Doping-Experte: "Transhumanismus soll gesellschaftsfähig gemacht werden"
Doping-Experte: "Transhumanismus soll gesellschaftsfähig gemacht werden"
Aktualisiert am 16.05.2026, 07:07 Uhr Der olympische Medaillengewinner im Schwimmen, Ben Proud, ist der erste britische Athlet, der sich den Enhanced Games anschließt. © picture alliance/empics/Zac Goodwin Lesedauer:4 Min.Die Enhanced Games versprechen einen neuen, "offenen" Umgang mit leistungssteigernden Substanzen im Spitzensport. Für den Pharmakologen Fritz Sörgel ist das jedoch kein Fortschritt, sondern eine gefährliche Entwicklung mit weitreichenden Folgen für Gesundheit, Fairness und das Verständnis von Sport.
Ein Interview von Johannes FischerNoch bevor die ersten Wettkämpfe der Enhanced Games in Las Vegas (21. bis 24. Mai) überhaupt begonnen haben, wird bereits heftig über die Zukunft des Spitzensports diskutiert. Die Veranstalter werben offensiv mit medizinisch überwachter Leistungssteigerung und einem angeblich "ehrlicheren" Umgang mit Doping. Kritiker dagegen sehen in dem Projekt eine gefährliche Grenzverschiebung, weg vom klassischen Leistungssport und hin zu einer pharmakologisch optimierten Show.
Besonders kritisch blickt Doping-Experte Fritz Sörgel auf die Entwicklung. Im Gespräch mit unserer Redaktion warnt der renommierte Pharmakologe vor einer schleichenden Normalisierung von Doping, gesundheitlichen Risiken für Athletinnen und Athleten und einer gesellschaftlichen Debatte, die weit über den Sport hinausreicht.
Herr Sörgel, die Enhanced Games werben mit "kontrolliertem Doping". Ist so etwas aus medizinischer Sicht überhaupt realistisch?
Fritz Sörgel: Mit dem Begriff "kontrolliertes Doping" versuchen die Veranstalter, den Eindruck von Sicherheit und medizinischer Überwachung zu vermitteln. Aus meiner Sicht ist das aber ein problematischer Begriff, der sich nicht etablieren sollte. Im Sport erleben wir seit Jahren eine sprachliche Normalisierung von Regelverstößen. Aus Unsportlichkeit wird "Zeitspiel", aus absichtlichen Fouls ein "taktisches Foul" oder sogar "Spielintelligenz". Ähnlich läuft es beim Doping. Statt klar von Doping zu sprechen, werden zunehmend Begriffe wie "professionelles Gesundheitsmanagement" oder "Belastungsmanagement" verwendet. Dahinter steckt am Ende aber häufig nichts anderes als leistungssteigernde Manipulation.
Analyse Doping ausdrücklich erlaubt "Menschenversuche" und "Clownshow": Wie gefährlich sind die Enhanced Games? 07. Juli 2025 von Andreas ReinersWelche leistungssteigernden Substanzen würden bei solchen Wettkämpfen vermutlich eine zentrale Rolle spielen?
Im Grunde wären es die klassischen leistungssteigernden Substanzen, die man seit Jahrzehnten aus dem Spitzensport kennt: Anabolika, EPO, Wachstumshormone oder auch Clenbuterol. Diese Mittel sind deshalb so relevant, weil sie unmittelbar Leistungsparameter wie Muskelaufbau, Regeneration, Sauerstofftransport oder Fettstoffwechsel beeinflussen können.
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Wo liegen die größten gesundheitlichen Risiken für Athletinnen und Athleten?
Die gesundheitlichen Risiken sind medizinisch sehr gut bekannt. Zwei Beispiele zeigen besonders deutlich, wie gefährlich solche Substanzen sein können. Anabolika können schwere Schäden an Herz und Leber verursachen. EPO wiederum erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, wodurch das Blut eindickt. Das kann Gefäßverschlüsse auslösen - im schlimmsten Fall Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Genau deshalb ist Doping aus medizinischer Sicht keineswegs ein kontrollierbares Spiel mit kalkulierbaren Risiken.
Befürworter argumentieren, dass Doping im Spitzensport ohnehin weit verbreitet sei. Ist das ein ehrliches Argument oder eine gefährliche Relativierung?
Nein. Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen. Um dieses "Nein" vollständig zu erklären, bräuchte man wahrscheinlich ein deutlich längeres Interview. Die Behauptung, Doping sei ohnehin überall verbreitet und müsse deshalb akzeptiert werden, ist aus meiner Sicht eine gefährliche Relativierung.
Könnte ein kontrolliertes System medizinisch sogar sicherer sein als heimliches Doping im Untergrund?
Von einem wirklich "kontrollierten System" zu sprechen, halte ich für unrealistisch. Im Spitzensport arbeiten heute hochprofessionelle Strukturen mit Ärzten, Trainern und Beraterteams. Gefährlich wird es vor allem für Athleten, die neu in solche Systeme geraten und ohne Erfahrung oder ausreichende medizinische Begleitung experimentieren. Die Öffentlichkeit interessiert sich am Ende meist für Sieger und Rekorde, aber kaum dafür, wenn sich ein Fahrer auf Platz 20 der Tour de France gesundheitlich ruiniert hat. Genau darin liegt das eigentliche Problem.
Verband "ungemein enttäuscht" Olympia-Medaillengewinner geht umstrittene neue Wege 12. September 2025 von Julian MünzTranshumanismus als Geschäftsmodell
Wie stark würde sich der menschliche Körper durch dauerhaftes pharmakologische Leistungssteigerung verändern?
Natürlich würde sich der Mensch dadurch verändern. Vielleicht entsteht noch kein Frankenstein, aber die Entwicklung geht klar in Richtung eines künstlich optimierten Körpers. Damit sind wir beim eigentlichen Kern der Enhanced Games: Dort geht es letztlich um die Idee des "verbesserten Menschen" und um Transhumanismus. Diese Vorstellung soll zunehmend gesellschaftsfähig gemacht werden - nicht nur für Spitzensportler, sondern langfristig auch für den normalen Zuschauer vor dem Fernseher.
Befürchten Sie, dass die Enhanced Games langfristig Druck auf klassische Wettbewerbe wie Olympia ausüben könnten?
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Langfristig werden diese beiden Systeme wahrscheinlich nicht sauber nebeneinander existieren können. Als Pharmakologe benutze ich dafür gerne ein Bild aus der Chemie: Zwei ausgelaufene Farbstoffe - etwa Blau und Gelb - vermischen sich irgendwann zu Grün. Am Ende sehen die Menschen nur noch das Ergebnis, also "Grün", und fragen kaum noch danach, wie diese Farbe entstanden ist. Ähnlich könnte es auch im Sport passieren: Die Grenzen zwischen klassischem Spitzensport und pharmakologischem Enhancement werden zunehmend verschwimmen.
Doping-Spiele "Enhanced Games": Kritik an "perversen Menschenversuchen" 23. Mai 2025Gefährliches Signal an Kinder und Jugendliche
Welche gesellschaftliche Botschaft senden solche Veranstaltungen Ihrer Meinung nach an junge Sportlerinnen und Sportler?
Die Wirkung auf junge Menschen halte ich für besonders problematisch. Und dabei reden wir nicht erst über Jugendliche im Leistungssport. Solche Bilder prägen bereits Kinder. Sie sehen Idole, Rekorde und körperliche Überlegenheit und verinnerlichen früh, dass maximale Leistung offenbar nur noch mit pharmakologischer Unterstützung erreichbar ist. Für Jugendliche, die selbst Leistungssport betreiben, kann dadurch zusätzlicher Druck entstehen. Wer mit 14 oder 15 Jahren glaubt, ohne künstliche Leistungsoptimierung keine Chance auf Olympia oder Profisport zu haben, entwickelt ein völlig anderes Verhältnis zu Gesundheit, Fairness und sportlicher Leistung.
Welche Entwicklung erwarten Sie bei den Enhanced Games: eher ein kurzfristiges Experiment oder ein dauerhaftes neues Sportformat?
Für die Veranstaltung selbst in Las Vegas wird entscheidend sein, ob schwere Zwischenfälle auftreten - oder eben nicht öffentlich sichtbar werden. Wenn am Ende alles nach außen wie ein "normales" Sportevent wirkt, könnte sich das Format durchaus etablieren. Mit dem klassischen Verständnis von Sport haben die Enhanced Games aus meiner Sicht allerdings schon heute nur noch wenig zu tun. Es geht längst nicht mehr allein um Wettkampf, sondern zunehmend um eine Art Schaufenster für eine zukünftige Performance-Industrie. Genau darin liegt die eigentliche gesellschaftliche Dimension dieses Projekts.
Zum Schluss: Wie bewerten Sie es, dass sich Athleten wie der Schwimmer Josha Salchow öffentlich gegen die Enhanced Games positionieren und Kampagnen wie "Dein Sport. Deine Entscheidung" unterstützen?
Solche Initiativen hat es im Kampf gegen Doping national wie international schon immer gegeben. Gerade Schwimmer und Leichtathleten haben dabei oft eine Vorreiterrolle eingenommen. Dass sich Athleten wie Josha Salchow jetzt öffentlich positionieren, halte ich deshalb für wichtig. Auch weil ständig neue Generationen nachkommen, die frühere Debatten oder Erfahrungen gar nicht mehr kennen. Allerdings mache ich mir keine Illusionen, dass dadurch automatisch ein großer Durchbruch gelingt. Wenn der Reiz, außergewöhnliche Leistungen zu erreichen, groß genug ist, gerät die gesundheitliche und moralische Abwägung bei vielen leider schnell in den Hintergrund.
Über den Gesprächspartner
- Professor Fritz Sörgel ist Pharmakologe und gilt seit Jahrzehnten als einer der bekanntesten deutschen Experten für Doping, Arzneimittelwirkungen und Sportmedizin. Der Nürnberger Wissenschaftler äußert sich regelmäßig zu medizinischen und ethischen Fragen rund um leistungssteigernde Substanzen im Spitzensport.
