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Wann wird ein Fetisch zum Problem?

Interview Sexualtherapeutin erklärt

Wann wird ein Fetisch zum Problem?

Aktualisiert am 18.04.2026, 22:47 Uhr Fetische können entstehen, wenn eine Person beispielsweise in der Pubertät durch einen Reiz oder ein Objekt sexuell erregt wird. Dann speichert das Gehirn diese Verknüpfung entsprechend ab. (Symbolbild) © Getty Images/janiecbros Lesedauer:6 Min.

Warum kann Schmerz als etwas Lustvolles empfunden werden? Was hat es mit sexuellen Vorlieben, wie etwa dem Daddy-Kink, auf sich? Und warum ist der Fuß-Fetisch so verbreitet? Sexualtherapeutin Lena Maier kennt die Antworten und erklärt, warum Kinks und Fetische noch immer in der Tabuzone stecken.

Ein Interview von Lisa-Marie Yilmaz

Als Sexualtherapeutin weiß Lena Maier, wie vielfältig und individuell sexuelle Vorlieben sein können. Im Gespräch mit unserer Redaktion ordnet sie ein, welche Rolle Prägungen und Konditionierung in diesem Zusammenhang spielen. Zudem räumt sie mit Klischees auf und erklärt, "dass Fetische an sich nicht problematisch oder krankhaft" sind.

Frau Maier, welche typischen Vorlieben und Kinks begegnen Ihnen in Ihrer Praxis als Sexualtherapeutin am häufigsten?

Lena Maier: Am häufigsten ist die Rede von BDSM in unterschiedlichen Varianten. Außerdem geht es oft um Rollenspiele oder Fetische für bestimmte Körperteile oder Materialien. Hinzu kommen spezifischere Fetische, wie etwa der Windel- oder Fuß-Fetisch.

Was ist BDSM?

  • BDSM ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe Bondage & Discipline (dt.: Fesseln & Disziplinierung), Dominance & Submission (Dominanz & Unterwerfung), Sadism (Sadismus) und Masochism (Masochismus).
  • Der Begriff ist eine Sammelbezeichnung für alle Sexualpräferenzen, die in diese Bereiche fallen.

Warum wird BDSM Ihrer Meinung nach gesamtgesellschaftlich tabuisiert?

Sexualtherapeutin Lena Maier © privat

Meiner Meinung nach findet Tabuisierung im sexuellen Kontext häufig statt – nicht nur mit Blick auf Vorlieben wie BDSM. Diese Feststellung war einer der Gründe, mich auf Sexualtherapie zu spezialisieren. Indem gesamtgesellschaftlich auch heute noch sehr wenig über Sex gesprochen wird, wird das Thema tabuisiert. Hier spielt die Historik eine große Rolle. Auch mit Blick auf gesellschaftliche Tabuthemen wie BDSM ist die Historik relevant: Lange Zeit galt BDSM als Störung im ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme; Anm. d. Red.) – insofern sind entsprechende Vorlieben aus historischer Perspektive negativ belegt.

Hinzu kommt, dass Vorlieben wie etwa BDSM als Normabweichung betrachtet werden. Ich persönlich mag den Begriff nicht, aber er steht dafür, was die Gesellschaft als Abweichung der vermeintlich normalen Sexualität ansieht. Diesem Skript widerspricht das BDSM. Demnach ist gesamtgesellschaftlich noch nicht final verstanden worden, dass es keine "normale" Sexualität gibt, sondern dass jede Vorliebe ausgelebt werden darf, solange die eigenen Grenzen und die des Gegenübers gewahrt werden.

Ich kann mir außerdem vorstellen, dass BDSM für viele Menschen nicht greifbar ist, weil sie es mit Gewalt und Missbrauch gleichsetzen oder verwechseln. Hier mangelt es schlichtweg an Wissen. Darüber hinaus spielen moralische oder religiöse Narrative eine Rolle, die zu einer kritischen Betrachtung von BDSM führen können.

Welche Rolle spielt das Verlangen nach Schmerz bei BDSM-Praktiken?

Man geht hier von unterschiedlichen Faktoren aus. Zum einen muss bei BDSM der Schmerz, den viele Menschen ausschließlich mit BDSM assoziieren, nicht im Fokus stehen. Vielmehr geht es um körperliche Intensität, um einen Adrenalin-Kick oder die Nähe zur Partnerin oder zum Partner. Auf neurobiologischer Ebene hingegen weiß man, dass Schmerzreize das endogene Opioidsystem aktivieren. Bedeutet: Endorphine, Dopamin und Oxytocin werden ausgeschüttet. In der Folge kann Schmerz als etwas Lustvolles erlebt werden.

Aus psychologischer Perspektive gehen wir davon aus, dass der Schmerz als sexuelle Erregung interpretiert werden kann. In diesem Zusammenhang kann er mit Kontrolle und Vertrauen einhergehen. Schmerz kann außerdem bewusstseinsverändernde Zustände hervorrufen oder den Reiz einer Grenzerfahrung darstellen. Dabei wird der Schmerz häufig gar nicht als etwas Negatives erlebt, sondern vielmehr als Teil bewusst gewählter und kontrollierter erotischer und sexpositiver Situationen.

Häufig heißt es, BDSM stehe mit früheren Traumatisierungen in einem Zusammenhang. Das muss aber nicht zwingend der Fall sein. Natürlich kann es entsprechende Schnittpunkte geben, in der Regel hat das Eine mit dem Anderen aber nichts zu tun. BDSM-praktizierende Menschen sind im Schnitt psychisch genauso gesund und resilient wie Personen, die kein BDSM praktizieren.

Ist der erfolgreiche Businessmann privat eher unterwürfig oder ist das nur eines der vielen Klischees, die sich rund um Vorlieben wie BDSM tummeln?

Nein, hier sprechen wir tatsächlich von einem reinen Medienklischee. Natürlich gibt es Menschen, die im Beruf viel Macht ausüben und im Privaten eher Lust darauf haben, die Kontrolle abzugeben. Forschungen zeigen aber, dass es diesbezüglich kein klares Muster gibt, das Macht im Job mit Unterwürfigkeit in der Sexualität gleichsetzt. Vielmehr spielen individuelle Merkmale wie Fantasien oder Beziehungsdynamiken eine Rolle.

Die Bandbreite von Fetischen ist riesig. Einer ist der sogenannte Daddy-Kink. Was steckt dahinter?

Der Daddy-Kink ist im Kern ein reines Rollenspiel, das Themen wie Autorität, Fürsorge oder Regression beinhaltet. In diesem Rollenspiel wird ein Machtgefälle inszeniert, bei dem eine Person die beschützende, erwachsene Rolle übernimmt und die andere die kindlichere, die in Regression geht und Fürsorge erhält. Insofern ist es wichtig festzuhalten, dass der Daddy-Kink nichts mit dem realen Thema der Pädophilie zu tun hat.

Kann diese Vorliebe dennoch irgendwann problematisch werden?

Problematisch wird es dann, wenn die Grenzen des Rollenspiels überschritten werden und keine Einvernehmlichkeit mehr besteht. Dennoch sollten die psychologischen Mechanismen hinter einer Vorliebe wie dem Daddy-Kink eingeordnet werden: Menschen, die diese Vorliebe praktizieren, haben nicht automatisch pädophile Neigungen. Menschen mit einem Daddy-Kink haben sexuelles Interesse an Erwachsenen – aus diesem Grund gehen sie in das Rollenspiel mit anderen Erwachsenen.

"Der Fuß-Fetisch ist bei vielen Menschen sehr ausgeprägt, entsprechend viel Forschung wird zu diesem Thema betrieben."

Lena Maier

Was hat es mit dem eingangs von Ihnen erwähnten Fuß-Fetisch auf sich?

Der Fuß-Fetisch ist bei vielen Menschen sehr ausgeprägt, entsprechend viel Forschung wird zu diesem Thema betrieben. Neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass die Repräsentation von Füßen und Genitalien im Gehirn direkt nebeneinander liegen. Dadurch kann es häufiger zu einem Crossover-Effekt kommen, was die erotische Besetzung von Füßen erklärt. Ein weiterer Faktor ist, dass Füße in vielen Kulturen als etwas sehr Intimes gelten. In der Folge findet eine zusätzliche erotische Aufladung von Füßen statt. Auch auf medialer Ebene sehen wir in Film und Fernsehen immer wieder klischeebehaftete Szenen von Frauen in Spitzenstrümpfen und High Heels, in denen die Füße entsprechend sexualisiert dargestellt werden. Die Füße symbolisieren in diesem Zusammenhang Unterwerfung und Hingabe.

Manche Kinks beziehen sich nicht nur auf Körperliches oder Körperteile, sondern teilweise auch auf Gegenstände. Was steckt hinter diesen Vorlieben?

Hier spielen primär Lernerfahrungen eine Rolle. Wenn ein Objekt in einer frühen Phase der Sexualentwicklung mit Erregung verknüpft wurde, kann es dauerhaft erotisch besetzt sein. In der Folge entsteht automatisch eine Erregung, sobald Kontakt mit dem entsprechenden Objekt zustande kommt. Hinzu kommt, dass bestimmte Materialien und auch Gegenstände eine kulturelle Komponente in diesem Zusammenhang einnehmen. Leder oder Latex etwa ist in manchen Subkulturen stark mit Erotik konnotiert und wird dadurch entsprechend sexualisiert. So entsteht, zusätzlich zur Lernerfahrung, eine weitere Verknüpfung in unserem Gehirn.

Wie findet man denn heraus, worauf man steht?

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Viele Menschen lassen sich durch pornografische Inhalte inspirieren. Es geht aber auch ganz viel um die eigene Fantasie, die beispielsweise in sexuellen Träumen oder beim Solo-Sex mit sich selbst entsteht. Hinzu kommen Erlebnisse und Erfahrungen, die mit anderen Menschen gesammelt werden. Indem man durch eine andere Person etwas Neues ausprobiert, können sich Vorlieben zeigen und entsprechend entwickeln.

Außerdem spielt auch Social Media eine Rolle: Durch die sozialen Medien kommen die Menschen – häufig sehr klischeebehaftet – mit Fetischen in Berührung. Aufbauend auf diesem Kontakt entwickelt das Gehirn im Anschluss eigene Fantasien. Auch die Konditionierung darf an dieser Stelle nicht vergessen werden. Wurde eine Person beispielsweise in der Pubertät durch einen Reiz oder ein Objekt sexuell erregt, speichert das Gehirn diese Verknüpfung entsprechend ab und kreiert Fantasien, aus denen entsprechende Fetische und Vorlieben entstehen.

Und wie sollte man Kinks dann im Rahmen einer Paarbeziehung kommunizieren?

Ich halte es für wichtig, in ruhigen Momenten, außerhalb der Sexualität, über Wünsche und mögliche Vorlieben zu sprechen. Die Wünsche sollten in Ich-Botschaften stattfinden, indem etwa Formulierungen wie "Mich würde reizen …" oder "Ich würde gerne … ausprobieren" gebildet werden. Es gibt auch spielerische Möglichkeiten mithilfe von Frage-Antwort-Karten, um den Zugang zu dem Gespräch zu erleichtern. Meiner Erfahrung nach erleichtern diese Spiele den Einstieg in ein Gespräch häufig. Grundlage eines Gesprächs sollte dabei immer eine neugierige und respektvolle Haltung sein.

Können Fetische auch problematisch werden?

Zunächst ist es wichtig, einzuordnen, dass Fetische an sich nicht problematisch oder krankhaft, sondern schlichtweg eine sexuelle Vorliebe sind. Ein Problem kann nur dann entstehen, wenn der Fetisch fremd- oder eigengefährdend ist. Auch wenn Erregung nur noch über den entsprechenden Fetisch möglich ist, sollte genauer hingeschaut werden. Wenn Menschen das Gefühl haben, ausschließlich über den Fetisch in den sexuellen Kontakt gehen zu können, entsteht Leidensdruck – sowohl ein persönlicher als auch für die Beziehung. Auch Scham oder die Entstehung einer Zwanghaftigkeit mit Blick auf den Fetisch kann zu Problemen führen. Sollten all diese Themen hingegen keine Rolle spielen, sprechen wir hier von sexuellen Vorlieben, die ohne Zweifel da sein und ausgelebt werden dürfen.

Über die Gesprächspartnerin

  • Lena Maier ist psychologische Psychotherapeutin, Sexualtherapeutin, Psychologin und systemische Beraterin in Sersheim in Baden-Württemberg. Maier ist Mitglied der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DptV) sowie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
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