Verbrauchermagazin24

Nehmen Sie Kontakt auf

Das Ende der Empörung

Interview Mehr als nur Sportswashing

Das Ende der Empörung

Aktualisiert am 20.05.2026, 10:24 Uhr Saudi-Arabien baut seinen Einfluss im Weltfußball immer weiter aus – durch Klubinvestitionen, Sponsoringverträge und die WM 2034. (Archivbild) © picture alliance/firo Sportphoto/Sebastian EL-SAQQA Lesedauer:5 Min.

Saudi-Arabien wird im Weltfußball immer präsenter – als Investor, Sponsor und künftiger WM-Gastgeber. Sportpolitik-Experte Ronny Blaschke analysiert im Interview, welche Strategie dahintersteckt und warum die kritische Debatte über den Einfluss des Landes zunehmend leiser wird.

Ein Interview von Johannes Fischer

Saudi-Arabien baut seinen Einfluss im Weltfußball derzeit mit großer Geschwindigkeit aus – über Klubbeteiligungen, internationale Sponsoring-Deals und die Ausrichtung der WM 2034. Gleichzeitig lässt die öffentliche Empörung über diese Entwicklung in vielen Teilen des Fußballs spürbar nach.

Der Sportpolitik-Experte Ronny Blaschke ordnet im Interview ein, welche Strategie hinter diesem Kurs steckt, warum sich der Fußball zunehmend an den saudischen Einfluss gewöhnt – und welche Folgen das für die Zukunft des Sports haben könnte.

Herr Blaschke, Saudi-Arabien baut seinen Einfluss im Weltfußball immer weiter aus – durch Klubinvestitionen, Sponsoringverträge und die WM 2034. Wie systematisch steckt dahinter eine Strategie?

Das wirkt inzwischen deutlich strukturierter als noch vor einigen Jahren. Anfangs hatte man ein bisschen den Eindruck, Saudi-Arabien investiere nach dem Gießkannenprinzip in möglichst viele Sportarten gleichzeitig. Inzwischen scheint sich das etwas zurechtzuruckeln. Manche Projekte werden zurückgefahren oder überprüft – etwa im Golf. Andere Bereiche gelten dagegen offenbar als Premiumprodukte. Dazu zählen vor allem die Formel 1 und ganz besonders der Fußball.

Welche Rolle spielt dabei die Fußball-WM 2034?

Sie ist dabei das zentrale Projekt. Parallel baut Saudi-Arabien seine Beziehungen zur FIFA immer weiter aus – etwa über den Staatsfonds PIF oder über Saudi Aramco als wichtigen Sponsor. Dabei geht es aus meiner Sicht nicht nur darum, eine Sportmacht zu werden. Dahinter steckt vielmehr Geopolitik und sogenanntes Nation Branding. Saudi-Arabien nutzt den Fußball als globale Bühne, um sich international neu zu positionieren. Saudi-Arabien ist eigentlich kein typischer Sponsor. Man kann dort ja kein Öl "per Klick" bestellen. Deshalb geht es vor allem darum, das Land selbst sichtbarer und attraktiver zu machen – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Der Fußball bietet dafür eine enorme Reichweite.

Mehr Einfluss im Fußball? Saudi-Arabien sponsert WM 2026 vor 5 Tagen

Warum die Empörung kleiner wird

Vor einigen Jahren wurde über Saudi-Arabien im Fußball noch deutlich kritischer diskutiert. Warum scheint die Empörung inzwischen kleiner geworden zu sein?

Das konnte man zuvor schon bei Katar oder auch bei den Olympischen Spielen in China beobachten. Anfangs gibt es eine sehr intensive Debatte, später nutzt sich die Empörung aber oft ab. Man kann nicht über Jahre hinweg ausschließlich Empörungsartikel schreiben. Irgendwann tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Hinzu kommt, dass Saudi-Arabien heute in vielen westlichen Ländern nicht nur kritisch wahrgenommen wird. In geopolitisch schwierigen Zeiten erscheint das Land manchen sogar als vergleichsweise stabiler Partner in der Region. Gleichzeitig hoffen viele Unternehmen auf wirtschaftliche Chancen. Gerade rund um die WM 2034 könnten westliche Firmen Milliarden verdienen – etwa beim Stadionbau, bei Infrastrukturprojekten oder im Bereich Verkehr und Technik.

Welche Rolle spielt der Fußball dabei inzwischen für Saudi-Arabiens internationale Außenwirkung?

Saudi-Arabien versucht sehr bewusst, internationale Beziehungen über den Sport auszubauen. Als Cristiano Ronaldo 2025 in Washington zu Gast war, wurde rund um seinen Besuch praktisch ein Staatsbankett organisiert. Dabei ging es längst nicht mehr nur um Fußball, sondern auch um politische und wirtschaftliche Kontakte. Auch Kronprinz Mohammed bin Salman ist international längst wieder deutlich stärker akzeptiert als noch vor einigen Jahren. Nach dem Mord am Journalisten Jamal Khashoggi galt er zeitweise als weitgehend isoliert. Inzwischen ist er politisch jedoch weitgehend rehabilitiert – und der Sport spielt dabei durchaus eine Rolle.

Die Grenzen der Superstar-Strategie

Cristiano Ronaldo ist das große Aushängeschild des saudischen Fußballs. Rechnet Saudi-Arabien nach seinem Karriereende mit dem nächsten Superstar?

Saudi-Arabien wird sicherlich weiter versuchen, große Namen zu verpflichten. Mohamed Salah war beispielsweise immer wieder ein Thema, bei Lionel Messi hat es letztlich nicht geklappt. Aber einen Spieler mit der weltweiten Strahlkraft von Cristiano Ronaldo noch einmal zu bekommen, dürfte schwierig werden. Man darf dabei nicht vergessen: Die saudische Strategie zielte nicht nur auf sportliche Aufmerksamkeit ab. Über den Fußball sollten auch internationale Investoren ins Land geholt werden. Genau das funktioniert bislang aber nur begrenzt. Viele Vereine bleiben stark vom Staatsfonds abhängig, einige Spieler sind inzwischen bereits wieder gegangen. Trotzdem sollte man Saudi-Arabien sportlich nicht unterschätzen. Anders als Katar ist das Land tatsächlich ein Fußballland mit großer Fanbasis und beeindruckender Fankultur. Deshalb wird der Versuch, den internationalen Fußball weiter an sich zu binden, sicherlich nicht enden, nur weil Ronaldo irgendwann zurücktritt.

Kolumne WM 2026 Was der FIFA-Präsident lieber nicht anspricht vor 4 Tagen von Pit Gottschalk

Viele Fans scheinen sich inzwischen ebenfalls mit dem saudischen Einfluss arrangiert zu haben. Sieht man das besonders gut am Beispiel Newcastle United?

Ja, Newcastle ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Ein großer Teil der Fans hat den Einstieg Saudi-Arabiens damals sogar gefeiert. Viele Anhänger hatten das Gefühl, der Verein könne nun endlich wieder mit den großen Klubs der Premier League mithalten. Natürlich gibt es weiterhin kritische Gruppen und Faninitiativen, die regelmäßig auf Menschenrechtsfragen aufmerksam machen. Aber diese Gruppen bleiben eher klein. Gleichzeitig profitieren lokale Medien, Politiker und die gesamte Region sportlich und wirtschaftlich vom Aufschwung des Vereins. Newcastle spielt inzwischen international wieder eine größere Rolle – und das verändert natürlich auch die öffentliche Wahrnehmung. Man darf außerdem nicht vergessen: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten setzen manche Regionen bewusst auf wohlhabende Investoren aus dem Ausland. Dadurch verschieben sich moralische Debatten oft in den Hintergrund.

Die FIFA als Wegbereiter

Welche Rolle spielt die FIFA bei dieser Entwicklung? Macht sie sich zunehmend abhängig von Saudi-Arabien?

Die FIFA spielt dabei eine entscheidende Rolle – und Gianni Infantino wahrscheinlich ganz besonders. Er hat Saudi-Arabien im Weltfußball stark eingebunden und die Beziehungen intensiviert. Dabei geht es allerdings nicht nur um Sportswashing. Der Begriff greift manchmal etwas zu kurz, weil er suggeriert, Saudi-Arabien wolle ausschließlich sein Image verbessern. Tatsächlich steckt dahinter auch eine tiefgreifende Transformation des Landes.

Saudi-Arabien muss seine Wirtschaft verändern, unabhängiger vom Öl werden und neue Branchen aufbauen. Dafür braucht das Land Tourismus, Dienstleistungen und internationale Aufmerksamkeit. Der Fußball ist dafür ein ideales Instrument. Gleichzeitig hat sich auch die FIFA verändert. Klassische westliche Sponsoren sind teilweise abgesprungen oder investieren vorsichtiger. Dadurch entstanden neue Räume für Staaten wie Saudi-Arabien oder zuvor auch China und Katar.

Kommt es 2034 noch einmal zu Protesten?

Rechnen Sie rund um die WM 2034 noch einmal mit größeren Protesten – ähnlich wie vor Katar 2022?

Ich glaube eher, dass inzwischen ein Gewöhnungs- und auch ein Resignationseffekt eingetreten ist. Gerade die kritischen Fangruppen wirken heute teilweise erschöpft. Viele Ultras haben sich von großen internationalen Turnieren innerlich längst verabschiedet. Vor Katar gab es noch Boykottaufrufe und zahlreiche Protestaktionen. Heute scheint vieles davon deutlich kleiner geworden zu sein. Auch Verbände wie der DFB wirken nach den Erfahrungen rund um die "One Love"-Debatte eher vorsichtiger und teilweise sogar traumatisiert. Hinzu kommt, dass Saudi-Arabien und die FIFA enorme Reichweiten über soziale Medien aufgebaut haben. Kanäle von Ronaldo, der FIFA oder anderen Stars erreichen Millionen Menschen direkt. Kritische Medien verlieren im Verhältnis dazu an Einfluss. Deshalb glaube ich eher nicht, dass die Proteste noch einmal dieselbe Intensität erreichen werden wie vor Katar 2022.

Kolumne Al-Nassr Saudi-Arabien zeigt Cristiano Ronaldo die Grenzen auf 07. Februar 2026 von Pit Gottschalk

Kann Saudi-Arabien seine Strategie langfristig durchhalten?

Das ist keineswegs garantiert. Sportlich tut sich Europa mit Saudi-Arabien weiterhin etwas schwer, aber im Hintergrund ist das Land längst fest im internationalen Sport verankert – über die FIFA, über Newcastle United oder über zahlreiche Turniere. Trotzdem kann sich vieles verändern. Saudi-Arabien hat zwar eine große Bevölkerung und echte Fußballkultur, aber auch dort sind wirtschaftliche oder politische Krisen möglich. Sollte das Land irgendwann stärker unter Druck geraten, könnte die Führung ihre Prioritäten verschieben und manche Sportprojekte wieder zurückfahren.

Empfehlungen der Redaktion

  • Nordkoreas Fußballerinnen spielen im Süden – plötzlich geht es um mehr als Sport
  • Finke, Streich, Schuster: Meilensteine der Freiburger Reise
  • Wann und wo wird das DFB-Pokalfinale übertragen?

Man hat das teilweise bereits bei anderen Staaten gesehen. China hatte vor einigen Jahren ebenfalls riesige Ambitionen im Fußball und wollte langfristig sogar eine Weltmeisterschaft ausrichten. Viele dieser Pläne wurden inzwischen deutlich reduziert. Deshalb ist es keineswegs sicher, dass Saudi-Arabien den internationalen Sport in dieser Form auch in zwanzig Jahren noch prägen wird.

Über den Gesprächspartner

  • Ronny Blaschke (44) ist Sportjournalist und Autor mit Schwerpunkt Sportpolitik. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Machtstrukturen im internationalen Fußball, insbesondere mit Themen wie Sportswashing, FIFA-Politik und dem Einfluss autoritärer Staaten auf den Profisport.
Feedback an die Redaktion