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Ihre Leichen säumen den Weg - und doch bleiben sie unsichtbar

Sherpas auf dem Mount Everest

Ihre Leichen säumen den Weg - und doch bleiben sie unsichtbar

Aktualisiert am 16.05.2026, 19:16 Uhr Staus am Gipfelgrat des Mount Everests sind keine Seltenheit mehr. © picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Kunga Sherpa Lesedauer:6 Min. Von Katharina Ahnefeld

Der Tourismus am höchsten Berg der Welt boomt. Während internationale Bergsteiger ihre Erfolge feiern, bleiben die Menschen, die das ermöglichen, oft im Hintergrund.

Der Aufstieg auf den höchsten Berg der Welt ist von Leichen gesäumt. Mehr als 300 Menschen sind der Himalayan Database zufolge bislang bei dem Versuch ums Leben gekommen, den Mount Everest in Nepal zu besteigen. Die meisten Überreste liegen in der Todeszone.

Weil Bergungen in extremer Höhe aufwendig und lebensgefährlich sind, bleiben viele Körper zurück. So wie "Green Boots", der Leichnam eines Bergsteigers, der über Jahrzehnte in einem Felsvorsprung auf der Nordroute lag und so unfreiwillig zu einem Orientierungspunkt auf 8.500 Metern Höhe wurde.

Der Großteil der Todesopfer auf dem Mount Everest stammt laut der Himalayan Database aus Nepal. Der Beruf des Sherpas gilt als einer der gefährlichsten der Welt. Neben den extremen Bedingungen tragen sie die Hauptlast beim Transport von Ausrüstung, beim Fixieren von Seilen und beim Anlegen der Route. Entsprechend hoch ist ihr Risiko. Im Zeitalter des Massentourismus wirft diese Realität zunehmend moralische Fragen auf.

Das fängt bereits bei der Bezeichnung an.

Kolonialzeit prägt Verhältnis zwischen Bergführern und Alpinisten

In der Region um Namche Bazaar, am Fuße des Everest, sind Sherpas unverzichtbar für den Bergtourismus. Zehntausende Menschen in Nepal, Pakistan und anderen Himalaya-Regionen verdienten so ihren Lebensunterhalt oder besserten ihr Einkommen auf, sagt der Humangeograf Hermann Kreutzmann von der FU Berlin. Er forscht zu Hochgebirgsräumen und politischer Geografie.

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"Der Begriff 'Sherpa' als Berufsbezeichnung ist deswegen problematisch, weil er ursprünglich Menschen aus dem Osten Nepals bezeichnet", erklärt Kreutzmann. Im touristischen Sprachgebrauch würden jedoch Bergführer und Träger pauschal als Sherpas tituliert. Auch dann, wenn sie ethnisch gar nicht zur Bevölkerungsgruppe der Sherpa in Zentral- und Süd-Himalaya gehören.

Das Verhältnis zwischen den nepalesischen Bergführern und Trägern und den internationalen Alpinisten sei komplex. Das liege auch an der Kolonialzeit, erzählt Kreutzmann. Damals wurden die Sherpas bei westlichen Expeditionen vorwiegend als Diener wahrgenommen. "Seit dem späten 19. Jahrhundert, mit den frühen Himalaya-Expeditionen, galten sie als besonders leistungsfähige Helfer in großen Höhen. Ihre Reputation als unverzichtbare Unterstützer wuchs", sagt der Humangeograf.

Dennoch wurden sie lange Zeit nicht als gleichberechtigte Partner behandelt. Auf historischen Expeditionsfotografien achtete man darauf, dass kein Sherpa mit Gesicht zu erkennen war. Im Zentrum standen die weißen, europäischen Bergsteiger. Erst 1953, mit der Erstbesteigung des Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay, begann sich die hierarchische Ordnung langsam zu verschieben.

Hillary betonte öffentlich, dass die Seilschaft den Gipfel gemeinsam erreicht habe. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob der nepalesische Bergsteiger Norgay nicht als Erster oben stand. "Mit diesem Ereignis entstand weltweit das Bild der Sherpas als außergewöhnliche Hochträger. Doch strukturelle Ungleichheiten blieben vielerorts bestehen", sagt Kreutzmann. Auch nach Ende der Kolonialzeit.

Massentourismus am höchsten Berg der Welt lässt Todeszahlen steigen

Der Boom des Bergtourismus hat das Geschäft am Everest grundlegend verändert. Vor allem nepalesische Trekking-Agenturen bieten mittlerweile ein immer breiteres Spektrum an Dienstleistungen an. Wer über das nötige Geld verfügt, kann sich heute ohne umfassende alpine Erfahrung am höchsten Berg der Welt versuchen.

Die Zahl der Besteigungen ist entsprechend stark gestiegen. Zu Staus am Gipfelgrat kommt es häufig. 2025 erreichten in der Frühjahressaison mehr als 700 Menschen den Gipfel, darunter knapp 300 zahlende Kunden. Das berichtete das Berg-Magazin "Alpin" mit Verweis auf Angaben des nepalesischen Tourismusministeriums.

2023 hatte die nepalesische Regierung eine Rekordzahl an Klettergenehmigungen erteilt – es wurde eines der tödlichsten Jahre in der Geschichte. Der Berg forderte 18 Leben. "Der Massentourismus hat die Zahl der Opfer erhöht. Natürlich auch deswegen, weil heute wesentlich mehr Menschen den Berg besteigen", sagt der Geograf Kreutzmann. Laut Himalayan Database sterben die meisten durch Lawinen, Stürze, Höhenkrankheit oder Erschöpfung, in deren Folge sie oft erfrieren.

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Zwei Entwicklungen liefen derzeit parallel, betont der Wissenschaftler: "Es gibt Expeditionen, bei denen Hochträger als erfahrene Partner auf Augenhöhe agieren. Gleichzeitig arbeiten viele unter schwierigen Bedingungen, teilweise unzureichend vorbereitet oder ausgerüstet." Hinzu komme, dass zahlreiche Alpinisten vergleichsweise unerfahren seien und auf lokale Unterstützung angewiesen blieben.

Dies führe zu gefährlichen Situationen, da die Kunden erwarteten, den Gipfel zu erreichen. Das grenze mitunter an "Hochgetragen werden", meint Kreutzmann. Eine Everest-Expedition kostet laut dem SRF häufig zwischen 45.000 und 450.000 US-Dollar. Im Luxussegment gehören Einzelzelte mit Heizdecke, WLAN, mehrere Sherpas und Helikopterservice zum Angebot. Die Kosten für die nepalesische Besteigungsgenehmigung sind zuletzt von 11.000 auf 15.000 US-Dollar gestiegen.

Sherpas zahlen immer wieder den höchsten Preis

Oberhalb von 8.000 Metern beginnt die Todeszone. Dort kann der menschliche Körper aufgrund von Sauerstoffmangel, niedrigem Luftdruck und extremer Kälte nur begrenzte Zeit überleben. Immer wieder kommt es daher zu Vorfällen. 2024 starben ein Alpinist und sein Bergführer Nawang Sherpa, nachdem der Kunde versucht hatte, ohne zusätzlichen Sauerstoff aufzusteigen.

Auf etwa 8.800 Metern verschlechterte sich der Zustand des Alpinisten. Dennoch verweigerte er Sauerstoff und Abstieg. Ob aus Ehrgeiz oder einer fortgeschrittenen Höhenkrankheit blieb unklar. Der Sherpa versuchte bis zuletzt, ihn umzustimmen. "Die Tragödie besteht nicht nur darin, dass er gestorben ist, sondern dass das Sterben die beruflich angemessenste Entscheidung war, die er treffen konnte", sagte der nepalesische Bergsteiger Sanu Sherpa später BBC.

Nicht nur am Everest sterben regelmäßig Sherpas. Einer der aufsehenerregendsten Fälle ereignete sich 2023 am K2. Der Berg im Karakorum ist der zweithöchste der Welt, gilt aber als gefährlicher und anspruchsvoller als der Mount Everest. Der pakistanische Hochträger Muhammad Hassan stürzte im Gipfelbereich schwer. Zahlreiche Bergsteiger drängten an ihm vorbei Richtung Gipfel, während seine Rettung nur schleppend vorankam.

Der Vorfall, als "Schande von K2" bezeichnet, löste eine Debatte über Ethik im extremen Höhenbergsteigen aus. Bis heute widersprechen sich die Aussagen. Doch am Ende war ein lokaler Träger tot, während mehr als 70 Personen den Gipfel erreichten. "So etwas kommt immer wieder vor, weil viele internationale Alpinisten die Sherpas als eine Art 'Material' betrachten, das sie mitgebucht haben und nicht als menschliche Individuen", kritisiert Hermann Kreutzmann.

Sherpas heute: zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit und erfolgreichen Unternehmern

Für die Menschen rund um Namche Bazaar ist der Bergtourismus trotz aller Risiken von zentraler Bedeutung. Pro Expedition können bis zu 10.000 US-Dollar verdient werden, eine enorme Summe im lokalen Vergleich. Die Region gilt als eine der ärmsten der Welt. Realistisch ist eine Besteigung pro Saison. Fallen die Einnahmen weg, ist das für die Menschen vor Ort dramatisch.

Zwar gibt es mittlerweile mehr Absicherung durch staatliche Institutionen, und die Sherpas sind besser ausgerüstet als früher. Doch gleichwertig mit westlichen Bergführern sei das noch lange nicht, meint Kreutzmann. Zudem erleiden viele von ihnen dauerhafte Schäden durch Erfrierungen. Für ein Leben nach der Expeditionstätigkeit stelle das eine massive Einschränkung dar. Und auch bei Todesfällen würden Familien nur geringfügig entschädigt. Wenn überhaupt.

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Doch die Rolle der Sherpas hat sich auch gewandelt. Einige sind erfolgreiche Unternehmer geworden, organisieren Expeditionen oder betreiben Lodges und Hotels. "Dennoch arbeiten viele Sherpas weiterhin in großen Teams mit Hunderten Trägern und werden vergleichsweise schlecht bezahlt", sagt Kreutzmann. Am höchsten Berg der Welt prallen so unterschiedliche Interessen aufeinander: die Gipfelambitionen internationaler Bergsteiger, die Gewinninteressen der Organisatoren und die Sicherheits- und Einkommensinteressen der lokalen Arbeitskräfte.

Angesichts der hohen Risiken fordern immer mehr Sherpas bessere Arbeitsbedingungen und verlässliche Absicherungen. Doch ihre Stimme werde noch immer zu selten gehört, meint Kreutzmann. Ihnen bliebe oft nur der Streik. So wie 2016, als 16 Sherpas durch eine Lawine beim Vorbereiten der Route starben. "Langfristige Verbesserungen sind nur möglich, wenn das spezielle Wissen und Können der Hochträger anerkannt wird – denn sie sind nicht beliebig ersetzbar. Diese Verhandlungsmacht müsste durch staatliche Gesetzgebung und wirksamen Arbeitsschutz gestärkt werden", meint der Humangeograf.

Aufstieg nicht wegen des Ruhms, sondern aus schierer Notwendigkeit

Tatsächlich zeigen moderne Studien, unter anderem der University of Cambridge, dass sich Sherpas über Jahrtausende genetisch an das Leben in großer Höhe angepasst haben. Aber: "Sie sind keine Übermenschen. Sherpas gehen oft über die Grenzen des Sicherheitsbereichs hinaus, während sie die Gipfelziele anderer priorisieren", sagte die Alpinistin Dawa Sherpa der BBC. Nicht aus Ruhm, sondern weil diese Arbeit manchmal ihre einzige Lebensgrundlage sei. Hinzu kommt, dass laut BBC zunehmend Arbeitnehmer aus anderen nepalesischen Gruppen rekrutiert werden, die diese biologischen Vorteile nicht haben.

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In der Verantwortung stehen auch die lokalen Unternehmen selbst. 80 Prozent der Trekkingagenturen seien in nepalesischer Hand, berichtet SRF. "Manche Sherpa-Unternehmen bemühen sich schon um Bergsteigerlizenzen in Pakistan und machen so den örtlichen Kräften Konkurrenz", sagt Hermann Kreutzmann. Auch an ihnen liege es, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, statt bestehende Ungleichheiten fortzuführen.

Für die Saison 2025/2026 hat Nepal mittlerweile strengere Vorschriften eingeführt. Wer den höchsten Berg der Welt besteigen will, muss vorweisen können, einen mindestens 7.000 Meter hohen Berg in Nepal bestiegen zu haben. Doch das Machtungleichgewicht zwischen Sherpas und Kunden besteht weiterhin. In einer der tödlichsten Regionen der Welt.

Über den Gesprächspartner

  • Prof. Dr. Hermann Kreutzmann arbeitet am Institut für Geographische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Geographische Entwicklungsforschung, Politische Geographie, Minderheiten- und Migrationsforschung und Hochgebirgsforschung mit dem regionalen Schwerpunkt Süd- und Zentralasien.

Verwendete Quellen

  • Interview mit Prof. Dr. Hermann Kreutzmann
  • Alpin: Video vom Gipfelgrat des Mount Everest: Stau in der Todeszone
  • Alpin: Tragödie am K2: Leiche von Muhammad Hassan geborgen
  • BBC: 'It's terrifying': The Everest climbs putting Sherpas in danger
  • SRF: Wahnsinn am Everest
  • The Himalayan Database
  • University of Cambridge: Himalayan powerhouses: how Sherpas have evolved superhuman energy efficiency
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