Schult über Nagelsmann: "… nicht ganz leicht nachzuvollziehen"
Schult über Nagelsmann: "… nicht ganz leicht nachzuvollziehen"
Aktualisiert am 12.05.2026, 18:38 Uhr Almuth Schult hat selbst viele große Turniere erlebt und weiß, wie schnell Stimmung innerhalb eines Teams kippen kann. © Imago/DeFodi Images/Marco Steinbrenner Lesedauer:9 Min.Wir haben mit der früheren Nationaltorhüterin Almuth Schult über die richtige Mischung in einem WM-Kader, Stimmungskanonen, Entwicklungspotenzial bei Julian Nagelsmann und fehlende WM-Euphorie gesprochen.
Ein Interview von Andreas ReinersAlmuth Schult weiß, wie Kader ticken, welche Dynamiken bei einem großen Turnier herrschen und welche Mischung es braucht, damit die Grundlagen für ein erfolgreiches Abschneiden stimmen. Mit der Frauen-Nationalmannschaft hat sie schließlich mehrere Welt- und Europameisterschaften gespielt, wurde zudem Olympiasiegerin.
Wir haben mit der früheren Nationaltorhüterin unter anderem über überraschende Stimmungskanonen, Entwicklungspotenzial bei Julian Nagelsmann, Kritik in Sachen Kommunikation und fehlende WM-Euphorie gesprochen.
Frau Schult, wie wichtig ist die Atmosphäre innerhalb eines Kaders bei einem großen Turnier – gerade, wenn sich so ein Wettbewerb über mehrere Wochen ziehen kann?
Almuth Schult: Die Stimmung ist immer essenziell. Man verbringt extrem viel Zeit miteinander, reist gemeinsam und ist in einem Land, in dem die Familie in der Regel nicht dauerhaft präsent ist. Es gibt nur begrenzte Rückzugsmöglichkeiten. Umso wichtiger ist es, dass die Atmosphäre innerhalb der Mannschaft stimmt. Gerade aufgrund der Länge des Turniers gewinnt das noch einmal zusätzlich an Bedeutung. Vorausgesetzt natürlich, man scheidet nicht schon nach der Gruppenphase aus.
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Aktualisiert am 11.05.2026, 09:05 Uhr Einen Monat vor WM-Beginn steht die FIFA massiv unter Druck.2014 gilt ja immer als Paradebeispiel, wie ein Camp funktionieren kann. Merkt man als Spieler schnell, ob es im Team passt oder eben nicht?
Ich würde schon sagen, dass man das oft bereits in der Vorbereitung ganz gut abschätzen kann, in welche Richtung es geht. Da ist man das erste Mal mit diesem Kader zusammen, sieht, wer nominiert ist, und bekommt ein Gefühl dafür, was in den nächsten Wochen auf einen zukommt. Dann kommt das Ankommen vor Ort dazu. Man lernt die Unterkunft kennen, bekommt ein Gefühl für die klimatischen Bedingungen. All das spielt mit rein. Das hilft dabei, schon vor dem ersten Spiel einzuschätzen, wohin die Reise gehen kann.
Und dann kommt das erste Spiel…
Genau, mit dem ersten Spiel kommt dann noch der sportliche Faktor dazu. Dann merkt man endgültig, ob man gut im Turnier angekommen ist oder nicht. Das kann entweder die erste echte Probe für die Gruppe sein, oder direkt eine Bestätigung, dass es passt.
"Unter Stress kann man kurzfristig funktionieren, aber nicht dauerhaft"
Man kann den Kader ja auch ein Stück weit auf die Stimmung ausrichten, etwa mit Spielern, die als Stimmungsträger gelten. Wie ist die richtige Mischung?
Die richtige Mischung kann zum einen fußballerisch begründet sein, zum anderen aber auch charakterlich. Im Idealfall ist die Stimmung so, dass man bei jedem einzelnen Spieler die maximale Leistung herauskitzeln kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen – gerade über einen längeren Zeitraum – nur dann Höchstleistung bringen, wenn sie sich wohlfühlen. Unter Stress kann man kurzfristig funktionieren, aber nicht dauerhaft. Deshalb ist dieser Wohlfühlfaktor extrem wichtig.
Sehen Sie im aktuellen Kader jemanden, bei dem Sie sagen: Der muss unbedingt mit, auch wenn er kein Kandidat für die Startelf ist, aber für die Teamchemie enorm wichtig wäre?
Wichtig sind tatsächlich oft die dritten Torhüter. Das können viele aus dem Mannschaftskontext bestätigen, die solche Turniere erlebt haben. Sie sind meist die Unbeschwertesten, weil sie wissen, dass sie in der Regel nicht zum Einsatz kommen. Gleichzeitig opfern sie sich für die Mannschaft auf. Und das kann für die Stimmung extrem wertvoll sein. Darüber hinaus geht es natürlich auch um Spieler, die individuell stark sind und eigentlich den Anspruch auf die Startelf haben, es aus unterschiedlichen Gründen aber nicht schaffen. Entscheidend ist, dass sie trotzdem motiviert bleiben, ihre Rolle annehmen und als Einwechselspieler das Maximum geben. Genauso wichtig ist, dass sie abseits des Platzes keine Konflikte schüren, also nicht gegen das Trainerteam arbeiten oder Unruhe in die Mannschaft bringen.
Wer hat in dem Zusammenhang neben dem Bundestrainer eine extrem wichtige Rolle?
Im Grunde ist jede Position in diesem Gefüge wichtig. Eine zentrale Rolle kommt aber auch dem Kapitän oder der Kapitänin zu, gemeinsam mit dem Mannschaftsrat. Sie fungieren als Vermittler zwischen Team, Trainer und Staff. Es geht darum, dass keine unausgesprochenen Konflikte entstehen, die dann in entscheidenden Momenten aufbrechen. Gerade in Turniersituationen, in denen Spannungen zwangsläufig auftreten, braucht es diese moderierenden Rollen, um die Gruppe zusammenzuhalten.
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Und beim Bundestrainer? Wie wichtig sind einzelne Faktoren wie Kommunikation oder Transparenz?
Der Bundestrainer ist absolut wichtig. Er ist zunächst derjenige, der die Mannschaft zusammenstellt. Damit trägt er die Verantwortung dafür, welche Charaktere aufeinandertreffen und ob überhaupt die Grundlage dafür da ist, dass es als Team funktionieren kann. Darüber hinaus geht es darum, wie er in herausfordernden Situationen reagiert. Bleibt er authentisch? Können sich die Spieler auf das verlassen, was zu Beginn kommuniziert wurde? Sind Regeln und Entscheidungen nachvollziehbar? Denn jeder Zweifel, der aufkommt, birgt das Risiko, dass negative Energie entsteht. Und genau deshalb befindet sich der Bundestrainer in einer ganz besonderen Schlüsselposition.
Wie schätzen Sie Julian Nagelsmann in dieser Hinsicht ein?
Ich schätze ihn so ein, dass er seinen Spielern gegenüber ehrlich ist, und das ist entscheidend. Er kommuniziert ja auch nach außen, dass jeder Spieler seine Aufgabe kennt. Und wenn man sich die Aussagen der Spieler anhört, scheint das tatsächlich auch so zu sein. Ich glaube außerdem, dass er sich von außen nicht groß beeinflussen lässt. Er braucht diese Überzeugung, wenn er zu etwas Ja oder Nein sagt und muss das dann auch entsprechend vertreten können. Das ist die Grundlage für funktionierende Kommunikation. Was ich positiv sehe: Er scheint keine Angst davor zu haben, sich Fragen zu stellen und auch unkonventionelle Entscheidungen zu treffen. In den vergangenen Jahren hat er immer wieder gezeigt, dass er Spieler nicht nur nach fußballerischer Qualität nominiert, sondern auch darauf achtet, ob sie ins Team passen. Und genau das zeigt, dass er sich intensiv mit der Charakterstruktur seiner Mannschaft auseinandersetzt.
Wo sehen Sie bei ihm noch Entwicklungspotenzial?
In der Art und Weise, wie er nach außen kommuniziert. Es kommt vor, dass er Argumente für einen Spieler anführt, die er wenige Wochen oder Monate später in ähnlicher Form gegen denselben oder einen anderen Spieler verwendet. Das ist von außen nicht immer komplett nachvollziehbar. Man muss ihm zugutehalten, dass er immer wieder versucht, Lösungen zu finden und Dinge zu erklären. Aber diese Ansätze sind nicht immer klar verständlich.
Wobei zum Beispiel?
Ein Beispiel ist der Umgang mit Positionsfragen: Bei Joshua Kimmich etwa hat er mehrfach betont, wo er ihn sieht, mal als Rechtsverteidiger, dann wieder im zentralen Mittelfeld. Diese Entscheidungen hat er jeweils begründet, am Ende ist es dann aber teilweise doch wieder anders gekommen. Wenn man solche Dinge klarer als situative Entscheidungen kommunizieren würde, wäre es für Außenstehende einfacher nachzuvollziehen. Grundsätzlich gilt aber auch: Man will keinen perfekten "Roboter" als Bundestrainer. Eine gewisse Fehlbarkeit gehört dazu. Und es ist ohnehin klar, dass der Bundestrainer in Deutschland ständig unter Beobachtung steht und kritisiert wird, weil im Fußball jeder mitredet und ihm letztlich alles zugeschrieben wird. Unter dem Strich macht er es deshalb ordentlich.
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Konkret hatten Sie ja auch die Personalie Antonio Rüdiger deutlich kritisiert. Wie angreifbar macht sich Nagelsmann damit?
Er hat betont, wie wichtig Antonio Rüdiger für die Mannschaft ist, ihn als Vizekapitän hervorgehoben und gleichzeitig gesagt, dass er unter Beobachtung steht, wobei nicht ganz klar ist, was das konkret bedeutet. Ich bleibe bei meiner Einschätzung: Rüdiger hatte in der Vergangenheit viele einzelne Auffälligkeiten, die man in der Summe durchaus hätte zum Anlass nehmen können, ihn auch einmal nicht zu nominieren. Ich habe nie gesagt, dass er grundsätzlich außen vor sein muss, aber manchmal kann genau so ein Signal sinnvoll sein. Gerade in der Rolle als Vizekapitän sehe ich ihn kritisch.
Warum passt das bei ihm nicht?
Für mich muss ein Führungsspieler ein Vorbild sein und die Richtung vorgeben. Rüdiger ist ein emotionaler Leader, aber aus meiner Sicht teilweise drüber und in manchen Situationen auch unfair. Das passt für mich nicht zur Rolle als Vizekapitän der Nationalmannschaft. Auffällig ist aber, dass er innerhalb der Mannschaft Rückendeckung bekommt. Es wird immer wieder betont, wie wichtig er für das Team ist und was er intern leistet. Das mag absolut stimmen. Entscheidend wird aber sein, wie künftig damit umgegangen wird, falls es erneut zu Auffälligkeiten kommt.
Bei Deniz Undav gab es auch viel Kritik in Sachen Kommunikation. Wie bewerten Sie, dass Nagelsmann sich anschließend entschuldigt hat – sowohl privat bei Undav als auch öffentlich – und dabei sogar erwähnt hat, dass ihn seine Frau darauf hingewiesen hat?
Dafür sind Partner unter anderem auch da – dass sie einen auf Dinge aufmerksam machen, sensibilisieren und vielleicht auch einen anderen Blickwinkel einbringen. Ich finde es grundsätzlich gut, dass Julian Nagelsmann bereit ist, Dinge noch einmal aufzuarbeiten. Fußball ist emotional, und in solchen Momenten sagt man manchmal etwas, das man später vielleicht so nicht mehr sagen würde. Schwierig wird es dann, wenn die Begründungen widersprüchlich wirken. Wenn man einem Spieler öffentlich Selbstvertrauen geben will, das er im Verein angeblich nicht bekommt und gleichzeitig einem anderen Spieler gute Leistungen im Klub nicht als Argument anrechnet, sondern sagt, er habe ja schon genug Selbstvertrauen –, dann ist das nicht ganz leicht nachzuvollziehen.
Undav selbst ist relativ locker damit umgegangen, zumindest nach außen…
Das finde ich gut, es passt auch zu seinem Typ: jemand, der frei spricht und sich nicht groß verstellt. Genau das macht ihn für viele Fans auch so greifbar. Insofern kann so eine Reaktion von Nagelsmann auch Nähe schaffen. Entscheidend ist am Ende aber, wie es intern ankommt und ob Undav die Entschuldigung wirklich angenommen hat. Denn darum geht es, nicht um die öffentliche Wirkung.
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Wie greift eine Mannschaft solche öffentlichen Diskussionen und Kritik aus Ihrer Erfahrung auf?
Das ist unterschiedlich. Es hängt stark davon ab, wie gefestigt eine Mannschaft ist und welchen Blickwinkel sie einnimmt. Es gibt Situationen, in denen darüber eher gelacht wird, weil intern klar ist, dass das gar kein Thema ist oder ganz anders bewertet wird. Es gibt aber auch Fälle, in denen solche Diskussionen Zweifel schüren. Wenn Dinge nach außen dringen und öffentlich breit diskutiert werden, kann das intern den Eindruck verstärken, dass es tatsächlich Probleme gibt. Das kann in beide Richtungen gehen.
Wie sehen Sie grundsätzlich die WM-Chancen der Nationalmannschaft?
Mit 48 Mannschaften fühlt sich das Ganze ein bisschen wie ein großer Pokalwettbewerb an, fast wie ein DFB-Pokal, in dem Teams aus ganz unterschiedlichen Leistungsstufen aufeinandertreffen. Wenn man sich das Teilnehmerfeld anschaut, passt dieser Vergleich vielleicht gut. Die Gruppenphase soll dafür sorgen, dass sich über mehrere Spiele eher die Qualität durchsetzt. Aber spätestens ab der K.o.-Phase – im Grunde ab dem Sechzehntelfinale – kann alles passieren. Das hat man auch bei der EM 2024 gesehen: Rein vom Fußballerischen hätte man Deutschland eher im Halbfinale erwartet, am Ende war gegen Spanien Schluss. Solche Faktoren lassen sich nicht berechnen. Deshalb traue ich der Mannschaft grundsätzlich alles zu, denn die Qualität ist da.
Was wird entscheidend für den Erfolg sein?
Entscheidend wird sein, ob die Mannschaft die Qualität auch konstant auf den Platz bekommt. Nagelsmann hat gerade bei der EM gezeigt, dass er in der Lage ist, einen Kader so zu formen, dass die Leistung auch abgerufen wird. Vor dem Turnier waren die Erwartungen gering, danach war die Stimmung komplett gedreht. Ich hoffe, dass er das wieder so gut steuern kann. Ein Ziel wie das Viertelfinale halte ich für realistisch. Aber wie im Pokal gilt auch hier: Es ist alles möglich, und zwar in beide Richtungen.
"Der Sport wird am Ende trotzdem seine Wirkung entfalten"
Aktuell wirkt die Euphorie eher verhalten, auch wenn noch etwas Zeit bis zum Turnier ist. Was erwarten Sie in dieser Hinsicht rund um Fans, Mannschaft und Bundestrainer?
Im Moment liegt der Fokus noch stark auf dem Tagesgeschäft: die Endphase der Saison, große Spiele wie in der Champions League, das anstehende DFB-Pokalfinale, dazu der Endspurt in Bundesliga und 2. Liga mit Auf- und Abstieg sowie den Europapokalplätzen. Sich da als Fan gedanklich schon voll auf ein Turnier einzulassen, das weit entfernt stattfindet, ist etwas anderes als bei einer Heim-EM. Bei der EM 2024 war die Stimmung durch die Stadien, die Spielorte, die Aktionen im Land früh spürbar. Das lässt sich so nicht vergleichen.
Kommt denn die Euphorie noch?
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Das glaube ich schon. Gleichzeitig wird sie natürlich auch von äußeren Faktoren beeinflusst, durch politische Spannungen, wie wir sie schon bei der WM in Katar gesehen haben, diesmal teilweise noch in einem anderen Ausmaß. Wenn sogar Teilnehmerländer in Konflikten stehen oder es Einschränkungen für Fans gibt, sind das keine einfachen Voraussetzungen. Aber der Sport wird am Ende trotzdem seine Wirkung entfalten. Gerade im Sommer entsteht oft diese besondere Atmosphäre: Man schaut gemeinsam, ob in der Bar, im Garten oder irgendwo anders. Fußball bietet dann auch eine Form von Ausgleich, und daraus kann sich wieder eine gewisse Euphorie entwickeln.
Über die Gesprächspartnerin
- Almuth Schult hat ihre aktive Karriere 2025 beendet. ARD-Expertin ist sie seit 2020. Sie wurde mit dem DFB-Team unter anderem 2014 Europameisterin und 2016 Olympiasiegerin, dazu auf Vereinsebene Champions-League-Siegerin, sechs Mal Meisterin und acht Mal Pokalsiegerin. 2014 wurde die heute 35-Jährige zudem zur Welttorhüterin gewählt.
