"Man darf nicht unterschätzen, wie groß dieser Rollenwechsel ist"
"Man darf nicht unterschätzen, wie groß dieser Rollenwechsel ist"
Aktualisiert am 15.05.2026, 10:17 Uhr Esther Sedlaczek steht für die ARD regelmäßig mit Bastian Schweinsteiger am Spielfeldrand. © picture alliance/Eibner-Pressefoto Lesedauer:5 Min.Wir haben mit ARD-Moderatorin Esther Sedlaczek über Vorurteile gegenüber Frauen im Sportjournalismus, den schmalen Grat zwischen Kritik und Empathie sowie die Entwicklung von Bastian Schweinsteiger als TV-Experte gesprochen.
Ein Interview von Andreas ReinersEsther Sedlaczek gehört inzwischen zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Sportfernsehens. Die Moderatorin der ARD begleitet große Fußballturniere, führt Interviews mit den wichtigsten Protagonisten des Sports und arbeitet regelmäßig mit Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger zusammen.
Im Interview spricht sie über Vorurteile gegenüber Frauen im Sportjournalismus, den schmalen Grat zwischen Kritik und Empathie sowie die Entwicklung von Schweinsteiger als TV-Experte.
Frau Sedlaczek, müssen sich Frauen im Sportjournalismus immer noch mehr beweisen als Männer?
Gute Einstiegsfrage. Ja, vermutlich schon. Womöglich ist es immer noch ein Prozess, in dem wir drinstecken und der wahrscheinlich auch noch andauern wird. Es ist wie in vielen anderen Berufen, die von Männern dominiert sind, auch im Sportjournalismus so: Man muss sich einfach beweisen.
Sedlaczeks Rat an andere Frauen
Warum ist man noch nicht weiter?
Man könnte sicherlich weiter sein. Aber was bringt es mir, mich damit zu beschäftigen, wenn ich auch auf mich schauen kann und mein Ding mache? Und das würde ich auch jeder anderen Frau raten.
Wie empfinden Sie generell die Entwicklung: Wird es zumindest stetig besser?
Ja, das auf jeden Fall. Man sieht es an den Redaktionen, in denen immer mehr Frauen arbeiten. Es wird immer mehr in Gang gesetzt. Könnten es noch mehr sein? Ja, sicherlich. Dafür braucht es aber auch Menschen, die den Weg gehen wollen. Aber wenn wir nur mal auf die TV-Landschaft schauen, dann müssen wir nicht darüber sprechen, dass wir viele sehr kompetente Frauen haben, die einen Topjob machen.
Anzeichen verdichten sich wohl Neuer vor spektakulärer DFB-Rolle rückwärts? vor 2 TagenWo merken Sie heute ganz konkret noch Unterschiede?
In Bezug auf meine Arbeit? Gar nicht. Aber wissen Sie was? Ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Weil ich weiß, was ich kann, dass ich einen guten Job mache und dass ich kritikfähig und immer offen für Feedback bin.
Wann haben Sie aufgehört, darüber nachzudenken, was andere über Sie denken?
Das ging relativ früh los. Es war am Anfang schon so, dass mich viele Dinge beschäftigt haben und ich häufig gedacht habe: 'Mensch, was denkt jetzt mein Gegenüber von mir?' Also Unsicherheiten, mit denen ich auf einmal konfrontiert war. Von denen ich mir dann aber irgendwann dachte: ‚Wohin bringen die mich denn?‘ Eigentlich in eine Sackgasse, weil sie mir Energie rauben und mir die Zeit versauen, die ich eigentlich genießen möchte, weil ich meinen Traumjob mache. Und dann setzte dieser Prozess ein, dass ich auf mich schaue und für mich sehr gut einzuordnen weiß, was gut und was nicht so gut war.
Was hat dabei noch geholfen?
Ich habe meinen kleinen Kreis an Vertrauenspersonen, die ich immer wieder um Feedback bitte.
"Ich würde nicht sagen, dass der Sportjournalismus generell zu unkritisch ist."
Um auf Ihren Job zu kommen: Was ist denn an dem Vorwurf dran, der Sportjournalismus sei generell zu oft zu unkritisch?
Ich bin bei Sky groß geworden. Dort wird sehr kritischer Journalismus betrieben, und das sehe ich auch bei den Öffentlich-Rechtlichen genauso. Dass wir kritisch nachfragen, wenn wir kritisch nachfragen müssen. Es darf nicht davor zurückgeschreckt werden, den Finger in die Wunde zu legen. Interviews nach dem Spiel sind deshalb auch mal unangenehm. Da werden die Fragen gestellt, die jeden zu Hause interessieren. Es gibt einige, die meinen, das sei zu hart gewesen. Anderen war es immer noch zu weich. Es ist unsere Herausforderung, die richtige Balance zu finden. Aber ich würde nicht sagen, dass der Sportjournalismus generell zu unkritisch ist.
Sie arbeiten eng mit Bastian Schweinsteiger zusammen. Wie wichtig ist eine gute Chemie für die Qualität der Berichterstattung?
Man kann auch mit jemandem, dem man nicht besonders nahesteht, gut zusammenarbeiten. Ich habe mit genug Experten gearbeitet, mit denen das Verhältnis gut war, aber nie besonders eng. Auch zwischen Basti und mir ist das nicht anders. Wir funktionieren vor der Kamera sehr gut, aber wir sehen uns zum Arbeiten. Wir treffen uns an den Übertragungstagen, stimmen uns ab, legen die Themen fest und dann passt das. Was bei uns vielleicht besonders ist: Man kann sich auch mal foppen, ohne dass es der eine dem anderen übel nimmt. Jeder lässt dem anderen den Raum, so zu sein, wie er ist.
Hat das von Anfang an gepasst oder hat sich das entwickelt?
Wir kannten uns schon vorher vom Spielfeldrand, als ich ihn einige Male als Spieler interviewt habe. Aber diese gute Zusammenarbeit entsteht nicht auf Knopfdruck, die entwickelt sich. Dann macht einer mal einen Witz, der andere merkt: Das passt, der andere nimmt mir das nicht krumm. Das ist nichts, was man plant, sondern etwas, das über die Jahre wächst.
TV-Experte ARD trifft Schweinsteiger-Entscheidung 17. Januar 2026So hat sich Schweinsteiger als Experte entwickelt
Anfangs galt er als zu wenig meinungsfreudig. Wie hat er sich Ihrer Meinung nach als Experte entwickelt?
Man darf nicht unterschätzen, wie groß dieser Rollenwechsel ist. Du kommst aus der Spielerrolle, und plötzlich bist du Experte und sollst ehemalige Mitspieler oder Gegner bewerten, vielleicht auch kritisieren. Ich kann mir gut vorstellen, wie oft er sich früher über Experten geärgert hat. Und jetzt ist er selbst in dieser Position. Da musst du dich erst einmal orientieren und für dich klären: Wie weit will ich gehen? Wie weit kann ich gehen? Das ist ein Prozess. Und natürlich wird es mit der Zeit leichter. Auch, weil weniger direkte Weggefährten noch aktiv sind. Dadurch fällt es einfacher, klarer zu formulieren und kritischer zu sein. Gleichzeitig wächst das Selbstbewusstsein: Ich habe eine Meinung, und die interessiert die Leute auch.
Hat er also an Profil gewonnen?
Ja, das hat er, aber das ist auch ganz normal. Ich moderiere heute auch anders als vor 15 Jahren. Das gehört einfach dazu.
Was macht für Sie ein gutes Interview im Umfeld der Nationalmannschaft aus?
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Das ist schwierig, weil jeder Interviews anders bewertet. Man kann es auch gar nicht allen recht machen. Mir persönlich ist wichtig, auf die jeweilige Situation einzugehen, fachlich und auch menschlich. Empathie heißt für mich nicht, immer nett zu sein, sondern im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen. Es heißt auch, nachzuhaken, wenn jemand ausweicht oder nicht auf den Punkt kommt. Wenn etwas nicht gut war, darf man das auch klar ansprechen. Aber es gibt eben auch Momente, in denen das nicht passt.
Zum Beispiel?
Ich denke da an das Interview nach dem Spanien-Spiel bei der EM 2024. Julian Nagelsmann war sehr emotional. In so einer Situation gehst du nicht mit harten Nachfragen rein, das wäre unangebracht. Am Ende geht es darum, das richtige Gespür zu haben: Wann muss ich nachhaken und wann ist etwas Zurückhaltung die bessere Entscheidung.
Über die Gesprächspartnerin
- Esther Sedlaczek hatte als Reporterin und Moderatorin beim Pay-TV-Sender Sky bereits zehn Jahre lang Erfahrung in der Fußball-Berichterstattung gesammelt, als sie 2021 zur ARD wechselte. Dort moderiert sie unter anderem regelmäßig Spiele der Nationalmannschaft und bei großen Turnieren.
