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Ich möchte Sex, habe aber keine Lust auf Dating – und jetzt?!

Exklusives Leserformat

Ich möchte Sex, habe aber keine Lust auf Dating – und jetzt?!

Aktualisiert am 14.04.2026, 19:09 Uhr © Getty Images/iStockphoto/ridvan_celik - bearbeitet Lesedauer:4 Min. Von Tanja Ransom Franziska Scharch

Der Wunsch nach Intimität ist da, aber nicht der nach Dating, Bindung oder emotionaler Verpflichtung. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?

Eine Person hat sich mit dieser Frage an uns gewandt – und Menschen mit ganz unterschiedlichen Expertisen haben in unserem exklusiven Format "... und jetzt?!" geantwortet.

Es gibt mehr als Schwarz und Weiß, richtig oder falsch. Aus diesem Grund sprechen wir in unserem Leserformat "... und jetzt?!" mit ganz verschiedenen Menschen über intime Fragen, die unsere Leserinnen und Leser beschäftigen.

Diesmal geht es um folgendes Thema:

"Ist es auch ohne feste Beziehung möglich, liebevolle und sexuelle Kontakte zu haben? Ich, männlich, heterosexuell, 55 Jahre alt, bin in keiner Partnerschaft und fühle mich dennoch als sexuelles Wesen. Meine bisherigen Partnerschaften sind aus verschiedenen Gründen geendet und ich bin derzeit nicht motiviert, mich erneut auf die Suche zu machen. Da mir Kontakte zu Sexworkerinnen zu distanziert und emotional unstimmig erscheinen, frage ich mich, wie ich dieses Dilemma lösen kann."

Hier lesen Sie die Antworten, die uns Expert*innen auf die Frage gegeben haben:

Dr. Andrea Newerla: Es muss nicht Alles-oder-Nichts sein

"Das klingt, als wäre eine 'Freundschaft Plus', also eine Freundschaft, die auch Sex inkludieren kann, eine Lösung. Für die Generation über 50 ist das vielleicht noch kein Thema, aber die jüngeren Generationen kennen das durchaus, etwa durch Dating-Apps.

Dr. Andrea Newerla © Dr. Andrea Newerla

Manche sagen jetzt: 'Das ist nicht emotional nah oder verbindlich.' Ich würde antworten: 'Das kann es sein, wenn man es so macht.' In romantischen Liebesbeziehungen soll alles von einer Person erfüllt werden. Das ist eine Überfrachtung von Bedürfnissen. Das ist sehr viel und für viele Menschen auch zu viel.

Beziehungsformen, die sich aktuell entwickeln und sich weiter verbreiten, haben das nicht und sind trotzdem nah, etwa Freundschaft-Plus-Beziehungen. Sie haben das Potenzial, Nähe herzustellen und verbindlich zu sein, ohne alles erfüllen zu müssen. Es ist sozusagen mehr möglich, das eigene Leben zu leben und trotzdem mit anderen in Verbindung zu sein, als in einer Partnerschaft, bei der man sofort zusammenzieht, die ganze Zeit zusammen ist und alles gemeinsam macht. Das bedeutet nicht, dass man unfähig ist, sich zu binden. Es bedeutet nur, dass man vielleicht einfach keine Lust auf dieses Alles-oder-nichts-Prinzip hat."

Zur Person

  • Dr. Andrea Newerla ist Soziologin, Beziehungsberaterin, Trainerin und Autorin. Sie hat an verschiedenen Universitäten zu Intimität, Online-Dating und Beziehungen jenseits heteronormativer Standards geforscht.
  • Sie bietet Beratungen an und teilt ihre Tipps auf ihrem Instagram-Kanal.

Dr. Aylin Thiel: Verstehen, warum man Verbindung meidet

"Ich glaube, dieser Leser ist auf der Suche nach Verbundenheit und Erfüllung. Für ihn bedeutet Partnerschaft vor allem Sexualität. Wenn ich Sexualität habe, habe ich auch Partnerschaft. Im besten Fall wünscht er sich Freundschaft plus mit derselben Frau. Dann ist er in einer Verbindung, hat aber keine Konflikte. Alles, was er sagt, ist: 'Ich möchte weder mit dem Geist, also dem Intellekt, noch mit den Emotionen von jemandem in Verbindung treten.'

Hart formuliert möchte er nur den Körper gebrauchen. Wenn wir uns das durch den Kopf gehen lassen, merken wir, wie absurd das ist. Sexualität ist etwas Besonderes, und das liegt auch an den Emotionen und dem Gefühl der Anziehung.

Dr. Aylin Thiel © Dr. Aylin Thiel

Beim Intimleben geht es darum, miteinander zu verschmelzen und eins zu werden. Nicht nur körperlich, sondern auch mental und emotional. Ich würde mich also fragen: Warum vermeidet er das? Warum lehnt er es ab, mit dem ganzen Menschen in Verbindung zu treten? Denn Verbindung ist das, was wir brauchen. Sicherlich steckt dahinter die Angst, dass die Beziehung wieder nicht funktioniert und die Angst vor Schmerz, der wieder aufkommt."

Zur Person

  • Dr. Aylin Thiel ist Psychologische Psychotherapeutin, Traumatherapeutin sowie Paartherapeutin.
  • Auf ihrem Instagram-Kanal teilt sie ihr Wissen und Impulse zu den Themen Trauma, Heilung und Selbstfürsorge. Sie ist SPIEGEL-Bestseller-Autorin des Buches "Trauma ENDLICH überwinden: Finde die Lebensfreude, die du verdienst".

Ronja Runge: Im Vorfeld klären, was man sucht

"Das ist auf jeden Fall möglich. Menschen suchen in der Sexualität viele unterschiedliche Sachen. Genauso wie es Menschen gibt, die gerne One-Night-Stands haben und die Person danach nie wiedersehen, gibt es Menschen, die eher auf der Suche nach sowas wie Freundschaft Plus sind.

Ronja Runge © Anna Spindelndreier

Man teilt die Sexualität miteinander, aber auch das Emotionale ist wichtig, weil es für die Person einfach dazugehört. Das Internet ist die einfachste Plattform, um das zu finden, was man individuell sucht. Wichtig ist, im Vorfeld zu sagen oder in sein Profil zu schreiben, was man genau sucht."

Zur Person

  • Ronja Runge ist Sexualwissenschaftlerin und arbeitet in der Sexualbildung.
  • Sie schult Fachkräfte und Menschen mit Behinderung in den Bereichen Barrierefreiheit, Gewaltschutz und Sexualität.

Ben Russell: Aufgeschlossene Menschen finden

"Ja, es ist möglich. Ich denke, am leichtesten ist es, das mit Menschen zu tun, die nicht monogam leben, aber auch diese Art Beziehung führen möchten.

Ben Russell © Isabella Hewlett

Denn: In monogamen Beziehungen funktioniert eine Freundschaft Plus nur, solange beide Single sind. Sobald eine Person wieder in eine monogame Beziehung geht, endet das. In der Altersgruppe ab 50 Plus gibt es zwar viele Swinger, aber man muss schauen, ob das das Richtige ist. Die Szene kann distanziert sein, weil es oft mehr um Sex denn um Beziehungen geht.

Am besten sucht man sich eine Art Beziehung, in der man sich gerne mag, schöne Zeit miteinander verbringt und sich einmal im Monat – oder je nachdem, wie oft – zum Sex trifft."

Zur Person

  • Ben Russell arbeitet in den Bereichen sexuelle Bildung und sexualpädagogische Sexarbeit und Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung und gibt Workshops rund um Sex, Beziehung und Kommunikation.
Interview Partnerschaft Paartherapeut erklärt: So funktioniert eine Freundschaft Plus 21. Juli 2025 von Lisa-Marie Yilmaz

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