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Ein Freund verrät den Karnevalsmörder – nach mehr als 30 Jahren

True Crime

Ein Freund verrät den Karnevalsmörder – nach mehr als 30 Jahren

Aktualisiert am 22.04.2026, 19:36 Uhr Norbert K., hier auf dem Weg in den Gerichtssaal des Landgerichts, wird wegen Mordes an Petra Nohl verurteilt: Der Karnevalsmord ist nach Jahrzehnten aufgeklärt. © picture alliance/dpa/Rolf Vennenbernd Lesedauer:6 Min. Von Julia Wolfer

Köln am Karnevalssamstag 1988: Die Stadt taumelt im Ausnahmezustand. Während die Jecken in den Kneipen der Stadt den bunten Rausch feiern, endet das Leben von Petra Nohl in einer dunklen Gasse. Ein Verbrechen, das erst mehr als 30 später aufgeklärt werden sollte.

Wenn Petra Nohl den Raum betritt, zieht sie alle Blicke auf sich. Als fröhliche junge Frau wird ihre Tochter sie bei "XY gelöst" später aus Erzählungen beschreiben. Im Jahr 1988 ist Petra Nohl 24 Jahre alt und seit 18 Monaten Mutter. Um die Betreuung ihrer kleinen Tochter kümmert sie sich weitgehend alleine. Ihr Ehemann Thorsten hat die Familie schon vor Monaten für eine andere Frau verlassen. Am Karnevalswochenende 1988 soll er sich jedoch um das Kind kümmern – denn Petra will feiern.

Am Karnevalssamstag, den 13. Februar 1988, ist sie abends mit zwei Freundinnen in der Kölner Diskothek Chari-Vari verabredet. Sie tanzt, sie feiert und kommt mit verschiedenen Männern ins Gespräch. Als ihre Freundinnen gegen halb fünf Uhr morgens nach Hause wollen, zieht es Petra noch weiter.

Sie will noch in die Disco Big Ben – eigentlich mit dem Taxi, aber keine Chance: An Karneval sind Taxen rar. Also macht sie sich zu Fuß auf den rund 15-minütigen Weg durch die Altstadt. Doch Petra Nohl wird nie ankommen.

Petra Nohls Leiche wird hinter einem Imbisswagen gefunden

Am Karnevalssonntag führt wie immer ein Umzug durch die Kölner Altstadt. Entlang der Strecke gehen Streifenbeamte am Morgen auf Routinekontrollgang – und machen in der Albertusstraße eine schreckliche Entdeckung: Hinter einem Imbisswagen liegt eine leblose blonde Frau. Sie ist tot.

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Was die Rechtsmediziner später feststellen, legt die Brutalität der Tat offen: Über 30 Verletzungen finden sie am Körper der jungen Frau. Sie sind die Folge massiver stumpfer Gewalteinwirkung gegen Kopf, Hals und Brust. Hinweise auf eine Vergewaltigung gibt es nicht, doch die Frau wurde geschlagen, getreten und gewürgt. Sie starb an einer Kombination aus Ersticken und Verbluten.

Minutenlanger Todeskampf

Drei bis acht Minuten muss ihr Todeskampf gedauert haben, rekonstruieren die Rechtsmediziner, und grenzen den Todeszeitpunkt ein: Irgendwann zwischen 4:00 und 4:45 Uhr muss der Mörder zugeschlagen haben – nur wenige Minuten, nachdem Petra sich von ihren Freundinnen im Chari-Vari verabschiedet hatte.

Noch am selben Tag meldet die Familie Petra Nohl vermisst. Bald ist klar: Sie ist die Tote. Doch warum musste die junge Frau sterben? Am Tatort fehlen Tasche und Geldbeutel. Die Ermittler vermuten als Motiv einen Raubmord – doch die Gewalt übersteigt das, was nötig gewesen wäre, um der zierlichen blonden Frau die Handtasche zu entreißen.

Erste Ermittlungen führen ins Nichts

Die Ermittlungen stehen von Anfang an unter Druck: In wenigen Stunden werden Tausende Menschen über den Tatort strömen und möglicherweise entscheidende Spuren vernichten. Die beiden Freundinnen berichten, mit wem Petra an jenem Abend Kontakt hatte: mit ihrem Ex-Freund Herbert etwa und einem unbekannten Mann mit Schnauzbart. Ein Phantombild wird erstellt, die Plakate in der Stadt verteilt.

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Die Beamten machen den Unbekannten ausfindig, doch weder bei ihm noch beim Ex-Freund finden sich Hinweise auf die Tat. Auch Noch-Ehemann Thorsten gerät ins Visier, doch der hat ein Alibi. Gemeinsam mit seiner neuen Freundin war er den ganzen Abend gemeinsam unterwegs. Und die am Tatort gefundenen Handabdrücke passen auch nicht zu ihm.

Rund sechs Monate nach der Tat stehen die Ermittelnden vor dem Nichts. Es gibt keine neuen Ansätze. Der Fall wird geschlossen - und bleibt es für über drei Jahrzehnte.

Ein Cold Case wird neu aufgerollt

Vergessen ist der Mord an Petra Nohl jedoch nicht. 34 Jahre später rollt die Cold-Case-Abteilung der Kripo Köln den Fall wieder auf. Im Dezember 2022 bringen die Ermittelnden den Fall in die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY… Ungelöst". Ihre Hoffnung: Vielleicht gibt es da draußen noch jemanden, der etwas weiß und es aus irgendeinem Grund all die Jahre für sich behalten hat.

Auch Petras Tochter, inzwischen 36 Jahre alt und selbst Mutter, sieht die Sendung. Sie glaubt längst nicht mehr daran, dass der Mord je aufgeklärt wird. "Zu dem Zeitpunkt hab' ich mir gedacht, das ist so lange her ... Wenn es einer gesehen hätte oder es einen Mitwisser geben würde, hätte der sich ja schon längst gemeldet", sagt sie in der ZDF-Sendung "XY gelöst: Mord im Karneval", die den Fall im April erneut thematisiert.

Doch dann klingelt bei der Polizei das Telefon – noch während der laufenden Sendung.

Anrufer bringt die entscheidende Wende

Wenig später sagt der Anrufer bei der Kripo Köln aus: Er und ein Kumpel seien Petra Nohl in jener Nacht begegnet. Sie wartete an einem Taxistand, wie so viele andere, vergebens auf ein Taxi. Der Zeuge und sein Kumpel gingen schließlich Richtung U-Bahn, und auch Petra Nohl machte sich zu Fuß auf den Weg. Sie ging vor ihnen in dieselbe Richtung.

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Plötzlich habe sich der Kumpel verabschiedet, berichtet der Zeuge. Er wollte doch lieber nach Hause laufen, anstatt die U-Bahn zu nehmen. Am nächsten Tag habe er sich merkwürdig verhalten, habe etwa seine Frisur verändert. Der Zeuge nennt den Ermittlern auch einen Namen: Der Kumpel heißt Norbert K.

Sechs Partikel werden zum Beweis

Norbert K. ist damals in den 1980er-Jahren ein junger Kleinkrimineller. 34 Jahre später, inzwischen ist er 56 Jahre alt, ist er immer noch in Köln gemeldet. Dort lebt er unbehelligt mit seiner Familie – vorbestraft ist er längst nicht mehr. Die Ermittler konfrontieren ihn mit den Vorwürfen. Norbert K. leugnet die Tat, lässt sich jedoch auf eine Speichelprobe ein.

Ende der 1980er-Jahre gab es noch keine DNA-Analyse, doch die Ermittelnden haben Glück: Bei der Sicherung der Spuren wurden Faserfolien verwendet. An ihnen haften nicht nur Fasern, sondern auch Hautzellen. Tausende Hautschuppen werden im Labor analysiert. Sechs der gefundenen Partikel passen zum Tatverdächtigen. Das klingt nach wenig – doch es ist viel: Norbert K. ist die einzige fremde Person, von der mehr als ein Partikel an der Kleidung der Toten gefunden wurde.

Am 14. Februar 2023 – exakt 35 Jahre nach der Tat – wird Norbert K. verhaftet. Für Petras Tochter ist das kaum zu fassen. "Ich konnte das überhaupt nicht glauben. Das war wie im Film", sagt sie in der ZDF-Sendung "XY gelöst".

Lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes

Rund ein halbes Jahr später beginnt der Prozess vor dem Landgericht Köln. Es ist ein reiner Indizienprozess, denn Norbert K. leugnet weiter. Seine Verteidiger plädieren auf unschuldig – doch das Gericht folgt dem nicht.

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Im März 2024 fällt das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. "Wir sind überzeugt davon, dass Sie vor 36 Jahren den Mord begangen haben", sagte die vorsitzende Richterin Sibylle Grassmann laut "Spiegel" an den Angeklagten gewandt. "Möglicherweise haben Sie die Tat verdrängt, vergessen haben Sie es nicht."

Als Mordmerkmal geht die Kammer von niedrigen Beweggründen aus: Der Angeklagte habe vorwiegend aus sexuellen Motiven gehandelt und möglicherweise auch auf Geld gehofft. Norbert K. geht in Revision. Am 23. Dezember 2024 wird diese abgelehnt, das Urteil ist damit rechtskräftig. Norbert K. bleibt in Haft. Er bestreitet die Tat bis heute.

Die Folgen einer Tat

Für Petras Ex-Mann Thorsten kam das Urteil zu spät: Er starb laut WDR-"Lokalzeit" kurz bevor die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden. Über den Mord sei er nie hinweggekommen, wie seine Tochter in der ZDF-Sendung "XY gelöst" erzählt. "Er hat immer viel in der Vergangenheit gelebt, das hat ihn krank gemacht. […] Daran ist er auch gestorben."

Auch bei ihr hat der Tod der Mutter Spuren hinterlassen, auch wenn sie bei der Tat noch sehr klein war. "Mein Vater hat mich vor allem gewarnt, dass überall die Gefahr lauert." Das wirkte sich auf die Entwicklung der jungen Frau aus. "Ich hatte vor allem Angst. Das ist auch bis ins Erwachsenenalter so geblieben."

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Für sie war der Ausgang des Prozesses dennoch eine große Erleichterung. "Als das Urteil fiel, fiel auch eine riesige Last von mir selbst ab", sagte sie im Interview mit der WDR-"Lokalzeit". In jenem Moment habe sie nach oben geschaut und zu ihren verstorbenen Eltern gesprochen: "Wir haben es geschafft."

Die ZDF-Doku "XY gelöst: Mord im Karneval" ist ab dem 22. April 2026 in der ZDF-Mediathek abrufbar. Ausgestrahlt wird die Episode am 29. April 2026 um 20:15 Uhr im ZDF.

Verwendete Quellen

  • ZDF-Doku "XY gelöst", Folge: "Mord im Karneval"
  • koeln.polizei.nrw: "Der Fall Petra Nohl"
  • WDR.de: "Tochter der ermordeten Petra Nohl: "Für mich stand fest, dass er der Täter war"
  • spiegel.de: "Täter 36 Jahre nach dem Mord an einer 24-jährigen Frau verurteilt"
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