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Tamara Boros zu WM-Bronze: "Sind auf einem guten Weg, den Abstand zu verringern"

Interview Tischtennis-Bundestrainerin

Tischtennis-Damen holen Bronze: So tickt das Erfolgsteam von Tamara Boros

Aktualisiert am 15.05.2026, 09:51 Uhr Deutschlands Tischtennis-Damen feiern WM-Bronze und blicken Richtung Weltspitze. Bundestrainerin Tamara Boros spricht über Sabine Winters Wandel, Nachwuchshoffnungen und Olympia. © IMAGO/MaJo Lesedauer:8 Min.

Tischntennis-Bundestrainerin Tamara Boros spricht nach der Team-WM unter anderem darüber, was das Erfolgsgeheimnis von Sabine Winter ist und wie groß der Rückstand auf die Tischtennis-Nationen Japan und China immer noch ist.

Ein Interview von Andreas Reiners

Die deutschen Tischtennis-Damen haben bei der WM mal wieder geliefert: Das Team um die Nummer eins Sabine Winter sichert sich bei dem Turnier in London Bronze und unterstrich die große Qualität innerhalb der Mannschaft.

Doch wie groß ist der Abstand noch zu den führenden Nationen China und Japan? Wie viel Potenzial steckt insgesamt im deutschen Damen-Tischtennis? Und vor allem: Wie sensationell ist die Entwicklung von Sabine Winter? Bundestrainerin Tamara Boros weiß, woran es liegt.

Frau Boros, die deutschen Tischtennis-Damen haben bei der WM Bronze geholt. Warum haben Sie es am Ende nicht geschafft, Ihre Mannschaft in die Themse zu bekommen?

Tamara Boros: (lacht) Das hatten wir grundsätzlich schon vor - nach dem Titelgewinn bei der Team-EM und Sabine Winters Sieg gab es ja anschließend immer einen Sprung ins Wasser. Wir waren einen Tag in der Stadt und haben uns die Situation an der Themse vor dem Viertelfinale angeschaut. Danach haben wir gesagt: Vielleicht müssen wir diesen Ansatz nochmal überdenken. Das Wasser ist sehr schmutzig. Es wäre stattdessen natürlich möglich gewesen, ins Schwimmbad im Hotel zu gehen. Dieses Mal haben wir das aber nicht umgesetzt.

Wie groß ist die Feier ausgefallen?

Ehrlich gesagt haben wir gar nicht so groß gefeiert. Wir sind mit dem gesamten Team essen gegangen. Eigentlich wollten einige danach noch weiterziehen, aber am Ende haben alle gemerkt, wie erschöpft sie sind und dann ist daraus nichts mehr geworden. Auch ich war nach dem gesamten Turnier sehr, sehr müde. Dieses gemeinsame Abendessen war aber sehr gelungen, die Stimmung war sehr, sehr gut. Insgesamt war das ein schöner Abschluss.

Wie sehr hat Ihr Team Sie bei diesem Turnier positiv überrascht?

Vor dem Turnier war unser Ziel klar: Wir wollten um eine Medaille kämpfen. Das haben wir erreicht. Gleichzeitig habe ich aber auch gesagt, dass Nordkorea im Achtelfinale eine sehr starke Mannschaft ist. Vor diesem Spiel habe ich kaum geschlafen und mir viele Gedanken gemacht: Wie stellen wir auf? Wer spielt auf welcher Position? Das Schwierige war: Nordkorea spielt nicht viele Turniere, deshalb wussten wir nicht genau, was uns erwartet. Wir haben dann entschieden, etwas zu riskieren. Das hat funktioniert, und meine Mannschaft hat mich wirklich sehr positiv überrascht.

Ist ein Stück weit Traurigkeit dabei, dass es im Halbfinale gegen Japan am Ende nicht ganz gereicht hat? Gerade weil es enger war, als es das 0:3 vermuten lässt?

Traurigkeit ist nicht dabei. Wir haben eine Medaille gewonnen, und wir haben zweimal nur gegen Japan verloren. Das ist im Moment auch eine realistische Einordnung der Stärkenverhältnisse. Vor dem Spiel haben wir klar besprochen: Wir müssen um jeden Punkt kämpfen, alles ist möglich. Wir sind eine gute Mannschaft, wir spielen gutes Tischtennis und wir müssen bereit sein, unsere Chancen zu nutzen, wenn sie sich ergeben. Vor allem aber mussten wir daran glauben, dass wir dieses Spiel auch gewinnen können. Das haben wir umgesetzt, aber es hat am Ende trotzdem nicht ganz gereicht. Realistisch betrachtet müssen wir uns weiterentwickeln und in einigen Bereichen noch besser werden, um eine Mannschaft wie Japan schlagen zu können.

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Das fehlt noch zu Japan und China

Was fehlt noch?

Japan ist vor allem sehr konstant. Gerade in den ersten Ballwechseln – Aufschlag, Rückschlag, die ersten zwei Bälle – sind sie im Moment ein Stück besser als wir. Genau da müssen wir zulegen. Insgesamt haben sie natürlich auch alle Möglichkeiten: Sparring, Strukturen, alles, was man braucht – das ist auf einem unglaublich hohen Niveau. Aktuell ist Japan vielleicht sogar so gut wie China oder zumindest auf einem ähnlichen Level. Aber wir sind auf einem guten Weg, den Abstand zu verringern. Gegen alle anderen Mannschaften haben wir die Möglichkeit zu gewinnen.

Wenn wir auf die einzelnen Spielerinnen schauen: Sabine Winter ist die Nummer eins und hat sich gewissermaßen neu erfunden, hat ihren Spielstil umgestellt. Wie ist das zu bewerten?

Das ist eine große Veränderung. Davor habe ich großen Respekt, und ich kann ihr nur gratulieren. Wie Sabine diese Rolle als Nummer eins angenommen und ausgefüllt hat, ist wirklich beeindruckend – zumal das für sie komplett neu war. Früher hat sie eher auf den Positionen drei oder vier gespielt, doch was sie in den vergangenen eineinhalb Jahren erreicht hat, ist außergewöhnlich. Dass eine Spielerin ihr komplettes Spielsystem umstellt und es innerhalb so kurzer Zeit bis in die Top 10 schafft, ist etwas ganz Besonderes.

Druck dürfte als neue deutsche Nummer eins auch ein Faktor gewesen sein?

Sie wusste, dass sie als Nummer eins die Punkte holen muss. Wie sie mit dieser Verantwortung umgegangen ist, war wirklich stark. Wir haben ihr immer gesagt: Wir sind eine Mannschaft, sie muss nicht alleine alles entscheiden. Wir sind breit aufgestellt. Trotzdem hat Sabine über das gesamte Turnier hinweg auf einem sehr, sehr hohen Niveau gespielt.

Wie kam es überhaupt zu dieser tiefgreifenden Umstellung?

Die Umstellung hat viel mit einer schwierigen Phase zu tun. Für Sabine war es eine große Enttäuschung, dass ich sie nicht für die Olympischen Spiele in Paris nominiert habe. Das war auch für mich keine einfache Entscheidung. Sie hat das hart getroffen. Nach den Spielen haben wir gesprochen. Sie kam auf mich zu und hat gefragt, ob ich es unterstütze, wenn sie ihr Spiel verändert. Sie hatte das Gefühl, dass sie mit ihrem bisherigen Spielsystem an eine Grenze gestoßen ist und etwas Neues braucht, auch weil die Motivation etwas gelitten hatte.

Und dann?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass sie diesen Weg für sechs Monate gehen kann, und danach schauen wir gemeinsam, wie sich das entwickelt. Ehrlich gesagt hätte ich nicht erwartet, dass es so gut funktioniert. Das ist eine komplett andere Technik, andere Bewegungsabläufe, auch mental eine große Umstellung. Das gesamte Spielsystem verändert sich – man muss vieles neu denken. Für mich ist das fast ein kleines Wunder. Jetzt ist sie in den Top 10 der Weltrangliste. Das ist eine außergewöhnliche Entwicklung.

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Der Vorteil der neuen Spielweise von Sabine Winter

Was ist für sie noch möglich?

Mit diesem sogenannten Anti-Belag hat sie die Möglichkeit, noch mehr Variationen in ihr Spiel zu bringen und die Qualität weiter zu steigern. Ihre Vorhand ist ohnehin außergewöhnlich – für mich ist das eine der besten Vorhände im Damen-Tischtennis. Gleichzeitig braucht das alles Zeit. Es ist nicht einfach, dieses neue System komplett zu verinnerlichen. Die Bälle verhalten sich anders, man muss in sehr kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen treffen: Spiele ich Vorhand oder Rückhand, wie reagiere ich auf den Ball? Das sind viele Informationen, die verarbeitet werden müssen. Ob sie ganz vorne angreifen kann, möchte ich nicht in konkreten Platzierungen festmachen. Aber ich bin überzeugt, dass sie sich weiter steigern kann.

Wie wichtig war die Rolle von Annett Kaufmann bei dieser WM?

Sehr wichtig. Annett ist noch eine junge Spielerin, aber sie hat gezeigt, wie wertvoll sie für die Mannschaft sein kann. Vor allem gegen Nordkorea hat sie einen herausragenden Job gemacht – gerade im ersten Spiel gegen eine Topspielerin so souverän zu gewinnen, war ein Schlüsselmoment für uns. Wir haben ihr das zugetraut, und sie hat genau das umgesetzt. Das war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Medaille.

Wie bewerten Sie ihre Entwicklung?

Sie macht kontinuierlich Schritte nach vorne. Sie entwickelt sich in ihrem eigenen Tempo und geht ihren eigenen Weg, und das ist auch wichtig. Man darf dabei nicht vergessen: Jeder Spieler ist unterschiedlich. Manche widmen sich komplett dem Tischtennis. Für Annett ist es außerdem wichtig, eine Balance zu haben – Zeit mit Familie und Freunden, neben dem Sport. Das bedeutet vielleicht auch, dass sie nicht ganz so viele Turniere spielt, wie wir uns das manchmal wünschen würden.

Kaufmann "wird von Jahr zu Jahr besser"

Ist sie trotzdem auf dem richtigen Weg?

Ja, sie wird von Jahr zu Jahr besser. Vielleicht dauert es bei ihr etwas länger, aber die Entwicklung ist klar erkennbar. Ich bin überzeugt, dass sie in Zukunft eine sehr wichtige Rolle für unsere Mannschaft spielen wird – eigentlich tut sie das jetzt schon. Mit Blick auf die kommenden Jahre, auch Richtung Olympia, traue ich ihr weitere Schritte zu. Gerade mit den neuen Wettbewerben wie Mixed-Team oder Damen-Doppel kann sie eine entscheidende Rolle übernehmen.

Winter als neue Nummer eins und Kaufmann standen vor allem im Mittelpunkt. Wie wichtig sind denn die Rollen von Ying Han, Yuan Wan oder Nina Mittelham?

Ying Han ist eine erfahrene Spielerin und die Älteste in der Mannschaft. Sie gibt der Mannschaft Sicherheit, sie ist ein bisschen wie die Mutter dieser Mannschaft. Nicht zu vergessen, dass sie eine Top 20-Spielerin ist. Nina hatte den Bandscheibenvorfall in Paris und hat dann sechs Monate Pause gemacht. Jetzt kann ich wirklich sagen, dass sie zurück ist. Yuan hat nur gegen England gespielt, aber auch sie hat ihre Rolle perfekt erfüllt. Wir brauchen die Konkurrenz, denn sie pushen und unterstützen sich gegenseitig.

Für den Sport sind Erfolge und Medaillen wichtig. Was erhoffen Sie sich in dieser Hinsicht von Bronze?

Aufmerksamkeit ist immer gut – gerade für den Tischtennissport. Im Herrenbereich ist sie nach wie vor deutlich größer, das ist leider immer noch die Realität. Deshalb ist so ein Erfolg für uns besonders wichtig. Er kann helfen, neue Sponsoren zu gewinnen. Gerade mit Blick auf die vielen internationalen Turniere ist der Aufwand enorm, auch finanziell. Das alles zu stemmen ist trotz der enormen Unterstützung durch den Deutschen Tischtennis-Bund nicht einfach. Zusätzliche Mittel würden uns natürlich noch mehr Möglichkeiten eröffnen.

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"Am Ende geht es vor allem um mehr finanzielle Unterstützung"

Was müsste sich konkret noch ändern, damit sich die Situation verbessert?

Am Ende geht es vor allem um mehr finanzielle Unterstützung für den Damen-Tischtennissport. Das beginnt in der Bundesliga bei den Vereinen und setzt sich dann den verschiedenen Verbandsebenen fort. Wenn dort mehr investiert wird, profitieren auch die Nationalmannschaft und die gesamte Entwicklung des Sports.

Und wie sieht es im Nachwuchsbereich aus? Glauben Sie, dass solche Erfolge langfristig mehr Kinder für den Sport begeistern können?

Das hoffe ich. Aktuell haben wir einige sehr gute Nachwuchsspielerinnen. Koharu Itagaki ist zum Beispiel U15-Weltmeisterin geworden. Dazu kommen Spielerinnen wie Lisa Wang und Josephina Neumann, die zur europäischen Spitze in ihren Altersklassen gehören. Ich hoffe, dass sie sich so entwickeln wie bisher. Wir versuchen schon jetzt, sie in Lehrgänge einzubinden, gemeinsam zu trainieren und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie langsam Teil dieser Mannschaft werden. Es ist uns wichtig, dass sie diese Nähe früh erleben und Schritt für Schritt herangeführt werden.

Es steckt also viel Potenzial im deutschen Damen-Tischtennis?

Im Nachwuchsbereich spielen viele schon auf einem sehr guten Niveau. Aber der Weg in die absolute Weltspitze bei den Damen ist lang. Entscheidend ist vor allem die Phase zwischen 17 und 19 Jahren, also der Übergang von der U19 in den Damenbereich. Die Ergebnisse kommen nicht automatisch, und genau deshalb ist es wichtig, dass die Spielerinnen motiviert bleiben und weiter hart arbeiten. Das ist nicht immer einfach. Aber wenn man sich die aktuellen Entwicklungen im Nachwuchs anschaut, kann man sagen: Die Zukunft sieht vielversprechend aus.

Was sind die nächsten sportlichen Ziele?

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Das große Ziel ist natürlich Olympia in Los Angeles. Auch wenn noch etwas mehr als zwei Jahre Zeit sind, beschäftigen wir uns jetzt schon intensiv damit. Im Tischtennis gibt es einige Änderungen im Wettkampfformat – so wird zum Beispiel anstelle der Team-Wettbewerbe der Damen und Herren nun ein gemeinsamer Mixed-Team-Wettbewerb mit neuen Regeln ausgetragen, außerdem wird nun auch wieder im Damen- und Herren-Doppel um Medaillen gespielt. Das hat direkte Auswirkungen auf unsere Planung. Wir müssen uns stärker auf das Mixed-Doppel sowie auf Damen- und Herren-Doppel konzentrieren. Genau darauf liegt aktuell unser Fokus. Das ist der nächste große Schritt.

Haben die deutschen Damen den Männern zuletzt zumindest ein bisschen den Rang abgelaufen?

(lacht) In den letzten zwei, drei Turnieren hatten wir tatsächlich die besseren Ergebnisse. Aber man darf nicht vergessen: Auch die Herren haben starke Leistungen gezeigt. Gerade mit Blick auf den Mixed-Team-Wettbewerb bei Olympia kann das aber für Deutschland ein großer Vorteil sein. Es gibt weltweit nicht viele Nationen, die sowohl bei den Damen als auch bei den Herren so stark aufgestellt sind.

Über die Gesprächspartnerin

  • Die viermalige Olympia-Teilnehmerin Tamara Boros gewann unter anderem Bronze im Einzel bei der WM 2003 und zweimal das Europe Top 12. 2015 wurde die 48-Jährige in die "Hall of Fame" der Europäischen Tischtennis-Union aufgenommen. Seit 2021 ist sie Bundestrainerin.
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