"Es ist lukrativ, ein dreister Vermieter in Berlin zu sein"
"Es ist lukrativ, ein dreister Vermieter in Berlin zu sein"
Aktualisiert am 11.05.2026, 15:56 Uhr Niklas Schenker sitzt für die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus. © bastian bochinski Lesedauer:4 Min.Wenn es nach Niklas Schenker geht, müssen die Mieter in Berlin entlastet werden. Der mietenpolitische Sprecher der Berliner Linken fordert deshalb bezahlbaren Neubau, Vergesellschaftung – und eine extra Behörde für Mieterschutz.
Ein Interview von Rebecca SawickiDie Reihen des Berliner Theaters an der Parkaue sind gut gefüllt. Eine Aufführung gibt es hier an diesem Abend in Lichtenberg zwar nicht – dafür hat die Bundestagsfraktion der Linken zum Mietergespräch eingeladen. Neben Parteichefin Ines Schwerdtner wollen Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp und der mietenpolitische Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, Niklas Schenker, mit den Menschen ins Gespräch kommen.
Das erklärte Ziel: Herausfinden, wo die strukturellen Probleme mit dem größten Wohnungskonzern Vonovia liegen. Seit der Übernahme von Deutsche Wohnen ist Vonovia der größte Wohnungskonzern. Und Niklas Schenker ist überzeugt: Es muss sich einiges ändern auf dem Berliner Wohnungsmarkt.
Herr Schenker, was kostet Ihre Wohnung?
Niklas Schenker: Ich zahle etwa 12 Euro kalt pro Quadratmeter und weiß, dass viele in dieser Stadt noch mehr zahlen müssen.
Wie in anderen Großstädten gibt es viele Horror-Storys vom Berliner Wohnungsmarkt. Warum bekommt die Stadt dieses Problem nicht in den Griff?
Weil entscheidende Instrumente bisher nicht genutzt werden. Auch, weil der Senat bislang das Gefühl hatte, Bündnisse mit privaten Immobilienkonzernen schließen zu müssen. Die Realität ist: Es ist lukrativ, ein dreister Vermieter in Berlin zu sein. In dieser Stadt kann man hohe Renditen erwirtschaften – deswegen brauchen wir endlich die richtigen Instrumente.
"Mietwucher.App" der Linken Zwei Drittel der Mieten zu hoch – nur wenige gehen dagegen vor 24. Januar 2026 von Thomas PillgruberNämlich?
Vergesellschaftung, hartes Vorgehen gegen Mietwucher und eine härtere Mietenregulierung auch bei landeseigenen Wohnungsunternehmen. CDU und SPD vertreten nicht die Interessen der Mieterinnen und Mieter. Das merken die Menschen direkt im Geldbeutel. 2021 hat die Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner für den Volksentscheid gestimmt, 'Deutsche Wohnen und Co.' zu enteignen. Das zeigt: Der Druck ist extrem hoch.
Mittlerweile sind Deutsche Wohnen und Vonovia ein Konzern. Vergesellschaftet wurde niemand.
Obwohl eine Expertenkommission zu dem Schluss kam: Das ist nicht nur rechtlich möglich, sondern auch bezahlbar. Der Senat weigert sich aus ideologischen Gründen, den Willen des Volkes umzusetzen.
"Wir müssen beides machen: bezahlbar bauen und dreiste Konzerne enteignen."
Zur Wahrheit gehört auch: Enteignungen würden den Landeshaushalt viele Milliarden kosten. Dazu kommt, dass die Wohnraumkrise sich dadurch nicht beheben lässt.
Es gibt nicht das eine Instrument, das allein alle Probleme löst. Natürlich muss auch mehr bezahlbar gebaut werden. CDU und SPD sind allerdings der Auffassung, es müssten einfach irgendwelche Wohnungen gebaut werden – egal, wie viel die am Ende kosten. Wir haben einen Vorschlag gemacht für ein kommunales Wohnungsprogramm. Wir müssen beides machen: bezahlbar bauen und dreiste Konzerne enteignen.
Ihre Partei konzentriert sich besonders auf den Wohnungskonzern Vonovia. Viele Mieter sind trotzdem auf diese Wohnungen angewiesen. Wäre Dialog statt Dauerangriff hier nicht angebracht?
Die Politik hat es sehr lange mit Dialog versucht. CDU und SPD haben Bündnisse mit Vonovia, Heimstaden, Adler und anderen Immobilienkonzernen geschlossen. Doch einer nach dem anderen ist wieder ausgetreten – oder hat sich nicht mehr an die Regeln des Bündnisses gehalten. Kooperation statt Konfrontation ist gescheitert.
Schwarz-Rot regiert Berlin erst seit 2023, die Wohnraumkrise gibt es aber schon länger. Davor war Ihre Partei auch Teil der Regierung.
Ich würde trotzdem sagen, dass die Linke in der Regierung einiges erreicht hat: Es wurden etwa 50.000 Wohnungen wieder angekauft. Dort haben es die Menschen heute nicht mit zu hohen Mieten zu tun. Wir haben auch einen Mietendeckel für die Landeseigenen durchgesetzt, den Bürgermeister Kai Wegner direkt kassiert hat. Wir wissen: Die Wohnungskrise zu lösen, ist ein Marathon. Aber irgendwann müssen wir auch loslaufen, sonst kommen wir nicht an.
Interview Empirica-Chef Ökonom: "Viele können höhere Mieten zahlen" 27. Februar 2026 von Fabian HartmannDer Mietendeckel wird nicht nur von privaten Vermietern kritisiert, sondern auch von Genossenschaften. Der Vorwurf: Sanierungen lassen sich so nicht mehr finanzieren. Ist das also wirklich die Lösung?
Genossenschaften bieten heute schon bezahlbare Wohnungen an. Für energetische Sanierungen werden wir eine Förderung auflegen. Unabhängig davon ist aber das Problem: Innerhalb von kurzer Zeit sind in Berlin die Mieten um 180 Prozent gestiegen. Es geht also darum, dass hier viele Vermieter extrem viel Geld verdienen mit der Not der Menschen. Deswegen braucht es Schutz. Mieterinnen und Mieter dieser Stadt müssen endlich mal wieder durchatmen können. Deshalb brauchen wir diese Maßnahmen.
Warum sollte dann noch jemand bauen, wenn sich mit der Wohnung kein Geld verdienen lässt – und Neubau gleichzeitig teurer wird?
Ein Mietendeckel hat mit Neubau gar nichts zu tun. Und auch ohne diesen Deckel erleben wir gerade, dass kaum noch neue Wohnungen gebaut werden – und schon gar keine bezahlbaren.
"Es herrscht ein Machtungleichgewicht auf dem Berliner Wohnungsmarkt."
Das deutsche Mietrecht schützt die Menschen gerade im Vergleich mit anderen Ländern besonders gut. Warum reicht das nicht?
Empfehlungen der Redaktion
- Söder und Schwesig machen Gegenvorschlag zu Entlastungsprämie
- "Für den Kampf gegen Ungleichheit ist die AfD die falsche Partei"
- Britta Haßelmann: "Ich wünsche mir keine Neuwahlen"
Viele Konzerne und Vermieter wie Vonovia nutzen die Wohnungsnot in der Stadt drastisch aus. Aus Angst ihre Wohnung zu verlieren, trauen sich viele Mieterinnen und Mieter nicht, gegen diese Probleme vorzugehen. Es herrscht also ein Machtungleichgewicht auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Viele Behörden kommen außerdem nicht hinterher, wenn es etwa um Vorwürfe des Mietwuchers geht. Deshalb brauchen wir dringend eine Landesbehörde, die sich um Mieterschutz kümmert.
Mietrecht Regierung will hohen Mieten den Kampf ansagen vor 12 TagenDass die Linke ein Wohnungsordnungsamt fordert, ist ein ungewöhnlicher Schritt.
In der Politik wird viel davon gesprochen, dass Recht und Gesetz hart durchgesetzt werden müssen. Ich finde, es muss endlich mal die Richtigen treffen. Während Menschen ohne Fahrschein teilweise ins Gefängnis müssen, um Ersatzfreiheitsstrafen abzusitzen, können Vermieter in dieser Stadt machen, was sie wollen.
Über den Gesprächspartner:
- Niklas Schenker sitzt seit 2021 für die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist zuständig für die Themen Wohnen, Mieten, Rad- und Fußverkehr sowie Clubkultur.
