die therapeutischen Empfehlungen. Mögliche Grunderkrankungen gehören behandelt, Nährstoffmangel ausgeglichen.
Viele Ärzte empfehlen zudem eine kohlenhydratarme Ernährung und – wie beim Reizdarmsyndrom – vorübergehend eine Low-FODMAP-Diät. Dabei reduzieren Patientinnen und Patienten bestimmte kurzkettige Kohlenhydrate und Zuckeralkohole, die im Darm vergoren werden und dadurch Schmerzen, Blähungen und Durchfall auslösen können.
Der Standard, um SIBO direkt zu behandeln, besteht in einer gezielten Antibiotika-Kur. In der deutschen Leitlinie für intestinale Motilitätsstörungen, deren Erstautorin Jutta Keller ist, heißt es für Menschen mit schwerer Darmmotilitätsstörung und Fehlbesiedelung: "Die am besten etablierte SIBO-Therapie besteht in der Gabe des topischen Antibiotikums Rifaximin (3 × 550 mg über 10 bis 14 Tage)." In den USA gibt es sogar eine eigenständige Leitlinie zum Behandeln von SIBO – auch diese empfiehlt Antibiotika und insbesondere Rifaximin.
Studien zeigen, dass diese Behandlung bei sechs von zehn Patienten anschlägt: Die Wasserstoffkonzentration in den Atemtests geht zurück, die Symptome schwächen sich ab.
Betroffene: "Man wird zum Außenseiter"
Auch Laura Krangel ging es nach einer Rifaximin-Therapie nach eigener Aussage "deutlich besser". Dauerhaft verschwunden waren die Probleme jedoch nicht – ein Effekt, den Fachleute kennen. In der wissenschaftlichen Literatur sind solche Rückschläge häufig erwähnt, schließlich bekämpft das Antibiotikum zwar die Fehlbesiedelung, aber nicht ihre Ursachen.
Nach einer Weile sei ihr Leben wieder "sehr eingeschränkt" gewesen, sagt Krangel. Sie beschreibt, was viele andere SIBO-Betroffene ebenfalls berichten: "Man zieht sich zurück und wird zum Außenseiter, weil man nicht so gut am sozialen Leben teilnehmen kann."
Vor jedem Restaurantbesuch ist da die Unsicherheit, was im Essen drin sein könnte und wie es sich auswirkt. Eine Musical-Vorstellung muss die Westfälin nach fünf Minuten verlassen, um sich auf die Toilette zu retten. Auf der Fahrt nach Hause von Verabredungen steuert sie kurz vor dem Ziel mehrfach Hotels an und fragt dort nach dem Gäste-WC: "Man muss dann eben 'jetzt jetzt'", sagt sie, "und nicht erst in zehn Minuten."
Oft bleibt sie einfach zu Hause, wenn sie sich nicht wohlfühlt, wenn Muskelschmerzen und Erschöpfung zu stark sind. "Manchmal wollte ich einfach nur auf der Couch liegen, weil es mir so schlecht ging."
Video Neue Studie Dieses Nahrungsmittel kann die Darmgesundheit verbessern 24. Dezember 2025SIBO-Patienten wie Laura Krangel müssten eigentlich zur Kontrolle weitere Atemtests durchführen und bei Bedarf die Rifaximin-Therapie wiederholen. In der deutschen Leitlinie heißt es ausdrücklich: "Bei Patienten mit häufigen Rezidiven wird eine zyklische, präventive Antibiotikagabe empfohlen."
In der Praxis gestaltet sich das schwierig. Krangel, die selbst im medizinischen Bereich arbeitet, klopfte bei mehreren gastroenterologischen Praxen an. Alle verweigerten Termine, einen neuen Atemtest bot keiner an.
Wenn sie fragte, wohin sie sonst gehen solle, hieß es: ins Krankenhaus. Nur: Die nötige Einweisung wollte ihr ebenfalls kein Arzt ausstellen. "Vom Gesundheitssystem fühle ich mich im Stich gelassen", sagt sie.
Der Standardtherapie fehlt die offizielle Zulassung
Dieselben Erfahrungen macht Lisa Heider, Steuerfachangestellte aus Mannheim. 2015 hatte eine Operation bei der damals 28-Jährigen eine Kettenreaktion ausgelöst: Ein Tumor wurde entfernt, der sich zum Glück als gutartig erwies. Statt zu verheilen, entzündete sich die OP-Wunde – ohne weitere Tests verordnete das Ärzte-Team ein hochdosiertes Breitbandantibiotikum, das jedoch massive Magen-Darm-Beschwerden auslöste. "Der Blähbauch war richtig zu sehen, gleichzeitig war ich total abgemagert, weil ich fast keine Lebensmittel mehr ohne Probleme nehmen konnte", sagt Heider.
In diesem Zustand kam sie in die Notaufnahme einer anderen Klinik. Dort diagnostizierte eine Ärztin nach einem Lactulose-basierten Atemtest SIBO und gab der Patientin schnell Rifaximin. Die Therapie schlug an.
Dass auch bei ihr Rückschläge kamen, machte die Mannheimerin anfangs nicht besonders nervös. "Ich dachte: Jetzt habe ich ja eine Diagnose, also wird mir geholfen. Dann habe ich gemerkt: Bei den Fachärzten war meine Erkrankung nicht einmal richtig bekannt."
Während es Heider über die Jahre wieder zunehmend schlechter ging und sie arbeitsunfähig blieb, unterstellten niedergelassene Gastroenterologen allenfalls ein postoperatives Reizdarmsyndrom, psychosomatisch bedingt.
Einmal gelang es ihr noch, ein Rezept für Rifaximin zu erhalten – allerdings in einer deutlich niedrigeren Dosierung von 200 Milligramm, nicht die bei SIBO empfohlenen 550 Milligramm. Die Tabletten verfehlten ihre Wirkung, ein neues Rezept erhielt sie zunächst nicht – auch, weil sie den gewünschten Nachweis nicht erbringen konnte. Wie Laura Krangel verweigern auch ihr reihenweise Arztpraxen bereits den Atemtest.
Dabei gibt es wenig Zweifel, dass die Therapie mit Rifaximin in der 550-Milligramm-Dosis das Mittel der Wahl bei SIBO ist. "Wir empfehlen das den Patienten", sagt Leitlinien-Autorin Jutta Keller. "Die Studien sind zwar nicht durchweg positiv, aber es gibt zu keinem anderen Medikament so viele und so positive Daten, zudem sind die Risiken gering."
Johanna Bobardt vom Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) tendiert auch bei hochsymptomatischen Patienten mit negativem Glukose-, aber positivem Lactulose-Test dazu, nach dem Abklären anderer möglicher Diagnosen und Therapieoptionen einen Behandlungsversuch mit dem Antibiotikum zu unternehmen.
Das Problem: Rifaximin ist in Deutschland nur für die hepatitische Enzephalopathie (einer Funktionsstörung des Gehirns ausgelöst durch eine Fehlfunktion der Leber) und – in niedriger Dosierung – für Reisedurchfall zugelassen, nicht aber für SIBO. Die Tabletten gibt es nur off-label, also ohne Zulassung bei dieser Diagnose. Und das heißt: Viele Ärztinnen und Ärzte lehnen es ab, das Antibiotikum zu verordnen.
Atemtests sind für Facharztpraxen nicht wirtschaftlich
Keine Tests, die zur Diagnose erforderlich sind, kaum ein Zugang zur Leitlinien-Therapie – SIBO-Betroffene seien völlig unterversorgt, bemängelt UKE-Ärztin Bobardt. Am besten laufe es, wenn Patientinnen und Patienten ein klinisches Zentrum aufsuchten, wo sie jedoch oft erst nach langer Wartezeit einen Termin erhielten: "Es kann mehrere Monate und auch mal ein Jahr dauern, bis sie eine richtige Diagnose erhalten."
Ulrich Tappe, Vorsitzende des Berufsverbandes Niedergelassener Gastroenterologen Deutschlands, bestätigt, dass viele Fachpraxen keine Atemtests anböten. "Das trägt sich wirtschaftlich in keiner Weise", sagt er.
Tappe verweist auf die Kosten der Geräte, zudem kämen viele Patienten nach einer Beratung bei den teilweise pseudowissenschaftlichen Angeboten von "Dr. Internet" mit hohen Erwartungen in die Praxen, die diese kaum mehr bedienen könnten. Mit der Corona-Pandemie, so Tappe, habe man die Atemtests aufgrund der Ansteckungsgefahr schließlich noch weiter zurückgefahren.
Für Betroffene ist das ein kaum aufzulösendes Dilemma. Zwar gibt es zahlreiche private Anbieter von SIBO-Tests – doch Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenkassen erkennen diese Tests nicht an, oft sind sie zudem wenig seriös.
"Es gibt eine große Gruppe von Patienten, die von sich glauben, eine Fehlbesiedelung zu haben, meistens auf Basis von irgendwelchen Internet-Tests. Bei vielen liegen jedoch andere somatische oder psychische Gründe für die Beschwerden vor", sagt Jutta Keller. Hat sie am Israelitischen Krankenhaus – einem der wenigen spezialisierten Zentren für funktionelle Störungen des Magen-Darm-Trakts – eine SIBO-Diagnose gestellt, rät sie den weiterbehandelnden Kollegen im Arztbrief ausdrücklich, ein Rifaximin-Rezept auszustellen. Denn "viele Niedergelassene verschreiben das Medikament nicht ohne eine schriftliche Empfehlung", beobachtet sie.
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Selbst wenn Patientinnen und Patienten auf diesem Weg ein Privatrezept erhalten und die Therapie streng nach Leitlinie erfolgt: Bezahlen müssen sie aus eigener Tasche. Das summiert sich: Mitunter 250 Euro und mehr für einen Atemtest, rund 500 Euro für zwei Wochen Rifaximin-Tabletten – und das umfasst nur die erste Behandlungsrunde. "Viele Menschen können sich die Kosten für die Therapie nicht leisten, aber die meisten müssen das am Ende schlucken", sagt Gastroenterologin Johanna Bobardt. "Meine Erfahrung ist, dass die Krankenkassen eine Kostenübernahme aufgrund des Off-Label-Status durchgängig ablehnen."
Laura Krangel kann das bestätigen. Bei SIBO handle es sich nicht um eine lebensbedrohliche Erkrankung, begründete ihre Krankenkasse Ende 2024, warum sie die Kosten nicht übernahm. Eine symptomatische Therapie sei "ausreichend". Im Gutachten des Medizinischen Dienstes, das die Kasse für ihre Ablehnung heranzog, heißt es auch: "Auf zugelassene medikamentöse Alternativen (zu Rifaximin, Anm. d. Red.) kann nicht verwiesen werden, da nicht existent."
Kurzfristig dürfte sich an der Situation wenig ändern. Es gebe "keine Bestrebungen, eine Zulassung von Rifaximin für die Indikation SIBO zu erwirken", teilt die Norgine GmbH, der wichtigste Hersteller von Rifaximin für den deutschen Markt, auf Anfrage mit.
Über die Gründe kursieren verschiedene Theorien. Hersteller müssten ihren Preis nach einer Zulassung an günstigen Breitbandantibiotika ausrichten und damit deutlich senken, vermuten Experten – und zudem wäre es wohl kein Selbstläufer, die Zulassung zu erhalten. Denn bei Menschen mit Darmbeschwerden kommt es in Studien oft zu hohen Placeboeffekten, mitunter bei mehr als der Hälfte der Studienteilnehmenden. Damit müsste ein Medikament eine extrem hohe Wirksamkeit aufweisen, um seine Überlegenheit gegenüber dem Placebo zu beweisen.
Doch auch ohne Zulassung könnte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Organ des selbstverwalteten Gesundheitssystems, auf Empfehlung der beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelten "Expertengruppe Off-Label" beschließen, dass die Krankenkassen Rifaximin für SIBO-Patienten regelmäßig bezahlen. G-BA und BfArM teilen jedoch mit, dass eine solche Überlegung bisher noch nicht beraten worden sei.
"Nachvollziehbar, aber radikal"
In der Not schlagen manche Patienten kreative Wege ein. Lisa Heider hatte eineinhalb Jahre lang erfolglos alles Mögliche versucht, um in Deutschland einen Arzt oder eine Ärztin zu finden. Seit 2017 geht sie in eine Praxis nach Österreich – wo es Usus ist, bei SIBO Rifaximin zu verschreiben. Auch Heiders Kasse lehnte eine Kostenübernahme mehrfach ab, weil die Erkrankung nicht lebensbedrohlich sei und eine Auslandsbehandlung nicht notwendig. Doch immerhin bekommt sie nun ein Rezept.
Warum ist jenseits der Alpen möglich, was sich in Deutschland so schwierig gestaltet? "In Österreich ist vieles ein bisschen anders", sagt Herbert Tilg, Gastroenterologe und Mikrobiom-Forscher an der Universität Innsbruck. "Wenn ein Patient zu mir kommt und wir stellen mit einem Atemtest den Verdacht einer Fehlbesiedlung fest, kann ich Rifaximin verordnen – und er bekommt dann auch die Kosten erstattet." Das stärker evidenzbasierte deutsche System, so Tilg, sei "nachvollziehbar, aber radikal", denn: "Die Patienten sind verzweifelt, der Leidensdruck ist hoch."
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Das erklärt auch den Zulauf für private Anbieter mit ihren teils dubiosen Testverfahren und Therapieangeboten. "Die Gastroenterologie ist Big Business – die Diagnostik und Supplemente sind ein Millionengeschäft", sagt Herbert Tilg – und warnt: "Auf dem freien Markt werden die Patienten abgezockt." In dasselbe Horn bläst UKE-Ärztin Johanna Bobardt: "Das Gefühl, nicht ernstgenommen zu werden, treibt die Betroffenen von der Schulmedizin weg in die Arme zweifelhafter Anbieter", sagt sie.
Laura Krangel kann das bestätigen. "SIBO wird definitiv nicht ernst genommen", sagt sie. Und kaum jemand wird das besser einschätzen können als eine Langzeitpatientin, die erlebt hat, wie viel einfacher ein Kind Psychopharmaka erhält als eine Erwachsene eine leitliniengerechte Behandlung.
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Verwendete Quellen
- sciencedirect.com: Normalization of lactulose breath testing correlates with symptom improvement in irritable bowel syndrome: a double-blind, randomized, placebo-controlled study
- PubMed: Small intestinal bacterial overgrowth in irritable bowel syndrome: systematic review and meta-analysis
- PubMed Central: Small Intestinal Bacterial Overgrowth and Irritable Bowel Syndrome – An Update
- PubMed Central: Epidemiology of small intestinal bacterial overgrowth
- PubMed Central: Prevalence of Small Intestine Bacterial Overgrowth Diagnosed by Quantitative Culture of Intestinal Aspirate in Celiac Disease
- onlinelibrary.wiley.com: European guideline on indications, performance, and clinical impact of hydrogen and methane breath tests in adult and pediatric patients: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition, European Society of Neurogastroenterology and Motility, and European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition consensus
- PubMed: Comparison of lactulose and glucose breath test for diagnosis of small intestinal bacterial overgrowth in patients with irritable bowel syndrome
- The American Journal of Gastroenterology: ACG Clinical Guideline: Small Intestinal Bacterial Overgrowth
- PubMed Central: Systematic review with meta‐analysis: rifaximin is effective and safe for the treatment of small intestine bacterial overgrowth
- tandfonline.com: Efficacy of rifaximin in treating with small intestine bacterial overgrowth: a systematic review and meta-analysis
- clinicalnutrition.science: Rifaximin Therapy for Patients with Irritable Bowel Syndrome without Constipation
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