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Chronisch apolitisch und chronisch schlecht

Analyse Deutschland beim ESC

Chronisch apolitisch und chronisch schlecht

Aktualisiert am 16.05.2026, 12:29 Uhr Sara Engels vertritt Deutschland mit dem Lied "Fire" beim 70. Eurovision Song Contest. © IMAGO/TT/IMAGO/Jessica Gow Lesedauer:3 Min.

Seit Jahren belegt Deutschland beim Eurovision Song Contest die hinteren Plätze. ESC-Experte Irving Wolther sieht den Grund dafür nicht in mangelnder Qualität deutscher Musik, sondern in einer grundlegenden Fehlhaltung: Deutschland hat den ESC nie als politische Plattform begriffen.

Eine Analyse von Anna-Lena Malter Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Anna-Lena Malter sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Es ist mittlerweile kein schlechtes Omen mehr, keine Pechsträhne, kein unglücklicher Zufall. Wenn Deutschland beim Eurovision Song Contest antritt, weiß das Publikum längst, was kommt: ein Platz irgendwo am Tabellenende, ein paar pflichtbewusste Punkte aus Nachbarländern, und dann kollektives Schulterzucken – "nächstes Jahr wird's besser". Wird es nicht. Nicht, solange Deutschland das grundlegende Problem nicht löst: Es hat nie wirklich verstanden, was der ESC ist. ESC-Experte Irving Wolther sieht den Grund für die Misserfolge der letzten Jahre nicht allein in mangelnder Qualität, sondern in einer grundlegenden Fehlhaltung.

Das Storytelling-Defizit

Seit 2012, dem Jahr, in dem Roman Lob mit "Standing Still" Achter wurde, hat kein deutscher ESC-Teilnehmer wirklich Eindruck hinterlassen, mit Ausnahme von Michael Schulte, der 2018 Vierter wurde. Der letzte Platz ist zum Running Gag geworden.

Der auch als "Dr. Eurovision" bekannte Kulturwissenschaftler Irving Wolther sieht den Grund dafür nicht allein in mangelnder Qualität, sondern in einer grundlegenden Fehlhaltung: "Wir als Deutsche haben den Song Contest nie als die politische Plattform gesehen und begriffen, die er ist." Stattdessen: Schenkelklopfer und Rückblicke auf die lustigsten Kostüme mit Barbara Schöneberger. Andere Länder nutzen den ESC etwa, um soziale Themen zu verhandeln: ein serbischer Beitrag über das marode Gesundheitssystem, ein griechischer über Konsumrausch. Deutschland schickt eine Stinkefingerpuppe.

Dass sich daran so schnell nichts ändert, hat auch strukturelle Gründe. Jene Teile der deutschen Musikszene, die gesellschaftlich relevant sind und etwas zu sagen hätten, interessieren sich schlicht nicht für den Wettbewerb. Die Teile der deutschen Musikszene, die wirklich Relevantes zu sagen hätten – Wolther nennt Capital Bra als Beispiel –, würden nie in einer Show auftreten, in der Boomer über ihren Gesang diskutieren. Der ESC bleibt für sie eine Welt, in der sie nichts verloren haben.

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Das ARD-Problem

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in Deutschland der Gatekeeper des ESC-Beitrags. Und der ARD-Durchschnittszuschauer ist laut GfK-Studie über 60 Jahre alt. Das prägt jede Entscheidung: welche Formate funktionieren, welche Künstlerinnen und Künstler eingeladen werden, wie das Rahmenprogramm gestaltet wird, was als "repräsentativ" gilt.

Das Ergebnis sind oft Beiträge, die in erster Linie für das eigene, ältere Publikum gemacht sind, nicht für die 160 Millionen Menschen in Europa, die am Abstimmungsabend einschalten. Der ESC-Zuschauer in Portugal, Polen oder Schweden hat keine Nostalgiebeziehung zu deutschen Schlagern. Er bewertet, was er sieht: Relevanz, Energie, Haltung und Originalität.

Dass der SWR die Verantwortung für den deutschen Beitrag übernommen hat, gibt Wolther vorsichtig Anlass zur Hoffnung. Ob das reicht? Er hält sich mit Wetten zurück. Zu viele Stellschrauben, sagt er – und dann, fast beiläufig: "Wenn man den Slot nach der Pipi-Pause zugelost bekommt, hat man einfach schlechte Karten."

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Deutschland hat etwas zu sagen

Das ist vielleicht das Bitterste: Deutschland ist kein Land ohne politische Stimme, ohne Kunstfreiheit, ohne musikalische Vielfalt. Die Rap-Szene verhandelt Migration, Identität und Klassenfragen. Indie-Künstlerinnen setzen sich mit Feminismus, Klimaangst und queerer Realität auseinander. Es gibt in Deutschland eine lebendige, diverse und politisch wache Musikszene. Sie ist nur nie beim ESC.

Stattdessen schickt Deutschland das, was sicher ist, was niemandem wehtut, was sich im Rahmenprogramm gut anfühlt. Und landet damit am Tabellenende. Nicht, weil Deutschland keine gute Musik hat. Sondern weil es nicht den Mut aufbringt, diese Musik dorthin zu schicken, wo es darauf ankommt.

Was sich ändern müsste

Was sich ändern müsste, ist im Grunde kein Geheimnis. Laut Wolther muss der ESC als das behandelt werden, was er ist: eine kulturpolitische Plattform und kein Unterhaltungsanhängsel. Das beginnt beim Rahmenprogramm und endet bei der Künstlerauswahl.

Dazu braucht Deutschland eine Botschaft. Was will dieses Land über sich erzählen? Das ist keine rhetorische Frage, sondern die Kernfrage jedes erfolgreichen ESC-Beitrags. Es braucht Persönlichkeit und Kreativität. Und die Künstlerinnen und Künstler, die diese Botschaft tragen könnten, müssen auch wirklich eingeladen werden, auf Augenhöhe und in einem Format, das ihre Arbeit ernst nimmt. Solange das nicht passiert, werden sie fernbleiben. Sie haben es bisher jedenfalls getan.

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Über den Gesprächspartner

  • Dr. Irving Wolther ist Kulturwissenschaftler, ESC-Experte und Autor mehrerer Bücher über den Eurovision Song Contest. Er kommentiert den Wettbewerb regelmäßig in deutschen und internationalen Medien.
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