"Dr. Eurovision" Irving Wolther: "Boykott ist immer die schlechteste Lösung"
"Dr. Eurovision" Irving Wolther: "Boykott ist immer die schlechteste Lösung"
Aktualisiert am 15.05.2026, 17:51 Uhr JJ aus Österreich gewann mit dem Titel "Wasted Love" das Finale des 69. Eurovision Song Contest. © picture alliance/dpa/Jens Büttner Lesedauer:5 Min.Ein Gespräch mit Kulturwissenschaftler Irving Wolther, auch bekannt als "Dr. Eurovision", über Boykotte, Abstimmungsmanipulation und die Frage, wie politisch der ESC ist.
Eine Analyse von Anna-Lena Malter Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Anna-Lena Malter sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.Wien im Mai 2026. Der Eurovision Song Contest feiert sein 70-jähriges Bestehen und steckt vielleicht in der tiefsten politischen Krise seiner Geschichte. Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien boykottieren den Wettbewerb. Der Grund: Israels Teilnahme. Fünf Länder, von denen zwei zu den wichtigsten Finanziers des Contests zählen, kehren dem Wettbewerb zum Jubiläum den Rücken.
Irving Wolther, Kulturwissenschaftler und ausgewiesener ESC-Experte, den Fans liebevoll "Dr. Eurovision" nennen, ordnet die Lage ein. Sein Fazit: Der Contest war von Anfang an politisch.
Unterschwellig mit Themen konfrontiert
Der ESC wurde 1956 gegründet als eine Plattform, um die internationale Zusammenarbeit der Fernsehanstalten und deren Wirtschaft zu festigen. "Der ESC hat den Europäern immer Dinge vor Augen geführt, für die sie sich beim Zeitungsdurchblättern oder Nachrichtenschauen nicht wirklich interessiert haben", sagt Wolther. Man sei unterschwellig mit Themen konfrontiert worden, die sonst unter dem Radar geblieben wären.
Er erinnert an den griechischen Beitrag von 1976, in dem die Griechin Mariza Koch mit "Panaghia mou, Panaghia mou" die türkische Invasion Nordzyperns beklagte; oder an Luxemburgs Sieg 1961 mit dem oft schwul gelesenen Liebeslied "Nous les amoureux"; an "E Depois do Adeus" 1974, das die Nelkenrevolution und das Ende der Diktatur in Portugal einläutete; an Nicoles "Ein bisschen Frieden" 1982 inmitten des Kalten Krieges und eines geteilten Deutschlands; an Georgiens "We Don't Wanna Put In", das 2009 in Moskau umgetextet werden sollte und dann zurückgezogen wurde; oder an Conchita Wursts Sieg 2014, als erste Dragqueen mit Bart auf der ESC-Bühne: Quer durch den Kontinent hat der Eurovision Song Contest immer wieder Debatten angestoßen, die weit über Musik hinausgingen.
Boykott als schlechteste Lösung
Auf den aktuellen Boykott blickt Wolther differenziert – und kritisch. Neben ihrer Haltung zu Israel sieht Wolther zumindest in einigen der Boykottländer auch andere Motive. Irland und Slowenien etwa kämpften seit Jahren mit drastischen Budgetkürzungen durch ihre jeweiligen Regierungen. "Man konnte da sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen", sagt er, ohne den für den Boykott Verantwortlichen ihre politische Überzeugung grundsätzlich absprechen zu wollen.
Vor allem jedoch stellt Wolther die Boykotte grundsätzlich infrage. "Boykott ist für mich immer die schlechteste Lösung, weil er einfach die Möglichkeit des Austauschs verhindert. "
Macht Finnland das Ding? Das sind die ESC-Favoriten vor 1 StundeWas wäre besser gewesen? Wolther schlägt eine Alternative vor, die so einfach wie symbolisch wäre: "Die Iren hätten dem Anliegen der Palästinenser mehr geholfen, wenn sie vielleicht gesagt hätten, wir schicken einen Beitrag ins Rennen, aber der wird von einer palästinensischen Künstlerin oder einem palästinensischen Künstler gesungen." Die Herkunft eines Menschen, so Wolther, könne die Europäische Rundfunkunion (EBU) nicht zensieren.
Es wäre ein Statement gewesen, gegen das die Veranstalter machtlos gewesen wären. "Metaphern kann man nicht zensieren", sagt Wolther. Wer Worte und Wege findet, die zwischen den Zeilen sprechen, findet immer einen Weg.
Malmö 2024: Wie die EBU sich selbst schadete
2024 ist in diesem Zusammenhang ein Lehrstück. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 geriet Israel beim ESC 2024 sofort in den Fokus. Die EBU reagierte, nach Wolthers Einschätzung, "panisch": Sämtliche Ausdrucksmöglichkeiten, mit denen Künstlerinnen und Künstler sich politisch positionieren konnten, wurden eingeschränkt oder gestrichen.
Konkret: Bambie Thug aus Irland versuchte, mit einem irischen Runentattoo im Gesicht das Wort "Ceasefire" auf die Bühne zu bringen. Die Genehmigung wurde erteilt – und dann wieder zurückgezogen. Der finnische Jurysprecher Jere Mikael Pöyhönen, bekannt als Käärijä, zog seine Teilnahme zurück, nachdem ein harmloses Tanzvideo mit der israelischen Künstlerin Eden Golan massive Anfeindungen und Morddrohungen gegen beide ausgelöst hatte.
Gleichzeitig schaffte die EBU die Pressekonferenzen ab, jene Räume, in denen Künstlerinnen und Künstler in der Vergangenheit wenigstens noch informell politische Haltungen einnehmen konnten. Salvador Sobral etwa hatte dort einst ein T-Shirt mit einer Botschaft zur europäischen Flüchtlingssituation getragen. Die EBU hatte das missbilligt, aber die Möglichkeit dazu hatte es gegeben.
Das Abstimmungsproblem: Eine Million Dollar und zwanzig Stimmen
Ein weiterer Skandal im Jubiläumsjahr: Eine Recherche der New York Times, gestützt auf interne Dokumente und Gespräche mit über 50 Personen, legt offen, dass die israelische Regierung seit Jahren erhebliche Mittel in das ESC-Televoting investiert. Beim Wettbewerb in Malmö 2024 soll eine staatliche israelische Werbeagentur rund 800.000 Dollar für Social-Media-Kampagnen aufgewendet haben, finanziert vor allem durch das israelische Außenministerium, zum Teil auch durch das Wahlkampfbüro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.
Für den ESC 2025 sollen es laut Finanzdokumenten sogar eine Million Dollar gewesen sein. Netanjahu forderte auf Instagram persönlich seine Follower auf, zwanzigmal abzustimmen. Der Direktor der israelischen Desinformations-Beobachtungsstelle FakeReporter bezeichnete das laut New York Times als "klar koordinierte und finanzierte digitale Kampagne".
Galerie Eurovision Song Contest Sieg für Österreich – ginge es nur nach den Fans, hätte jemand anderes gewonnen 19. Mai 2025Das Abstimmungsergebnis in Spanien illustriert, wie wirksam die Kampagne war: Israel erhielt dort rund 47.000 Publikumsstimmen, fast fünfmal so viele wie die Ukraine auf Platz zwei. Und das in einem Land, in dem die Bevölkerungsmehrheit israelkritisch eingestellt ist.
Möglich wurde das durch den damaligen Abstimmungsmechanismus, der bis zu zwanzig Stimmen pro Person erlaubte, und durch den besonders hohen Anrufpreis in Spanien von über zwei Euro, der die Gesamtzahl der Abstimmenden niedrig hält und koordinierte Kampagnen besonders effektiv macht.
Die EBU reagierte: Für Wien gilt nun ein Maximum von zehn Stimmen pro Person, die Jurymitglieder wurden von fünf auf sieben aufgestockt, und "unverhältnismäßige" Werbekampagnen durch Dritte, ausdrücklich einschließlich Regierungen, sind explizit verboten.
Wolther stellt allerdings klar, dass koordinierte Voting-Kampagnen keine israelische Erfindung sind: "Das gab's in der Vergangenheit auch von anderen Delegationen." Albanien, Rumänien, Länder mit großer Diaspora hätten ähnliche Strategien verfolgt. Aserbaidschan sei der EBU sogar aufgefallen, weil unter anderem in baltischen Ländern verschenkte Telefonkarten eingesetzt wurden, um Zuschauerinnen und Zuschauer zum Abstimmen für den aserbaidschanischen Beitrag zu bewegen.
Die eigentliche Frage, so Wolther, sei eine andere: Warum hat die EBU das so lange nicht als Problem behandelt? Seine Antwort fällt ernüchternd aus: weil Televoting eine entscheidende Einnahmequelle ist.
Galerie Eurovision Song Contest Australien im Goldregen: So lief das zweite ESC-Halbfinale vor 8 StundenRussland raus, Israel drin – ein Widerspruch?
Die Frage drängt sich auf: Warum wurde Russland nach dem Angriff auf die Ukraine sofort suspendiert, während Israel trotz internationaler Kritik weiter teilnehmen darf? Wolther erklärt das strukturell: Der ESC sei kein Wettbewerb der Nationen, sondern ein Wettbewerb der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.
Die EBU habe sich lange dagegen gesträubt, Russland auszuschließen – nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil sie den russischen Partnersender nicht für die Entscheidungen seiner Regierung bestrafen wollte. Erst als der Druck anderer Rundfunkanstalten zu groß wurde und die Drohung im Raum stand, dass diese den Contest verlassen würden, schwenkte die EBU um. Den Ausschlag gab letztlich, dass der russische Sender selbst zum Propagandainstrument wurde und die Kriterien eines öffentlich-rechtlichen Senders nicht erfüllte.
Israel hingegen habe, ausgerechnet durch Netanjahus Umgang mit der Israeli Broadcasting Authority, eine andere Geschichte: Als der Sender KAN gegründet wurde, setzte sich die EBU aktiv dafür ein, dass er eine Nachrichtenredaktion bekam. "Die stehen für ihre Sender ein", sagt Wolther, "und da spielen die Dinge, die sonst im Land passieren, eine untergeordnete Rolle."
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Was der ESC immer war
70 Jahre ESC – ein Wettbewerb, der aus dem Wunsch geboren wurde, Europa nach dem Krieg zusammenzuhalten. Dabei hat er nie aufgehört, ein Spiegel seiner Zeit zu sein. Der Boykott von 2026 ist kein Bruch mit dieser Geschichte. Er ist ihre Fortsetzung.
Verwendete Quelle
- nytimes.com: Interview, New York Times Artikel
Über den Gesprächspartner
- Dr. Irving Wolther ist Kulturwissenschaftler, ESC-Experte und Autor mehrerer Bücher über den Eurovision Song Contest. Er kommentiert den Wettbewerb regelmäßig in deutschen und internationalen Medien.
