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Einen solchen Einsatz erlebt Wien nur selten

Interview Sogar FBI beim ESC vor Ort

Einen solchen Einsatz erlebt Wien nur selten

Aktualisiert am 16.05.2026, 17:43 Uhr © 1&1 Mail & Media Lesedauer:4 Min.

FBI, Sperrzonen und Sicherheitsvorkehrungen auf höchstem Niveau: Rund um den Eurovision Song Contest in Wien läuft ein Einsatz, wie ihn die Stadt nur selten erlebt. ESC-Koordinator Norbert Kettner erklärt den schwierigen Balanceakt zwischen Sicherheit und dem Anspruch eines friedlichen, bunten ESC-Erlebnisses.

Ein Interview von Janine Koppehele Anika Richter

Boykott-Aktionen aufgrund der Teilnahme Israels und Erinnerungen an die vor zwei Jahren wegen Terrorgefahr abgesagten Taylor-Swift-Konzerte prägen die Stimmung rund um den 70. Eurovision Song Contest in Wien.

Hunderte Polizistinnen und Polizisten, dutzende Sicherheits-Checks vor Veranstaltungsorten, eine Vielzahl von Überwachungskameras und weiträumige Absperrungen bestimmen die Organisation des Mega-Events. Sogar das FBI ist im Einsatz.

Norbert Kettner ist ESC-Koordinator in Wien. © picture alliance/MAX SLOVENCIK/APA/picturedesk.com

Ist der diesjährige ESC damit der am stärksten gesicherte aller Zeiten? Darüber spricht Wiens Tourismusdirektor und ESC-Koordinator Norbert Kettner im Interview mit unserer Redaktion und erklärt, warum internationale Sicherheitsbehörden eingebunden sind, welche Herausforderungen die aktuelle Lage mit sich bringt – und worin sich der ESC 2026 von jenem vor elf Jahren unterscheidet.

Herr Norbert Kettner, das Finale steht kurz bevor. Sind Sie nervös?

Norbert Kettner: Nicht nervös, sondern konzentriert und achtsam, aber von einer wirklich guten Stimmung getragen. Wir haben bereits bei der Eröffnung gesehen, dass es eine sehr faire und friedvolle Woche wird. Und jetzt am Ende der Woche würde ich das Urteil nicht revidieren. Der Song Contest ist von riesigen Shows getragen, aber auch von extrem viel Fairness des Publikums und der Bevölkerung gegenüber allen Teilnehmenden. Und das macht mich schon stolz auf meine Stadt.

Gibt es dennoch etwas, was Ihnen gerade noch Sorgen bereitet?

Naja, wir hätten uns besseres Wetter gewünscht. Aber die Eurovision-Fanbase und auch die Wienerinnen und Wiener sind bemerkenswert wetterresistent. Dass wir in eine schlechte Phase reingerasselt sind, ist schade, tut aber der Stimmung keinen Abbruch.

Wie wurden bisher die Events und Aktionen zum ESC angenommen?

Das Fanhaus im Wien Museum hatte an einem Tag fast 5.000 Fans, die hier gefeiert haben - wirklich ein Tollhaus im besten Sinn. Es gibt über 40 Public Screenings über die ganze Stadt verteilt, in 15 Stadtbezirken. Der Rathausplatz ist das große Eurovision Village. Auch hier, trotz des Wetters, großer Zustrom.

Am Tag des Finales des Eurovision Song Contest 2026 versammelten sich pro-palästinensische Demonstranten, um gegen eine Teilnahme Israels am ESC zu protestieren. © IMAGO/photosteinmaurer.com/IMAGO/TOBIAS STEINMAURER

Kettner: "Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu vor elf Jahren: das Level an Security"

Sie waren vor elf Jahren, beim ESC 2015 in Wien, auch an der Organisation beteiligt. Gibt es etwas, was Sie von damals gelernt haben und jetzt anders machen?

Wir konnten als Stadt, in der viele Großveranstaltungen das ganze Jahr über stattfinden, tatsächlich einige Schalter umlegen und nachjustieren. Wien ist zwar Nummer-eins-Kongressstadt weltweit, aber der Eurovision Song Contest hat uns natürlich geopolitisch in eine Lage versetzt, wo man achtsam sein muss. Und das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zu vor elf Jahren: das Level an Security. Und Security, die alle Bereiche umfasst. Das hat das Arbeiten fast leichter gemacht, denn es gibt eine Ebene, die heißt Sicherheit. Und diese Ebene durchdringt alle Entscheidungen. Das bringt Klarheit. Das bringt Konzentration. Und es lässt keine Spielräume zu. Die Spielräume sind auf der Bühne, da geht es rund. Aber drum herum ist es ein perfekt laufendes Uhrwerk.

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Wie schwierig ist der Balanceakt zwischen Sicherheit und dem Anspruch eines friedlichen, bunten ESC-Erlebnisses?

Ich glaube, dass es uns gelungen ist, dass die Fans die Sicherheit genießen und wahrnehmen können – aber die Maßnahmen dahinter nicht sehen. Das ist die große Kunst: dass im Hintergrund viele Dinge passieren, damit im Vordergrund alles schön ist.

Dem Thema Sicherheit liegen auch die Boykott-Aktionen zugrunde. Merken Sie an Ticketverkäufen oder Hotelbuchungen, dass einige Nationen dieses Jahr nicht dabei sind?

Es haben Angehörige von 75 Nationen Tickets gekauft und Spanien ist dieses Mal nicht unter den Top 10 dabei. Die Niederlande aber zum Beispiel schon. Also wir merken das bei den Zahlen unmittelbar nicht.

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Das FBI ist in Wien zum ESC im Einsatz

Für die Sicherheit sorgen auch Einsatzkräfte aus verschiedenen Ländern, darunter das FBI. Ist das dieses Jahr der am stärksten gesicherte ESC aller Zeiten?

Es ist einer der gesichertsten, aber auch einer der geschmeidigsten, weil er im Stadtbild nicht so wahrnehmbar ist. Das ist wie ein Stresstest für die Infrastruktur und für die Sicherheit. Und bis jetzt haben wir den bestanden.

Das FBI ist in puncto Cybersicherheit im Einsatz. Kann das Österreich oder Europa nicht selbst stemmen?

Das FBI ist darin involviert, weil viele Netze in den USA zusammenlaufen. Wir sind aber trotzdem bei allen schwierigen Diskussionen dabei.

Unser aktuelles Leben, die ganze Welt, dreht sich vielmehr um Show. Der Song Contest ist ein spannender Spiegel der Gesellschaft.

Norbert Kettner, ESC-Koordinator

So hilft der ESC der Stadt Wien

Wie stark profitiert Wien tatsächlich von dem ganzen ESC-Trubel?

Es hilft uns in der Positionierung der Stadt, indem wir dem großen, klassischen, hochkulturellen Image der Stadt diese doch sehr wilde, ausgefranste, zeitgenössische, sehr moderne Facette an die Seite stellen. Das können wir auch. Wien ist eine der jüngsten Städte Europas. Das vergisst man oft.

Verfolgen Sie auch privat den ESC?

Mein erster bewusst wahrgenommener Song Contest war der Gewinn von ABBA. Das war 1974, meine Kindheit. Ich bin auf dem Land aufgewachsen: Da war es jedes Jahr Fixprogramm, dass die ganze Familie Song Contest schaut. Ich habe in den 90ern aber eine wirkliche Lücke. In den letzten Jahren habe ich mich beruflich wieder angenähert.

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Kettner: "Der Song Contest ist ein spannender Spiegel der Gesellschaft"

Es wird immer mehr Kritik laut, dass es beim ESC nur noch um Show geht.

Unser aktuelles Leben, die ganze Welt, dreht sich vielmehr um Show. Der Song Contest ist ein spannender Spiegel der Gesellschaft. Insofern ist das eine Entwicklung, die auch nur normal ist. Es gibt auch die Gegenpunkte: Heuer sind die Beiträge von Italien, Malta und der Tschechischen Republik mehr oder weniger getragene Balladen.

Wenn Österreich beziehungsweise Cosmó gewinnen sollte: Wäre Wien zwei Jahre hintereinander in der Lage, einen ESC zu stemmen?

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Nach dem Song Contest ist vor dem Song Contest. Auf die Frage, ob wir in der Lage sind, kann ich mit voller Überzeugung sagen: Ja. Gar keine Frage.

Über den Gesprächspartner

  • Norbert Kettner, geboren 1967 in Jenbach, ist seit 2007 Tourismus-Chef der Stadt Wien. Seit 2010 gehört er dem ORF-Stiftungsrat an. Wie bereits 2015, fungiert Kettner auch 2026 als offizieller ESC-Koordinator für die Stadt Wien.
Teaserbild: © IMAGO/photosteinmaurer.com/IMAGO/TOBIAS STEINMAURER Feedback an die Redaktion