Das Ende der päpstlichen Zurückhaltung
Das Ende der päpstlichen Zurückhaltung
Aktualisiert am 16.04.2026, 11:16 Uhr Papst Leo ist "Global Player" und "Gegenspieler von Donald Trump" © picture alliance/Sipa USA/SOPA Images Lesedauer:5 Min.Der amerikanische Papst Leo nimmt kein Blatt vor den Mund und schreckt auch vor deutlicher Kritik an US-Präsident Trump nicht zurück. Der Philosoph Godehard Brüntrup sieht darin eine neue Art der Einmischung der Kirche – und findet das richtig.
Ein Interview von Leon KottmannIn Zeiten zunehmender Kriege könnte die katholische Kirche eine neue Rolle einnehmen. Der Philosoph Godehard Brüntrup beobachtet aktuell, dass Papst Leo mit seiner direkten Kritik an Donald Trump neues Terrain betritt.
Im Gespräch mit der Redaktion erklärt Brüntrup, warum er Leo als "Global Player" sieht, wann sich die Kirche in die Politik einmischen sollte und wie radikale religiöse Kräfte auf beiden Seiten den Krieg befeuern.
Herr Brüntrup, Papst Leo hat Donald Trump direkt kritisiert. Sie haben das als "bedeutsam" kommentiert und sahen eine ungewöhnliche Verschärfung der Rhetorik des Papstes – warum?
Godehard Brüntrup: Die Äußerungen von Papst Leo gegenüber Trump haben sich immer weiter gesteigert. Anfang März war es noch ein Aufruf zum Dialog, an Ostern dann ein Appell, die Waffen niederzulegen. Vor einer Woche hat er Trump direkt angesprochen und dessen Drohung, eine ganze Zivilisation zu vernichten "nicht akzeptabel" und den Krieg "ungerecht" genannt. Das ist ein starkes Urteil und mehr als eine Ermahnung. Und zuletzt hat er die Menschen in den USA direkt aufgerufen, sich an ihre Kongressabgeordneten zu wenden, um auf die Regierung Einfluss zu nehmen. Das ist mehr als ein allgemein gehaltener päpstlicher Appell, der zum Frieden aufruft, sondern eine direkte Einmischung in die amerikanische Politik.
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Ja und es gibt auch manche Katholiken in den USA, die die Einmischung kritisieren. Sie halten den Krieg nämlich für gerecht, weil man die zukünftige atomare Vernichtungsdrohung gegen Israel, die vom Iran ausgeht, für realistisch und dringlich ansieht. Der Papst sagt hingegen: Nein, eine bloß erwartete Bedrohung ist nicht Grund genug für einen Krieg.
Wann darf sich die Kirche einmischen?
Und war das Ihrer Ansicht nach legitim?
Die Kirche sollte in solchen Fragen von Krieg und Frieden oder der Verletzung von Menschenrechten nicht zu vage sprechen, sodass sich am Ende niemand angesprochen fühlt. Das ist etwas anderes, wie zum Beispiel Details des Steuerrechts, wo die Kirche sich raushalten sollte. In den großen Fragen von Leben und Tod muss die Kirche sich aber einmischen, politisch sein und konkret werden.
Wie war das sonst in der Geschichte der katholischen Kirche?
Zur Zeit des Nationalsozialismus hätte die Kirche mehr tun können. Es gibt zwar heroische Beispiele von Kirchenvertretern, die die Nazis damals offen kritisiert haben, aber insgesamt war die Kirche zu schweigsam.
Und wenn wir in die jüngere Geschichte schauen, zum Beispiel beim Angriff Russlands auf die Ukraine? War die Kirche da weniger klar?
Das ist umstritten. Leos Vorgänger Papst Franziskus hat im Ukraine-Krieg immer wieder versucht, den Gesprächsfaden mit den Russen aufzunehmen. Manche haben ihm deshalb vorgeworfen, es habe ihm an Klarheit gefehlt. Das kann man vom jetzigen Papst nicht behaupten. Das hängt aber auch von der Persönlichkeit des Papstes ab.
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Sehen Sie in der neuen Herangehensweise von Papst Leo eine Chance für die Kirche, um wieder relevanter zu werden?
In den USA ist das bereits zu sehen: Da gibt es eine Welle von Neueintritten in die katholische Kirche. Teilweise gibt es Schlangen vor den Kirchen, um an Gottesdiensten teilzunehmen. Ich arbeite selbst in den USA an einer katholischen Universität und habe beobachtet, dass die katholische Kirche insbesondere auf junge Männer wieder eine größere Anziehungskraft hat. Das hat auch etwas mit Papst Leo zu tun. Er hat die katholische Kirche in den USA populärer gemacht – auch indem er als Gegenspieler zu Donald Trump auftritt.
Donald Trump hat sehr allergisch auf die Kritik des Papstes reagiert und nannte ihn "schwach". Glauben Sie, der Streit schadet Trump mit Blick auf die Zwischenwahlen im Herbst?
Die Katholiken sind wahlentscheidend, weil sie in den USA relativ in der politischen Mitte stehen. Es gibt viele katholische Wechselwähler. Wenn Trump die katholische Kirche derart angeht, verliert er Wähler aus dieser Mitte. Er hat ja nicht nur den Papst als Person brüskiert. Auch das KI-generierte Bild von Donald Trump als Christusgestalt war grotesk. Viele Christen empfinden das als Blasphemie. Allerdings gibt es auch eine andere Seite.
Und zwar?
Manche fundamentalistische Evangelikale in den USA halten die katholische Kirche seit jeher für Teufelszeug. Sie stehen für einen christlichen Nationalismus, während die Katholiken als Globalisten und vaterlandslose Gesellen gesehen werden. Diese Fundamentalisten werden bei Trumps Angriffen auf den Papst eher Genugtuung empfinden. Allerdings ist das seine Kernklientel, die ihn sowieso wählt. Deshalb glaube ich, dass ihm das insgesamt bei den Wahlen im November eher schaden wird, weil er katholische Wechselwähler verliert.
Wie ist der Streit zwischen dem mächtigsten Mann der Welt und dem Kirchenoberhaupt im Rest der Welt aufgenommen worden?
Mein persönlicher Eindruck ist, dass man mehrheitlich der Meinung ist, dass Trump mit seinen persönlichen Angriffen gegen Papst Leo zu weit gegangen ist. Denn die Appelle des Papstes für Frieden werden von den meisten Menschen auf der Welt geschätzt.
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Wo haben die Worte des Papstes besonderes Gewicht?
Der Papst hat in Südeuropa immer noch großes moralisches Gewicht. Wir haben gesehen, dass sich deshalb auch Meloni gezwungen sah, von Trump abzurücken. Aber auch Südamerika und erhebliche Teile von Afrika und Asien sind katholisch geprägt. Insgesamt gibt es auf der Welt 1,4 Milliarden Katholiken. Damit ist der Papst einer der großen Global Player in den Fragen der Moral. Aber der Papst wird auch kritisiert für seine Kritik an Trump, beispielsweise in Israel.
Woran liegt das?
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In Israel steht eine große Mehrheit hinter diesem Krieg. Auch in der Linken, die die Regierung von Netanyahu ablehnt. Das liegt daran, dass die Israelis schon seit Jahrzehnten mit dieser existenziellen Bedrohung leben, nicht nur durch den Iran, sondern auch durch dessen Verbündete im Libanon oder in Gaza. Ich war vor Kurzem in Jerusalem und habe das selbst erlebt, wie wir mehrmals am Tag in den Keller mussten, um uns vor Raketenangriffen zu schützen. Aus dieser Erfahrung heraus haben die Israelis eine große Angst, dass der Iran eine Atomwaffe erhält. Die radikalen Islamisten im Iran glauben daran, dass nur durch die Vernichtung Israels ihre Erlösergestalt, der zwölfte Mahdi, erscheinen kann. Manche nähmen anscheinend dafür sogar in Kauf, dass der Iran im Gegenzug von Atomwaffen getroffen wird.
Wenn radikale Christen auf die Apokalypse hoffen
Auch der selbsternannte Kriegsminister Pete Hegseth wähnt sich in einem "heiligen Krieg". Welche Rolle spielt die Religion in den USA in diesem Krieg?
Es gibt bei den radikalen fundamentalistischen Christen in den USA religiöse Gründe, Israel zu unterstützen. Sie glauben, dass Christus nur zurückkommen kann, wenn vorher die Verheißungen an das Volk Israel erfüllt wurden. Dazu gehört, den von den Römern im Jahr 70 zerstörten Tempel wieder aufzubauen. Auf dem Tempelberg steht allerdings eine muslimische Moschee. Manche Fundamentalisten hoffen, dass sich die Konflikte so weit zuspitzen, bis diese Moschee zerstört wird. Dann kann nach diesem apokalyptischen Glauben Christus zurückkehren und die Endzeit ausbrechen.
Das ist ein unreflektiertes, irrationales und philosophisch nicht durch die Aufklärung gegangenes Christentum. Aber dieser Strömung gehört sowohl der US-Botschafter in Israel an als auch Pete Hegseth. Denen geht es bei dem Krieg nicht nur um den Schutz der Israelis, sondern auch darum, historische Prozesse in Gang zu setzen, die ihrem religiösen Ziel dienen.
Über den Gesprächspartner
- Godehard Brüntrup ist Jesuit und Professor für Philosophie in München. Er forschte an verschiedenen amerikanischen Universitäten und gilt neben seiner philosophischen Expertise als Kenner der USA.
