Verbrauchermagazin24

Nehmen Sie Kontakt auf

Welche Ölriesen im Iran-Krieg Rekordgewinne melden

Analyse Übergewinne an der Zapfsäule?

Welche Ölriesen im Iran-Krieg Rekordgewinne melden

Aktualisiert am 20.04.2026, 18:34 Uhr Raffinerien profitieren, weil die Diesel- oder Kerosinpreise höher sind als ihre Einkaufspreise bei Rohöl. (Symbolbild) © Getty Images/David McNew Lesedauer:4 Min.

Hohe Ölpreise durch den Iran-Konflikt bescheren Konzernen Milliarden, aber auch Übergewinne? Eine Energiemarkt-Expertin erklärt, warum das nicht nachhaltig ist und was die Folgen für uns sind.

Eine Analyse von Dominik Bardow Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dominik Bardow sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Es sind unvorstellbare Summen: 30 Millionen US-Dollar pro Stunde haben Öl- und Gas-Konzerne im ersten Monat des Iran-Kriegs zusätzlich verdient, analysiert die britische Zeitung "Guardian". Im März stiegen Rohölpreise auf 100 Dollar pro Barrel, was 23 Milliarden Extragewinn einbrachte. Laut Greenpeace verdienen Ölkonzerne in Deutschland dank Krieg täglich 21 Millionen Euro dazu.

Der Ölriese BP kündigte für Ende April ein "außergewöhnliches" Ergebnis für das erste Quartal an. Gleichzeitig sehen Konzerne wie Saudi Aramco eine schwere Krise, die sie im Persischen Golf treffe. ExxonMobil verlor Teile seiner Flüssiggas-Produktion durch Kriegsschäden an Anlagen in Katar. Doch was stimmt denn nun - erzielen Ölkonzerne tatsächlich Übergewinne, die besteuert gehören? Oder ist das Bild gemischt?

Analyse Zeitenwende in Ungarn Sitzt jetzt ein Ukraine-Freund in Budapest? vor 11 Stunden von Joana Rettig

Raffinerien profitierten vom hohen Diesel- und Kerosinpreis

Energiemarkt-Expertin Claudia Kemfert erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, was das für Kunden, Anleger und Energiewende bedeutet. "Die Rekordgewinne der Ölkonzerne sind vor allem Krisengewinne", sagt sie. Die Gewinne resultierten aus drei Faktoren: geopolitische Risiken, Raffineriemargen und Hedging. Klar ist, dass in Krisen das Angebot sinkt und Preise steigen. Faktor zwei und drei sind komplexer.

Raffinerien profitieren, weil die Diesel- oder Kerosinpreise höher sind als ihre Einkaufspreise bei Rohöl. Sie gehören oft Großkonzernen, die sich zudem mit Finanzinstrumenten absichern, etwa früh Preise für spätere Käufe sichern. Das alles hilft bei Ölknappheit jenen Firmen, die ganze Lieferketten bis zur Tankstelle besitzen. Man spricht von Oligopol, wenn wenige Konzerne den Markt beherrschen.

Preise steigen wie Raketen und sinken wie Federn

"Oligopolstrukturen ermöglichen, Preisanstiege oft schneller weiterzugeben als Senkungen", sagt Kemfert und spricht vom "Rakete-Feder-Effekt": Preise steigen wie Raketen, sinken wie Federn. Allerdings seien diese Gewinne an Zapfsäulen kein Beweis von Effizienz, eher für Unsicherheit. Nur sind sie "in der Regel nicht nachhaltig", denn sie basierten auf Krisenrenten, also: Übergewinn.

Sobald sich Handelswege wie die Straße von Hormus stabilisieren, sinken auch Risikoaufschläge. Dann schmelzen Erlöse wieder. "Sie sind ein Strohfeuer der Krise, kein stabiles Geschäftsmodell." Langfristig liefe der Trend gegen fossile Brennstoffe, auch wenn Krisen zu Gewinnsprüngen führen. BP kündigte denn auch an, den Umbau des Konzerns zu Erneuerbaren Energien weiter fortzusetzen.

Interview Branchenkenner ordnet ein Elektroboom wegen hoher Spritpreise? vor 3 Tagen von Dominik Bardow

Ölkonzerne investieren weiter in Erneuerbare, aber nicht nur

Konzerne schichteten Teile der Gewinne um, um sich strategisch breiter aufzustellen, sagt Kemfert. Es könnte gar die Energiewende beschleunigen, wenn der Gewinn konsequent in Erneuerbare fließt.

Doch kann es auch zur Rückkehr in fossile Investitionen führen. Sie spricht von "Lock-in-Effekt": Investition in alte Technologien, die Wandel durch neue verhindert. Anleger setzen wieder gerne auf Fossil. "Kapitalmärkte reagieren sensibel auf geopolitische Signale", sagt Kemfert. Jede Eskalation treibt die Preise nach oben, jede Entspannung lässt sie fallen, so wie Nachrichten über Waffenruhen.

Regionale Förderer erleiden teils Verluste

Oder Ankündigungen der Bundesregierung, die Mineralölsteuern für Diesel und Benzin zu senken, plus Bedenken, dass Mineralölkonzerne die Entlastung einstecken, statt an Verbraucher weitergeben. Gleichzeitig angekündigte strengere Prüfungen des Kartellamts sorgen hingegen für Unsicherheit. Viele Analysten raten Anlegern daher zu diversifizieren, nicht nur auf fossile Gewinne zu setzen.

BP kündigt auch an, wieder verstärkt in das Öl- und Gasgeschäft zu investieren - für die Profitabilität. Kein Wunder, denn die Raffineriemargen steigen, während das Geschäft mit Flüssiggas schwächelt. Die Förderung in Katar war durch iranische Angriffe eingeschränkt und der Seetransport blockiert. "Raffinerien verdienen derzeit mehr als Förderunternehmen", sagt Kemfert. Teils gibt es Verluste.

Deutsche Ölbranche sieht sich "in schwieriger Situation"

Auch hier profitieren vor allem Konzerne, die sich breit aufstellen, überregional und in Lieferketten. Christian Küchen vom Verband Fuels und Energie, der deutsche Mineralölanbieter vertritt, sagt unserer Redaktion: "Anders, als suggeriert wird, befindet sich die Branche hierzulande in einer wirtschaftlich schwierigen Situation." Raffineriekapazitäten seien vom Markt genommen worden, Zukunftsinvestitionen blieben aus. In Europa seien Rahmenbedingungen schlecht für Investoren.

Bundesbürger fühlen Belastung durch Iran-Krieg bei Energiekosten

Aktualisiert am 19.04.2026, 07:21 Uhr Eine aktuelle INSA-Umfrage zeigt, dass eine deutliche Mehrheit der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger sich durch die hohen Kosten für Strom und Energie belastet fühlt. (Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie/IMAGO/Michael Bihlmayer)

Nur noch ein Drittel der Tankstellen mit Raffinerien verflochten

Zahlen über Gewinn oder Verlust der Mitgliedsunternehmen könne der Verband zwar nicht nennen. Aber die deutsche Mineralölbranche sei deutlich stärker fragmentiert als vielfach angenommen.

"Es gibt nicht ‚die‘ Mineralölkonzerne", sagt Küchen. BP stößt eine Raffinerie in Gelsenkirchen ab. Dann sei unter einem Drittel der Anlagen mit Tankstellen verbunden. "Die kritisierte Verflechtung gibt es so nicht mehr." Er kritisiert die Greenpeace-Studie zu Übergewinnen als "im Ansatz falsch". Sie setze Tankstellenpreise in Bezug zum Weltpreis für Rohöl, nicht den Benzin- und Dieselpreisen.

Empfehlungen der Redaktion

  • Nach US-Angriff auf iranischen Frachter: Ölpreise steigen deutlich
  • Trump: Waffenruhe-Verlängerung ohne Deal "unwahrscheinlich"
  • USA entern iranischen Frachter – Teheran droht mit Vergeltung

Greenpeace spricht von "Gier"

Die Greenpeace-Studie besagt, dass die Preise an Zapfsäulen stärker gestiegen sind als Rohölpreise. Es gebe, heißt es dort weiter, "nur einen plausiblen Grund für die hohen Tankstellenpreise: Gier".

Die Umweltschutz-Organisation fordert die Bundesregierung daher zu einer Übergewinnsteuer auf, die Krisenprofite abschöpfen und dazu beitragen solle, unabhängiger von Öl und Gas zu werden. Expertin Kemfert plädiert auf Dauer für stabile staatliche Regulierung: "Je klarer klimapolitische Rahmenbedingungen sind, desto stärker verschiebt sich Kapital in Richtung erneuerbare Energien." Denn wenn Gesetze und Förderung Bestand haben, kann es stärker wirken als kurzfristige Krisen.

Zur Gesprächspartnerin

  • Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität in Lüneburg, forscht und berät zu Energieökonomie, Klimapolitik und Transformationsstrategien

Verwendete Quellen

  • The Guardian: $30m an hour: big oil reaping huge war windfall from consumers, analysis finds
  • presseportal.greenpeace: Greenpeace-Studie: Öl-Konzerne kassieren täglich 21 Millionen Euro an Übergewinnen an der Zapfsäule
  • tagesschau: Erste Ölkonzerne melden sprudelnde Gewinne
Feedback an die Redaktion