Das Gefühl der dauerhaften Nichtigkeit
Das Gefühl der dauerhaften Nichtigkeit
Aktualisiert am 13.05.2026, 05:32 Uhr Vielleicht liegt genau darin die Pointe der digitalen Gegenwart: Wir konsumieren pausenlos Reize und fühlen uns trotzdem leer. (Symbolbild) © IMAGO/imagebroker/Sirijit Jongcharoenk Lesedauer:3 Min.Die Algorithmen sind so gut, dass wir ständig bekommen, was wir wollen. Aber immer öfter habe ich das Gefühl der dauerhaften Nichtigkeit beim Scrollen. Langsam drifte ich in einen digitalen Burn-out.
Eine Kolumne von Bob Blume Diese Kolumne stellt die Sicht von Bob Blume dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.Es ist kurz vor sieben. Irgendwo zwischen Abendessen, einer Serie und dem Gedanken, eigentlich längst etwas anderes tun zu wollen, greife ich zum Handy. Nur kurz schauen, was los ist. Ein Reflex. Drei Minuten später habe ich zwanzig Reels und kann von keinem sagen, worum es ging. Als ich das Handy wieder weglege, bleibt nichts zurück. Kein Gedanke, kein Gefühl, nicht einmal echte Ablenkung. Nur dieses seltsame digitale Völlegefühl.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Veränderung des Internets: nicht der Hass. Nicht die KI. Nicht einmal die Desinformation. Sondern die eine durch die Dauerbeschallung herbeigeführte Indifferenz. Das große Schulterzucken!
Früher war Social Media laut. Menschen wollten sichtbar sein. Man postete einen peinlich langen Facebook-Status, diskutierte unter Tweets, stritt in Kommentarspalten, schrieb Blogtexte, als hinge das Leben davon ab. Das Netz war anstrengend, aber lebendig. Heute wirkt vieles wie eine Daueraufführung ohne Publikum. Alle produzieren weiter, aber immer weniger nehmen wirklich teil. Man scrollt. Man konsumiert. Nicht einmal aus Interesse. Eher aus Gewohnheit. Und man fühlt: zunehmend nichts mehr.
Immer online, innerlich offline
Der Mediensucht-Experte Florian Buschmann spricht inzwischen von "Digital Burn-out". Gemeint ist damit keine klassische Erschöpfung durch Arbeit, sondern ein Zustand permanenter digitaler Überforderung. Der Mensch läuft im "Always-on"-Modus, obwohl er dafür nie gemacht war. Und plötzlich wirken viele Verhaltensweisen erschreckend vertraut.
Kolumne Netzwelten Das Problem mit den Kommentaren im Internet vor 9 Tagen von Bob BlumeDas ziellose Öffnen von Apps. Das Gefühl ständig erreichbar sein zu müssen. Die Gereiztheit nach langen Bildschirmzeiten. Konzentrationsprobleme. Innere Unruhe trotz ständiger Unterhaltung. Oder dieser paradoxe Zustand, gleichzeitig überreizt und emotional abgestumpft zu sein. Gut, das könnte ich auch nach einem Blick in meine Facebook-Kommentarspalte haben, aber das ist ein anderes Thema.
Vielleicht liegt genau darin die Pointe der digitalen Gegenwart: Wir konsumieren pausenlos Reize und fühlen uns trotzdem leer. Studien zeigen inzwischen, dass viele Menschen soziale Netzwerke zwar täglich nutzen, aber immer weniger aktiv interagieren. Sie posten seltener, kommentieren kaum noch und schreiben weniger Nachrichten. Stattdessen beobachten sie. Lautlos. Fast geisterhaft. Das Netz ist voller Menschen, die anwesend sind, ohne wirklich da zu sein.
Das ist die eigentliche Krise (a)sozialer Medien: dass sie sozial wirken wollen und gleichzeitig immer weniger Verbindung erzeugen.
Die Sehnsucht nach dem Leisen
Die Konsequenz macht Hoffnung, denn ich merke bei mir den Wunsch nach Substanz: Die Bücher werden dicker, die smartphonefreie Zeit länger. Andererseits habe ich erst letztens ein Video von einem Jungen gesehen, der erklärt, dass er nicht mehr lesen könne. Es sei, so sagt er, als blicke er einzelne Worte an, aber nichts dringe durch. Das ist ein Problem. Das ist ein riesiges Problem! Denn während immer mehr Menschen im digitalen Burn-out verweilen, wird es zunehmend schwieriger, Alternativen zu finden. Zumindest, wenn man sie nicht erlernt hat.
Wenn man es kann, dann ist der Rückzug fast Widerstand: In einer digitalen Welt, die permanent Aufmerksamkeit erzwingen will, wirkt Ruhe plötzlich fast rebellisch. Nicht-Mitmachen bekommt etwas Widerständiges. Vielleicht ist passives Scrollen deshalb nicht nur Gleichgültigkeit, sondern manchmal auch Selbstschutz. Wahrscheinlich hatten unsere Eltern doch recht!
Sozial, aber stumm
Natürlich gibt es sie weiterhin: die Lauten, die Streitbaren, die Daueraktiven. Menschen, die jeden Trend kommentieren, jede Nachricht einordnen, jede Debatte führen. Aber selbst dort spürt man oft Erschöpfung. Als würden viele nur noch weitermachen, weil der Algorithmus keine Pause erlaubt.
Und wir anderen? Wir schicken ab und zu ein Herz. Speichern ein Video, das wir nie wieder ansehen. Schreiben "so true" unter einen Beitrag und scrollen weiter. Vielleicht ist dieses digitale Schweigen also gar kein Rückzug. Vielleicht ist es Sehnsucht. Nach Tiefe. Nach Konzentration. Nach etwas, das nicht sofort bewertet, verwertet oder in Content verwandelt wird.
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Aber wie immer sind auch diese Gedanken, die hier gelesen werden können, widersprüchlich. Denn wer schreibt hier? Doch jemand, der genug online sein muss, um die Selbstdiagnose zu leisten. Und jemand, der in seinem Ansinnen, nicht alles zu Content zu machen, genau das tut: Inhalte erschaffen. Aber vielleicht ist es ein wenig mehr als das schnelle Video. Vielleicht sitzt irgendwo jemand, liest diesen Text und hat für drei Minuten eine Pause und sich selbst Gedanken gemacht, bevor er oder sie sich wieder hineinstürzt in die intensive und doch so belanglose Dauerbeschallung dieser schnelllebigen Online-Welt.
Über den Autor
- Bob Blume ist Buchautor, Content Creator und Bildungsaktivist. Auf Instagram hat er als @netzlehrer 200.000 Follower. Er ist Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule und Bildung und wurde bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 als Blogger des Jahres ausgezeichnet. Für die Newsportale von 1&1 schreibt er über Phänomene im Netz.
- Passend zum Thema dieser Kolumne geht es in seinem neuen Buch "Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?" in einem eigenen Kapitel darum, wie Eltern mit dem Druck umgehen können, der durch digitale Vergleichsräume entsteht.
