"Handfester Shitstorm" oder: Warum man sonntags arbeiten sollte
"Handfester Shitstorm" oder: Warum man sonntags arbeiten sollte
Aktualisiert am 23.04.2026, 19:25 Uhr Schadensbegrenzung statt Chaos: Nach der wilden Party-Beichte von letzter Woche relativieren die Kaulitz-Brüder ihre Story deutlich. Und dann geht es plötzlich um ein ganz anderes Thema: deutsche Ladenöffnungszeiten. © picture alliance/dpa/Philipp von Ditfurth Lesedauer:4 Min.In der vergangenen Woche hatten die Kaulitz-Brüder ein Hotelzimmer derangiert – so hieß es jedenfalls. In der neuesten Folge "Kaulitz Hills" mit dem Titel "Handfester Shitstorm" rudert Tom nun ein bisschen zurück, denn so doll sei es gar nicht gewesen. Danach taucht Tom in die Wissenschaft ein und beschäftigt sich mit der Frage: Warum haben die Läden in Deutschland nicht auch am Sonntag geöffnet?
Eine Satire von Christian Vock Diese Satire stellt die Sicht von Christian Vock dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht."Das sah so asozial aus." So beschrieb Bill Kaulitz in der vergangenen Folge "Kaulitz Hills" den Anblick seines Hotelzimmers, in dem der Sänger und seine Entourage am Vorabend gefeiert hatten. Es war von einer Ansammlung von Alkoholflaschen, von im Hotelzimmer verschmierten Burgern, überfüllten Aschenbechern und Erbrochenem im Badezimmer die Rede. Bill muss, so schien es, ordentlich gefeiert haben. Zumindest so sehr, dass er sich im Nachgang Gedanken über die Gedanken des Hotelpersonals gemacht hatte, was die wohl zu der ganzen Sauerei sagen würden.
Nun, eine Folge später, sieht sich sein Bruder Tom zu einer Klarstellung genötigt. "Ich glaube, wir haben das letzte Woche ein bisschen zu extrem erzählt vielleicht", übt sich Tom in Schadensbegrenzung, denn so schlimm sei es nicht gewesen. Und so wird aus einer einst zügellos erscheinenden Feier "ein bisschen was gegessen und ein bisschen was getrunken", aus der Alkoholansammlung wird ein "Da standen ein paar Flaschen rum, die nimmst du einmal, packst die in 'nen Müllsack rein".
Den Inhalt des "zugekotzten Klos" habe man außerdem einfach runtergespült. Kurzum, man habe das Zimmer nicht so hinterlassen, "dass man sich dafür schämen müsste". Außerdem habe man dem Hotel ja auch einen ganzen Alkohol-Jahresumsatz beschert. Das scheint in einem Familienhotel zwar keine allzu große Hürde zu sein, dennoch wirft Toms Relativierung Fragen auf.
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Denn entweder funktioniert das Krisenmanagement der beiden richtig gut, so dass die Brüder nun kräftig zurückrudern, sobald es Gegenwind gibt. Das Image der ein bisschen exaltierten, aber sowohl boden- als auch anständig gebliebenen Zwillinge ist eben schneller zerstört als aufgebaut. Oder aber: Die Kaulitz-Twins haben seinerzeit maßlos übertrieben, was wiederum zu der Frage führt: Wenn sie bei so etwas übertreiben – wo dann noch alles? Schmeckt ihr Tequila vielleicht gar nicht so toll, wie Tom immer behauptet? Und sind Bill und Tom überhaupt Zwillinge? Oder sind die Kaulitz-Brüder nur ein einziger Mensch, der sich halt wahnsinnig schnell bewegen kann?
Vielleicht finden wir es irgendwann raus, ich gucke mir jedenfalls ein Kaulitz-Interview mal in Zeitlupe an, vielleicht entdecke ich da was. Ich melde mich. Vorerst blicken wir aber noch einmal auf die aktuelle Folge, und in der eröffnet Tom eine Diskussion, die vielleicht einen guten Einblick in seine tatsächliche Bodenständigkeit gibt. Und zwar sei ihm ein "Haarprodukt" im Koffer ausgelaufen. Kann passieren, die Geschichte der Menschheit ist voller Fehler. Amerika statt Indien entdeckt, Millionen für die PkW-Maut verdusselt, Shampoo ausgelaufen – wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Tom jedenfalls habe Ersatz gebraucht, dann aber Bekanntschaft mit den deutschen Ladenöffnungszeiten gemacht. Die seien, so habe Tom schnell festgestellt, gar nicht für Superstars im Shampooflaschennotfall gemacht, besonders nicht am Wochenende. "Samstag wird’s in Deutschland schon ganz knapp mit Sachen kaufen", findet Tom, schließlich würden die Läden dann schon um 17 Uhr schließen. Außerdem hätten auch nicht alle Läden offen. Noch schlimmer sei es sonntags, denn "Sonntag kannst du’s ja komplett vergessen", so Tom. Am Sonntag ein Haarprodukt zu bekommen, sei eine unlösbare Aufgabe, und nun frage sich Tom: "Warum ist das so?"
Warum darf man sonntags nicht einkaufen?
Tom könne zwar das Argument verstehen, dass sich "nicht alle totarbeiten wollen" würden, aber "es müssen ja nicht die gleichen Leute sein." Es gebe genügend Leute, die zur Sonntagsarbeit bereit seien. In Los Angeles jedenfalls könne er "alles, immer und überall bekommen", und er überlege, ob das nicht auch wirtschaftlich "total sinnvoll" sei. "Gerade am Wochenende, denke ich mir, hat man doch auch die Zeit", stellt Tom fest. Tom habe neulich in New York zusammen mit Toms Frau an einem Wochenende Möbel kaufen wollen, doch am Wochenende hätten die Möbelläden in New York geschlossen, so dass er sich gefragt habe: "Leute, wann wollt ihr denn, dass wir Möbel kaufen? Weil unter der Woche arbeiten doch alle!"
Damit spricht Tom ein Problem an, das seit einiger Zeit in Wissenschaftskreisen als "Haarprodukt-Arbeitszeit-Paradoxon" bekannt ist. Die Kernfrage dieses Problems lautet: Wie lange müssen Menschen arbeiten, damit Superstars immer Ersatz finden, egal, wann ihnen das Shampoo ausgelaufen ist? Eine endgültige Antwort auf diese Frage gibt es freilich noch nicht, dazu ist die Studienlage noch nicht aussagekräftig genug. Aber es gibt immerhin schon vielversprechende Ansätze. So untersucht beispielsweise ein Forscherteam aus Indien gerade die Frage, warum Möbel-Geschäfte nicht am Wochenende geöffnet haben, wo doch die Menschen gerade am Wochenende Zeit zum Einkaufen hätten.
Momentan stockt das indische Forschungsprojekt aber ein wenig. Das Team hängt nämlich an folgender Frage: Wenn die Menschen zwar am Wochenende Zeit zum Einkaufen haben, aber eben nur die Menschen, die nicht im Möbelladen arbeiten – wo kaufen dann Möbelverkäufer am Wochenende Möbel? Momentan, so höre ich es aus Indien, kommt man hier nicht weiter, aber ich bin mir sicher, die indischen Forscher hätten schon längst eine Lösung gefunden, würden sie auch am Wochenende arbeiten, statt in dieser Zeit Möbel zu kaufen.
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Am berühmten Massachusetts Institute of Shampooflaschenauslaufforschung in Cambridge betreibt man dagegen Grundlagenforschung in dieser Sache. Hier beschäftigt die Forscher vor allem die Frage: Wenn Leute auch am Wochenende arbeiten – gibt es dann überhaupt ein Wochenende? Die erste Arbeitshypothese der Cambridge-Forscher dazu lautet: nein. Die Kollegen aus der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät gehen indes Toms zweitem Impuls nach. Der Gitarrist befürwortet nämlich eine optionale Lösung des Problems. Wer an einem Sonntag arbeiten wolle, der könne das tun, wer nicht, eben nicht.
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Die Wirtschaftswissenschaftler waren zunächst begeistert von Toms Lösung, sehen in der Praxis allerdings ein paar Probleme. So habe sich etwa in der Gastronomie-Praxis gezeigt, dass in Restaurants, in denen der Koch zwar gerne sonntags arbeitet, die Kellner aber nicht, deutlich weniger Bestellungen in der Küche eingehen. Ich bin gespannt, wie Tom und die Wissenschaft dieses Problem lösen werden. Für Kolumbus, Andreas Scheuer und Bills Hotelzimmer ist es zu spät, aber bis man hier zu einem Durchbruch gelangt ist, kann Tom bei seinem Haarprodukt in Zukunft immerhin eines machen: ein bisschen besser aufpassen.
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