Hebamme berichtet: "Manche Kolleginnen haben mich einfach ignoriert"
Hebamme berichtet: "Manche Kolleginnen haben mich einfach ignoriert"
Aktualisiert am 12.05.2026, 10:59 Uhr Männliche Hebammen gibt es kaum welche in Deutschland. Schätzungen zufolge sind es nur um die 30. (Symbolbild) © Getty Images/Djordje Krstic Lesedauer:7 Min. Von Malina KöhnStereotype prägen oft, wer sich auf bestimmte Berufe bewirbt und wer am Ende eingestellt wird. Ein Arbeitspsychologe erklärt, warum Berufe in Zusammenhang mit Kindern und Geburt in Deutschland noch immer stark weiblich besetzt sind – und zwei Männer erzählen, wie es ihnen in einer Frauendomäne ergeht.
Ein Mann als Hebamme? Ein Mann als Erzieher in der Kita? Klingt irgendwie ungewöhnlich? Es ist vor allem eins: selten. Denn nach wie vor gibt es typische Berufe für Männer und Frauen. Wagt sich ein Mann in eine Frauendomäne, fällt er auf.
"Manche Kolleginnen haben mich einfach ignoriert."
Woher kommt dieses Ungleichgewicht und wie ergeht es Männern in Berufen, die gesellschaftlich nach wie vor als "Frauenberufe" angesehen werden? Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen.
Tobias Richter (27) ist Hebamme. "Ich musste mich sehr beweisen", erzählt er im Gespräch mit unserer Redaktion. "Manche Kolleginnen haben mich einfach ignoriert, die haben überhaupt nicht mit mir geredet." Richter war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 17 Jahre alt.
Hebamme (m/w/d)
- "Hebamme" ist die einzige Berufsbezeichnung ohne männliche Form.
- Die 1985 eingeführte Bezeichnung "Entbindungspfleger" wurde zum 1. Januar 2020 wieder abgeschafft, seitdem gilt "Hebamme" für alle Berufsangehörigen unabhängig vom Geschlecht.
Sich zu Beginn erst einmal beweisen musste auch Volker H. Er ist seit 20 Jahren Grundschullehrer in München. In Deutschland sind derzeit rund zwölf Prozent aller Grundschullehrkräfte männlich, in Bayern sind es sogar nur neun Prozent.
Im Interview berichtet er, dass er zu Anfang seiner Lehrerlaufbahn "regelmäßig blöd angeredet" und gefragt wurde, was er eigentlich in der Schule mache. Den besorgten Eltern, dem Hausmeister, aber auch weiblichen Lehrkräften sei es gar nicht in den Sinn gekommen, dass er Referendar sein könnte. "Das wäre weiblichen Lehramtsanwärterinnen niemals passiert", glaubt H. Seine Anwesenheit hingegen sorgte für Irritation.
Typische Eigenschaften für Männer und Frauen
Woher diese Irritation kommt, kann Bertolt Meyer erklären, er ist Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität in Chemnitz: "Menschen haben Stereotype im Kopf. Das ist ganz normal. Das ist auch per se nichts Schlechtes, es ist aber manchmal eine Herausforderung."
Aus der Sozialpsychologie wisse man, dass Männlichkeit und Weiblichkeit verschiedene Eigenschaften zugeschrieben werden, sagt der Psychologe. Das belegen mehrere Studien aus Jahrzehnten Forschung.
Diese Eigenschaften verbinden Deutsche mit Männlichkeit:
- risikobereit
- entscheidungsfreudig
- furchtlos
- selbstsicher
- hartnäckig
- logisch denkend
- respekteinflößend
- dominant
- eine Führungspersönlichkeit sein
Weiblichkeit werden dagegen folgende Begriffe zugeschrieben:
- besänftigend
- sinnlich
- herzlich
- anmutig
- emotional
- kommunikativ
- sensibel
- zärtlich
- fürsorglich
Meyer erklärt, dass wir auch Stereotype im Kopf haben, welche Eigenschaften für bestimmte Berufe nötig seien. Mit Kinderbetreuung verbinden wir etwa die Eigenschaften: fürsorglich, sensibel, zärtlich und herzlich – die zum Stereotyp von Weiblichkeit passen. So erklärt sich Meyer auch die negativen Reaktionen der Kolleginnen von Tobias Richter: Als Mann passt er schlichtweg nicht zum Stereotyp, den wir mit dem Beruf der Hebamme verbinden – und den auch Richters Kolleginnen im Kopf hatten.
Gynäkologe ja, aber Hebamme nicht?
In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge um die 30 männliche Hebammen. Nun könnte man vermuten, dass das daran liegt, dass es kaum einen intimeren Beruf gibt, der sich mit dem weiblichen Körper beschäftigt. Doch Tobias Richter erzählt, dass die meisten Frauen und Paare zwar kurz überrascht seien, wenn er das Zimmer im Krankenhaus betritt, doch mit seinem Geschlecht im Normalfall keinerlei Probleme hätten.
Interview Expertin klärt auf Sexismus am Arbeitsplatz: Viele stehen vor einem großen Problem 06. März 2026 von Lena RuppertZusätzlich spricht gegen diese These, dass hierzulande rund 25 Prozent aller Gynäkologen Männer sind. Wie Meyer erklärt sich auch Richter die deutlich höhere Anzahl an Gynäkologen im Vergleich zu männlichen Hebammen mit den Stereotypen für typische "Männer- und Frauenberufe".
"Männer waren ja schon immer Ärzte", sagt Richter. "Und auch wenn heutzutage die meisten Studienplätze in der Humanmedizin von Frauen besetzt sind, sind die Chefarztposten nach wie vor hauptsächlich an Männer vergeben."
Laut Meyer ist das zum einen aufgrund der strukturellen Benachteiligung von Frauen so, die nach wie vor die Hauptverantwortung für das Aufziehen von Kindern tragen, und zum anderen, weil Führung stark männlich konnotiert ist – das gilt paradoxerweise insbesondere für "Frauenberufe". In der Arbeitspsychologie wird dieses Phänomen, die "gläserne Rolltreppe" genannt.
Das Phänomen der "gläsernen Rolltreppe"
- Das Phänomen der "gläsernen Rolltreppe" beschreibt, dass Männer selbst in Berufen, die gesellschaftlich als "Frauenberufe" abgestempelt werden, schneller in Führungspositionen aufsteigen als Frauen.
- Je mehr Frauen an einem Arbeitsplatz arbeiten, desto mehr werden Männer bevorzugt befördert, wie eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigt.
Grundschullehrer Volker H. hat die Theorie, dass viele Männer sich gegen seinen Beruf entscheiden, weil es wenig Möglichkeiten gibt, aufzusteigen und das Gehalt zu steigern. Hierzu muss man wissen, dass Grundschullehrer im Vergleich zu Gymnasiallehrern – ein Beruf, den deutlich mehr Männer wählen – in einigen Bundesländern weniger verdienen. Auch hier greifen wieder die Stereotype, wie Meyer sagt: Beruflicher Erfolg wird dem stereotypischen Bild des Mannes zugeschrieben – entsprechend auch ein hohes Einkommen.
Die psychologischen Prozesse hinter dem Geschlechterungleichgewicht
Doch nicht nur die Stereotypen, die wir uns selbst oder einem Beruf zuschreiben, spielen eine Rolle beim Geschlechterungleichgewicht in Berufen. "Komplexe gesellschaftliche Phänomene lassen sich nie mit einer einfachen Ursache erklären", sagt Psychologieprofessor Meyer. Das zeige auch das sogenannte ASA-Modell (Attraction-Selection-Attrition) des Organisationspsychologen Benjamin Schneider. Es erklärt, warum Mitarbeitende innerhalb einer Organisation oft ähnliche Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.
Leserstimmen Diskriminierung wegen Job Leserin berichtet: "Ich werde wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt" 14. Oktober 2025 von Malina KöhnWie Meyer erklärt, fühlt sich jeder Mensch von bestimmten Tätigkeiten und Berufen stärker angezogen (Attraction - Deutsch: "Anziehung"), weil er glaubt, dass diese besser zu ihm passen. "Das heißt, es gibt einen Selbstselektionsprozess". Die Folge: Viele Männer bewerben sich gar nicht erst auf Stellen, die zum Stereotyp der Frau passen.
Doch auch die Männer, die sich für einen "Frauenberuf" entscheiden, müssen in der Regel erst einmal eine Stelle finden. Und diese Auswahl treffen wiederum Menschen, die jemanden suchen, der ihrer Einschätzung nach zu ihnen und dem Beruf passt (Selection - Deutsch: "Auswahl"). "Dabei geht es um Ähnlichkeit", sagt Meyer. "Das heißt, wir haben schon mal zwei Stufen, die dafür sorgen, dass die Leute, die den gleichen Job machen, einander ähnlich sind."
In der dritten Stufe finden sich diejenigen, die dann tatsächlich eingestellt werden, in der Kultur einer Organisation wieder. "Wie redet man hier? Wie zieht man sich an? Wie sind die Leute drauf?" All das beeinflusst unser Verhalten am Arbeitsplatz – entweder man passt sich an und fühlt sich wohl oder eben nicht; das wiederum kann dazu führen, dass man sich einen neuen Job sucht oder gekündigt wird (Atrittion – Deutsch: "Reibung, Verschleiß"; im Personalwesen benennt man damit Fluktuation in der Belegschaft; Anm. d. Red.). "Diese Prozesse führen am Ende dazu, dass wir homogene Berufsgruppen haben", fasst Meyer zusammen.
Lehrer über typisches Verhalten von Kolleginnen: "Habe ich noch nie gemacht"
Das Gefühl, sich dem stereotypischen Bild der Frau im Lehrerberuf anpassen zu müssen, hatte Volker H. nie: "Am Anfang war ich ziemlich ehrgeizig und gerade im Sportunterricht härter zu den Kindern. Das hat nicht jedem gefallen." Seine Kolleginnen seien den Kindern gegenüber mütterlicher und "betüdelnder" gewesen, erzählt der Grundschullehrer. Bei sich selbst habe er dieses Verhalten erst festgestellt, nachdem er eigene Kinder bekommen hatte.
In einer Sache unterscheidet er sich jedoch klar von vielen Grundschullehrerinnen: Wenn seine Kolleginnen ein Kind trösten, nehmen sie es oftmals auf den Schoß – "das ist ein typisches Verhalten bei weiblichen Lehrkräften". Volker H. mache das nicht, sagt er. "Habe ich noch nie gemacht und werde es auch nicht tun. Ich kümmere mich um die Kinder, aber anders." Das liegt nicht an fehlender Empathie, es ist der Schutz vor falschen Anschuldigungen.
Sowohl Volker H. als auch Tobias Richter erzählen uns im Interview, dass sie sich ihrem jeweiligen Team zwar immer wieder anpassen mussten, dabei jedoch immer sie selbst bleiben konnten. Diese Anpassung hatte jedoch nichts damit zu tun, mitunter der einzige Mann im Team sein, wie beide erklären, sondern lediglich damit, dass sich die Dynamiken am Arbeitsplatz mit dem Hinzukommen neuer Kolleginnen und Kollegen stetig verändern.
Wird es in Zukunft mehr Männer in "Frauenberufen" geben?
Richter will ein Vorbild für jeden sein, der gerne Hebamme werden möchte – unabhängig vom Geschlecht. Er teilt seine Erfahrungen in dem Beruf deshalb auf Instagram und unterrichtete bereits angehende Hebammen an einer Hochschule in Brandenburg; einen Mann hatte er dort allerdings noch nie als Studenten. Die meisten männlichen Hebammen kommen aus dem Ausland, insbesondere aus Italien, erzählt Richter, aber auch in Dänemark oder den Niederlanden sind männliche Hebammen viel häufiger als in Deutschland.
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"Länder unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit", sagt Bertolt Meyer. Das habe einerseits mit kulturellen Vorstellungen, aber auch mit gelebter Praxis zu tun. "Wenn etwas in einem Land schon lange normal ist, dann bin ich auch eher bereit, das zu akzeptieren und anzuerkennen."
Aus ihrem persönlichen Umfeld haben Tobias Richter und Volker H. ausschließlich positives Feedback auf ihre Berufswahl erhalten. Dennoch rät Richter Männern, die gerne als Hebamme arbeiten möchten, sich ein dickes Fell zuzulegen. "Aber es lohnt sich dafür zu kämpfen, weil es ein unglaublich schöner Beruf ist."
Über die Gesprächspartner
- Tobias Richter ist seit zehn Jahren Hebamme und arbeitet derzeit als zentraler Praxisanleiter in einem Berliner Kreißsaal.
- Volker H. ist seit 20 Jahren Grundschullehrer in München. Der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.
- Prof. Dr. Bertolt Meyer ist Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität in Chemnitz, Buchautor und DJ.
Verwendete Quellen
- Interviews mit Hebamme Tobias Richter, Grundschullehrer Volker H. und Professor Dr. Bertolt Meyer
- researchgate.net: Analysis of current gender stereotypes
- sciencedirect.com: Promoting men and women to management: Putting the glass escalator paradox in the establishment context
- statista.com: Geschlechterverteilung unter sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Pflege und insgesamt in Deutschland im Jahr 2024
- Kassenärztliche Bundesverteilung: Vertragsärztinnen und -ärzte (Anteil in Prozent, männlich, Frauenärzte, 2024/2025)
- statista.com: Anteil der weiblichen Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland im Schuljahr 2024/2025 nach Schulart
- br.de: Männer gesucht: 91 Prozent Lehrerinnen an Bayerns Grundschulen
- academics.de: Grundschule bis Gymnasium: Wie viel verdient ein Lehrer oder eine Lehrerin?
