"Ein feiner Mensch" verabschiedet sich aus Berlin
"Ein feiner Mensch" verabschiedet sich aus Berlin
Aktualisiert am 08.05.2026, 19:34 Uhr Winfried Kretschmann (l.) verabschiedete sich im Kanzleramt von Friedrich Merz. © IMAGO/dts Nachrichtenagentur/Bergmann, Guido/BPA Lesedauer:2 Min.Eine Rede von Horst Seehofer, Gäste wie Angela Merkel und Olaf Scholz und Applaus im Bundesrat: Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in Berlin seinen Abschied gefeiert.
Als 2011 ein gewisser Winfried Kretschmann Ministerpräsident von Baden-Württemberg wurde, glaubte manch einer in der CDU an einen Betriebsunfall. Die Christdemokraten hatten die Macht im "Ländle" praktisch gepachtet. Doch unter dem Eindruck des Atomunfalls in Fukushima und des hochumstrittenen Bahnhofprojekts Stuttgart 21 zog ein konservativer Grüner in die Staatskanzlei ein.
15 Jahre hat Kretschmann seitdem regiert. Aus dem vermeintlichen Betriebsunfall wurde eine Ära, die nun zu Ende geht.
Was der Papst von Kretschmann wissen wollte
Noch nicht vorbei ist die Grünen-Ära in Baden-Württemberg: Dort soll am 13. Mai Cem Özdemir zum Kopf einer neuen grün-schwarzen Landesregierung gewählt werden. Doch für Kretschmann selbst endet dann seine Regierungszeit. Deshalb hat sich der scheidende Ministerpräsident jetzt auch aus Berlin verabschiedet.
Kretschmann war unter anderem bei Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Gast. Am Donnerstagabend fand zudem eine Feier in der Landesvertretung statt, zu Gast waren unter anderem Angela Merkel, Olaf Scholz und Horst Seehofer.
Analyse Özdemirs Wahlsieg Vollendung eines Unvollendeten 09. März 2026 von Fabian BuschZum Lachen brachte Kretschmann das Publikum mit einer Papst-Anekdote. Er habe den inzwischen gestorbenen Papst Benedikt XVI. einst bei dessen Deutschlandbesuch auf dem Flughafen in Lahr empfangen dürfen, erzählte Kretschmann in seiner Abschiedsrede in der Landesvertretung. "Ich bekam eine kurze Audienz von 15 Minuten in einem schönen Raum. Mit der Muttergottes, da hat nichts gefehlt, was katholisch ist."
Er sei natürlich ziemlich nervös gewesen, erinnerte sich der Grünen-Politiker. "Und was fragt mich der Papst? Nach Stuttgart 21." Natürlich habe Benedikt sich aber nicht für den unterirdischen Bahnhof und die pannenbehaftete Umsetzung des Milliardenprojekts interessiert, sondern für die Frage, warum eine eher technische Frage so einen Aufruhr verursache - "bis hin zur Spaltungstendenz in der Bevölkerung".
Seehofer über Kretschmann: ein "feiner Mensch"
Zehn seiner 15 Amtsjahre lang hatte der 77-Jährige gemeinsam mit der CDU regiert. Zu Kretschmanns Berliner Abschied kamen auch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Kanzleramtschef Thorsten Frei und die Ministerpräsidenten von NRW und Schleswig-Holstein, Hendrik Wüst und Daniel Günther (alle CDU).
Der frühere CSU-Chef Seehofer hielt eine der Reden für den scheidenden Regierungschef und würdigte diesen als jemanden, der "zuallererst ein Mensch, ein feiner Mensch", ein "leidenschaftlicher Demokrat" und über die Parteigrenzen hinweg höchst angesehen sei.
Langer Applaus im Bundesrat
Nach 182 Plenarsitzungen und mehr als 40 Reden verabschiedete sich Kretschmann am Freitag auch aus dem Bundesrat, der Länderkammer. Mit anhaltendem Beifall würdigten die Regierungschefs, Ministerinnen und Ressortchefs der Bundesländer die politische Arbeit des 77-Jährigen.
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Der amtierende Bundesratspräsident Andreas Bovenschulte (SPD) lobte den zuletzt dienstältesten Ministerpräsidenten für seine "enthusiastische und pragmatische Art". Kretschmann sei "stets und immer ein bekennender Föderalist" gewesen, sagte der Bremer Bürgermeister.
Und Kretschmann? Der appellierte auch bei seinem letzten Auftritt am Rednerpult im Bundesrat engagiert an Bürgernähe und Föderalismus, er pries die Kammer als "Konsensmaschine", um die Deutschland in anderen Ländern beneidet werde – und verabschiedete sich dann ein letztes Mal. (dpa/bearbeitet von fab)
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