Ökonom über den "Trugschluss" der deutschen Wirtschaft
Ökonom über den "Trugschluss" der deutschen Wirtschaft
Aktualisiert am 22.04.2026, 06:32 Uhr Noch rauchen die Schornsteine der Industrieanlagen. Ökonom Daniel Stelter warnt aber davor, dass immer mehr Arbeitsplätze und damit Wertschöpfung verschwinden. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/Marijan Murat Lesedauer:5 Min.Der Ökonom Daniel Stelter urteilt hart über die Wirtschaftspolitik der schwarz-roten Bundesregierung. Er sagt aber auch: Viele Fehler wurden bereits in der Vergangenheit gemacht. Jetzt fordert Stelter den Umbau des Sozialstaats – und die Rückkehr zur Atomkraft.
Ein Interview von Fabian HartmannDaniel Stelter meldet sich gerne zu Wort. Der Ökonom ist Kolumnist beim Handelsblatt, Podcaster und Autor. Seine Positionen sind klar marktliberal – und oft spitz. In seinem neuen Buch beschäftigt sich Stelter mit dem Standort Deutschland. Er sieht ein überreguliertes Land im Niedergang.
Nur der Staat wächst noch, sagt Stelter. Das müsse sich ändern. Und dafür hat er auch ein paar Ideen.
Herr Stelter, Sie haben Ihr neues Buch über den Standort Deutschland "Absturz" genannt. Ging es nicht eine Nummer kleiner?
Daniel Stelter: Ich warne davor, dass es zum Absturz kommt. Noch ist er nicht da. Und trotzdem: Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einem schleichenden Niedergang. Ich vergleiche das mit einem Flugzeug, das immer mehr an Flughöhe verliert. Um im Bild zu bleiben: Das Flugzeug ist überladen – mit Bürokratie, Steuern, Abgaben und Regulierung – und bekommt gleichzeitig Gegenwind, etwa durch steigende Zinsen oder härtere Konkurrenz aus China. Jetzt nähern wir uns einem kritischen Punkt, an dem es instabil wird. Den Absturz können wir aber noch verhindern. Darum geht es im Buch.
Übertreiben Sie nicht? Deutschland ist immer noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Das ist der Blick in den Rückspiegel. Entscheidend ist die Dynamik – und die fehlt. Wir haben seit sechs Jahren Stagnation, teils sogar Rezession. Gleichzeitig verlieren wir an Substanz: Investitionen gehen zurück, Industriearbeitsplätze verschwinden, Unternehmen verlagern Standorte. Wohlstand erodiert so aber schleichend. Ja, wir sind noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Aber Größe allein sagt wenig darüber aus, wie zukunftsfähig wir sind.
Eine Ihrer zentralen Thesen lautet: Die Probleme waren lange schon bekannt, sie wurden nur von einer guten Konjunktur überdeckt.
Viele Fehler wurden in den 16 Jahren unter Angela Merkel gemacht. Wir wussten damals schon, dass die Bundeswehr nicht verteidigungsfähig ist, dass die Infrastruktur verfällt, die Bahn unpünktlich ist. Überbordende Bürokratie, verschlafene Digitalisierung, eine dysfunktionale öffentliche Verwaltung – all das ist nicht vom Himmel gefallen. Wir hatten als Land nur das Glück, dass die Wirtschaft gewachsen ist. Das hatte vor allem mit Sondereffekten zu tun. Ein schwacher Euro hat die Exporte gestützt, die Chinesen haben massenhaft unsere Produkte gekauft. Und wir dachten, wir können einfach immer so weiter machen. Heute sehen wir: Das war ein Trugschluss.
Trotz jahrelanger wirtschaftlicher Flaute ist der Arbeitsmarkt robust. Wundert Sie das?
Es erklärt auf jeden Fall, warum die Politik so reformunwillig ist. Was wir aktuell sehen: Viele Beschäftigte – und die geburtenstarken Jahrgänge kommen erst noch – gehen in Rente, das dämpft die Arbeitslosigkeit. Unternehmen halten zudem ihre Arbeitskräfte lange, obwohl sie nicht voll ausgelastet sind, aus Angst vor Fachkräftemangel. Gleichzeitig wächst der öffentliche Sektor, also der Staat mit seinen Beamten und Angestellten. Das kaschiert die Probleme erstmal. Langfristig wird es aber ein Problem, denn Wertschöpfung entsteht vor allem im privaten Sektor.
Bundeskanzler Friedrich Merz und sein Vize Lars Klingbeil wollen das Land umfassend reformieren. Trauen Sie ihnen das zu?
Die Hoffnung war groß, als die Regierung vor einem Jahr angetreten ist. Geblieben ist die Enttäuschung. Dafür reicht ein Blick auf die Stimmung in der Wirtschaft. Das Problem ist: Die versprochenen Reformen bei Steuern, im Sozialstaat, bei der Bürokratie sind nicht gekommen. Stattdessen haben wir Rekordschulden, die oft dazu genutzt werden, um Haushaltslöcher zu stopfen oder Soziales zu finanzieren. Die Reihenfolge war falsch: Die Regierung hätte mit Strukturreformen beginnen müssen. Dann kann man immer noch über neue Schulden für Investitionen reden. So zeigt sich aber: Wenn genügend Geld da ist, sinkt der Reformdruck.
Interview Wachstumsschwäche Top-Ökonom kritisiert: "Das ist alles rückwärtsgewandt" vor 19 Tagen von Fabian HartmannViele Experten sagen: Der Sozialstaat ist zu teuer und nicht zielgenau. Was muss sich ändern?
Vor allem die Arbeitsanreize. In vielen Fällen lohnt sich zusätzliche Arbeit kaum, wenn man es auf den Stundenlohn herunterbricht. Gleichzeitig ist das System extrem komplex, mit Hunderten Einzelleistungen, wie es das Ifo Institut kürzlich gezeigt hat. Ich plädiere für einen grundlegenden Neustart: ein einfaches, transparentes System mit klaren Anreizen, etwa in Form einer negativen Einkommensteuer. Dabei würde, anders als heute, der staatliche Zuschuss zum Lohn langsam sinken, je mehr man verdient. Arbeit lohnt sich damit immer. Statt Einzelfallgerechtigkeit und immer mehr Detailregeln brauchen wir ein modernes Gesamtkonzept.
"Der Sozialstaat verteilt laufend um – auch in der Mittelschicht. Das ist linke Tasche, rechte Tasche."
Jeder auch nur gefühlte Einschnitt dürfte auf Widerstand bei Gewerkschaften und Sozialverbänden stoßen.
Das stimmt und deswegen brauchen wir ein großes, umfassendes Reformpaket. Dabei ist es wichtig, Dinge miteinander zu verbinden. Etwa Entlastung bei Steuern und Abgaben mit Strukturreformen im Sozialstaat. Gerade bei kleinen und mittleren Einkommen ist nicht die Steuerbelastung das Problem. Es sind die horrenden Sozialabgaben. Wir brauchen also eine große Lösung, die alles in den Blick nimmt. Dieses Klein-Klein funktioniert nicht mehr.
Wenn es um Entlastung bei Steuern und Abgaben geht, heißt es aber oft: Sorry, dafür ist gerade kein Geld da.
Dieses Argument halte ich für vorgeschoben. Die Staatsquote – also das Verhältnis der Staatsausgaben zum Bruttoinlandsprodukt – liegt inzwischen bei 50 Prozent. Ein immer größerer Teil der Wertschöpfung geht also an den Staat. Gleichzeitig sind die Subventionen stark angestiegen. Sie müssen zurückgefahren werden. Der Sozialstaat verteilt laufend um – auch in der Mittelschicht. Das ist linke Tasche, rechte Tasche. Das System wird damit unnötig komplex und ineffizient. Wir brauchen weniger Eingriffe, weniger Bürokratie und mehr Eigenverantwortung. Dann wäre auch genügend Geld da, um die Menschen zu entlasten.
Sie beklagen auch, dass Energie in Deutschland zu teuer ist, und werben für eine Rückkehr zur Atomkraft. Meinen Sie das ernst?
Absolut. Atomkraft ist zuverlässig und günstig, gerade im Zusammenspiel mit erneuerbaren Energien. Der Atomausstieg hat Energie in Deutschland verteuert. Das schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit. Andere Länder setzen auf einen breiteren Energiemix. Wir hingegen haben uns stark eingeschränkt und sind zunehmend von Importen abhängig.
Allerdings haben selbst die Betreiber der Kraftwerke kein Interesse an der Rückkehr zu Atomstrom.
Das verwundert nicht. Natürlich müsste viel investiert werden. Und das lohnt sich nur, wenn die Meiler mindestens weitere 20 oder 30 Jahre laufen. Dafür bräuchte es aber einen Konsens in der Energiepolitik und den gibt es aktuell nicht. Und vergessen wir nicht: Auch die großen Stromkonzerne haben sich mit Subventionen und Förderungen in der planwirtschaftlich organisierten Energiewende eingerichtet. Wir sehen aber, dass andere Länder sehr wohl auf Kernenergie und einen breiten Energiemix setzen. Das Problem in Deutschland ist weniger ein wirtschaftliches – es ist Ideologie.
Meine Meinung Pro und Contra Muss der Staat in die Spritpreise eingreifen? 11. März 2026 von Fabian Hartmann und Thomas PillgruberEin grundsätzliches Problem aber bleibt: Bis heute gibt es kein sicheres Endlager für Atommüll.
Das stimmt. Allerdings haben wir es uns damit in Deutschland mit immer neuen Anforderungen auch sehr schwer gemacht. Andere Länder wie Finnland haben ein Endlager oder sind dabei, welche zu errichten. Sie waren einfach viel pragmatischer. Man darf auch nicht vergessen: Die Menge an Atommüll ist überschaubar. Und es gibt inzwischen technische Möglichkeiten, den Müll wieder zur Energiegewinnung zu nutzen.
Aktuell beschäftigen die Folgen des Iran-Kriegs die Politik. Um die gestiegenen Preise an der Tankstelle auszugleichen, will der Staat die Steuern auf Diesel und Benzin um 17 Cent senken. Eine gute Idee?
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Nein, das ist vor allem Populismus. Die Steuersenkung kommt mit der Gießkanne. Sie geht also auch an Leute, die das gar nicht brauchen. Und es ist auch nicht nachhaltig. Eingriffe in den Preis sind aus ordnungspolitischer Sicht immer fragwürdig. Denn es ändert ja nichts am verknappten Angebot. Hier sind wir beim Grundproblem der Energiepolitik. Wir brauchen insgesamt mehr und vor allem günstigere Energie. Das geht aber nur, wenn das Angebot ausgeweitet wird. Wir sollten also alles unterlassen, um Energie künstlich zu verteuern und zu verknappen. Dann lösen sich auch viele Probleme selbst, von der Wärmepumpe bis zur Elektromobilität.
Über den Gesprächspartner
- Daniel Stelter wurde 1964 in West-Berlin geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen und hat seine Doktorarbeit über Unternehmensführung in Krisen geschrieben. Seine berufliche Karriere begann er bei der Boston Consulting Group. Stelter war für verschiedene Medien als Kolumnist tätig. Er ist außerdem Gründer von beyond the obvious, einem auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforum.
