Verbrauchermagazin24

Nehmen Sie Kontakt auf

Unfallexperte fordert Führerscheinpflicht für E-Scooter 

Analyse 38 Tote in 2025

Unfallexperte fordert Führerscheinpflicht für E-Scooter 

Aktualisiert am 28.07.2026, 04:50 Uhr Laut Statistischem Bundesamt steigen E-Scooter-Unfälle weiter stark an. (Symbolbild) © Getty Images/iStockphoto/Cristian Blázquez Martínez Lesedauer:5 Min.

38 Menschen starben 2025 bei E-Scooter-Unfällen – eine alarmierende Zahl. Ein Unfallforscher beschäftigt sich mit den Ursachen und hat die größten Problemfelder erkannt.

Eine Analyse von Dominik Bardow Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dominik Bardow sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Immer wieder kommt es in deutschen Städten zum Teil zu schweren E-Scooter-Unfällen. Laut Statistischen Bundesamt (destatis) steigt die Zahl der Unfälle mit den Rollern, bei denen Menschen verletzt oder getötet wurden, weiter stark an. 2025 registrierte die Polizei 16.496 Unfälle mit Personenschaden – 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei kamen 38 Menschen ums Leben, dazu wurden 1.895 Menschen schwer und 16.184 leicht verletzt.

E-Roller sind im Trend und gleichzeitig sind sie auch ein Sicherheitsrisiko. Über bestehende Regeln und Gesetze wird sich oft hinweggesetzt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Nutzer zu. Auch das Fahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss wird immer häufiger zum Problem. Zusätzlich erschwert die Infrastruktur in den Städten, die nicht auf diese motorisierten Tretroller ausgelegt ist, die Lage.

Der Unfallforscher Siegfried Brockmann beschäftigt sich intensiv mit der Sicherheit der E-Scooter, verteufelt im Gespräch mit dieser Redaktion die elektrisierten Tretroller aber nicht. Dennoch fordert er klare Verbesserungen.

Leihfirmen sagen, Rollerfahren werde eher sicherer

In der Debatte sei eine bloße Nennung von Unfallzahlen jedoch irreführend, so Brockmann. Es sei weder bekannt, wie viel Privatnutzer fahren noch welche Strecken Leihflotten zurücklegen. "Die wichtige Frage lautet: Wie viele Kilometer legen Scooter zurück?" Nur so lasse sich feststellen, ob die Nutzung gestiegen ist und die Unfälle pro Kilometer, mit anderen Verkehrsmitteln vergleichen.

Mehrheit will strengere Regeln für E-Scooter

Aktualisiert am 12.06.2026, 08:59 Uhr Sie düsen an Fußgängern vorbei und verursachen Unfälle. Nun könnten Fahrer von E-Scootern stärker in die Pflicht genommen werden.

Leihanbieter wie Bolt, Lime und Voi weisen auf Anfrage dieser Redaktion auf andere Daten. In der zitierten Studie heißt es, "dass das Risiko bei Nutzung von geteilten E-Scootern sinkt und nicht steigt", teilt Bolt mit. Dort ist von hohem Anstieg bei Nutzern und sinkender Verletzungsquote zu lesen. Quelle sind eigene Nutzerdaten und der Branchenverband MMfE (Micro-Mobility for Europe). Die Daten sind also nicht unabhängig erhoben worden.

Kernproblem sind für den Forscher die Solostürze

Klar ist: Laut Statistischem Bundesamt starben 2025 bei Unfällen weit mehr Auto- (1.192) und Fahrradfahrer (462). "E-Scooter-Unfälle sind ein Randaspekt und werden es vermutlich auch bleiben", sagt Brockmann. Ihr Anteil an allen Verkehrsunfällen beträgt 5,5 Prozent, Tendenz steigend. Was auffällt: Waren zwei Parteien am Unfall beteiligt, trugen E-Roller öfter Hauptschuld, mit Fußgängern fast zu 90 Prozent. Oft lag Fehlverhalten vor, in einem Fünftel der Fälle falsche Nutzung von Fahrbahn oder Gehweg.

Oft wurde auch zu zweit gefahren. Fast ein Drittel waren jedoch Alleinunfälle – ohne Unfallgegner. Diese Solostürze, die Brockmann genauer untersucht hat, sind für ihn das eigentliche Kernproblem. In seiner Studie der Björn-Steiger-Stiftung fand fast die Hälfte aller schweren Scooter-Unfälle ohne weitere Beteiligte statt. "Das ist unglaublich viel, ein Phänomen, das bei Fahrrädern nicht in dem Ausmaß auftritt", sagt der Unfallforscher.

Forderung: Größere Reifen und Führerscheinpflicht

Als ein physikalisches Kernproblem hat Brockmann zu kleine Räder ausgemacht. Die Standard-Felgengröße acht Zoll führe häufig zu Stürzen über Bordsteinkanten. Das sei leicht lösbar. "Mit zehn-Zoll-Rädern würde sich das Problem deutlich entspannen." Doch seine Forderungen verhallen bisher bei Politik und Anbietern. Die neue E-Scooter-Verordnung ab 2027 konzentriere sich auf Nebenschauplätze wie Blinkerpflicht.

Was in den Unfallzahlen auch auffällt: Junge Menschen sind überrepräsentiert und oft Hauptschuldige. Über die Hälfte der Unfallfahrer ist unter 25 Jahren, über 80 Prozent ist jünger als 45 Jahre alt. Das deutet auf mangelnde Verkehrsdisziplin hin, auf höheres Unfallrisiko durch Risikofreudigkeit. Brockmann fordert daher schon länger eine Führerscheinpflicht, um die Unfallzahlen zu reduzieren.

Mehr Verkehrstote auf Deutschlands Straßen

Aktualisiert am 25.02.2026, 13:17 Uhr Während die Zahl der Schwerverletzten auf den niedrigsten Stand seit 1991 sank, nahm die Zahl der Unfälle mit Verletzten oder Todesopfern zu.

Wenn Alkohol zum Kieferbruch führt

"In Deutschland gibt es kein anderes Kraftfahrzeug, das nicht irgendeiner Erlaubnis bedarf", sagt er. Wie bei Mopeds würde ein Führerschein das Mindestalter der Nutzer von 14 auf 15 Jahre erhöhen. Roller würde er "in eine andere geistige Kategorie heben, weg vom Spaß- hin zum Kraftfahrzeug". Denn freiwillige Fahrtrainings nutzten kaum. Vor allem nicht, wenn Fahrer später alkoholisiert unterwegs sind.

10,9 Prozent aller E-Scooter-Unfälle führt die Statistik auf Fahren unter Alkoholeinfluss zurück. Alkoholisierte Nutzer stürzen häufiger und erleiden schwerere Verletzungen, stellt Brockmann fest. "Wenn Fahrer nicht alkoholisiert sind, verletzen sie sich möglicherweise kaum, wenn sie eine gute Reaktion haben. Aber alkoholisiert knallen sie oft aufs Kinn und brechen sich den Kieferknochen."

Anbieter gegen Helmpflicht und Privatroller

Tödliche Kopfverletzungen hat der Forscher in seinen Studien in Kliniken dafür selten registriert. Er fordere daher keine Helmpflicht mehr, die auch rechtlich und praktisch schwer umzusetzen wäre. "Das würde bei Leihscootern einen erheblichen Geschäftseinbruch zur Folge haben", sagt Brockmann. Bei Privatnutzern sei der Vorteil, dass sie ihre Geräte und Grenzen kennen, sich besser darauf einstellen.

Leihanbieter Voi sieht besonders bei Privatrollern das Problem, von denen es laut Statistischem Bundesamt schon 1,4 Millionen gibt. Ein Vielfaches der eigenen Leihflotte, so Voi, aber oft ungewartet und nicht wie Leihroller Tempo-gedrosselt. Alle Anbieter betonen auf Anfrage, technische Lösungen und Regeln gegen Missnutzung zu haben, betonen aber auch die Verantwortung der Polizei und der Behörden bei Kontrollen sowie der Nutzer selbst. Der Anbieter Lime sagt immerhin, dass Verkehrssicherheit " eine gemeinsame Aufgabe" sei.

Bessere Radwege würden helfen

Manche Städte und Anbieter setzen bereits auf Geofencing: eine Technologie, die digital abgetrennte Bereiche definiert. Wird diese Grenze überschritten, werden Fahrten automatisch verlangsamt oder gestoppt. "Technik kann helfen, Fußgängerzonen zu erkennen, aber oft nicht Geh- von Radweg zu unterscheiden", sagt der Experte. Auch Fahrten zu zweit auf dem Roller zu verhindern sei möglich, aber schwierig. Eine schmalere Trittplatte wäre instabiler, Kameras, die Fahrer erkennen, teuer und rechtlich heikel.

E-Scooter-Unfälle: Diese neuen Haftungsregeln gelten jetzt

Aktualisiert am 10.07.2026, 06:37 Uhr Wer durch einen E-Scooter zu Schaden kommt, soll künftig leichter an Schadenersatz gelangen. Der Bundestag hat dafür strengere Haftungsregeln für Vermieter beschlossen.

Im Grunde würden viele der aktuellen Vorgaben ausreichen – wenn es genug Kontrollen dafür gebe. Viele Städte kämen kaum hinterher. Parkzonen nicht nahe Bars zu platzieren, könnte ebenfalls helfen. Generell hilft eine gut durchdachte Infrastruktur: Studien zeigen, dass Scooter-Unfälle bei guten Radwegen seltener auftreten.

Empfehlungen der Redaktion

  • Mehrheit will strengere Regeln für E-Scooter
  • Die großen Aufgaben des neuen Verkehrsministers
  • Experte für Deradikalisierung: "Das ist ein völliger Fehlschluss"

Forschung sieht auch Positives an E-Scootern

Ausgebaute, breite Radwege helfen nicht nur Fahrrädern. "Für alle Unfälle mit Unfallgegnern spielt die Verkehrs-Infrastruktur eine entscheidende Rolle", sagt Brockmann. In weiteren Studien wird den E-Scootern auch positive Eigenschaften zugeschrieben. Beispielsweise dienen sie oft als Anschlussoption im Nahverkehr. "Ich habe E-Scooter als Lösung für die letzte Meile immer für sinnvoll gehalten", sagt Brockmann. Verleiher müssten nur besser bei mehr Selbstregulierung mitwirken. Davon ist aber wenig zu hören.

Sowohl Bolt, Lime und Voi erwähnen in ihren Statements aber keine zusätzlichen Maßnahmen, die nach Veröffentlichung der jüngsten Unfall-Statistik erhoben werden sollen. Wenn die Unfallzahlen auch in den kommenden Jahren weiter steigen, wird sich zeigen, wie und ob der Gesetzgeber oder die Anbieter darauf reagieren werden.

Über den Gesprächspartner

  • Siegfried Brockmann ist Geschäftsführer für Verkehrssicherheit und Unfallforschung bei der Björn-Steiger-Stiftung, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich dem Schutz von Menschenleben und der Reform des Rettungswesens widmet, dafür Unfallforschung und -prävention betriebt. Brockmann leitete zuvor von 2006 bis 2024 die Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Verwendete Quellen

  • Statistisches Bundesamt: Unfälle mit E-Scootern im Jahr 2025: +17 Prozent Getötete
  • Statistisches Bundesamt: Zahl der Woche: 67 Prozent der bei E-Scooter-Unfällen Verletzten waren zwischen 15 und 45 Jahre alt
  • Micro-Mobility for Europe: Injuries of micro-mobility users continue to drop dramatically, MMFE-released micro-mobility accident data shows
  • Stiftung Deutsche Safety: Publikationen zur Unfallprävention
  • Die Bundesregierung: Regeln für E-Scooter verschärft
  • GovTech: Cities Use Invisible Geofencing to Control Use of E-Scooters
  • Research Wu: Shared e-scooter services and road safety: Evidence from six European cities
  • ILS-Forschung: ILS-Trends: Shared E-Scooter Services
Feedback an die Redaktion