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Schröder wird es wohl nicht: Wer könnte mit Putin verhandeln?

Ukraine-Friedensgespräche

Schröder wird es wohl nicht: Wer könnte mit Putin verhandeln?

Aktualisiert am 15.05.2026, 20:16 Uhr Ein Experte spricht darüber, wie sinnvoll ein europäischer Vermittler, im Bezug auf den Russland-Ukraine-Krieg, ist. © IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Mikhail Metzel/Russian Governmen Lesedauer:6 Min. Von Dominik Bardow

Russland hat einen europäischen Vermittler im Ukraine-Krieg ins Spiel gebracht. Das Angebot aus Moskau, Gerhard Schröder könne diese Rolle übernehmen, sorgt aber für Skepsis. Russland-Experte Gerhard Mangott ordnet ein.

Im Russland-Ukraine-Krieg ist weiter keine Lösung in Sicht, weder militärisch noch diplomatisch. Wladimir Putin hat aber zuletzt mit einem Vorschlag für Aufsehen gesorgt.

Nach der jährlichen Moskauer Parade am 9. Mai schlug der russische Präsident Gerhard Schröder als europäischen Vermittler in dem Konflikt vor. Der ehemalige Bundeskanzler äußerte sich nicht, die deutsche Regierung wies den Vorschlag zurück. Er sei unglaubwürdig, solange Russland seine Verhandlungsbedingungen nicht ändert.

Dennoch entbrannte eine Personaldebatte, wer mit Putin reden könne. Auch Ex-Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werden gehandelt. Experte Gerhard Mangott erklärt, ob der Vorschlag ernst gemeint oder nur eine Finte des russischen Präsidenten ist, warum die Altkanzler nicht infrage kommen, aber andere Kandidaten durchaus.

Herr Mangott, Sie haben die Debatte um Gerhard Schröder als möglichen Vermittler zwischen Ukraine und Russland verfolgt. Gab es vorher Überlegungen zu einer solchen Rolle?

Gerhard Mangott: Für die russische Seite ist das neu. Noch vor wenigen Monaten hieß es dort, Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges liefen zwischen den USA und Russland. Europa habe da nichts verloren. Wenn Moskau nun offenbar Gespräche mit der Europäischen Union führen will, ist zunächst Vorsicht geboten: Handelt es sich um eine kommunikative Finte oder ist es ernst gemeint?

Was glauben Sie? Schröder hat ja enge Beziehungen nach Russland.

Es lässt an der Ernsthaftigkeit zweifeln und wirkt provokativ, wenn Putin Schröder vorschlägt. Er kommt nicht infrage. Ein Vermittler braucht das Vertrauen aller Streitparteien, das hat Schröder eindeutig nicht. Er ist vorbelastet, kann nicht als ehrlicher Makler auftreten. Interessanterweise hat Putin zusätzlich gesagt, die Europäer könnten selbst jemanden wählen, dem sie vertrauen und der nichts Abfälliges über Russland gesagt hat. Dieser zweite Satz wurde bisher jedoch kaum beachtet.

Wäre es denn sinnvoll, einen europäischen Vermittler zu benennen?

Wenn es nicht nur eine Finte ist, wäre es vernünftig, dass die EU einen Vertreter einsetzt, der mit der russischen Seite verhandelt. Allerdings sollte das nicht separat von den trilateralen Gesprächen von USA, Russland und Ukraine stattfinden. Die Europäer müssten in dieses Format integriert werden. Parallele oder rivalisierende Prozesse sind für eine Lösungsfindung wenig geeignet.

An der Frontlage ändert sich derzeit wenig – was könnte eine vermittelnde Person bewirken?

Im Ukraine-Krieg gibt es viele wichtige europäische Interessen, über die gesprochen werden muss. Es wäre vernünftig, wenn die EU eine Position direkt gegenüber Russland formulieren kann, mit am Verhandlungstisch sitzt, statt dass die USA oder die Ukraine europäische Positionen übermitteln.

Gibt es Kriterien, die eine Person erfüllen müsste, damit sie als Vermittler infrage kommt?

Ja. Erstens muss die Person mit dem Dossier vertraut sein - ein häufiger Fehler ist, Hauptverhandler zu benennen, die das Thema nicht gut kennen, wie Jared Kushner oder Steve Witkoff bei den USA. Zweitens muss sie das Vertrauen der EU-Mitgliedstaaten genießen, darf aber gleichzeitig nicht auf russischer Seite Misstrauen hervorrufen. Drittens sollte die Person genügend Status haben, ideal wären Regierungschefs oder Außenminister. Persönlich halte ich Pedro Sánchez für geeignet.

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Warum ausgerechnet den spanischen Regierungschef?

Er erfüllt die Kriterien weitgehend, mit einem kleinen Vorbehalt bei der Dossierkenntnis, die aber behebbar wäre. Auch frühere Regierungschefs wie Angela Merkel wären grundsätzlich eine Adresse, doch ist fraglich, ob osteuropäische Staaten ihr das notwendige Vertrauen entgegenbringen würden. Merkel wird teils vorgeworfen, eine zu naive Russlandpolitik verfolgt zu haben.

Spielt nationale Herkunft eine Rolle? In Deutschland werden vor allem Deutsche gehandelt.

Es sollte nicht um den Pass gehen. Ideal wäre kein Vertreter aus dem Russland-aversem Osteuropa, also Baltikum oder Polen, eher ein West- oder Südeuropäer. Die deutsche Fixierung auf deutsche Kandidaten ist eine mediale Eigenheit. Tatsächlich kommen Länder wie Spanien, Portugal oder Italien eher infrage: In Südeuropa werden Sicherheit und Ukraine-Krieg anders wahrgenommen.

Was wäre mit Kaja Kallas? Sie ist immerhin Außenbeauftragte der EU.

Sie wäre eher ungeeignet, als estnische Regierungschefin hat sie sich oft anti-russisch geäußert.

Also doch Schröder? Er hat immerhin die Beziehungen, sie sind auch weitgehend bekannt.

Schröder wiederum ist wegen seiner Reputation und Nähe zu Russland ausgeschlossen. Allein schon, weil Putin ihn vorgeschlagen hat, das macht ihn für Europa politisch untauglich. Hinzu kommt die Frage seiner Verfügbarkeit und gesundheitlichen Belastbarkeit.

Könnte es Motive auf russischer Seite geben, die dieses doch eher überraschende Angebot erklären – etwa innenpolitischer Druck oder militärische Schwierigkeiten?

Die russische Bevölkerung ist sehr kriegsmüde. So viele wie nie zuvor sind für Verhandlungen. Putin könnte Druck verspüren, der ihn treibt, zumindest den Anschein von Gesprächsbereitschaft zu erwecken. Er braucht einen Erfolg - etwas, das er der Bevölkerung und den Eliten verkaufen kann. Wenn die Gespräche unter US-Führung stagnieren, könnten Europäer für Russland als Verhandlungspartner an Bedeutung gewinnen. Die EU würde sich nichts vergeben, wenn sie das Angebot testet: Sollte es nicht ernst gemeint sein oder Russland nicht von Maximal-Forderungen abrücken, kann die EU die Gespräche abbrechen und Moskau die Verantwortung zuschreiben.

Gibt es historische Vorbilder, an denen man sich orientieren könnte, für Formate oder Orte?

Als Format käme ein Verhandlungsteam oder eine Einzelperson infrage. Langfristig wäre ein Prozess ähnlich wie der Helsinki-Prozess in den frühen 1970er-Jahren, als eine Sicherheitsarchitektur verhandelt wurde, die auch Menschenrechtsfragen berücksichtigte. Das wäre aber eher etwas für eine zweite Etappe.

Würde ein US-Präsident Donald Trump überhaupt ein multilaterales Format akzeptieren?

Das ist unsicher. Trump bevorzugt bilaterale, personenzentrierte Formate und möchte oft als alleiniger Deal-Maker dastehen. Ob er einen weiteren Verhandlungspartner im Raum akzeptieren würde, ist fraglich, insbesondere da Beziehungen zu europäischen NATO-Partnern angespannt sind.

Wie sehen die Ukrainer das? Gäbe es aus ihrer Sicht unakzeptable Formate oder Partner?

Es gilt weiter das Prinzip: Nichts über die Ukraine ohne die Ukraine. Solange das aufrechterhalten wird, ist es schwer vorstellbar, dass es EU-Russland-Gespräche ohne ukrainische Beteiligung geben kann. Deswegen wäre es besser, es in die amerikanisch geführten Gespräche zu integrieren, weil dort die Ukraine am Tisch sitzt. Theoretisch könnten Europäer auch ukrainische Vertreter zu Gesprächen mit Russland hinzuziehen, aber der Kreml würde dem wahrscheinlich nicht zustimmen.

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Angenommen, die EU nimmt Putins zweiten Satz ernst und benennt Kandidaten: Wie könnte der Auswahlprozess praktisch aussehen? Bedingungen definieren, eine Liste erstellen?

In Brüssel spricht man seit Jahresbeginn bereits über die Frage, ob es jemanden geben sollte, der mit Russland spricht. Wenn die EU es ernst meint, müsste sie eigentlich schon weit bei der Findung einer geeigneten Person sein. Praktisch könnte die EU ein Mandat definieren und im Konsens oder mit großer Mehrheit einen Verhandlungsführer bestimmen. Die politische Debatte darüber droht allerdings, Gräben aufreißen zu lassen. Manche fürchten, dass dies Putin in die Hände spielt.

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Welche vertrauensbildenden Maßnahmen wären im Vorfeld denkbar, damit Gespräche nicht den Eindruck erwecken, der europäische Verhandler sei über den Tisch gezogen worden?

Gefangenenaustausch oder der Austausch von Gefallenen beider Seiten helfen. Auch eingeschränkte Waffenruhen, etwa das Einstellen gegenseitiger Luftangriffe, könnten sinnvoll sein. Solche Schritte wären weder umfassend noch dauerhaft, könnten aber Vertrauen schaffen. Wichtig ist zu verstehen, dass der Verhandler nicht völlig frei handelt, sondern ein klares Mandat von den EU-Staaten hat. Diese definieren, was verhandelbar ist. Auch wenn es ein europäischer Regierungschef wäre.

Weil sie Pedro Sánchez nannten: Ist das realistisch, wäre das politisch durchsetzbar?

Sánchez hat sich bisher nicht öffentlich positioniert. Nachdem Spanien im Iran-Krieg die USA nicht unterstützt hat, wäre er wohl ein rotes Tuch für Trump. Es gibt wenige Alternativen bei amtierenden Regierungschefs, Belgiens Bart de Wever vielleicht. Insgesamt ist die Personalsuche schwierig, auch auf russischer Seite. Dort ist offenbar ebenfalls offen, wer solche Verhandlungen leiten könnte.

Wie würden Sie erfolgreiche Verhandlungen für einen europäischen Vermittler definieren?

Nur als harter Verhandler aufzutreten und zu scheitern hilft niemandem. Es bedarf eines Ansatzes, der kompromissorientiert ist. Die Russen müssen zudem von Maximalforderungen abrücken. Ihre Option, Gebiete militärisch zu erobern, ist zunehmend eingeschränkt. Ein Erfolg wäre also, wenn man realistische, verhandelbare Ergebnisse erzielt, die Interessen aller Parteien berücksichtigen.

Wie sollten Medien und Öffentlichkeit mit solchen Vermittlungsansätzen umgehen?

Die reflexhafte Ablehnung, eine Initiative sofort als Finte oder Täuschung abzustempeln, macht nicht immer Sinn. Ebenso naiv wäre es zu behaupten, Russland wolle unbedingt Frieden. Man sollte nüchtern bleiben: Es ist möglich, dass hier ein echtes Verhandlungsangebot vorliegt. Diese Chance sollte genutzt werden, zumal die trilateralen Gespräche in einer Sackgasse sind und Europäer nicht am Tisch sitzen. Mich hat überrascht, dass Putins zweiter Satz kaum Beachtung gefunden hat.

Über den Experten

  • Univ.-Prof. Dr. Gerhard Mangott ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck und lehrt zudem an der Diplomatischen Akademie Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind russische Innen- und Außenpolitik, Sicherheit im postsowjetischen Raum und Energiesicherheit.
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