Psychologin erzählt von Fall, der sie bis heute bewegt
Psychologin erzählt von Fall, der sie bis heute bewegt
Aktualisiert am 15.05.2026, 10:04 Uhr "krisenchat" fungiert als niedrigschwellige Ersthilfe in akuten Krisensituationen. (Symbolbild) © Getty Images/kieferpix Lesedauer:7 Min.Bei "krisenchat" melden sich Kinder und junge Erwachsene in Notsituationen. Psychologin Kate Becker begleitet sie – auch bei Suizidgedanken. Warum sie sich trotzdem nicht als Lebensretterin sieht.
Ein Interview von Alina LinggEs sind Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene, die nicht mehr weiterwissen. Die Probleme zu Hause haben, überfordert sind oder gar Suizidpläne in die Tat umsetzen wollen. Menschen, für die im Moment alles aussichtslos erscheint und die niemanden im Umfeld haben, an den sie sich wenden wollen oder können.
Bei "krisenchat" finden sie rund um die Uhr jemanden, der ihnen zuhört und zurückschreibt. Das digitale Beratungsangebot unterstützt junge Menschen bis 25 Jahre kostenlos und vertraulich via Chat. Am anderen Ende sitzen Fachkräfte mit psychologischem, pädagogischem oder therapeutischem Hintergrund, die in akuten Krisensituationen psychosoziale Ersthilfe leisten.
Eine von ihnen ist Kate Becker. Die 26-jährige Psychologin arbeitet seit rund fünf Jahren bei "krisenchat" – zunächst ehrenamtlich, danach in der Rufbereitschaft, heute im Beratungsteam und als Teamleitung. Im Interview erzählt sie, wie es sich anfühlt, mit Menschen zu schreiben, die keinen Ausweg mehr sehen, und welcher Fall sie bis heute nicht loslässt.
Frau Becker, warum vertrauen sich viele junge Menschen eher einem Chat als ihrem Umfeld an?
Kate Becker: Den jungen Menschen fällt es dabei oft leichter, sich zu öffnen, weil sie keine direkte Reaktion ihres Gegenübers sehen und anonym bleiben können. Für die allermeisten ist das der erste Schritt überhaupt, über ihre Gefühle zu sprechen: 70 Prozent der Menschen, die sich bei uns melden, haben vorher noch mit niemandem über ihr Problem gesprochen. Gerade bei Scham oder Angst ist Schreiben oft einfacher als ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Manche nutzen das später dann als Brücke, um sich im echten Leben jemandem anzuvertrauen.
Gleichzeitig fehlen Mimik und Gestik. Ist das auch ein Nachteil?
Auf jeden Fall. Wir sehen die Person nicht und wissen oft nicht genau, wie die Situation wirklich aussieht. Deshalb müssen wir Fragen stellen, damit wir möglichst viele Informationen erhalten. Und wir müssen vor allem vertrauen und glauben, was die Person uns schildert. Prüfen können wir es nicht, ihre Worte sind unsere einzige Informationsquelle.
Gewalt an Männern Telefonist des Männerhilfetelefons: "Das geht nicht spurlos an dir vorbei" 25. September 2025 von Alina LinggMit welchen Problemen melden sich die Hilfesuchenden bei Ihnen?
Eine Krise definieren wir nicht eng – das kann alles Mögliche sein: Überforderung im Privaten oder in der Schule, familiäre Konflikte, eine Person, die in der Schule eine schlechte Note bekommen hat und sich deshalb nicht mehr nach Hause traut. Es kann aber auch eine Person sein, die Suizidgedanken hat, der alles zu viel wird und die eine akute Gefahrensituation schildert. Grundsätzlich sind die fünf häufigsten Themen diese: Suizidalität, der Wunsch nach psychosozialer Anbindung, selbstverletzendes Verhalten, Stress und Überforderung sowie familiäre Konflikte. Hinter diesen Begriffen steckt aber immer etwas sehr Individuelles. Familiäre Konflikte können etwa ein Streit unter Geschwistern sein, aber auch häusliche Gewalt, wobei wir diese nochmal separat erfassen und durch unsere Fachteams beobachten.
Wie startet ein Gespräch, wenn jemand sich zum ersten Mal meldet?
Zu Beginn fragen wir nach dem Vornamen, Alter und der Geschlechtsidentität, damit wir wissen, wie wir die Person ansprechen können und in welchem Lebenskontext sie steckt. Denn mit einer Zehnjährigen spricht man natürlich anders als mit einer Zwanzigjährigen. Dann schaffen wir eine vertrauliche Atmosphäre und erklären transparent unser Angebot und dessen Grenzen. Denn viele wissen nicht, wie sie anfangen sollen oder fragen sich, ob sie uns wirklich trauen können.
"Manche wollen einfach nur jemanden haben, der wirklich zuhört."
Und dann?
Dann geht es darum zu verstehen: Was belastet die Person? Seit wann? Was wünscht sie sich gerade? Was braucht sie? Manche wollen einfach nur jemanden haben, der wirklich zuhört, andere suchen konkrete Hilfe oder Strategien. Uns ist dabei wichtig, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wir geben eher selten direkte Ratschläge, sondern schauen gemeinsam: Welche Möglichkeiten gibt es? Was hat der Person früher geholfen? Welche Ressourcen sind schon da? Wie können wir die Situation ein Stück weit besser machen? Außerdem klären wir sie, insofern passend, über ihre Rechte auf und benennen das Unrecht, das ihnen widerfährt. Wir geben manchmal auch konkrete Übungen an die Hand, zum Beispiel solche, die gegen Stress und Panik helfen. Das kommt natürlich immer darauf an, in welcher Situation die Personen sind und was für Bedürfnisse sie haben. Im Schnitt dauert ein Chat etwa eine Stunde. Das hat sich als sinnvoll herausgestellt – länger wird es oft sehr anstrengend für die Ratsuchenden.
Nach dieser Stunde vermitteln Sie sie weiter an andere Hilfsangebote, wenn nötig.
Ja, das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das kann niedrigschwellig sein: Wir können die Person etwa ermutigen, auf eine Vertrauenslehrkraft oder die Eltern zuzugehen. Wir können sie aber auch auf Fachberatungsstellen, Psychotherapie, den sozialpsychiatrischen Dienst oder andere konkrete Hilfen vor Ort hinweisen. Wichtig ist: Wir wollen nicht, dass Menschen dauerhaft auf "krisenchat" angewiesen sind. Ziel ist immer, sie langfristig an Unterstützung in ihrem Umfeld anzubinden.
Was passiert bei besonders akuten Fällen wie Suizidalität?
Da arbeiten wir viel mit Rücksprache von Kolleginnen und Kollegen und dem Vier-Augen-Prinzip. Weil wir die Person nicht sehen und nie alles wissen, fragen wir außerdem sehr konkret nach: Wie akut sind die Gedanken? Gibt es einen Plan? Sind andere Personen in der Nähe? Was braucht die Person gerade? Oft hilft es schon, offen darüber zu sprechen und transparent mit der hilfesuchenden Person im Austausch zu sein. Wir nutzen auch Skalierungsfragen: Wie stark sind die Suizidgedanken gerade von eins bis zehn? Was bedeutet die Zahl acht für dich in Worten? Was brauchst du, um auf eine sieben zu kommen?
Interview Nach über tausend Telefonaten Ein Heimwegbegleiter erzählt: "Auch mir zittern immer wieder danach die Hände" 06. April 2025 von Malina KöhnUnd wenn alles nichts hilft und es um Leben und Tod gehen könnte?
Wenn nötig, können wir immer unsere Rufbereitschaft einbeziehen, ein Team aus entsprechend geschulten Psychologinnen und Psychologen. In sehr akuten Situationen kann ein Polizei- oder Rettungseinsatz notwendig werden – aber auch das kommunizieren wir im Chat transparent. Das heißt, wir entscheiden nichts heimlich über die Köpfe der Personen hinweg. Davor versuchen wir aber immer, die Person dabei zu unterstützen, selbst Hilfe anzunehmen. Das ist oft schneller und auch empowernder, als gegen ihren Willen Hilfe zu schicken.
Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, ein sehr junges Mädchen, das sich aufgrund körperlicher und sexualisierter Gewalt mehrfach bei uns gemeldet hat. Schritt für Schritt haben wir darüber gesprochen, was passiert, welche Rechte sie hat und welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Eines Tages schrieb sie, dass sie weggelaufen sei und nicht weiter wisse. Am Ende hat sie es geschafft, selbst den Rettungsdienst anzurufen. Ich habe sie bis zum Eintreffen der Rettungskräfte begleitet. Später meldete sie sich noch einmal und berichtete, dass sie nun langfristig in Sicherheit sei. Das war sehr bewegend, weil man sehen konnte, wie viel Kraft und Mut in jungen Menschen steckt.
"Wir erreichen Personen, die sonst total durch das System fallen würden. Wir sind oft deren einzige Möglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen."
Diese Arbeit muss belastend sein.
Natürlich sind das intensive Themen. Aber wir haben regelmäßige Fallbesprechungen und Supervision. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen hilft enorm. Natürlich gibt es Chats, die nachwirken oder bei denen man kein gutes Gefühl hat. Aber es gibt auch viele schöne Rückmeldungen oder Danksagungen, die zeigen, dass die Gespräche etwas bewirken können. Ich fokussiere mich eher auf die Chance: Wir erreichen Personen, die sonst total durch das System fallen würden. Wir sind oft deren einzige Möglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen.
Würden Sie sich als Lebensretterin bezeichnen?
Nein. Wir geben nur Anstöße und leisten vor allem Hilfe zur Selbsthilfe. Bedeutet: Die Person rettet ihr eigenes Leben, wir begleiten sie höchstens dabei. Es beeindruckt mich sehr, was die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen leisten. Sich überhaupt Hilfe zu suchen und für sich einzustehen, obwohl alles aussichtslos erscheint, erfordert eine riesige Stärke. Das motiviert mich sehr.
"Oft reicht es schon, den ersten Schritt überhaupt zu wagen."
Wieso richtet sich "krisenchat" nur an Menschen bis 25?
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Weil es für diese Altersgruppe kaum vergleichbare Angebote gibt und junge Menschen besonders vulnerabel sind. Viele psychische Belastungen beginnen schon früh. Wenn man früh Unterstützung bekommt, kann das langfristig sehr viel verhindern. Außerdem beschäftigen junge Menschen oft ähnliche Themen: Schule, Ausbildung, Familie, erste Selbstständigkeit. Darauf haben wir uns spezialisiert. Grundsätzlich müsste die Versorgungslandschaft im Gesundheitssystem aber deutlich besser sein. Es ist nachvollziehbar, dass es frustrierend ist, wenn wir Personen über 25 Jahren weitervermitteln müssen. Wir lassen sie natürlich aber nicht ganz allein, sondern verweisen auf alternative Angebote.
Was würden Sie jungen Menschen sagen, die noch zögern, Hilfe zu suchen?
Sie sollen sich keinen Druck machen, aber sie sollen wissen: Es gibt Angebote wie unseres, bei denen sie mit jedem Anliegen willkommen sind. Viele sind sich unsicher, ob ihr Problem ausreichen würde, um sich bei uns zu melden. Viele wissen nicht, ob eine Beratung im Chat das Richtige für sie ist. Aber: Sie können ausprobieren, wie sich das für sie anfühlt, jederzeit abbrechen und selbst entscheiden, wie viel sie erzählen möchten. Gerade ein Chat kann ein niedrigschwelliger erster Schritt sein. Man muss nicht sofort alles offenlegen. Oft reicht es schon, den ersten Schritt überhaupt zu wagen.
Hilfsangebote
- Wenn Sie oder eine Ihnen nahestehende Person von Suizid-Gedanken betroffen sind, wenden Sie sich bitte an die Telefon-Seelsorge unter der Telefonnummer 0800/1110-111 (Deutschland), 142 (Österreich), 143 (Schweiz).
- Anlaufstellen für verschiedene Krisensituationen im Überblick finden Sie hier.
Über die Gesprächspartnerin
- Kate Becker (26) ist Psychologin und arbeitet seit rund fünf Jahren bei "krisenchat" – zunächst ehrenamtlich, heute im Beratungsteam und als Teamleitung.
Über "krisenchat"
- "krisenchat" ist ein kostenloses, vertrauliches und digitales Beratungsangebot, das Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahre rund um die Uhr psychosoziale Ersthilfe in akuten Krisensituationen bietet.
- Das gemeinnützige Unternehmen besteht aus rund 120 Angestellten und über 450 Ehrenamtlichen. Neben Deutsch wird die Beratung auch auf Ukrainisch und Russisch angeboten.
