Der Moment, als Willy Brandt in Tränen ausbrach
Der Moment, als Willy Brandt in Tränen ausbrach
Aktualisiert am 12.05.2026, 08:45 Uhr Rainer Schanz schützte als Beamter von Staatsschutz und BKA mehrere Generationen politischer Führung. © IMAGO/Berlinfoto Lesedauer:5 Min.Er saß neben den Mächtigsten des Landes, sprach wenig und sah alles. Rainer Schanz war jahrzehntelang Personenschützer im engsten Zirkel der deutschen Politik. Im Gespräch erzählt er von Distanz, Disziplin und Momenten, die selbst Profis zu Tränen rühren.
Ein Interview von Amadeus BanerjeeRainer Schanz war jahrzehntelang dort, wo nur wenige hinkommen: im engsten Zirkel der deutschen Macht. Er begann 1978 eine klassische Polizeilaufbahn in Berlin. Doch ein einziger Einsatz im Jahr 1985 sollte alles verändern. Er wurde Personenschützer des Bundeskriminalamts (BKA) und des Staatsschutzes und sicherte Leben von prominenten Politikern, von Willy Brandt bis Angela Merkel.
Ein Gespräch über den Blick durch die Menschen hindurch, das Schweigen im Auto und den Moment, in dem Weltgeschichte im Rückspiegel zu Tränen führt.
Herr Schanz, wenn Sie heute in ein Restaurant gehen, wählen Sie den Tisch nach der Lage der Notausgänge?
Rainer Schanz: Ein Sicherheitsbeamter sieht alles anders. Er guckt genau, wer zur Tür reinkommt oder wo das Licht brennt. Er guckt praktisch durch die Menschen hindurch oder über sie hinweg. Dieser Blick lässt einen nie ganz los.
Interview Ökonom Daniel Stelter "Viele Fehler wurden in den 16 Jahren unter Angela Merkel gemacht" vor 20 Tagen von Fabian HartmannKönnen Sie diesen Modus im Privaten überhaupt abschalten?
Nein.
Gar nicht?
Zum Leidwesen meiner Frau ist das immer noch so. Sie setzt mich in Restaurants meist so hin, dass ich die Tür im Blick habe. Sogar im Straßenverkehr beobachte ich ständig. Ich weiß oft anhand der Fahrweise oder der Farbe der Autos schon vorher, wer wo abbiegen wird. Manchmal nerve ich meine Frau damit ein bisschen, aber man wird diesen Fokus einfach nicht los.
"Ich habe die Sache in drei Sekunden bereinigt."
Sie sind auf eine sehr direkte Weise zum Personenschutz gekommen. Stimmt es, dass ein einziger Faustschlag im Jahr 1985 Ihre Karriere entschied?
Ich wollte das eigentlich nicht so drastisch darstellen, aber ja: Ein Kollege einer Spezialdienststelle rief um Hilfe, weil ein Festgenommener um sich schlug. Ich habe die Sache in drei Sekunden bereinigt. Ich habe ihn so umgehauen, dass das Thema durch war.
Wie reagierte die Polizeiführung darauf?
Man hat sich bedankt und mir die Wahl gelassen: SEK oder Personenschutz. Da ich als Fußballer eine Kreuzbandoperation hinter mir hatte, war ich ehrlich zu mir selbst: Die komprimierte Belastung beim SEK hätte mein Knie nach drei Tagen zur Aufgabe gezwungen. Also ging ich zum Staatsschutz und später zum BKA.
Das klingt nach einer Vernunftentscheidung. Bereuen Sie es?
Überhaupt nicht. Ich bin stolz darauf, diesen Teil zur Aufrechterhaltung der demokratischen Grundordnung beigetragen zu haben.
Ehemann von Angela Merkel Joachim Sauer erzählt erstmals aus seinem Leben vor 5 TagenWaren Sie in Ihrer Laufbahn ausschließlich im Inland tätig?
Nein, ich war auch viel im Ausland an den deutschen Botschaften eingesetzt und hatte dort einen diplomatischen Status. Ich war beispielsweise in Managua in Nicaragua für den Personenschutz des deutschen Botschafters zuständig, später dann auch in der Türkei. Da vertrete ich dann mein Land und setze mich auch durch – andernfalls würden an manchen Flughäfen immer noch belgische Fahnen mit deutschen verwechselt werden.
Wie hat sich die Gefahrenlage in all den Jahrzehnten verändert?
Die Technik schritt natürlich immer voran, von Panzerungen bis hin zu Handys, die es früher ja überhaupt nicht gab. Zu Beginn hatten wir es innerdeutsch vor allem mit der RAF zu tun. Später wandelte sich das und der internationale Terrorismus sowie der Islamismus kamen hinzu, wodurch die Gefährdungslage internationaler wurde. Aber unsere Sicherheitsbehörden wie das BKA oder der BND passen sich daran an. Die lassen sich nicht groß feiern, leisten aber wirklich extrem gute Arbeit.
In Ihrer Laufbahn haben Sie Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Gerhard Schröder und Angela Merkel geschützt. Entsteht bei einer Begleitung, die oft von morgens bis tief in die Nacht geht, eine Freundschaft?
Nein.
Die unsichtbare Präsenz als Personenschützer
Warum ist diese Distanz so wichtig, wenn man sich doch so nah ist?
Freundschaft setzt zu viel voraus. Man vertraut dann vielleicht zu sehr, es wird zur Normalität – und das darf im Schutzdienst nicht passieren. Es muss ein professionelles Vertrauensverhältnis sein. Man muss wissen, wann man redet, wann man zuhört, wann man lacht und wann man einfach mal die Klappe hält. Ungefragt die Stimme zu erheben, ist in diesem Beruf tabu. Der Alltag eines Personenschützers ist geprägt von logistischer Präzision. Ob Berlin, Nicaragua oder die Türkei – jeder Schritt der Schutzperson wird durch Vorauskommandos abgesichert.
Interview Enthüllende Fotos Der Alien-Blick auf Krieg und Politik vor 21 Tagen von Amadeus BanerjeeSorgt die akribische Vorbereitung dafür, dass man sich im Ernstfall gar nicht in die Schussbahn werfen muss?
Nein, das ist falsch. Sicherheit fängt zwar im Kopf an und wir planen wirklich alles – von Fluchtwegen über Krankenhäuser bis zu den Blutgruppen. Aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Wenn es dazu kommt, würden wir uns vor die Schussbahn schmeißen. Ich würde das machen, dafür sind wir da.
Der Moment, als Willy Brandt in Tränen ausbrach
Sie waren dabei, als Weltgeschichte geschrieben wurde. Welcher Moment war der emotionalste?
Der Tag des Mauerfalls mit Willy Brandt. Wir fuhren über die Siegessäule zum Brandenburger Tor, und tausende Menschen kamen uns entgegen wie ein Ameisenhaufen. Brandt saß hinten im Auto und fing an zu weinen.
Wie geht man als Profi damit um, wenn eine historische Lichtgestalt im eigenen Wagen die Fassung verliert?
Man sieht das durch die Spiegel im Auto. Da hat man selbst damit zu tun, dass einem nicht die Tränen kommen. Das war sehr rührig. Brandt war Regierender Bürgermeister, als die Mauer gebaut wurde, und nun durfte er miterleben, wie sie fiel. Die Leute riefen ununterbrochen "Willy, Willy!" Das vergisst man nie.
Neben dem Mauerfall – gab es weitere historische Wegmarken, die Sie aus nächster Nähe miterlebt haben?
Ja, 1986 habe ich auch den letzten Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke mitgemacht. Das war natürlich auch ein tolles Erlebnis, bei dem man einfach ein echter Zeitzeuge sein durfte.
Analyse Lage der SPD Alles bleibt, wie es ist 23. März 2026 von Rebecca SawickiWie lange hält man diesen ständigen Druck und die körperliche Belastung in diesem Beruf überhaupt durch?
Wenn man anfängt, sollte man schon eine gewisse Reife mitbringen, ab 22 oder 23 Jahren ist ein guter Zeitpunkt. Aber der Körper wird älter und das ständige Training sowie die Einsätze hinterlassen ihre Spuren – irgendwann ist das Knie kaputt oder die Schulter. Je älter man wird, desto eher verschieben sich die Aufgaben. Man wechselt dann in die Vorkommandotätigkeiten, hat einen Bürojob, teilt Leute ein oder macht die Buchführung, bis man irgendwann sagt, dass der Körper nicht mehr mitmacht und man in die Pause geht.
"Ich könnte das heute noch alles."
Gibt es auch Dinge, die Sie am politischen Betrieb frustrieren?
Ich finde es manchmal schwierig, wenn Politiker in ihrer Materie so gefangen sind, dass sie den Blick für das Wesentliche verlieren. Mein Rat an jeden Politiker wäre: Lügt das Volk nicht an und beleidigt nicht die Intelligenz der Wähler. Und mir fehlt heute oft die Würdigung für diejenigen, die für das Land den Kopf hinhalten.
Können Sie das konkretisieren?
Ein Beispiel, das mir in der Seele wehgetan hat: Unsere Soldaten kamen aus Afghanistan zurück, und niemand begrüßte sie am Flughafen. Das gibt es in keinem anderen Land. Das ist eine Frage von Anstand, Respekt und Werten. Ich bin ein Verfechter des demokratischen Patriotismus. Man darf ruhig wieder stolz auf seine Fahne sein.
Sie sind heute im Ruhestand, beraten aber noch Firmen und halten Vorträge. Wenn morgen das Telefon klingeln würde – wären Sie noch bereit?
Fünf Minuten.
Fünf Minuten?
Ja, dann wäre ich da. Ich sage das auch immer wieder meinem Sohn, der ebenfalls Polizeibeamter ist: Ich könnte das heute noch alles. Gut und Böse kann ich unterscheiden, und das Durchsetzungsvermögen habe ich auch mit über 60 nicht verloren.
Über den Gesprächspartner
- Rainer Schanz arbeitete jahrzehntelang als Personenschützer für das BKA sowie den Staatsschutz und schützte das Leben von Spitzenpolitikern wie Willy Brandt und Angela Merkel.
- In seinem Buch "Der Mann, der aus dem Schatten kommt", erzählt Schanz aus seinem Berufsleben, von Einsätzen in Krisengebieten und historischen Momenten wie dem Mauerfall.
