Nordkoreas Fußballerinnen spielen im Süden – plötzlich geht es um mehr als Sport
Nordkoreas Fußballerinnen spielen im Süden – und plötzlich geht es um mehr als Sport
Aktualisiert am 20.05.2026, 10:28 Uhr Nordkoreas Fußballerinnen reisen als Favoritinnen nach Südkorea. Doch das Halbfinale der Asian Champions League ist mehr als ein Spiel: Es wird zum diplomatischen Signal. © IMAGO/Kyodo News Lesedauer:4 Min. Von Felix LillAm Mittwoch ist Sport in Korea mal wieder mehr als nur Sport: Zum Halbfinale der Asian Champions League der Frauen reist eine Mannschaft aus Nordkorea in den verfeindeten Süden. Dort hofft man auf mehr als nur Fußball.
Yonhap, die öffentlich-rechtliche Nachrichtenagentur Südkoreas, brachte zu Anfang der Woche die Stimmung auf den Punkt: "Angesichts des ganzen Wirbels um Naegohyangs Anwesenheit hier kann man leicht vergessen, dass diese Woche auch Fußball gespielt wird." Nicht nur zwischen den Zeilen des Artikels war unmissverständlich zu lesen: Bei der Partie, die an diesem Mittwoch (12 Uhr MESZ) in Südkorea steigt, geht es längst nicht nur um Fußball. Sondern um nationales Prestige.
Wobei auch zur Wahrheit gehört: Die meisten Menschen in Südkorea dürften die Namen der Teams, die nun aufeinandertreffen, bis vor kurzem kaum gekannt haben. Auf der einen Seite sind da die Gastgeberinnen Suwon FC, aus einem Vorort der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Ihnen gegenüber stehen die am Sonntag im Land eingetroffenen Spielerinnen des Naegohyang FC aus Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas. Der Anlass: Das Halbfinale der Asian Champions League der Frauen.
Fußball zwischen Feinden: Koreakrieg formal bis heute nicht beendet
Video Zeichen für Entspannung? Nordkorea streicht historisches Ziel aus Verfassung vor 13 TagenWas daran so viel Wirbel verursacht? Das machte der südkoreanische Auslandssender Arirang schon in der vorvergangenen Woche mit hörbarer Nervosität deutlich: "Nach Angaben des südkoreanischen Ministeriums für Wiedervereinigung und des Koreanischen Fußballverbands handelt es sich dabei um die erste Sportdelegation aus dem Norden, die seit über sieben Jahren in den Süden reist." Weiter hieß es: "Der bevorstehende Besuch zieht angesichts der seit Längerem ausgesetzten innerkoreanischen Austauschbeziehungen besondere Aufmerksamkeit auf sich – zumal der Norden den Süden zu einem feindlichen Staat erklärt hat."
Seit mehr als einem Dreivierteljahrhundert verharren Nord- und Südkorea formal im Krieg miteinander. Auslöser war im Jahr 1950 der Angriff des kommunistischen Nordens auf den kapitalistischen Süden, es folgte ein drei Jahre langer Krieg mit Millionen Toten, der nur in einem Waffenstillstand endete. Heute ist der Süden eine wohlhabende Demokratie, der Norden dagegen ein armer Ein-Parteienstaat. Und während im Sport einst reger Wettbewerb zwischen den Staaten herrschte, ist der Norden auch hier längst zurückgefallen.
Nordkorea zuletzt stark im Fußball der Frauen
Aber: Überrascht davon, dass der Klub Naegohyang FC das Halbfinale des höchsten asiatischen Vereinswettbewerbs erreicht, sollte niemand sein. Denn insbesondere der Fußball der Frauen wird im von Diktator Kim Jong-un regierten Staat gezielt gefördert. "In Nordkorea konzentrieren sie sich hauptsächlich auf Männerfußball, Gewichtheben, Judo sowie den Frauenfußball", sagt Lee Jung-woo, Forscher an der University of Edinburgh und Experte für Sport in Nordkorea, unserer Redaktion.
Es stünden zwar nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung. "Diese begrenzten Mittel werden jedoch gezielt in jene Sportarten gelenkt, in denen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, Medaillen zu gewinnen oder entsprechende Erfolge zu erzielen." Der Fußball der Frauen – und hier vor allem der Jugendbereich – haben strategische Priorität. Und dies zeigt Wirkung: Die U17-Fußball-WM der Frauen gewann Nordkorea zuletzt zweimal in Folge. Auch die U20-WM im Jahr 2024 ging nach Pjöngjang.
Ins Duell zwischen Suwon FC und Naegohyang FC dürften die Nordkoreanerinnen sogar als Favoritinnen gehen, durch das laufende Turnier sind sie geradezu spaziert. Der Suwon FC tat sich bis jetzt deutlich schwerer. In Südkorea, wo der Fußball der Frauen bislang nicht so populär ist wie in anderen fußballbegeisterten Ländern, ist man sportlich gewarnt.
Analyse Nordkorea Diktatur als Familiensache: Will Kim Jong-un seine Tochter als Nachfolgerin? 24. Februar 2026 von Felix LillHoffnung im Süden auf neuen Austausch
Dabei geht es eben längst nicht nur um Sport. "Mein Eindruck ist, dass die südkoreanische Regierung dieses Spiel schon sehr ernst nimmt, das auch politisch nutzen will", sagt Frederic Spohr, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung, unserer Redaktion. Die Regierung um den liberalen Präsidenten Lee Jae-myung versucht seit langem, in den Austausch mit Nordkorea zu treten. "Es herrscht ja jetzt schon seit Jahren mehr oder weniger Funkstille", erklärt Spohr.
Um guten Willen zu zeigen, hat sich die Regierung etwas ausgedacht, das den konservativen Gegnern von Präsident Lee – die von einer Annäherung an Nordkorea nichts halten – aber provozieren dürfte: "Die südkoreanische Regierung unterstützt auch zivilgesellschaftliche Organisationen dabei, zum Stadion zu kommen, stellt Tickets zur Verfügung, sodass dieses Spiel mehr Aufmerksamkeit bekommt", sagt Spohr. Einige dieser Organisationen werden dann auch die nordkoreanische Mannschaft anfeuern. "Das ist auch ganz schön für sie, denn eigene Fans können sie ja nicht mitbringen."
Teils gute Erfahrungen mit Sportdiplomatie
In den von Kriegsdrohungen und militärischer Abschreckung geprägten Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea hat Sport in der Vergangenheit immer wieder als Vehikel fungiert, um die Staaten zusammenzubringen. Zuletzt bei den Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang wurde kurzerhand eine Delegation aus Nordkorea eingeladen, die dann bei der Eröffnungsfeier sogar gemeinsam mit den Südkoreanerinnen ins Stadion einlief.
Eine – letztlich kurze – Phase der Annäherung folgte. Danach wurden die Beziehungen aber wieder eisig, bis heute. Gesprächsangebote aus dem Süden hat der Norden in den vergangenen Jahren ignoriert.
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Aber auch deshalb ist die Hoffnung auf das Spiel zwischen Suwon und Naegohyang groß: Denn selbst wenn aus Sportaustausch bisher kein Friedensvertrag wurde, betonen Beteiligte, dass schon ein Handshake mit einem ehrlichen Lächeln viel besser sei als nichts.
Verwendete Quellen
- Gespräch mit Lee Jung-woo, Forscher an der University of Edinburgh
- Gespräch mit Frederic Spohr, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung
- Yonhap News Agency: Suwon FC Women eye revenge vs. N. Korean foe in hyped-up showdown on home soil
