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Iran kurz vor dem Zusammenbruch? Wieso Trump da so weit daneben liegt

Analyse Geheimer CIA-Bericht

Iran kurz vor dem Zusammenbruch? Wieso Trump da so weit daneben liegt

Aktualisiert am 12.05.2026, 20:25 Uhr Demonstrierende vor dem weißen Haus protestieren gegen den Krieg mit Iran. © IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Nick Mason Lesedauer:4 Min.

Einem geheimen Bericht der "CIA" zufolge soll der Iran deutlich weniger geschwächt sein als bislang angenommen und von Trump öffentlich behauptet. Der Iran könne die Seeblockade noch monatelang aushalten und verfüge weiterhin über beachtliche militärische Kapazitäten, heißt es darin. Ein Experte erklärt, wie plausibel die Berichte sind, wie es zur Fehleinschätzung kommen konnte und welchen Fehler die US-Regierung gemacht hat.

Eine Analyse von Marie Illner Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Marie Illner sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Wenn es nach Trump und seinen Leuten geht, dann steht der Iran kurz vor dem Zusammenbruch. "Sie ersticken wie ein ausgestopftes Schwein", "Der Iran hat uns mitgeteilt, dass er sich in einem ‚Zustand des Zusammenbruchs‘ befindet" oder "Wir haben bereits 100 Prozent von Irans militärischer Fähigkeit zerstört" – so lauten beispielsweise die jüngsten Einschätzungen durch den US-Präsidenten.

Nun kommt ein vertrauliches Papier des Auslandsgeheimdienstes "CIA" zu einem ganz anderen Schluss. Wie die "Washington Post" berichtet, steht der Iran deutlich besser da als von Trump behauptet. Die Seeblockade könne noch monatelang aufrechterhalten bleiben, auch die militärischen Kapazitäten seien deutlich besser als von Trump öffentlich dargestellt.

Iran: US-Forderungen sind "unzumutbar"

Die USA und der Iran befinden sich seit Ende Februar im Krieg, damals starteten die USA und Israel gemeinsam groß angelegte Luftangriffe auf den Iran. Kurz darauf schloss der Iran die Straße von Hormus, eine wichtige Route für Ölexporte. Die USA blockieren außerdem mehrere iranische Häfen, darunter etwa die Häfen in Tschahbahar am Golf von Oman und in Bandar Imam Khomeini am Persischen Golf.

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Friedensgespräche, unter anderem unter Vermittlung von Pakistan, führten zu einem Waffenstillstand seit dem 8. April. Das jüngste Friedensangebot der USA bezeichnete der Iran als "unzumutbar". Im Mittelpunkt der Forderungen stehen massive Einschränkungen des iranischen Atom- und Raketenprogramms.

Militärisch stärker als gedacht

Dass der Iran das jüngste Friedensangebot selbstbewusst ablehnte, passt zu der Einschätzung des "CIA"-Berichts und der mit dem Papier Vertrauten: Der Iran könne das Öl, das er wegen der aktuellen Blockade nicht verschiffen kann, zum Beispiel zwischenlagern, die Förderung runterfahren oder Alternativrouten über Land nutzen. So ließe sich der wirtschaftliche Schaden eindämmen.

Gleichzeitig soll der Iran noch über 70 bis 75 Prozent der mobilen Abschussrampen und Raketenbestände aus Vorkriegszeiten verfügen. Vor dem Krieg soll der Iran über etwa 2.500 ballistische Raketen und tausende Drohnen verfügt haben.

Größerer Schaden als behauptet

Trump hatte behauptet: "Wir haben fast 90 Prozent ihrer Raketen ausgeschaltet" – eine Einschätzung, die schon im April nicht zu der Darstellung der US-Geheimdienste passte. Damals hieß es, noch mehr als die Hälfte der iranischen Raketenwerfer sei intakt und der Iran habe weiterhin Tausende von Einweg-Angriffsdrohnen in seinem Arsenal.

In den letzten Wochen hat der Iran immer wieder Vergeltungsschläge gegen US-Verbündete und US-Militärstandorte in der gesamten Region verübt. Eine Auswertung der "Washington Post" mit Satelliten-Daten zeigt, dass mindestens 228 Gebäude oder Ausrüstungsgegenstände an US-Militärstandorten im Nahen Osten durch iranische Luftangriffe beschädigt oder zerstört worden sind.

Dazu zählen zum Beispiel Schäden an Hangars, Kasernen, Radar- und Luftabwehrsystemen sowie an Flugzeugen und Basen in Bahrain, Kuwait und Saudi-Arabien. Das Pentagon hatte nur von "begrenzten Schäden" gesprochen.

Fehleinschätzung durch die USA

Politikwissenschaftler und Iran-Experte Hüseyin Çiçek hält die Berichte in den amerikanischen Medien für plausibel. "Nach allem, was bislang öffentlich bekannt ist, haben die USA und Israel dem Iran zwar erheblichen Schaden an Führungs-, Raketen- und Nuklearstrukturen zugefügt, aber offenkundig nicht jene strategische Lähmung erzeugt, die in Washington teils öffentlich suggeriert wurde", sagt er unserer Redaktion. Die CIA gehe davon aus, dass Teheran weiterhin über relevante Raketenfähigkeiten verfügt.

Doch woher kommt die Fehleinschätzung? "Ein zentraler Grund dafür dürfte sein, dass westliche Akteure die ideologische und institutionelle Resilienz des iranischen Systems immer wieder unterschätzen", ist sich Çiçek sicher.

Man müsse sich das iranische Regime wie eine Art Matrix vorstellen: "Führungspersonal kann ausgeschaltet werden, doch das System schließt Lücken rasch, reproduziert Kader und bleibt handlungsfähig", erklärt der Experte.

Regime wächst schnell nach

Mehrere hochrangige iranische Führungspersonen sind im Krieg bereits getötet worden. So meldeten die USA und Israel Ende Februar, dass der Oberste Führer des Iran, Ali Chamenei, tot sei. Auch bei den Revolutionsgarden sind wichtige Figuren wie Oberkommandeur Hossein Salami oder Generalstabchef Mohammad Bagheri ums Leben gekommen.

Doch die USA und Israel unterlägen hier einer Fehleinschätzung, sagt Çiçek: "Präzisionsschläge schwächen den Iran, führen aber nicht automatisch zu Kapitulation, Systemkollaps oder Regimewechsel."

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Die USA hätten vermutlich nicht nur materielle Fähigkeiten des Iran unterschätzt, sondern vor allem dessen Fähigkeit, Verluste politisch, organisatorisch und ideologisch zu absorbieren, ist sich Çiçek sicher.

Ziele waren nicht trennscharf

Hinzu komme ein weiterer Punkt: "Die politischen und militärischen Ziele in Washington waren offenbar nicht immer trennscharf", sagt der Experte. Wenn öffentlich zwischen Abschreckung, Blockade, Zerstörung militärischer Infrastruktur und Regime Change hin und hergesprungen werde, steige das Risiko strategischer Fehlkalkulationen, so der Experte.

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Viele Völkerrechtler halten die Angriffe von den USA und Israel Ende Februar auf den Iran für völkerrechtswidrig. Die USA haben in der Vergangenheit offiziell mit Selbstschutz, Abschreckung, der Freiheit der Schifffahrt und der Begrenzung iranischer Militärfähigkeiten argumentiert. Offiziell haben die USA einen Regime Change nicht zu ihrem Ziel erklärt.

Schon vor dem Krieg sagte Trump aber in einem Interview, ein Regime Change sei "das Beste, was passieren könne" und nannte das iranische Regime ein "Schurkenregime" – zwei von vielen Aussagen, die doch auf dieses inoffizielle Ziel hindeuten. Genau die fehlende Trennung der Ziele ist es nun, die den USA laut Çiçek auf die Füße fallen könnte.

Über den Experten:

  • Dr. Hüseyin Çiçek ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität Wien sowie der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Türkei, der Nahen Osten sowie Außen- und Sicherheitspolitik und islamische Bewegungen.

Verwendete Quellen

  • ALJAZEERA: Iran says US making ‘unreasonable’ demands in negotiations to end war
  • The Washington Post: Iran has hit far more U.S. military assets than reported, satellite images show
  • Bloomberg: Trump Says Regime Change in Iran ‘Best Thing That Could Happen’
  • POLITIFACT: Has the US ‘destroyed 100% of Iran’s military capability’? Fact-checking President Donald Trump
  • AXIOS: Trump claims Iran told U.S. it wants Strait of Hormuz open ASAP
  • Bloomberg: Trump Says He Rejects Iran’s Hormuz Offer, Sustains Blockade
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