Eiben in Griechenland: Hoffnungsträger für einen wichtigen Krebswirkstoff?
Eiben in Griechenland: Neue Hoffnungsträger für einen wichtigen Krebswirkstoff?
Aktualisiert am 13.05.2026, 18:41 Uhr Griechische Eiben könnten neue Hinweise für die Herstellung des Krebswirkstoffs Paclitaxel liefern. Eine Studie zeigt, wie eng Medizin, Artenvielfalt und Naturschutz verbunden sind. © Getty Images/iStockphoto/Leo Malsam Lesedauer:5 Min. Von Nicolas Kaufmann (Riffreporter)Ein Wirkstoff aus der Eibe wird seit Jahrzehnten zur Behandlung von Krebspatienten eingesetzt, doch seine Herstellung ist aufwendig und die Ressourcen sind begrenzt. Eine Studie aus Griechenland zeigt nun, welches Potenzial in bislang kaum erforschten Baumbeständen steckt.
Je nach Art und Stadium sind Krebserkrankungen schwer zu behandeln und gehören weltweit zu den häufigsten Todesursachen. Ein seit über 30 Jahren wichtiger Bestandteil der Chemotherapie ist Paclitaxel – auch unter dem Namen Taxol bekannt. Der Wirkstoff wird inzwischen bei verschiedenen Tumorarten eingesetzt, etwa bei Brust-, Lungen- oder Eierstockkrebs. Er verhindert die Vermehrung von Krebszellen und anderer sich schnell teilender Zellen im Körper. Doch die Herstellung ist aufwendig, die natürlichen Ressourcen sind begrenzt und die Suche nach besseren Produktionswegen ist kompliziert. Eine neue Studie aus Griechenland zeigt nun, welches Potenzial in bislang wenig erforschten Beständen von Eiben, aus denen der Wirkstoff gewonnen wird, steckt.
Die Ende März im Fachjournal "PLOS ONE" veröffentlichte Untersuchung wurde von einem internationalen Forschungsteam unter Leitung griechischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Aristoteles-Universität Thessaloniki und der Hellenic Agricultural Organization DIMITRA mit Beteiligung eines italienischen Forschungsinstituts durchgeführt. Sie analysiert die Europäische Eibe (Taxus baccata), die Hauptquelle für die Paclitaxel-Gewinnung, in drei Regionen Nordgriechenlands: am Berg Cholomon auf der Chalkidiki, am Olymp sowie im Vourinos-Gebirge in Kozani. Die Forschenden sammelten Nadeln zu verschiedenen Jahreszeiten und untersuchten im Labor sowohl die chemische Zusammensetzung – darunter Paclitaxel und seine Vorstufen – als auch genetische und epigenetische Unterschiede.
Eiben enthalten "wertvolle genetische Ressourcen"
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Populationen – sowohl genetisch als auch chemisch. Die Konzentrationen der sogenannten Taxane, also der Wirkstoffgruppe, zu der Paclitaxel gehört, variieren stark je nach Standort und Jahreszeit. Besonders im Frühjahr wurden höhere Konzentrationen ermittelt, während bestimmte Vorläuferstoffe wie Deacetylbaccatin dominieren. Bei Eiben gibt es offenbar eine große genetische Vielfalt. An der DNA fanden die Forschenden zahlreiche epigenetische Modifikationen (Veränderungen in Form von angehängten Methylresten), was auf ein hohes Anpassungsvermögen der Eibe an unterschiedliche Standortbedingungen hindeuten könnte.
Die Studienautoren sehen in den griechischen Eiben daher "wertvolle genetische Ressourcen für Erhaltung und Züchtung mit dem Ziel einer nachhaltigen Taxanproduktion". Angesichts kleiner, fragmentierter Bestände in Griechenland betonen sie zudem die Notwendigkeit verstärkter Schutzmaßnahmen, etwa durch genetisches Monitoring und den Ausbau von Schutzgebieten.
Studie Krebskranke Katzen liefern Hinweise für Forschung beim Menschen 26. Februar 2026Ein begehrter, aber schwer zugänglicher Wirkstoff
Ursprünglich wurde Paclitaxel aus der Rinde der im westlichen Nordamerika beheimateten Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) gewonnen. Das Verfahren führt allerdings zum Absterben der Bäume und gilt daher als nicht nachhaltig. Auch die Herstellung aus Eibennadeln ist wenig ertragreich. Laut Angaben des Max-Planck-Instituts werden für wenige Gramm des Wirkstoffs große Mengen Pflanzenmaterial benötigt.
Heute basiert die Herstellung vor allem auf der Zellfermentation durch Eiben-Zellsuspensionskulturen. Dabei werden Eibenzellen in Nährlösungen im Labor vermehrt und zur Produktion der gewünschten Vorstufen angeregt. Bei einer anderen Herstellungsvariante, der Halbsynthese, wird eine Vorstufe, wie das sogenannte 10-Deacetylbaccatin, aus Eibennadeln isoliert und anschließend chemisch weiterverarbeitet. Alternativ kommen auch Zellkulturen und biotechnologische Verfahren zum Einsatz. Dennoch bleibt die Herstellung komplex und ressourcenintensiv.
Gleichzeitig ist die Nachfrage hoch. Paclitaxel wird nämlich nicht nur für die Krebstherapie, sondern auch bei anderen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis verwendet. Die Suche nach effizienteren und nachhaltigeren Produktionsmethoden ist daher von großer Bedeutung.
Wie relevant sind neue Eibenpopulationen für die Industrie?
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die untersuchten Eibenpopulationen in Griechenland künftig eine Rolle in der Produktion spielen könnten. Der Naturstoffchemiker Professor Leandros Skaltsounis von der Universität Athen, der an der Studie nicht beteiligt war, sieht hier grundsätzlich ein wichtiges Potenzial: Die untersuchten Bestände könnten "realistische Aussichten auf eine künftige industrielle Nutzung haben – etwa zur Herstellung von 10-Deacetylbaccatin", erklärt er auf Nachfrage von RiffReporter. Voraussetzung sei allerdings das Interesse von Pharmaunternehmen. "Die Grundlagenforschung geht immer voran", so Skaltsounis. Wenn ein Unternehmen entsprechendes Interesse zeige, könnten solche Erkenntnisse innerhalb von drei bis fünf Jahren in ein Programm mit kommerzieller Perspektive überführt werden.
Auch die Variation zwischen Populationen und Jahreszeiten bewertet er als relevant: "Der Anteil von 10-Deacetylbaccatin sowie generell aller in Pflanzen gebildeten Substanzen variiert je nach Jahreszeit und klimatischen Bedingungen. Es ist interessant, dies zu untersuchen, falls die Pflanze für industrielle Extraktionen genutzt wird."
Medizin Wie diese neue Behandlung Herz und Leber heilen könnte 09. März 2026 von Ulrike Gebhardt (RiffReporter)Andere Experten ordnen den Wert für die Industrie zurückhaltender ein. Professor Thomas Brück von der Technischen Universität München und Leiter des Werner Siemens-Lehrstuhls für Synthetische Biotechnologie betont im Gespräch mit RiffReporter: "Die direkte Extraktion von Paclitaxel aus Eiben spielt heute kaum noch eine Rolle. Industriell genutzt werden vor allem Vorstufen wie 10-AC-Baccatin, die aus Eibenmaterial gewonnen und anschließend halbsynthetisch weiterverarbeitet werden." Unterschiede zwischen natürlichen Populationen seien derzeit "aus industrieller Sicht nicht relevant", da gezielt kultivierte Arten der chinesischen Eibe (Taxus chinensis) verwendet würden.
Ähnlich argumentiert Professor Ludger Wessjohann vom Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle (Saale). Neue genetische Vielfalt könne zwar helfen, "in Zukunft noch ertragreichere Züchtungen zu bekommen", doch das sei ein langfristiger Prozess. Die Studie sei daher "ökologisch und phytochemisch sehr interessant, aber von gedämpfter Relevanz für die Krebsbehandlung in der Zukunft".
Krebsforschung entwickelt sich stetig weiter
Hinzu kommt laut Wessjohann, dass neben klassischen Chemotherapeutika zunehmend zielgerichtete Therapien zum Einsatz kommen. Hierbei richten sich die Medikamente selektiv gegen Krebs- und nicht gegen gesunde Körperzellen. Die Wirkstoffe sollten daher weniger Nebenwirkungen verursachen.
Zu den wichtigsten Alternativen, die die Relevanz von Taxanen reduzieren könnten, zählten demnach sogenannte Antikörper- und Peptid-Wirkstoff-Konjugate. Diese nutzen zwar teilweise ebenfalls Wirkstoffe wie Docetaxel, setzen zudem aber – unter anderem wegen auftretender Taxolresistenzen – auch auf andere Substanzen. Darüber hinaus gebe es Therapieansätze, etwa mRNA-basierte Verfahren oder Zelltherapien wie CAR-T-Zellen.
Parallel dazu hat die US-Arzneimittelbehörde FDA allein in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Krebsmedikamente zugelassen, die gezielt auf bestimmte genetische Mutationen wirken. Die Krebsmedizin entwickelt sich damit stetig weiter und die Zahl neuer Wirkstoffe sowie Therapieansätze wächst kontinuierlich.
Zwischen Forschung, Naturschutz und möglicher Anwendung
Vor diesem Hintergrund lässt sich die aktuelle Studie offenbar vor allem als Beitrag zur Grundlagenforschung einordnen und bietet lediglich potenzielle Anknüpfungspunkte für die Praxis. Sie zeigt, wie stark die genetische Ausstattung, Umweltfaktoren und auch epigenetische Mechanismen die Produktion wichtiger Wirkstoffe beeinflussen.
Empfehlungen der Redaktion
- Die Hydra und das Geheimnis des (fast) ewigen Lebens
- In einer Latrine machen Archäologen einen besonderen Fund
- Logikrätsel: Kommen Sie auf das Ergebnis?
Der Naturstoffchemiker Skaltsounis von der Universität Athen sagt, dass die Untersuchung helfen könne, "Varianten mit einem hohen Anteil an 10-Deacetylbaccatin zu entdecken" und daraus neue, geeignete Eibenpopulationen der europäischen Art zu züchten. Gleichzeitig mahnen die Studienautoren zum Schutz der natürlichen Ressourcen, wenn sie langfristig genutzt werden sollen.
Ob die griechischen Eiben tatsächlich zu einer neuen Quelle für die industrielle Taxol-Produktion werden, ist damit offen. Die Erforschung von Verbindungen zwischen biologischer Vielfalt, chemischer Substanzen und medizinischer Anwendung bleibt jedenfalls ein zentrales Thema – gerade im Bereich der (Krebs-)Medizin, in der der Bedarf an wirksamen Therapien weiter steigt.
Über RiffReporter
- Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter.
- Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
Verwendete Quellen
- journals.plos.org: Genetic, epigenetic and metabolite variation in peripheral European Yew (Taxus baccata L.) populations at an unexplored part of the species natural distribution
- Max-Planck-Gesellschaft: Bildung von Paclitaxel entschlüsselt
