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Und dann gebar sie ihr Baby im Stall

Analyse Gefährlicher Trend

Gefährlicher Trend: Frauen, die allein gebären

Aktualisiert am 16.05.2026, 20:17 Uhr Eine Geburt ohne medizinische Betreuung - für die meisten Frauen unvorstellbar. Doch die Alleingeburts-Bewegung findet auf Social Media immer mehr Beachtung. © iStock/Marsell Gorska Gautier Lesedauer:6 Min.

Influencerinnen weltweit propagieren Geburten ohne professionelle Betreuung – ganz allein, in der Natur oder im eigenen Zuhause. Was auch von manchen Frauen als Selbstbestimmung gefeiert wird, ist für viele Hebammen und Ärzte eine brandgefährliche Entwicklung.

Eine Analyse von Carla Giuseppina Magnanimo Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Carla Giuseppina Magnanimo sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Hunderttausende Frauen erleben es täglich. Ertragen die Schmerzen, spüren das Drücken, Ziehen und Reißen in ihren Körpern und halten schließlich, nach einem letzten, zehrenden Kraftakt ihr Baby im Arm.

In den meisten Fällen findet eine Geburt in Deutschland im Krankenhaus statt, unter der Aufsicht einer Hebamme, umgeben von Geräten, die jede Bewegung und Ungereimtheit dokumentieren. Wird es brenzlig, muss ein Arzt hinzugezogen werden. Rund zwei Prozent der Frauen entbinden in Geburtshäusern oder zu Hause, hier sollte nur eine Hebamme anwesend sein.

Und dann gibt es Frauen wie Josy Peukert und Sarah Schmid. Sie haben einige ihrer Kinder ganz allein zur Welt gebracht – ohne medizinische Unterstützung oder eine Hebamme. Sie sind Teil einer Bewegung, die sich vor allem in den sozialen Medien verbreitet.

Im Meer, Wald oder im Stall: Hauptsache, ohne professionelle Hilfe

Ihr zehntes Kind hat Sarah Schmid in einem Stall auf ihrem Bauernhof bekommen, schreibt sie in ihrem Blog, mit 42 Jahren. Einige ihrer Geburten sind fein säuberlich bei YouTube dokumentiert, von Anfang bis Ende. Schmid ist Co-Gründerin einer eigens für Alleingeburten geschaffenen Akademie. Für 1.700 Euro kann man sich hier zur Alleingeburts-Mentorin ausbilden lassen. Ihr folgen fast 27.000 Menschen auf Instagram, auf YouTube sind es beinahe 100.000.

Peukert bezeichnet sich in ihrem Instagram-Profil als Wassergeburts-Expertin. Damit meint sie mitnichten eine Badewanne oder ein ähnliches Gefäß. In einem Video bei Instagram sieht man sie direkt nach der Geburt ihres Babys im Meer: Sie sitzt in den Wellen, hält ihren Säugling im Arm, die Nabelschnur kräuselt sich noch am Bauchnabel. "In 40 Wochen zu deiner Traumgeburt – trotz Risikolabel", schreibt Peukert bei Instagram. Und: "Schreib mir via WhatsApp im Profil für deine Anamnese und dein persönliches 1:1." Über 11.000 Menschen schauen und hören ihr dabei zu. In den Kommentaren ploppen viele Herzchen auf.

Wieso wollen Frauen ohne Unterstützung gebären?

Es geht hier nicht nur um den nächsten Social-Media-Trend. Frauen, die sich für eine Alleingeburt interessieren, hätten oft Angst vor der Geburt im Krankenhaus, berichtet Ursula Jahn-Zöhrens vom Deutschen Hebammenverband. Einige von ihnen hätten bereits entbunden und die Geburt als traumatisch und gewalttätig empfunden.

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Internationale Studien zeigen, dass tatsächlich rund 50 Prozent der gebärenden Frauen die Geburt als negativ empfinden. Gewaltvolle Erlebnisse sind beispielsweise Dammschnitte oder Fruchtblasenöffnungen, die ohne Einverständnis vorgenommen werden. Auch von physischer und psychischer Gewalt und Vernachlässigung berichten Frauen immer wieder. Bei einer Alleingeburt wird Frauen Selbstbestimmtheit, Stärke und Ruhe versprochen.

Jahn-Zöhrens kann nachvollziehen, dass Frauen ihr Vertrauen in die aktuelle Geburtshilfe verloren haben: "Das Thema Gewalt in der Geburtshilfe ist riesig", sagt die Hebamme im Gespräch mit unserer Redaktion. "Manche Frauen fühlen sich in diesem medizinischen System eingeengt und bevormundet."

Verboten ist eine Alleingeburt in Deutschland grundsätzlich nicht. Frauen dürfen den Ort und die Art ihrer Geburt frei wählen. Auch die Vorsorge während der Schwangerschaft ist keine Verpflichtung. Influencerinnen wie Sarah Schmid oder Josy Peukert lassen eine Geburt ohne Unterstützung allerdings immer einfach aussehen. "Das ist ein großes Problem", sagt Jahn-Zöhrens, "Denn die Geburten, wo es schlecht läuft, werden natürlich nicht gepostet."

Was macht eine Alleingeburt so gefährlich?

Wenn sich das Kind falsch dreht, kann es laut Jahn-Zöhrens zu "geburtsunmöglichen Lagen" kommen. So starb etwa 2023 ein Baby in Neu-Ulm, das in Beckenendlage im Bauch lag, was der Mutter offenbar bekannt war, wie der SWR berichtet. Dabei liegt das Kind mit dem Po oder den Füßen anstatt mit dem Kopf nach unten im Bauch. Trotzdem gebar die Mutter allein, nur in Anwesenheit der Großmutter. Erst als das Baby leblos zur Welt kam, riefen sie einen Notarzt. Beide Frauen stehen heute vor Gericht.

Ein weiteres Risiko birgt ein nicht vollständig geöffneter Muttermund, durch den das Baby schon herausgeschoben wird. "Dann reißt es und blutet ewig", erläutert Jahn-Zöhrens. Blutungen nach der Geburt können für die Mutter gefährlich werden, etwa wenn die Plazenta sich nicht vollständig aus der Gebärmutter löst.

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Auf einschlägigen Instagram-Accounts werden Tipps gegeben, was Gebärende tun sollen, wenn das Baby mit der Nabelschnur um den Hals geboren wird: "Du wickelst sie einfach instinktiv ab, sobald du dein Baby kennenlernst", heißt es etwa bei "freetobirth". Das klingt kinderleicht, doch Jahn-Zöhrens macht klar, wie gefährlich so eine Situation ist: "Die Nabelschnur kann so verheddert sein, dass zwar das Kind mit dem Kopf draußen ist, aber es nicht vorangeht. Das Kind wird zurückgehalten von der Schnur." Eine Gebärende, die keine Erfahrung damit hat, kann darauf nicht richtig reagieren.

Besonders kritisch ist eine Alleingeburt, wenn die Frauen auch die gynäkologische Vorsorge auslassen. Dann weiß sie nicht genau, in welcher Position das Kind liegt. Auch wenn Alleingeburts-Verfechterinnen behaupten, Schwangere könnten ein Gespür für den eigenen Körper erlernen, so sind die Frauen – und auch die sogenannten Mentorinnen – am Ende kein medizinisches Fachpersonal, das auf Notfälle reagieren kann.

"Meisterin der eigenen Geburt": Die Akademie von Sarah Schmid

All das lernt man angeblich in der Alleingeburts-Akademie, die von Sarah Schmid mitgegründet wurde. Schmid ist studierte Ärztin, lebt mit ihrer Familie im Elsass und ist die medizinische Leiterin der Akademie. In Seminaren sollen Frauen zur "Meisterin" ihrer eigenen Geburt werden. Die Themen Natürlichkeit, christlicher Glaube und traditionelle Familie werden großgeschrieben: "Mütter, die den Glauben an Gott haben, sind während der Geburt im Vertrauen an ihre Gebärfähigkeit und Gottes Führung", schreibt die Akademie auf Anfrage unserer Redaktion. Klassische Medizin würde man dann empfehlen, wenn "traditionelle und natürliche Möglichkeiten ausgeschöpft" seien – wann dieser Punkt erreicht ist, erklären sie nicht.

In einer verdeckten Recherche konnte ein Reporter-Team der ARD Zugriff auf eine Telegram-Gruppe Schmids bekommen, in denen Eltern Geburtsberichte teilen. Besonders dramatisch ist dort die Geburt eines Kindes, das nicht atmet und der Vater per Sprachnachricht Schmid um Rat und Hilfe bittet. Das Kind hat am Ende nicht überlebt. Andere schreiben, dass sie eine Alleingeburt nicht mehr machen würden, da in dem Moment, in dem sie professionelle Hilfe gebraucht hätten, diese nicht verfügbar gewesen sei.

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Schmid fällt auf ihrem offenen Telegram-Kanal "Wind of Change" auch immer wieder mit umstrittenen Aussagen auf. So schreibt sie in einem Post am 30. Januar 2024, dass die Nazis politisch links gewesen wären. Dies wird von Historikern als Geschichtsrevisionismus eingestuft. Jahn-Zöhrens berichtet, dass vermehrt Frauen aus der Reichsbürger-Szene Alleingeburten vorzögen, da die Kinder dadurch nicht bei den Behörden registriert werden würden – wie es etwa bei einer Hausgeburt mit anwesender Hebamme der Falle wäre. Ihre Kinder können sie so abseits der Gesellschaft aufziehen, ohne beispielsweise die Schulpflicht einhalten zu müssen.

Erstgebärende und traumatisierte Frauen sind besonders anfällig für die Angsterzählungen und die vermeintliche Selbstbestimmung, die ihnen hier versprochen wird. Ursula Jahn-Zöhrens hofft, dass Frauen, die sich für eine Alleingeburt interessieren, doch noch auf eine Hebamme zugehen, um Vertrauen herzustellen: "Ich würde mir wünschen, dass sie eine Hebamme finden, mit der die Chemie stimmt. Und dass die Frauen die Traumata, die sie während der Geburt erlebt haben, aufarbeiten können."

Über die Gesprächspartnerin

  • Ursula Jahn-Zöhrens ist Beirätin für den Freiberuflichenbereich des Deutschen Hebammenverbandes. Seit über dreißig Jahren ist sie freiberufliche Hebamme mit und ohne Geburtshilfe.

Verwendete Quellen

  • Telefonisches Gespräch mit Ursula Jahn-Zöhrens
  • Schriftliche Anfrage an die Alleingeburt Akademie
  • swr.de: Baby stirbt nach unbegleiteter Geburt in Neu-Ulm - Prozess gegen Mutter und Großmutter ausgesetzt
  • youtube.com: ARD team.recherche: Warum riskieren Frauen eine Alleingeburt?
  • Tagesschau: Kinder unter dem Radar
  • Telegram Kanal "Wind of Change"
  • Instagram Kanal Josy Peukert
  • Blog Sarah Schmid
  • Alleingeburt Akademie
  • Instagram Account freetobirth

Hilfsangebote für Betroffene von Gewalt unter der Geburt

  • Hilfstelefon Schwierige Geburt: Anlaufstelle für Betroffene einer gewaltvollen Geburt
  • Schatten und Licht e.V.: Beratung und Betreuung für Frauen mit Wochenbettdepression
  • Unabhängige Patientenberatung: Informationen und Beratungen zu ihren Rechten als Patientinnen

Redaktioneller Hinweis

  • Die Informationen in diesem Artikel ersetzen keine persönliche Beratung und Behandlung durch eine Ärztin oder einen Arzt.
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