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Die Manosphere: Wo Dating-Frust zur Gefahr wird

Analyse Männerbilder im Netz

Die Manosphere: Wo Dating-Frust zur Gefahr wird

Aktualisiert am 12.05.2026, 22:10 Uhr Was ist die Manosphere? Ein loses Online-Netzwerk, das junge Männer über Selbstoptimierung erreicht und teils in Hass und Extremismus führt. (Symbolbild) © Getty Images/vitapix Lesedauer:3 Min.

Dating-Frust, Einsamkeit, Zukunftsangst: Gefühle, die viele junge Menschen kennen. In der sogenannten Manosphere werden sie von Männern jedoch gezielt kanalisiert und oft gegen Frauen und queere Menschen gerichtet.

Eine Analyse von Amadeus Banerjee Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Amadeus Banerjee sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Wer durch Social Media scrollt, betritt oft unbewusst ein Netz aus Empfehlungen. Es beginnt mit einer simplen Suche nach Fitness-Tipps, Finanzratschlägen oder Dating-Empfehlungen. Für junge Männer kann dieser zuerst harmlose Zeitvertreib zum Beginn einer Reise in ein dunkles digitales Territorium werden: die sogenannte Manosphere.

Paula-Charlotte Y. Matlach, Analystin beim ISD Germany © Privat/ISD Germany

Dieser Begriff, der zunehmend in Debatten und Popkultur-Phänomenen wie der Netflix-Serie "Adolescence" auftaucht, beschreibt eine Welt, die weit über den bloßen Austausch im Internet hinausgeht und handfeste gesellschaftliche Auswirkungen hat. Paula-Charlotte Y. Matlach vom Institute for Strategic Dialogue (ISD) gibt im Gespräch mit unserer Redaktion Einblicke in dieses schwer fassbare Phänomen.

Die Manosphere ist kein geschlossener Raum mit einer klaren Hausordnung. Matlach beschreibt sie als "loses Online-Netzwerk, das sich nicht eindeutig definieren lässt". Es ist ein Ort, an dem sich Themen wie Männlichkeit, Dating und Selbstoptimierung mit Frauenfeindlichkeit und der Abwertung von queeren Menschen vermischen.

In einer groß angelegten Pilotstudie mit dem Titel "Germanosphäre" hat der ISD über 350 deutschsprachige Accounts ausfindig gemacht, die diesem Milieu zuzuordnen sind. Die Bandbreite reicht dabei von Männern, die sich als "Verführungskünstler" (Pick-up Artists) inszenieren, über sogenannte Incels (Männer, die nach eigener Aussage unfreiwillig zölibatär leben), bis hin zu Aktivisten für Männer- und Väterrechte oder jenen, die sich unter dem Motto "Men Going Their Own Way" (MGTOW) komplett von Frauen abwenden wollen.

Matlach warnt davor, jeden sexistischen Ausfall sofort diesem Netzwerk zuzuschreiben. Oft handele es sich schlicht um "Alltagssexismus", der auch ohne ideologischen Unterbau existiert. Dennoch ist der Expertin zufolge von einem spürbaren gesellschaftlichen Einfluss der Manosphere-Community auszugehen. Ihre Anhänger würden Einstellungen, Sprache und sogar Radikalisierungstendenzen prägen.

Die Hintertür zum Hass: Fitness und Krypto

Das vielleicht Erstaunlichste an dieser Szene ist, wie unauffällig der erste Kontakt meist verläuft. Die Ideologien kommen nicht mit erhobenem Zeigefinger daher, sondern nutzen niedrigschwellige Einstiegspunkte: Themen wie Fitness, der Traum vom schnellen Reichtum oder Flirttipps. Sie docken an reale Gefühle der Unsicherheit an, die viele junge Menschen in Zeiten von Klimawandel, geopolitischen Krisen oder wirtschaftlicher Instabilität verspüren.

Matlach erklärt, dass die Inhalte der Manosphere auf diese komplexen Zukunftsängste "klare Antworten auf Fragen bieten, die sich eigentlich gar nicht klar beantworten lassen". In einer Welt, die sich ständig im Wandel befindet, wirkt diese vermeintliche Eindeutigkeit wie ein Rettungsanker.

Die Algorithmen von Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube fungieren hierbei als Brandbeschleuniger. Da hasserfüllte oder abwertende Inhalte die Nutzer oft länger an den Bildschirm fesseln, werden sie durch die Empfehlungssysteme bevorzugt ausgespielt.

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Ein besonders wunder Punkt, an dem die Manosphere ansetzt, ist die Erfahrung von Zurückweisung. Wenn junge Männer beim Dating scheitern, werde dieser Schmerz oft durch ein tief sitzendes "Anspruchsdenken" befeuert, so Matlach. Es herrsche der Glaube vor, ein angeborenes Recht auf romantische oder sexuelle Aufmerksamkeit zu haben. Werde diese Erwartung enttäuscht, verwandele sich Kränkung und Frustration in Wut. Und schuld an dieser Wut sind dann wahlweise die Frauen oder der gesellschaftliche Fortschritt durch den Feminismus.

Matlach betont, dass Einsamkeit kein exklusives Problem junger Männer ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen darstellt. Das spezifische Problem der Manosphere sei jedoch, dass Männer in diesem Kontext besonders häufig gewalttätig werden. In den letzten Jahren gab es vermehrt tätliche Angriffe, die auf die radikalsten Strömungen dieser Szene, wie die Incel-Bewegung, zurückzuführen sind. Diese Gruppen übernehmen oft radikale Narrative und finden über antifeministische und verschwörungsideologische Thesen schnell Anschluss an die organisierte rechtsextreme Szene.

Popkultur als Spiegel und Zerrbild

Auch in der Popkultur ist das Thema inzwischen präsent, was Matlach differenziert betrachtet. Die Netflix-Serie "Adolescence" etwa rücke zwar die Rolle des Umfelds bei der Prävention von Gewalt in den Fokus, zeige aber auch ein typisches Problem medialer Aufarbeitung: Die Erzählung erfolgt oft fast ausschließlich aus der Täterperspektive, während die Sicht der Betroffenen kaum Raum findet.

Solche Zuspitzungen können laut Matlach problematisch sein, da sie "ungewollt Narrative verstärken, in denen männliches Anspruchsdenken bestätigt wird". Statt klare Verantwortlichkeiten zu benennen, rücken dann oft Entschuldigungen wie Perspektivlosigkeit in den Vordergrund.

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Wege aus der Sackgasse

Matlach sieht die Lösung für das Problem vor allem in der Bildung, sowohl in der Schule als auch in der Erwachsenenbildung. Es gehe darum, "emotionale Kompetenzen" zu fördern: Wie geht man mit Zurückweisung um? Wie verarbeitet man negative Gefühle, ohne sie in Hass gegen andere umzumünzen?

Die Themen, die in der Manosphere verhandelt werden, von Einsamkeit bis Zukunftsangst, sind real und betreffen uns alle. Sie gesamtgesellschaftlich zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen, ist die eigentliche Herausforderung.

Über die Gesprächspartnerin

  • Paula-Charlotte Y. Matlach ist Analystin beim ISD Germany und Expertin für Desinformation sowie Extremismus. Zuvor forschte sie am NATO StratCom COE zu Netzregulierung und strategischer Kommunikation.
  • Ihr Fokus liegt auf der Online-Radikalisierung und dem Einsatz von Blockchain-Technologie in extremistischen Milieus. Sie ist Absolventin des King’s College London.

Verwendete Quellen

  • Interview mit Paula-Charlotte Y. Matlach
  • IsdGlobal.org: Mapping the GerManosphere: A Pilot Study
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