Sie schrieb Schach-Geschichte und bot Netflix die Stirn
Wie eine Frau Schach-Geschichte schrieb und Netflix herausforderte
Aktualisiert am 15.05.2026, 10:05 Uhr Die erste Schach-Großmeisterin Nona Gaprindashvili (links): Eine Frau, die sich nie versteckt hat. © IMAGO/United Archives International Lesedauer:4 Min.Sie war die erste Frau, die den Titel Schachgroßmeisterin verliehen bekam. Die Georgierin Nona Gaprindashvili stellte in den Sechziger und Siebziger Jahren die Schachwelt auf den Kopf, besiegte zahlreiche männliche Großmeister und begeisterte mit ihrem aggressiven Spielstil zahlreiche Mädchen für ihren Sport. 2021 legte sie sich mit dem Streamingportal Netflix an, dem sie Rufschädigung vorwarf.
Ein Porträt von Victoria Kunzmann Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Victoria Kunzmann sowie ggf. von Expertinnen oder Experten. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.Mit ihr ist nicht zu scherzen. Das merkten selbst die Verantwortlichen des riesigen, fast übermächtigen Streamingdienstes Netflix. Gegen das Unternehmen hat Nona Gaprindashvili 2021 Zivilklage eingereicht, die laut dem zuständigen Gericht in Kalifornien rechtmäßig war.
Gaprindashvili ging es um Rufschädigung. In der weltweit bekannten Serie "Das Damengambit" von 2020, die bei Netflix zu sehen ist, wurde sie als Russin dargestellt. Und für sie viel schlimmer: Als eine Schachspielerin, die nie gegen Männer gespielt hat. Die damals 80-Jährige hat auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz geklagt. Die Großmeisterin sagte der "New York Times" damals: "Sie haben versucht, diese fiktive Figur zu erschaffen, die eine Vorreiterrolle einnimmt für andere Frauen – obwohl ich das schon längst getan hatte und Generationen inspiriert habe."
Der Rechtsstreit endete schließlich mit einem Vergleich und zeigt, wie ernst es Gaprindashvili mit dem Thema ist. Vielleicht auch, weil sie so viel aushalten musste – und sich dabei sehr wohl durchsetzen konnte.
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Gaprindashvili wurde am 3. Mai 1941 in Sugdidi in der Sowjetunion geboren, dem heutigen Georgien. Sie war von sechs Kindern das einzige Mädchen und wurde schon früh von ihren älteren Brüdern zum Schachspielen gebracht. Doch die Familie war mehr als nur schachbegeistert, sie waren sportverrückt. Sie spielten Tischtennis, Billard, Fußball – hier musste sie oft im Tor stehen. Bis heute ist sie großer Fußballfan und Anhänger von Dynamo Tbilisi.
Gaprindashvili wuchs keineswegs in einem reichen Haus auf, doch ihre Eltern gaben ihr Freiheit und Eigenverantwortung mit. 2024 sagte sie der "Zeit": "Früher war ich schmächtig und klein. Und wenn ich gegen Jungs aus der Nachbarschaft gewonnen habe, die fast zwei Meter groß waren, hat mir das Selbstvertrauen gegeben."
Auch so kam sie früh auf die internationale Schachbühne: Als sie zwölf Jahre alt war, vertrat sie ihre großen Brüder bei einem Schachturnier in Tiflis. Der renommierte Schachtrainer Vakthang Karseladze wurde auf ihr Talent aufmerksam und lotste sie in die Hauptstadt.
Schon mit 14 spielte Gaprindashvili auf höchstem Niveau
Ihre Eltern erlaubten ihr schließlich, mit dreizehn Jahren zu einer Tante nach Tiflis zu ziehen, um mit den Besten des Landes das Schachspielen zu üben. Ein großer Schritt, vor allem zur damaligen Zeit. Schnell zeigte sich, dass sich die Mühe lohnte. Schon mit 14 Jahren zog sie in das Halbfinale der UdSSR-Frauenschachmeisterschaft ein. Sie gewann regionale Meisterschaften und galt als eines der größten Talente der damaligen Sowjetunion.
Spätestens mit 20 Jahren war sie in der Weltelite angekommen, als sie sich mit einem Sieg gegen die damalige Titelträgerin Elizaveta Bykova für die Weltmeisterschaft qualifizierte. 1962 wurde sie Frauen-Weltmeisterin. Ein Titel, den sie so schnell nicht mehr hergab: Vier Mal in Folge verteidigte sie ihren Weltmeistertitel, stand 16 Jahre an der Spitze und musste erst 1978 gegen ihre Landsfrau Maia Chiburdanidze vom WM-Thron abtreten. Mitten in dieser Zeit bekam sie ein Kind, um ihren Sohn David kümmerte sich hauptsächlich ihre Mutter.
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Nach dem Ende ihrer Zeit als Weltmeisterin erhielt Gaprindashvili eine viel größere Auszeichnung: Der Schach-Weltverband Fide verlieh ihr 1978 als erste Frau überhaupt den Großmeistertitel. Zur damaligen Zeit ein enormes Zeichen in Sachen Gleichberechtigung in einer von Männern dominierten Sportart. Etliche Male besiegte Gaprindashvili männliche Spieler bei Turnieren, forderte sie regelrecht heraus.
Etwa beim "Lone Pine"-Turnier im Jahr 1977, als sie vier männliche Großmeister besiegte. Die Turnierzeitung soll damals, statt sie für diese Leistung zu würdigen, vor allem auf ihr Aussehen eingegangen sein. Sie sei "eher wie ein Maurer als wie eine Frau gebaut". Ihrer Beliebtheit und ihrem Erfolg tat diese sexistische Bemerkung keinen Abbruch, im Gegenteil.
Bei Schach-Olympiaden gewann sie 20 Goldmedaillen, zwischen 1974 und 1985 wurde sie fünfmal UdSSR-Meisterin. Die ebenfalls aus Georgien stammende Großmeisterin Rusudan Goletani sagte einmal, Gaprindashvili habe Essenzielles in Sachen Gleichberechtigung getan, indem sie gezeigt habe: "Wenn Frauen gut im Schach sein konnten, dann würden sie in allem gut sein können." Für ihre größte Rivalin Nana Alexandria war Gaprindashvili eine jahrelange Mentorin und Motivatorin. Beide brachten sich gegenseitig zu Höchstleistungen. Der Höhepunkt war die WM 1975, deren Finale Gaprindashvili gewann.
Wissenschaft Musks Unternehmen gelingt großer Fortschritt bei Gehirnimplantat 22. März 2024Aggressiver Spielstil zeichnete sie aus
Die Georgierin spielte von Anfang furchtlos und aggressiv, was sie von vielen anderen Schachspielerinnen unterschied, die in den Partien zunächst abwarteten. Sie suchte das Risiko, attackierte früh den König und fand auch kreative Lösungen. Das liegt auch an ihrer unbändigen Freude am Spiel selbst. Im "Zeit"-Interview sagte sie 2024: "Selbst, wenn ich den ganzen Tag Tischtennis spiele, werde ich nicht müde, aber eine halbe Stunde spazieren zu gehen, ermüdet mich. Spielen ist einfach so viel interessanter."
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2013 wurde sie in die "Chess Hall of Fame" aufgenommen, sie ist mehrfache Senioren-Weltmeisterin und Nationalheldin, war von 1989 bis 1996 Präsidentin des Georgischen Olympischen Komitees. Sie war Mitglied im georgischen Sowjet-Parlament, was ihren hohen gesellschaftlichen Rang zeigt. Bis heute spielt Gaprindashvili neben Schach gern Billard, das dem Schach ähnelt, wie sie sagt. Ein Vorbild, nicht nur für Mädchen und Frauen, wird sie immer bleiben.
Verwendete Quellen
- The Hollywood Reporter: Defamation Suit Against Netflix Over "Sexist” Remark in "Queen’s Gambit" Ends in Draw
- Spiegel.de: Die Klage der Dame
- Taz.de: Eine intellektuelle Revolution
- Zeit Magazin: Die Königin
