Verbrauchermagazin24

Nehmen Sie Kontakt auf

Rechnung von AfD-Politiker ist irreführend

Faktencheck Ukraine-Kredit vs. Renten

Rechnung von AfD-Politiker ist irreführend

Aktualisiert am 11.05.2026, 19:03 Uhr Petr Bystron hat sich etwas verkalkuliert (Archivbild aus einer Bundestagssitzung im Juni 2024). © IMAGO/dts Nachrichtenagentur Lesedauer:4 Min.

AfD-Politiker Petr Bystron hat auf X behauptet, mit den 90 Milliarden für die Ukraine könnten die Renten in Deutschland um 24 Prozent angehoben werden. Seine Rechnung dazu ist irreführend, denn das Geld für die Ukraine ist ein Darlehen der EU.

Ein Faktencheck von CORRECTIV.Faktencheck - Fakten für die Demokratie Paulina Thom

Behauptung

  • Mit den 90 Milliarden Euro Unterstützung für die Ukraine ließen sich die laufenden Rentenzahlungen in Deutschland um 24 Prozent erhöhen.

Bewertung: Fehlender Kontext.

  • Die Rechnung an sich stimmt. Doch bei den 90 Milliarden Euro für die Ukraine handelt es sich um ein Darlehen für 2026 und 2027, das durch die EU – und nicht durch Deutschland allein – finanziert wird.

Dass Bundeskanzler Friedrich Merz die gesetzliche Rente als "Basisabsicherung" bezeichnete, hat für Irritation und Kritik gesorgt. Der AfD-Politiker und EU-Abgeordnete Petr Bystron stellt inmitten der Debatte Ende April auf X eine irreführende Rechnung auf.

Er habe die KI Grok gefragt: "Um wieviel Prozent könnten wir die Renten in Deutschland erhöhen mit den 90 Milliarden, die wir gerade in die Ukraine geschickt haben?" Bystron bezieht sich darauf, dass die EU im April 2026 nach einer monatelangen Blockade durch Ungarn ein Unterstützungspaket für die Ukraine freigab. Die Antwort von Grok sei gewesen: mit zusätzlichen 90 Milliarden Euro pro Jahr ließe sich die Rente hierzulande um rund 24 Prozent erhöhen.

Doch Bystrons Gegenüberstellung ist aus mehreren Gründen nicht sinnvoll: Bei dem Geld für die Ukraine handelt es sich um ein von der EU finanziertes Darlehen – keine Direktzahlung aus Deutschland. Die 90 Milliarden Euro durch das Darlehen werden zudem über zwei Jahre gewährt.

Ukraine-Kredit beträgt je 45 Milliarden für zwei Jahre und wird über die EU finanziert

Wie genau die Rechnung der KI Grok aussieht, hat Bystron – auch auf unsere Nachfrage hin – nicht erklärt. Womöglich haben die KI oder Bystron selbst den Anteil von 90 Milliarden an den Gesamtausgaben der Rente, 2025 waren das etwa 380 Milliarden, berechnet. So kommt man auf etwa 24 Prozent.

Eine der Grundvoraussetzungen der Rechnung ist jedoch falsch: Bystron erweckt den Eindruck, dass aktuell 90 Milliarden Euro aus Deutschland direkt in die Ukraine fließen würden, die stattdessen für die Rente verwendet werden könnten. Das stimmt nicht.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 hat Deutschland laut Bundesregierung rund 41 Milliarden Euro bilaterale zivile Unterstützung für die Ukraine geleistet. Hinzu kommen 55,5 Milliarden Euro für militärische Unterstützung, die entweder schon geflossen oder für die kommenden Jahre bereitgestellt wurden.

Die 90 Milliarden Euro, von denen Bystron spricht, sind ein zinsfreies Darlehen für die Ukraine, das der EU-Rat im April finalisiert hat. Die Auszahlungen können demnach wahrscheinlich im zweiten Quartal 2026 beginnen. Das Unterstützungsdarlehen bezieht sich auf die Jahre 2026 und 2027, es geht also um eine jährliche Summe von 45 Milliarden Euro.

Rentenniveau Diese Jahrgänge bekommen die niedrigste Rente vor 14 Stunden

Ukraine muss das Darlehen nur zurückzahlen, sollte Russland Reparationszahlungen leisten

Das Darlehen für die Ukraine wird nicht direkt durch den EU-Haushalt, sondern durch EU-Anleihen auf den Kapitalmärkten finanziert und durch den Haushalt abgesichert. Aus dem EU-Haushalt werden die Zinsen für diese Anleihen und andere damit verbundene Kosten beglichen.

Die Ukraine muss das Darlehen – ohne Zinsen – nur zurückzahlen, sollte Russland nach Ende des Krieges Reparationszahlungen leisten. Alternativ plant die EU eingefrorene russische Vermögenswerte für die Rückzahlung des Darlehens zu verwenden.

An dem Darlehen beteiligt sind neben Deutschland 23 weitere Mitgliedstaaten – Ungarn, Tschechien und die Slowakei finanzieren das Darlehen nicht mit. Der Ukraine-Kredit wurde bereits im Dezember 2025 bei einem EU-Gipfel auf den Weg gebracht.

Zinsen für Ukraine-Kredit könnten die Mitgliedsstaaten laut EU ab 2028 rund drei Milliarden Euro pro Jahr kosten

Was die Kosten betrifft, die für die Mitgliedsstaaten in Zukunft anfallen würden: Anfang Februar 2026 bezifferte der EU-Kommissar für Haushalt Piotr Serafin die Zins- und Tilgungszahlungen ("Schuldendienstlast") für 2027 auf rund eine Milliarde Euro, ab 2028 würden rund drei Milliarden Euro pro Jahr anfallen. Berechnungen der Deutschen Presse-Agentur zeigen: Deutschland würde demnach ab 2028 rund 700 Millionen Euro jährlich beitragen.

Empfehlungen der Redaktion

  • "Es ist lukrativ, ein dreister Vermieter in Berlin zu sein"
  • Kassen: Pflegeversicherung braucht mehr Geld
  • Söder fordert Einsparungen beim Bürgergeld

Abgesehen davon: Durch Bystrons Rechnung wären die Renten nur für ein Jahr erhöht, die Kosten würden sich aber fortsetzen. Pressesprecher Dirk Manthey von der Rentenversicherung schreibt dazu auf Anfrage: "Einerseits durch die jährlichen Rentenanpassungen und andererseits durch die in den kommenden Jahren zu erwartende Zunahme an Rentenbeziehenden (Stichwort 'Babyboomer')." Zudem gebe es für eine solche einmalige Rentenerhöhung keine gesetzliche Grundlage.

Petr Bystron antwortete nicht auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck. Bystron war von 2017 bis 2024 Bundestagsabgeordneter und zog 2024 ins Europäische Parlament ein. Gegen ihn wird wegen Betrugs und wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Bestechlichkeit ermittelt. Mehrfach wurde seine Immunität aufgehoben, zuletzt im Februar 2026. Bystron wird vorgeworfen, eine fünfstellige Summe an Bargeld vom prorussischen Portal "Voice of Europe" erhalten zu haben, um im Bundestag im Sinne Russlands zu agieren. Bystron hat die Vorwürfe zurückgewiesen, die Ermittlungen dauern an.

Über CORRECTIV

  • CORRECTIV ist ein gemeinwohlorientiertes und vielfach ausgezeichnetes Medienhaus. Die investigativen Journalisten recherchieren langfristig zu Missständen in der Gesellschaft, wie dem Cum-Ex-Steuerraub oder illegaler Parteifinanzierung.
  • Eine eigene Faktencheck-Redaktion - CORRECTIV.Faktencheck - überprüft irreführende Behauptungen und Gerüchte in den sozialen Medien. Die Faktenchecker erklären, wie Falschmeldungen unsere Wahrnehmung beeinflussen und wie Sie sich vor gezielten Falschmeldungen schützen können.
  • Immer freitags erhalten Sie die neuesten Faktenchecks zu Gerüchten im Netz direkt auf WhatsApp.
  • Abonnieren Sie auch den CORRECTIV WhatsApp-Kanal für die neuesten Faktenchecks.
  • Wenn Sie auf mögliche Falschmeldungen oder Gerüchte stoßen, können Sie diese CORRECTIV.Faktencheck zur Überprüfung schicken — entweder über den CrowdNewsroom oder über WhatsApp an die +49-151-17535184.

Verwendete Quellen

  • x.com: Archivierter X-Post von Petr Bystron
  • tagesschau.de: EU gibt Milliarden-Hilfen für Ukraine frei
  • deutsche-rentenversicherung.de: Kennzahlen der Finanzentwicklung
  • bundesregierung.de: Bilaterale Unterstützungsleistungen der Bundesregierung für die Ukraine und Menschen aus der Ukraine (PDF)
  • consilium.europa.eu: Rat finalisiert 90 Mrd. €-Darlehen zur Unterstützung der Ukraine
  • eur-lex.europa.eu: Amtsblatt der Europäischen Union 2026/467 (PDF)
  • tagesschau.de: Die EU geht einen anderen Weg als geplant
  • europarl.europa.eu: Unterstützung der Ukraine durch die EU für den Zeitraum 2026-2027 (PDF)
  • deutschlandfunk.de: Milliardenbelastung offenbar auch für Deutschland zu erwarten
  • deutschlandfunk.de: Welchen Einfluss haben prorussische Propagandaportale?
Feedback an die Redaktion