Expertin warnt vor der WM: "Kann alle Menschen treffen"
Expertin warnt vor der WM: "Kann alle Menschen treffen"
Aktualisiert am 22.04.2026, 16:44 Uhr Eine Expertin erklärt, welche Schwierigkeiten auf internationale Fans bei der Fußball-WM 2026 warten. © IMAGO/Anadolu Agency/Stringer Lesedauer:4 Min.In den USA rückt die Fußball-WM näher. Doch die Menschenrechtslage vor Ort trübt die Vorfreude. Vor allem das harsche Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE beunruhigt Amnesty-Expertin Maja Liebing. Bestimmten Personengruppen rät sie, sich vor einer Einreise besonders gut zu informieren.
Ein Interview von Anne-Kathrin HamiltonBei Amnesty International schrillen die Alarmglocken. Ob Angriffe auf Pressevertreter, Universitäten, Richter oder Frauen- sowie LGBTQIA+-Rechte – die Menschenrechtslage in den USA unter Donald Trump sei alarmierend. Am Montag stellte die Menschenrechtsorganisation ihren Jahresbericht bei einer Pressekonferenz in Berlin vor. Die Kritik an der neuen US-Regierung war groß.
Dabei wollen die USA neben Kanada und Mexiko im Juni zur Fußball-Weltmeisterschaft einladen. Dem sieht Amnesty-Expertin Maja Liebing mit Sorge entgegen. Sie ist Referentin für die Region bei der NGO. Am Rande der Presseveranstaltung nennt sie im Interview die Risiken für WM-Touristen, was es zu beachten gilt und was diese WM von früheren Weltmeisterschaften unterscheidet.
Frau Liebing, würden Sie ohne Bedenken zur WM in die USA reisen?
Maja Liebing: Ohne Bedenken bestimmt nicht, am ehesten würde ich derzeit nach Kanada reisen. Bei der aktuellen Lage in den USA rate ich jedem, der zur WM reisen möchte, sich zuvor gut zu informieren.
Was gibt es zu beachten?
Wir sehen in unterschiedlichen Bereichen Risiken für Tourist*innen. Besonders kritisch ist die Einwanderungsbehörde ICE, die durch enorme finanzielle Mittel und Kompetenzen zu einer paramilitärisch agierenden Einheit aufgebaut wird und Masseninhaftierungen ausführt. Menschen werden dabei willkürlich und rechtswidrig auf der Straße festgenommen. Und genau diese Behörde wird Teil des Sicherheitskonzeptes zur WM sein.
Sie gehen davon aus, dass ICE auch WM-Touristen ins Visier nehmen könnte?
Fakt ist, dass die Festnahmen durch ICE-Beamte willkürlich verlaufen. Somit kann es alle Menschen treffen und damit auch jene, die zur WM fahren. Bisher gibt es kein Sicherheitskonzept, um das zu verhindern. Das ist unter anderem eine Forderung, die Amnesty an die US-Regierung und an die FIFA stellt. Die WM muss vor diesen rechtswidrigen Inhaftierungen sicher sein.
Diese Menschen sind bei der WM in den USA besonders gefährdet
Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?
ICE nimmt vor allem von Rassismus betroffene Menschen ins Visier, weiße Menschen sind hier weniger betroffen. Ob die betroffene Person am Ende einen gültigen Einwanderungstitel besitzt oder nicht, ist für ICE zunächst zweitrangig. In der Vergangenheit gab es Fälle, bei denen Menschen festgenommen und auch abgeschoben worden – trotz gültigen Aufenthaltstitels. Das sind längst keine Ausnahmen mehr.
Countdown zur Fußball-WM Fünf Millionen Karten weg – FIFA startet neue Verkaufsrunde vor 9 StundenLaut dem Amnesty Report 2025/26 verschärft sich auch die Lage für LGBTQIA+-Personen in den USA unter Trump. Wie schätzen Sie eine Einreise für queere Fußballfans ein?
Schon jetzt wird die Einreise dieser Personengruppe erschwert. Trans*Identitäten werden im Pass nicht mehr anerkannt. Also wenn das wahrgenommene Geschlecht nicht mit dem im Pass eingetragenen Geschlecht übereinstimmt, darf die Person nicht in die USA einreisen. Auch hier raten wir dazu, sich gut zu informieren. Verschiedene LGBTQIA+-Verbände haben bereits angekündigt, die WM aufgrund der diskriminierenden Einwanderungspolitik zu boykottieren.
Und wegen der Situation für queere Menschen vor Ort?
Ja, denn Trump und seine Regierung hetzen verstärkt gegen LGBTQIA+-Personen, was durchaus das Risiko von Übergriffen erhöht. Gleichzeitig hat die FIFA ihre Anti-Diskriminierungsmaßnahmen eingestellt.
Kritik an Einreisebeschränkungen
Neben der erschwerten Einreise für LGBTQIA+-Personen gelten Einreisebeschränkungen für 39 Länder weltweit. Vier davon haben sich für die WM qualifiziert.
Diese Einreisebeschränkung bezeichnen wir als rassistisch, weil es insbesondere muslimische Länder betrifft und solche, wo schwarze Menschen und People of Color leben. Zur WM können Menschen aus diesen Ländern erst gar nicht einreisen.
Wie problematisch sehen sie also die USA momentan als Co-Gastgeber für dieses globale Sportereignis?
Sehr problematisch. Aufgrund der rassistischen Migrationspolitik, der Tatsache, dass ICE zur Sicherung der Fußballstadien und der Spiele eingesetzt wird, und dass es eben kein Sicherheitskonzept gibt, um mögliche Übergriffe zu verhindern und damit marginalisierte Gruppen zu schützen.
Wie sieht es mit der Meinungsfreiheit aus? Dürfen sich internationale Fußballfans Trump-kritisch äußern? Oder sollten Anti-Trump-Mützen lieber zu Hause bleiben?
Auch für private Akteure gelten internationale Standards. Wenn es in Richtung Volksverhetzung oder Hassrede geht, darf auch das Recht auf Meinungsfreiheit eingeschränkt werden. Sollte das also bei der WM vorkommen, muss es im Einklang mit internationalen Menschenrechtsstandards geschehen. Ob und was konkret passiert, wenn ein Fußballfan mit einem Trump-kritischen T-Shirt ins Stadion geht, lässt sich derzeit nicht sagen. Das wird darauf ankommen, welche Anweisungen die Sicherheitskräfte erhalten werden. Am Ende könnten aber schon antiamerikanische beziehungsweise Trump-kritische Beiträge auf Social Media eine Rolle spielen.
Spaß auf der PK Kompany als TV-Experte bei der WM? Da muss er lachen vor 1 TagInwiefern?
Bei der Einreise werden die Social-Media-Kanäle überprüft. Jeder ist dazu verpflichtet, diese anzugeben. Das muss jede Person für sich entscheiden, ob sie dazu bereit ist.
Könnte die WM auch dazu beitragen, Missstände in den USA sichtbarer zu machen? Oder verschwinden sie hinter einer schönen Fassade?
Auch bei Katar haben wir damals im Vorfeld auf die Menschenrechtsprobleme hingewiesen. Doch sobald die Spiele begannen, ließ die Aufmerksamkeit nach. Die Menschen fieberten mit ihren Mannschaften mit, feierten und hatten Spaß. Grundsätzlich sehe ich aber bei dieser WM einen Unterschied zu früheren Weltmeisterschaften wie in Katar.
Der da wäre?
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Diesmal betreffen die Menschenrechtsrisiken auch die Fans aus aller Welt. Diesmal sind alle aufgefordert, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Und sollten Fußballfans und WM-Tourist*innen von Menschenrechtsverletzungen betroffen sein, würde das für große Aufmerksamkeit sorgen. Wenn es Menschen aus Europa oder Deutschland treffen sollte, wird das nochmal einen ganz anderen Eindruck hinterlassen.
Über die Gesprächspartnerin
- Maja Liebing ist Referentin für die Region Amerikas für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Deutschland.
