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Opa war ein Nazi – wie geht man als Familie damit um?

Analyse Aufarbeitung

Opa war ein Nazi – wie geht man als Familie damit um?

Aktualisiert am 15.05.2026, 10:05 Uhr Viele Familien sprechen bis heute kaum darüber, welche Rolle Angehörige während der NS-Zeit gespielt haben. Neue Funde in der NSDAP-Mitgliederkartei bringen alte Fragen zurück. © picture alliance/SZ Photo/Scherl Lesedauer:4 Min.

Wer in der NSDAP-Mitgliederkartei fündig wird, steht oft vor vielen Fragen – auch vor der nach dem richtigen Umgang mit der neuen Familiengeschichte.

Eine Analyse von Lena Vanessa Müssig Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Lena Vanessa Müssig sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Die öffentlich einsehbare NSDAP-Mitgliederkartei im US-Nationalarchiv macht es einfacher denn je, Hinweise auf eine Frage zu erhalten, die viele beschäftigt – und viele lieber verdrängen: Wie standen die eigenen Vorfahren zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)? Dass der Zugriff auf das rund zwölf Millionen Karteikarten umfassende Online-Archiv anfangs wegen überlasteter Server temporär unterbrochen war, zeigt: Der Wunsch nach Klarheit ist 80 Jahre nach der Zeit des NS-Regimes bei vielen groß.

Medien wie die "Zeit" und zuletzt der "Spiegel" haben die Suche in den Archiven noch einmal durch entsprechende Datenbanken erleichtert, weitere Informationen können auf Antrag beim Bundesarchiv eingesehen werden. Es ist also einfacher denn je, an die Informationen zu kommen – einfach im moralischen Sinne ist die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte für viele aber nicht, wenn ein Treffer in der Datenbank ein neues Kapitel hinzufügt.

Plötzlich liegt auf dem Tisch, was in vielen Familien jahrzehntelang totgeschwiegen, verdrängt oder geleugnet wurde – und wirft Fragen auf. Die meisten der 8,5 Millionen Parteimitglieder, die im Jahr 1945 der NSDAP angehörten, sind mittlerweile verstorben. Wem kann man sie also stellen? Zum Beispiel zu den Beweggründen für den Parteieintritt: War es Angst, Opportunismus oder Überzeugung? Wie kann es sein, dass der geliebte Großvater vielleicht ein überzeugter Nationalsozialist war?

Sollte man einen Treffer im Archiv in der Familie also ansprechen? "Unbedingt", sagt der Psychologe Christian Schubert. Er sieht in der Aufarbeitung eine große Chance – für ein besseres Verständnis für die eigene Entfaltung und für tiefere und authentischere Beziehungen innerhalb der Familie. Und auch für eine reifere Gesellschaft.

Transgenerationale Weitergabe – wenn Scham, Schuld und Trauma übertragen werden

Denn: Nicht aufgearbeitete Themen können – ohne dass sie jemals angesprochen wurden – von einer Generation zur nächsten übergehen. Dieses Phänomen wird als transgenerationale Weitergabe bezeichnet und kann sich in scheinbar unerklärlichen emotionalen Zuständen wie Ängsten oder bestimmten Verhaltensmustern äußern, die sich wie ein roter Faden durch Generationen ziehen können. Spuren in der Seele können auch Spuren in der Regulation unserer Gene hinterlassen. Stichwort Epigenetik.

Epigenetik Der Schrecken und sein mögliches Erbe 07. November 2023 von Peter Spork (RiffReporter)

"Wir haben in der Gesellschaft Mechanismen, die, wenn sie nicht benannt und aufgearbeitet werden, das Risiko haben, in einem anderen Gewand wiederzukommen", so Schubert. Um diese transgenerationale Weitergabe zu beenden, müsse das Gespräch in der Familie gesucht werden – auch wenn es unbequem ist. Dass der Staat Nachfahren Zugang zu den Archiven gewährt, sei daher richtig und wichtig. Dass man von staatlicher Seite aber keine Informationen erhalten, wie mit ihnen umgegangen werden kann und wie Aufarbeitung gelingen kann, kritisiert er.

Dadurch könnten weitere Konflikte entstehen, die die Menschen auseinander treiben. Findet eine Person beispielsweise heraus, dass der geliebte Opa auch eine sehr dunkle Seite hatte, kann das zu großen emotionalen Belastungen und zu Streit in der Familie führen.

"Je stärker die emotionale Bindung ist oder war, desto stärker können die Konsequenzen sein und zu Selbstabwertung, Schuldgefühlen, Enttäuschung führen", erklärt Christian Schubert. "Oder dazu, dass die eigene Lebensidentität infrage gestellt wird. Man hängt sozusagen in den Seilen, hat keine Wurzeln mehr, auf die man sich verlässt oder empfindet großes Misstrauen der Vorgeneration gegenüber, auf der man ja ein Stück weit ruht."

Es gebe aber auch Menschen, die gelassener reagierten: "Vielleicht, weil sie sich schon mit der Thematik, auch mit den eigenen Themen, psychotherapeutisch auseinandergesetzt haben und man den Opa nicht idealisiert und auch seine negativen Seiten anerkennt."

Wie posthume Aufarbeitung gelingen kann

Menschen zu idealisieren sei ebenso problematisch, wie sie zu dämonisieren – vor allem, wenn kein direkter Austausch mehr möglich ist. Dann rät Schubert zur posthumen Aufarbeitung, zum Beispiel mit einer Methode aus der Gestalttherapie, dem Leeren Stuhl. Dabei nimmt die betreffende verstorbene Person in der Vorstellung auf dem Stuhl Platz, um in einen imaginären Dialog mit ihr zu treten. "Man kann dem Opa sagen, was man ihm sagen will und ihn anschließend um einen Antwortbrief bitten, den man dann selbst schreibt", sagt Christian Schubert. Die Methode dient der Auseinandersetzung mit inneren Prozessen und kann dabei helfen, sich in die Perspektive des Gegenübers zu versetzen.

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Findet die Aufarbeitung mit noch lebenden Verwandten statt und wurde die NS-Zeit jahrzehntelang ausgeklammert, sei es wichtig, das Gespräch nicht mit Schuldzuweisungen oder Vorwürfen zu beginnen. "Fühlt sich ein Mensch angegriffen, geht er in die Abwehr", so Schubert. "Diese Menschen müssen abwehren. Oft haben sie unbewusste Ängste und Schuldgefühle. Wenn man mit dem Finger in die Wunde drückt, dann tut das so weh, dass sie abwehren müssen und sich verstecken – und wieder verharmlosen oder dichtmachen. Weitergekommen ist man dann nicht, hat aber den Elefanten im Raum."

Zielführender sei es, das Thema vorsichtig und ohne Vorwürfe anzusprechen. "Je mehr man über die eigenen Emotionen spricht, über das, was in einem selber vorgeht, desto positiver wird das Gespräch sein – auch für die gesamte Familie und für spätere Generationen. Je mehr wir diese Themen, Konflikte und Traumatisierungen aufarbeiten, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder auftreten", sagt Schubert.

Und wenn die erwünschte Reaktion trotz sensibler Kommunikationsversuche ausbleibt? "In dem Moment, in dem Sie einem Menschen zu verstehen geben, 'Ich respektiere dich und ich ahne, dass da etwas ist, aber ich tupfe nicht weiter auf die Wunde. Ich würde mich freuen, wenn du das mit mir teilst. Wenn nicht, muss ich es akzeptieren.' geben Sie der Person den Raum, sich im eigenen Tempo mitzuteilen. Alles andere ist destruktiv", so der Psychologe. Im besten Fall führt dieses Signal dazu, dass die Person sich öffnet, sobald sie dazu bereit ist.

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"Wenn es sich nicht lösen lässt, obwohl man es ohne Vorwürfe angesprochen hat, dann ist es trotzdem ausgesprochen. Für mich ist die Haltung dabei so wichtig. Dass man zu sich selber sagen kann, 'Ich habe es versucht'", sagt Schubert. "Je offener und mutiger Sie mit der Thematik umgehen und sie in einer menschlichen Art ansprechen, desto gesünder ist der Umgang mit dieser Thematik."

Über den Gesprächspartner

  • Prof. Dr. Dr. Christian Schubert, M. Sc. ist Mediziner, Psychologe und ärztlicher Psychotherapeut. Er leitet das Labor für Psychoneuroimmunologie am Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck. Als Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher widmet er sich insbesondere der wissenschaftlichen Untersuchung des Zusammenspiels von Psyche, Nervensystem und Immunsystem.

Verwendete Quellen

  • bundesarchiv.de: Zugang zur NSDAP-Mitgliederkartei im Bundesarchiv
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