Grüne kritisieren Plan der Bundesregierung als unrealistisch
Wie realistisch ist Deutschlands Plan zum Fahrradland?
Aktualisiert am 14.04.2026, 10:01 Uhr © 1&1 Mail & Media Lesedauer:3 Min. Von Laura CzypullDie Bundesregierung will Deutschland bis 2030 zum Fahrradland transformieren. Dafür sollen unter anderem die Unfalltoten im Radverkehr um 40 Prozent reduziert werden. Aktuell steigen die Fälle allerdings. Ist das Ziel noch zu schaffen?
Wo stehen wir heute und wie können wir das Ziel nach einer noch sichereren Mobilität weiter vorantreiben? Diesen Fragen möchte das Verkehrsministerium am Dienstag auf der Nationalen Verkehrssicherheitskonferenz nachgehen. "Die Verkehrssicherheitsarbeit des Bundes steht niemals still und hält Schritt mit den Herausforderungen des sich wandelnden Mobilitätsverhaltens der Bürgerinnen und Bürger", schreibt das Ministerium auf seiner Website.
Dazu hat sich die Bundesregierung in ihrem "Verkehrssicherheitsprogramm 2021 bis 2030" vorgenommen, der "Vision Zero" einen Schritt näher zu kommen – also null Tote im Straßenverkehr. Der aktuelle Plan: die Verkehrstoten um mindestens 40 Prozent reduzieren.
Da die Mobilität sich weiterentwickelt, legt die Bundesregierung alle paar Jahre ein angepasstes Programm mit Maßnahmen vor. Ein Teil der aktuellen Strategie: die Radverkehrsoffensive. Der Bund will unter anderem den Bau von sicherer Radinfrastruktur vorantreiben – bis 2030 soll Deutschland zum Fahrradland umgebaut werden. So sieht es der Nationale Radverkehrsplan vor.
Unrealistisch, diagnostiziert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (kurz: ADFC). Er wirft dem Bund die Verfehlung von gleich zwei Verkehrssicherheitsprogrammen vor.
"Dooring"-Unfälle Schutz für Radfahrer: Bundesregierung will Autohersteller in die Pflicht nehmen 04. Dezember 2025ADFC: Bund verfehlt Verkehrssicherheitsziele
"Die Zwischenbilanz beim Radverkehr ist in zweierlei Hinsicht alarmierend: Zum einen stagniert der Fahrradanteil am Gesamtverkehr – anstatt dynamisch zu wachsen, wie von der Bundesregierung angestrebt. Zum anderen verschlechtert sich die Unfallbilanz", erklärt ADFC-Chefin Caroline Lodemann in einer Mitteilung anlässlich der Verkehrssicherheitskonferenz. "Damit steht der Erfolg gleich zweier Programme des Bundes auf dem Spiel: der Nationale Radverkehrsplan und die Nationale Verkehrssicherheitsstrategie. Das ist bitter!"
Laut Statistischem Bundesamt sind die Unfallzahlen mit Verletzten mit Fahrrad oder Pedelec gegenüber 2014 im Jahr 2024 um 18 Prozent gestiegen. Bei den Zahlen der getöteten Radfahrenden waren es 12 Prozent mehr.
Lodemann fordert: "Radfahrende brauchen eigene, geschützte Infrastruktur." Zudem müssten die Knotenpunkte zwischen Rad- und Autoverkehr "so umgestaltet werden, dass sie auch für ungeschützte Verkehrsteilnehmer sicher sind".
Doch ist das gesteckte Ziel der Bundesregierung angesichts dieser Entwicklungen bis 2030 noch realistisch?
CDU-Politiker Rehbaum bezieht Stellung
"Die Bundespolitik hat schon vieles für den Radverkehr getan", sagt Henning Rehbaum, der zuständige Berichterstatter für Radverkehr der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, auf Anfrage unserer Redaktion. Als Beispiel nennt er das Förderprogramm "Stadt und Land", das noch unter der Regierung von Angela Merkel auf den Weg gebracht wurde und den Kommunen bis 2030 rund zwei Milliarden Euro für den Bau von Radwegen zur Verfügung stellt. Denn: Die Schaffung von Radinfrastruktur sei Sache der Länder und Kommunen. Der Bund sei deshalb nur Mitfinanzierer und kein Initiator solcher Maßnahmen, sagt Rehbaum.
Er betont: "Wichtig ist nicht, an jeder Straße einen Radweg zu haben, sondern ein durchgängiges Netz mit sicheren Wegen, die auch mal einen Fehler verzeihen." Den Anstieg der Unfallzahlen im Radverkehr erklärt sich der CDU-Politiker mit der gestiegenen Nutzung von E-Bikes und Pedelecs, die eine höhere Geschwindigkeit aufbringen können als unmotorisierte Räder. Dadurch und mit besseren Radwegen würde auch mehr Rad gefahren – was wiederum zu mehr Radunfällen führe.
Tatsächlich stagniert der Radverkehrsanteil trotz der politischen Ziele laut der Studie "Mobilität in Deutschland" bei rund 11 Prozent. Auch die auf dem Rad zurückgelegten Kilometer sind demnach gegenüber 2017 nur leicht von 40 Milliarden auf 43 Milliarden pro Jahr gestiegen.
Grünen-Abgeordnete: "Glaube nicht, dass die Koalition Ziel erreicht"
Victoria Broßart, Obfrau im Verkehrsausschuss der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, sieht die Erreichung des gesteckten Ziels angesichts dieser Zahlen pessimistischer. "Ich glaube nicht, dass die Koalition das Ziel erreichen wird, die Zahl der getöteten Radfahrenden bis 2030 um 40 Prozent zu senken", teilt sie auf Anfrage unserer Redaktion mit. "Statt konsequent zu handeln, lehnen sie sich darauf zurück, dass der Bund nicht zuständig sei, obwohl der Nationale Radverkehrsplan klar ein Bundesplan ist", betont sie.
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Vor Fahrradklima-Test Grüne fordern Fahrradmilliarde 17. Juni 2025 von Laura CzypullLaut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI aus 2024, die der ADFC in Auftrag gegeben hat, könnte Deutschland zumindest bis 2035 ein führendes Fahrradland werden. Voraussetzung: eine volle Umsetzung aller Maßnahmen der Bundesregierung. Einen Schritt in diese Richtung könnte Deutschland am Dienstag auf der Verkehrssicherheitskonferenz machen.
Verwendete Quellen:
- Pressemitteilung des ADFC
- Stellungnahmen der Verkehrspolitiker Henning Rehbaum (CDU) und Victoria Broßart (Grüne)
- Destatis.de: Fahrradunfälle 2024
- Destatis.de: Getötete Radfahrende 2024
- Destatis.de: Vergleich zu 2014
- Nationaler Radverkehrsplan 3.0
- bmv.de: Nationale Verkehrssicherheitskonferenz 2026
- bmv.de: Verkehrssicherheitsprogramm 2021 bis 2030
- "Mobilität in Deutschland"
- adfc.de: Studie des Fraunhofer ISI: Deutschland könnte Radverkehr verdreifachen
