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"Von einer Krise würde ich nicht sprechen"

Interview Deutsches Damen-Tennis

Bundestrainer Torben Beltz über deutsches Damen-Tennis: "Von einer Krise würde ich nicht sprechen"

Aktualisiert am 16.05.2026, 21:50 Uhr Damen-Bundestrainer Torben Beltz beim Billie Jean King Cup mit seiner Spielerin Ella Seidel. © IMAGO/NurPhoto/IMAGO/Miguel Reis Lesedauer:7 Min.

Damen-Bundestrainer Torben Beltz im Interview über den erneuten Abstieg im Billie Jean King Cup, die Krise im deutschen Tennis, die neue Generation und Vergleiche mit Italien.

Ein Interview von Andreas Reiners

Das deutsche Damen-Tennis steckt in einer schwierigen Phase. Der erneute Abstieg im Billie Jean King Cup hat die Diskussion über fehlende Topspielerinnen, strukturelle Probleme und den Abstand zur internationalen Spitze zuletzt weiter verschärft. Während früher Spielerinnen wie Steffi Graf, Angelique Kerber oder Andrea Petković regelmäßig für große Erfolge sorgten, wartet Deutschland aktuell auf die nächste konstante Weltklassespielerin.

Torben Beltz will von einer echten Krise allerdings nichts wissen. Der Bundestrainer und Billie-Jean-King-Cup-Kapitän spricht stattdessen von einem Umbruch und wirbt trotz der sportlichen Rückschläge um Geduld. Im Interview spricht Beltz über den Abstieg im Billie Jean King Cup, Schwächen im Doppel, den Vergleich mit der erfolgreichen Kerber-Generation und die Frage, warum andere Nationen wie Italien derzeit erfolgreicher arbeiten.

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Herr Beltz, Sie sind mit viel Energie in die Rolle als Bundestrainer gestartet. Jetzt haben Sie seit einiger Zeit auch die Doppelrolle als Trainer im Billie Jean King Cup inne. Wie viel von diesem Enthusiasmus ist im Alltag noch da?

Torben Beltz: Die Energie ist nach wie vor voll da. Ich habe ja auch in meinen letzten Trainerjahren gemerkt: Diesen Job kannst du nur mit voller Überzeugung und voller Energie machen, sonst ergibt das keinen Sinn. Die Doppelrolle ist für mich eher eine Erweiterung dessen, was ich vorher schon gemacht habe.

Was macht die Doppelrolle für Sie einfacher und was vielleicht auch komplizierter oder anstrengender?

Es macht vieles einfacher. Ich habe im vergangenen Jahr alle Spielerinnen sehr intensiv kennengelernt. Ich war bei allen Grand-Slam-Turnieren vor Ort, hatte Kontakt zu den Spielerinnen, habe zahlreiche Trainingseinheiten begleitet und viele Lehrgänge durchgeführt. Auch auf den großen Turnieren in Deutschland war ich regelmäßig präsent. Deshalb habe ich inzwischen ein sehr gutes Gefühl für die Spielerinnen – sportlich wie persönlich. Und ich glaube, genau das macht die Doppelrolle auch sinnvoll.

Mit dem Rückschlag nicht gerechnet

Der sportliche Einstieg ist mit dem erneuten Abstieg im Billie Jean King Cup nicht optimal verlaufen. Haben Sie mit so einem Rückschlag gerechnet?

Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Ich gehe grundsätzlich in solche Situationen mit dem Anspruch rein, gewinnen zu wollen. Wir hatten uns vorgenommen, in der Gruppe vorne mitzuspielen, im besten Fall sogar zu gewinnen. Sportlich hat es dann aber nicht funktioniert, das muss man klar sagen.

Was waren die Gründe?

Wir sind mit einem jungen Team angetreten, von dem ich weiterhin überzeugt bin. Die Stimmung innerhalb der Mannschaft war gut, das hat gepasst. Am Ende hat uns das Momentum gefehlt. Wir haben die entscheidenden Spiele nicht gewonnen, vor allem im Doppel. Beim Stand von 1:1 konnten wir die entscheidenden Partien nicht für uns entscheiden, und das hat letztlich zum Abstieg geführt.

Wie sehr wirft Sie das in Ihrer Arbeit zurück?

Das hat schon nachgewirkt. Das war hart, gerade weil es mein erster Auftritt im Billie Jean King Cup war. Trotzdem geht der Blick jetzt klar nach vorn. In diesem Jahr gibt es keinen Wettbewerb mehr, der nächste Schritt ist also erst im kommenden Jahr möglich. Bis dahin geht es darum, die Spielerinnen auf der Tour zu begleiten und zu sehen, dass sie sich gut entwickeln. Da gab es zuletzt auch positive Signale – etwa das Turnier in Wiesbaden, wo Noma Noha Akugue stark gespielt und gewonnen hat.

Was hat die erste Analyse ergeben? Laura Siegemund hat zum Beispiel gesagt, dass zu wenig Fokus auf das Doppel gelegt wird. Ist das ein Punkt, den man kurzfristig angehen muss?

Da kann ich Laura nur zustimmen und das ist eine klare Lehre aus dem Wettbewerb. Wir müssen das Doppel stärker in den Fokus rücken, sowohl im Training als auch im Turnieralltag. Das heißt konkret: mehr Doppelsessions im Training und auch die Spielerinnen gezielt dazu motivieren, auf Turnieren häufiger Doppel zu spielen.

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Viel Potenzial in einem jungen Team

Gibt es noch weitere Lehren?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass wir mit einem sehr jungen Team angetreten sind. Viele Spielerinnen waren Anfang 20, also klar in einer Entwicklungsphase. Ich glaube, dass genau darin auch viel Potenzial steckt. Diese Spielerinnen werden sich im Laufe dieses Jahres weiterentwickeln, davon bin ich überzeugt. Und das ist dann auch die Grundlage dafür, im Billie Jean King Cup stärker zurückzukommen und bereit zu sein, wieder anzugreifen.

Medial wird aktuell von einer großen Krise gesprochen. Wo steht das deutsche Damen-Tennis aus Ihrer Sicht?

Ich sehe das differenzierter. Von einer Krise würde ich nicht sprechen. "Umbruch" trifft es deutlich besser. Dafür sehe ich zu viel Potenzial im Nachwuchsbereich. Und es gibt auch positive Entwicklungen. Generell haben wir einige junge Spielerinnen, die nachrücken und sich entwickeln. Ich bin überzeugt, dass wir auf einem guten Weg sind.

Hinter Ihrer Zuversicht steht auch das Leistungssportkonzept "Gemeinsam! Weltklasse! Entwickeln!" mit dem Ziel, bis 2032 acht bis zehn Spielerinnen in den Top 100 zu haben. Das wirkt aktuell sehr ambitioniert…

Die Zuversicht kommt vor allem aus der Breite im Nachwuchs. Wir haben viele talentierte Spielerinnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, die sich gerade entwickeln. Ich sehe, wie hart sie arbeiten und unter welchen Bedingungen sie trainieren. Die Trainingsbedingungen selbst sind gut, sie ermöglichen professionelles Arbeiten auf hohem Niveau. Das ist eine wichtige Grundlage. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir in den kommenden Jahren wieder mehr Spielerinnen auf Topniveau sehen werden.

Was macht Italien besser?

Italien gilt aktuell als Vorreiter – sportlich, aber auch strukturell. Was machen sie besser, und was kann man sich abschauen?

Ein wichtiger Punkt ist die Turnierlandschaft. In Italien gibt es viele Turniere, die Spielerinnen regelmäßig bestreiten können. Dazu kommt, dass sie oft in Gruppen oder Teams reisen, was den Austausch und die Entwicklung fördert. Wir sind aber ebenfalls dabei, uns in diese Richtung weiterzuentwickeln. Wir arbeiten daran, die Trainingsbedingungen und die Turnierstruktur in Deutschland weiter zu verbessern. Viele Turniere werden bereits intensiv von uns betreut, auch durch die Bundestrainer. Das ist aber nichts, was man von heute auf morgen komplett verändern kann.

Die Turnierlandschaft soll verbessert werden. Was heißt das konkret?

Mehr Turniere im eigenen Land anbieten. Je mehr Turniere wir in Deutschland haben, desto besser ist das für unsere Spielerinnen. Sie können vor Ort spielen, Punkte sammeln und Preisgeld verdienen, ohne ständig reisen zu müssen. Das ist ein großer Vorteil für ihre Entwicklung. Deshalb geht es darum, diese Struktur weiter auszubauen. Die Erfahrungen zeigen auch, dass deutsche Spielerinnen bei diesen Heimturnieren oft erfolgreich sind – und genau das wollen wir weiter fördern.

Barbara Rittner hat die Leistungsbereitschaft der aktuellen Generation kritisch gesehen. Fehlt manchmal absolute Opferbereitschaft?

Das kann ich so nicht unterschreiben. Ich sehe, wie die Spielerinnen arbeiten und die wissen, was notwendig ist, um erfolgreich zu sein. Wer im Tennis nach oben will, muss hart trainieren. Und genau das tun sie auch. Sie trainieren täglich, investieren viel, bringen große Opfer. Am Ende zeigt sich das immer in den Ergebnissen: Nur wer konsequent arbeitet, wird sich durchsetzen. Es gibt keine Abkürzungen. Und dieses Bewusstsein ist bei den Spielerinnen genauso da wie bei ihren Trainern.

Sie haben große Erfolge mit Angelique Kerber gefeiert. Wo sehen Sie Unterschiede zur aktuellen Generation?

Ich sehe da ehrlich gesagt keinen großen Unterschied. Auch die Spielerinnen heute trainieren hart, genau wie damals. Und bei Angie war es ja auch nicht so, dass der Erfolg sofort da war – sie hat ihren ersten Grand-Slam-Titel erst mit 28 gewonnen. Man braucht Zeit in der Entwicklung, und die muss man den Spielerinnen auch geben. Sie arbeiten nicht weniger als frühere Generationen, sie wissen genauso, was es braucht, um erfolgreich zu sein.

Hat Kerber denn etwas anders gemacht?

Nein, grundsätzlich nicht. Aber sie hat natürlich ein Gesamtpaket mitgebracht: viel Qualität, viel Gefühl für das Spiel, ein gutes Timing. Sie wusste einfach, wie sie Punkte aufbauen muss und wo sie den Ball platzieren will. Dazu kam dann die harte Arbeit. Und genau diese Kombination ist entscheidend: Talent plus konsequentes Training. Das gilt damals wie heute.

Wie wichtig ist der Kopf im Tennis?

Der mentale Bereich ist extrem wichtig. Angelique Kerber war da ein sehr gutes Beispiel. Sie hatte einen starken Kopf, hat immer gekämpft und wusste genau, worauf es in den entscheidenden Momenten ankommt. Wenn es eng wurde, war sie da. Und genau das ist auch für die jetzige Generation entscheidend.

Sehen Sie die aktuellen Spielerinnen in diesem Bereich gut aufgestellt?

Ja, grundsätzlich schon. Man darf nicht vergessen: Viele sind noch jung, und da entwickelt sich nicht nur das Spiel, sondern auch der Kopf weiter. Aber ich sehe viele Spielerinnen, die den Willen haben und auch die mentalen Voraussetzungen mitbringen, um erfolgreich zu sein.

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Ist der Vergleich mit Graf und Co. hinderlich?

Es gibt ja immer wieder diese Vergleiche mit den "goldenen Zeiten". Ist das für die nächste Generation eher Motivation oder eher ein Hemmnis?

Ich glaube, solche Vergleiche gab es immer. Auch bei Angelique Kerber war das so. Diese Erwartungshaltung gehört irgendwie dazu. Heute ist es ähnlich: Man schaut auf die Phase mit Kerber, Petkovic und anderen und misst die aktuelle Generation daran. Das ist verständlich, weil diese Zeit sehr erfolgreich war. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Spielerinnen ihren eigenen Weg gehen müssen. Sie müssen ihren eigenen Stil entwickeln und sich auf der Tour selbst etablieren. Ich sehe diese Vergleiche eher als Motivation. Zu sehen, was möglich ist – Grand-Slam-Titel zu gewinnen, ganz oben mitzuspielen – das kann antreiben. Ich glaube nicht, dass es die Spielerinnen hemmt.

Viele Fans sehnen sich nach neuen Erfolgen, nach einer neuen Graf oder Kerber. Was ist aus Ihrer Sicht realistisch in naher Zukunft, gerade bei großen Turnieren?

Was wir uns alle wünschen, sind Spielerinnen in der zweiten Woche bei den großen Turnieren zu sehen. Ich glaube, dass das absolut möglich ist. Wir haben Spielerinnen, die das Niveau dafür mitbringen und sich dorthin entwickeln können. Ich würde aber ungern einzelne Spielerinnen herausheben. Es sind mehrere, die den nächsten Schritt machen können. Wir sind gerade in einer Phase, in der man Geduld braucht. Die Basis stimmt, und ich bin überzeugt, dass die Erfolge wiederkommen werden.

Wie viel Geduld kann man im Leistungssport heute überhaupt noch erwarten?

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Geduld ist im Sport immer ein schwieriges Thema. Wir wollen so schnell wie möglich wieder erfolgreich sein. Aber man muss akzeptieren, dass sich Spielerinnen entwickeln müssen, und das braucht Zeit. Trotzdem hoffe ich, dass wir die Fortschritte und Erfolge schon in absehbarer Zeit sehen werden.

Über den Gesprächspartner

  • Torben Beltz (49) hat sich vor allem als Trainer von Angelique Kerber einen Namen gemacht. Heute ist er als Nachfolger von Barbara Ritter Damen-Bundestrainer und Coach des Billie-Jean-King-Cup-Teams tätig.
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