Rene Lau: "Es wird ständig über Fußballfans gesprochen, aber kaum mit ihnen"
Fananwalt Rene Lau: "Es wird immer Menschen geben, die Regeln brechen"
Aktualisiert am 15.05.2026, 17:07 Uhr Polizei beim Fußball – ein bekanntes Bild. © picture alliance/Eibner-Pressefoto/Fabian Friese Lesedauer:7 Min.Wir haben mit Fananwalt Rene Lau über Gewalt im deutschen Fußball, die Rollen der Fans, Polizei und der Politik und mögliche Lösungen gesprochen.
Ein Interview von Andreas ReinersKaum ein Thema wird im deutschen Fußball so emotional diskutiert wie Gewalt, Polizeieinsätze und der Umgang mit Fanszenen. Nach Ausschreitungen rund um Spiele folgen regelmäßig Forderungen nach härteren Maßnahmen, personalisierten Tickets oder strengeren Stadionverboten.
Für viele Anhänger entsteht dabei allerdings der Eindruck, dass ganze Fanszenen unter Generalverdacht gestellt werden, obwohl die tatsächliche Zahl der Problemfälle vergleichsweise gering ist.
Wir haben mit Rene Lau, Fachanwalt für Sportrecht und Strafrecht, gesprochen.
Herr Lau, hat die Gewalt im deutschen Fußball in den vergangenen Jahren zugenommen?
Nein. Die Wahrnehmung ist nicht gleichbedeutend mit der Realität. Man muss zwei Dinge berücksichtigen. Zum einen gibt es die Zahlen der Polizei aus den entsprechenden Berichten. Und die zeigen, dass die Vorfälle zurückgehen. Außerdem weiß man aus der allgemeinen Kriminalstatistik, dass ein erheblicher Teil der Verfahren eingestellt wird oder mit Freispruch endet. Zum anderen fehlt oft die richtige Einordnung. Wenn an einem Spieltag in ein oder zwei Stadien etwas passiert, wird das schnell verallgemeinert. Dabei liegt die Zahl der Problemfälle im Promillebereich. Und dann wird daraus häufig eine generelle Debatte über "die Fans" geführt. Das Problem ist, dass einzelne Vorfälle auf eine gesamte Saison und auf alle Zuschauer übertragen werden. Dabei hat die große Mehrheit damit nichts zu tun.
Mindestens 50 Verletzte Gewalt rund um Zweitligaspiel in Berlin wirft Fragen auf 18. Januar 2026Was dann zu den von den Fans harsch kritisierten Kollektivbestrafungen führt …
Die Maßnahmen, die dann diskutiert werden – etwa personalisierte Tickets oder strengere Stadionverbote – treffen potenziell alle, obwohl nur ein sehr kleiner Teil überhaupt beteiligt ist. Das läuft auf eine Form von Kollektivbestrafung hinaus, die im normalen Rechtssystem so nicht vorgesehen ist. Und selbst bei konkreten Maßnahmen stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit. Da ist meiner Meinung nach viel Populismus dabei.
Darum bringen die Strafen nichts
Warum bringen die Strafen Ihrer Meinung nach nichts?
Die Maßnahmen erreichen weder das Ziel, das Polizei und Innenpolitik vorgeben, noch sind sie in sich wirklich schlüssig. Denn es stellt sich eine entscheidende Frage: Wie hätten solche Instrumente die meisten Vorfälle konkret verhindert? Darauf gibt es keine überzeugende Antwort. Selbst mit personalisierten Tickets wären solche Szenarien aus meiner Sicht nicht verhindert worden.
Warum eskaliert es zwischen Fans und Polizei immer wieder?
Seit der letzten Innenministerkonferenz im Dezember hat sich etwas verändert. Diese Konferenz war aus meiner Sicht ein klarer Rückschlag für die Innenminister. Auch, weil die eigenen Zahlen der Polizei öffentlich diskutiert und eingeordnet wurden. Und genau danach fällt auf, dass die Polizei in manchen Situationen weniger deeskaliert und stattdessen häufiger eskalierend auftritt. Der Eindruck entsteht zumindest, dass dadurch wieder neue Zahlen produziert werden sollen. Denn die bisherigen Statistiken wurden von Fans und Öffentlichkeit kritisch hinterfragt, und das war für Innenpolitik und Polizei nicht unbedingt günstig. Wenn die Zahlen dann wieder steigen, hat man wiederum Argumente für härtere Maßnahmen.
Trägt die Polizei aus Ihrer Sicht also die größere Verantwortung?
Auf jeden Fall. Die Polizei ist der einzige Akteur in unserer Gesellschaft, der das Gewaltmonopol hat. Sie ist gesetzlich dazu befugt, Gewalt auszuüben, und genau daraus ergibt sich automatisch eine besondere Verantwortung. Jeder Polizeibeamte, egal ob auf der Straße oder im Stadion, trägt mehr Verantwortung als die Personen, die ihm gegenüberstehen. Wer das Gewaltmonopol hat, muss auch entsprechend verantwortungsvoll damit umgehen.
Kolumne Fan-Zoff um Stadionsicherheit Demokratie endet nicht am Drehkreuz 14. November 2025 von Pit GottschalkFanhilfen kritisieren immer wieder Maßnahmen wie stundenlanges Festhalten von Anhängern. Wo beginnt das rechtlich problematisch zu werden?
Das wird immer dann problematisch, wenn Grundrechte und Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Ein einfaches Beispiel: Du kommst als Auswärtsfan am Bahnhof an, und die Polizei sagt, da stehen Shuttlebusse, ihr müsst jetzt direkt einsteigen und werdet zum Stadion gebracht. Wenn du dann sagst, du willst mit ein paar Freunden noch in die Innenstadt, etwas trinken und später selbstständig zum Stadion gehen, und dir wird das untersagt, dann ist das so ein Punkt. Die Frage ist ja: Auf welcher Grundlage passiert das? Warum soll von diesen Personen automatisch eine Gefahr ausgehen? Wer definiert das? Solche pauschalen Maßnahmen würden in anderen Kontexten – etwa bei normalen Touristen – kaum durchgesetzt werden.
Grundsätzlich keine Fehler bei den Fans?
Was machen die Fans im Umgang mit der Polizei falsch?
In solchen Fällen gar nichts. Es gibt ja keine individuelle Begründung. Es wird nicht gesagt, dass jemand bereits auffällig geworden ist oder dass konkrete Hinweise vorliegen. Stattdessen werden alle pauschal gleich behandelt, weil sie als Fans anreisen. Die bloße Zugehörigkeit zu einer Fangruppe reicht schon aus, um als potenzielles Risiko wahrgenommen zu werden. Ein Unterschied besteht dann, wenn es konkrete Straftaten gibt und die Polizei sagt, aus einer bestimmten Gruppe könnten Beteiligte stammen. Dann sind Maßnahmen wie Identitätsfeststellungen zumindest begründbar.
Wo sehen Sie denn sonst Fehler bei den Anhängern?
Ich sehe grundsätzlich keine Fehler bei den Fans. Was sollen Fans denn anders machen, als ihren Verein zu unterstützen? Das ist ja ihr Zweck.
Aber es gibt ja Anhänger, die Probleme machen, die Straftaten begehen. Die machen ja fraglos Fehler.
Aber das ist eine sehr kleine Gruppe im Verhältnis zu den vielen Tausenden, teilweise Hunderttausenden Menschen, die jedes Wochenende ins Stadion gehen. Und diese wenigen muss man dann auch genau betrachten und fragen, warum sie sich in bestimmten Situationen so verhalten. Man darf dabei nicht vergessen: Fußball ist ein gesellschaftlicher Raum. Wenn 50.000 bis 70.000 Menschen über mehrere Stunden zusammenkommen, wird es immer auch Vorfälle geben.
Heißt das im Umkehrschluss, dass solche Vorfälle nie ganz zu verhindern sind und man damit leben muss, dass es immer wieder zu Ausschreitungen kommt?
Genau. Beleidigungen, kleinere Auseinandersetzungen, auch körperliche Übergriffe wird es immer geben, allein durch die Masse an Menschen. Das ist keine Besonderheit des Fußballs, sondern ein Abbild der Gesellschaft. Die Vorstellung, dass man einen Zustand erreicht, in dem überhaupt nichts passiert, ist schlicht unrealistisch. Es wird immer Menschen geben, die Regeln brechen. Das heißt nicht, dass man das gutheißen soll. Wenn Straftaten begangen werden, müssen sie verfolgt und aufgeklärt werden – das ist völlig klar. Aber man kann nicht erwarten, dass bei Veranstaltungen dieser Größenordnung ein komplett "strafenfreier Raum" entsteht.
Verletzte und Festnahmen Fans liefern sich Massenschlägerei vor Bayern-Spiel vor 25 TagenDie Frage nach dem Idealzustand
Zu versuchen, die Zahl der Vorfälle auf null zu setzen, ist also der falsche Ansatz?
Ja. Und genau da stellt sich die entscheidende Frage: Welchen Idealzustand wollen Politik und Behörden eigentlich erreichen? Einen Zustand ohne jegliche Vorfälle wird es nicht geben. Und solange das Ziel nicht klar definiert ist, bleibt die Forderung nach immer mehr Maßnahmen schwer nachvollziehbar.
Was müsste die Politik denn anders machen? Mehr auf Fans zugehen, mehr den Dialog suchen?
Das ist ein grundsätzliches Problem: Es wird ständig über Fußballfans gesprochen, aber kaum mit ihnen. Ob ein echter Dialog am Ende Lösungen bringt, kann ich nicht garantieren. Die Fanszene ist heterogen, da gibt es nicht die eine Meinung. Aber man könnte es zumindest versuchen.
Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Ihr Job?
Mein Job hat im Grunde zwei Seiten. Zum einen betreibe ich ganz klar Interessenvertretung für Fanrechte. Das ist für mich keine Frage. Ich bin selbst seit meiner Kindheit Fußballfan und sehe es als meine Aufgabe, mich politisch für die Belange von Fans einzusetzen, auch mit Augenmaß. Das heißt auch, dass ich Fangruppen intern durchaus kritisch begleite und Dinge anspreche, die ich für problematisch halte. Die zweite Seite ist meine juristische Arbeit. Als Fachanwalt für Sportrecht und Strafrecht bin ich als Strafverteidiger tätig. Wenn es zu Verfahren kommt und sich Betroffene an mich wenden, dann übernehme ich ihre Verteidigung.
Wie erleben Sie Fans, die etwas falsch gemacht haben? Sind die reflektiert oder selbstkritisch und übernehmen Verantwortung?
Ja, das sind sie in der Regel. Wichtig ist: Ich verteidige nicht die Tat, sondern die Person. Auch wenn der Vorwurf schwer wiegt, mache ich mir die Tat nicht zu eigen, sondern sorge dafür, dass die betroffene Person alle Rechte bekommt, die ihr zustehen. Und in dieser Situation ist es häufig so, dass viele sehr reflektiert sind. Gerade dann, wenn sie mit möglichen Konsequenzen konfrontiert werden, wird ihnen oft erst bewusst, was passiert ist. Oft spielen Emotionen eine große Rolle – aufgeheizte Situationen, Gruppendynamik, manchmal auch Alkohol. Dann kommt es vor, dass jemand Dinge tut, die nicht seinem eigentlichen Verhalten entsprechen. Und im Nachgang setzen sich viele damit auseinander, was sie getan haben und welche Folgen das haben kann.
Eine Haltung, die auf Unverständnis stößt
Fehlt diese Reflexion auf der anderen Seite – also bei der Polizei?
Der Eindruck ist, dass ein Stück weit Reflexion fehlt. Die einfache Gegenfrage ist ja: Wann hat zuletzt ein Polizeidirektor oder ein Einsatzleiter öffentlich gesagt, dass bei einem Einsatz Fehler gemacht wurden? Dass man das intern aufarbeiten will oder sich vielleicht sogar bei Betroffenen entschuldigt? Solche Fälle sind zumindest selten öffentlich wahrnehmbar. Dabei könnte man sagen: Einzelne Beamte haben in der konkreten Lage falsch reagiert, das wird intern aufgearbeitet, und wir entschuldigen uns bei den Betroffenen. Das wäre ein Zeichen von Größe. Stattdessen entsteht nach außen oft das Bild, dass Polizei und Innenpolitik grundsätzlich fehlerfrei agieren. Und genau diese Haltung sorgt für Unverständnis.
Glauben Sie, dass sich daran künftig etwas ändern wird? Dass Polizei und Fans stärker aufeinander zugehen?
Die Polizei müsste stärker auf die Fans zugehen und den Austausch suchen. Dazu gehört auch, in bestimmten Situationen wieder konsequenter auf Deeskalation zu setzen und im Zweifel auch öffentlich Fehler einzugestehen. So wie die Situation aktuell ist, fällt es mir schwer, daran zu glauben. Wünschen würde ich es mir aber.
Hertha-Fanhilfe meldet Zahlreiche verletzte Anhänger bei Topspiel 17. Januar 2026Es gibt das Klischee, dass es im Osten enthemmter zugeht, oft wird dabei Hansa Rostock genannt. Was ist da dran?
Das kann ich so pauschal nicht bestätigen. Ich sehe eher, dass sich bei bestimmten Vereinen im Osten über Jahrzehnte wenig verändert hat. Klubs wie Dynamo Dresden oder Hansa Rostock hatten schon zu DDR-Zeiten eine enorme Fanbasis und eine sehr ausgeprägte Fankultur. Vielleicht ist diese Identifikation in Teilen noch intensiver ausgeprägt als anderswo. Dass das im Westen manchmal mit Verwunderung betrachtet wird, kann man zur Kenntnis nehmen. Aber im Kern handelt es sich um gewachsene Strukturen und keine neue Entwicklung.
Sehen Sie es nicht so, dass sich diese Fankultur im Osten eher in Gewalt äußert als im Westen?
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Dass es dort grundsätzlich mehr Gewalt gibt als im Westen, sehe ich nicht. Dass es punktuell auch zu Gewalt kommt, hängt aus meiner Sicht oft mit der Größe dieser Fanbewegungen zusammen. Wenn mehrere tausend Fans zu Auswärtsspielen reisen, ist die Wahrscheinlichkeit für Zwischenfälle allein statistisch höher als bei kleineren Gruppen. Das heißt aber nicht, dass diese Fanszenen per se gewalttätiger sind. Sie fallen stärker auf, weil sie größer sind und dadurch auch sichtbarer.
Über den Gesprächspartner
- Rene Lau wurde 1965 in Berlin geboren und vertritt als sogenannter "Fananwalt" Anhänger aus dem Fußball, Eishockey und Basketball – sowohl im Strafrecht als auch in zivilrechtlichen Verfahren. Dabei geht es unter anderem um Stadionverbotsverfahren.
