Nicole: "Das hat nichts mit prüde zu tun, das ist einfach too much"
Nicole: "Das hat nichts mit prüde zu tun, das ist einfach too much"
Aktualisiert am 13.05.2026, 05:58 Uhr Nicole in der ZDF-Musikshow "Die Giovanni Zarrella Show" 2025. © picture alliance / Geisler-Fotopress/Robert Schmiegelt Lesedauer:5 Min.Sängerin Nicole verfolgt den ESC mit immer größeren Sorgenfalten. Für sie steht fest: Der Wettbewerb hat sich deutlich von seiner ursprünglichen Idee entfernt. Ob Sarah Engels mit "Fire" dieses Jahr da ein Lichtblick ist?
Ein Interview von Anika Richter Janine KoppeheleVor 44 Jahren hat Nicole mit "Ein bisschen Frieden" Musikgeschichte geschrieben: Mit gerade einmal 17 Jahren holte sie damals den ersten ESC-Sieg für Deutschland.
Doch aus Sicht der Sängerin entwickelte sich der Wettbewerb seitdem nicht unbedingt zum Positiven. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Nicole, was den Künstlern und Künstlerinnen heutzutage auf der ESC-Bühne fehlt, warum Deutschland in den vergangenen Jahren regelmäßig nur hintere Platzierungen erreichte – und ob Sarah Engels dieses Jahr mit ihrem Song "Fire" sowie ihrem "Badeanzug mit Overknees" den Trend umkehren kann.
Auf die aktuellen Boykott-Debatten rund um den Wettbewerb blickt die Schlagersängerin mit Sorge. Ihrer Ansicht nach treffe man damit vor allem die falschen Personen.
Nicole, schauen Sie sich den ESC dieses Jahr an?
Nicole: Wenn ich zu Hause bin, ja. Aber ich gebe zu, von Jahr zu Jahr mit größeren Sorgenfalten.
Warum?
Weil von der Grundidee eines Liederwettbewerbs nicht mehr viel übrig geblieben ist. Das Lied an sich tritt immer weiter in den Hintergrund. Mittlerweile überwiegt die Show, und das finde ich einfach schade. Eigentlich müsste man ihn umbenennen: in Eurovision Show Contest.
Welche Entwicklungen sehen Sie dennoch als positiv an?
Das Positive ist, dass Künstler, die noch nicht bekannt sind, die große Bühne für sich nutzen können, um sich zu präsentieren. Und wenn sie gut sind, dann ist das natürlich eine tolle Plattform, die dich von heute auf morgen ein paar Stufen höher katapultieren kann. Das finde ich gut. Und auch, dass es den Wettbewerb immer noch gibt, denn Musik ist länderverbindend und verwischt die Grenzen. Wir waren damals – und sind es immer noch – eine musikalische Familie: Es gab keinen Neid. Man wurde nicht von einem anderen Land angefeindet. Jeder hat das dem anderen gegönnt. Dieser familiäre Gedanke ist geblieben.
"Ein bisschen Frieden" ist nun 44 Jahre her. Aber es hat seine Aktualität nicht verloren. Im Gegenteil."
Hätte "Ein bisschen Frieden" heutzutage beim ESC noch eine Chance?
Fühlen Sie sich trotz der negativen Entwicklungen, die Sie vorhin erwähnten, weiter als Teil der ESC-Geschichte?
Wenn du einen solchen Wettbewerb gewinnst, dann bist du für immer ein Teil der ESC-Geschichte. Genauso Leute, die nicht gewonnen haben und mehr Erfolg als das Siegerlied hatten. Aber ich muss ganz ehrlich sagen: Von den 70 Siegern sind mir vielleicht noch zehn im Gedächtnis geblieben. Das waren noch Künstler, Persönlichkeiten. Johnny Logan zum Beispiel. ABBA sowieso. Aber auch ein Toto Cutugno. Oder Umberto Tozzi und Raf mit dem Lied "Gente di Mare". Das sind Musiker und Lieder, die im Gedächtnis bleiben. Aber ich könnte jetzt nicht das Siegerlied vom letzten Jahr und das vom vorletzten Jahr singen. Und das von vor drei Jahren oder von vor zehn Jahren auch nicht.
Das ist schon bezeichnend.
Ja, wenn nichts im Gedächtnis bleibt. Die Lieder müssen Größe haben. Sie müssen Tiefe haben. Und ich sag mal so: "Ein bisschen Frieden" ist nun 44 Jahre her. Aber es hat seine Aktualität nicht verloren. Im Gegenteil. Schauen wir uns doch mal um, was gerade überall passiert: Ukraine, Russland, Israel, Gaza und so weiter.
Ich habe ein Déjà-vu. Wenn heute eine 17-jährige Nicole mit weißer Gitarre und diesem Lied in Wien auftreten würde, wage ich zu behaupten, dass es wieder gewinnen würde. Das würde so aus dem ganzen lauten, schrillen Glamour herausfallen. Während sich bei den anderen die Bühnen hoch und runter bewegen und im Hintergrund LED-Wände mit animierten Männchen zu sehen sind, würde man da die Aufmerksamkeit der Menschen wieder auf das Wesentliche lenken: Es geht um ein Lied, das das Herz berührt. Dieses Gefühl habe ich schon ganz viele Jahre nicht mehr.
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Sie sagen also: Weniger ist mehr.
Wahrscheinlich bin ich auch zu alt. Oder vielleicht muss das auch so sein. Die sehen alle gleich aus, gerade die Frauen und ihre Kostüme: Das sind alles Badeanzüge mit Overknees. Tut mir leid, aber das hat nichts mit prüde zu tun, das ist einfach too much.
Was wäre Ihre Alternative?
Steckt doch mal alle in die gleiche Kutte und kündigt nur den Namen an. Aber nicht das Alter und das Land. Dann würde das richtige Lied gewinnen. Denn so wüsste man nicht: Kommt der jetzt aus der Ukraine? Kommt der aus Israel? Wer hat gerade ein politisches Problem? Welchen wollen wir boykottieren? Kein Mensch kann etwas dafür, in welchem Land er geboren ist. Wir sind Musiker, wir wollen nur das eine: Wir wollen mit Leidenschaft auf die Bühne gehen, die Menschen berühren, sie unterhalten.
Galerie Kennen Sie noch alle? Das sind die deutschen ESC-Teilnehmer seit 2000 vor 13 StundenSo schätzt Nicole die Chancen von Sarah Engels mit "Fire" ein
Wenn ich das zusammenfassen darf: Ein ESC-Song muss aus Ihrer Sicht auch ohne viel Performance, Show und knappe Kostüme funktionieren. Ein Tipp für Deutschland, damit es demnächst mit den Platzierungen wieder nach oben geht?
Davon bin ich überzeugt. Der beste Beweis ist doch unser Michael Schulte. Plötzlich sind wir wieder in den Top 5. Er hat einfach nur gesungen und auf diesen ganzen Glamour verzichtet. Das muss nicht sein, im Gegenteil: Je mehr die anderen machen, desto mehr fällst du nämlich auf, wenn du es nicht tust. Es geht also auch so. Wir können gewinnen, wir müssen nur das Richtige tun.
Wie schätzen Sie die Chancen Deutschlands in diesem Jahr ein?
Schwierig. Das sage ich ganz ehrlich. Schwierig.
Warum?
Da kommen so viele, die das Gleiche machen. Alle Länder schicken Frauen, die genauso gekleidet sind. Ich kann damit nichts mehr anfangen. Aber ich drücke Sarah Engels trotzdem die Daumen. Jeder, der uns vertritt, der tut es mit Leidenschaft und wird sein Bestes geben. Du hast es hinterher eh nicht in der Hand. Du musst eben gucken, dass du einen sauberen Auftritt hinlegst. Die Stimme muss stimmen, jeder Ton muss getroffen werden. Falsch singen, das wird ihr nicht passieren. Singen kann die Sarah.
Interview Sarah Engels über ESC "Wünsche mir, dass wir als Land auch hinter unserem Künstler stehen" vor 7 Tagen von Anika RichterNicole: "Lasst die Politik in dieser Ecke und lasst die Musik in der anderen Ecke"
Spanien, Irland, die Niederlande und Slowenien boykottieren den Wettbewerb aufgrund der Teilnahme Israels. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
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Ich sag mal so: Lasst die Politik in dieser Ecke und lasst die Musik in der anderen Ecke. Kein Mensch kann etwas dafür, in welchem Land er geboren ist. Wir sind Musiker und keine Verräter und keine Mörder. Also lasst uns doch Musik machen. Was hat der Musiker damit zu tun, was irgendwelche Leute in den oberen Sphären anstellen? Nichts. Das eine muss man von dem anderen trennen. Du bestrafst nur die Menschen, die um ihren großen Traum betrogen werden. Und das finde ich nicht in Ordnung. Das sollte man sich mal überlegen.
Was würden Sie jungen Künstlern und Künstlerinnen heute mitgeben, die beim ESC starten?
Authentisch sein. Und manchmal gegen den Strom schwimmen. Denn nur wer gegen den Strom schwimmt, wird die Quelle jemals finden. Die Zeile stammt übrigens von meinem Lied "Alles fließt". Du musst dich auf das besinnen, was du kannst. Und lass dich nicht verbiegen: Wenn es etwas ist, was dir gegen den Strich geht, tu es nicht. Ansonsten bist du nicht authentisch auf der Bühne. Ich gehe im September mit meinem Album "Meine Schätze" auf Jubiläumstournee. 45 Jahre. Das schaffen nur Künstler, die ihre Authentizität nie verloren haben.
Über die Gesprächspartnerin
- Nicole, 1964 in Saarbrücken geboren, ist eine deutsche Schlagersängerin. Mit 17 Jahren gewann sie 1982 mit dem Lied "Ein bisschen Frieden" zum ersten Mal für Deutschland den Eurovision Song Contest. Im September 2026 geht Nicole mit ihrem Album "Meine Schätze" auf Jubiläumstournee und feiert damit 45 Jahre Bühnenkarriere. Seit 1984 ist sie mit Winfrid Seibert verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter und lebt im Saarland.
