Aufschwung für Ostdeutschland? Warum Infrastruktur alleine nicht hilft
Neuer Aufschwung für Ostdeutschland? Warum Infrastruktur alleine nicht hilft
Aktualisiert am 14.04.2026, 10:10 Uhr © 1&1 Mail & Media Lesedauer:4 Min.Bund und Länder wollen Ostdeutschland mit Leuchtturmprojekten und Infrastruktur stärken. Volkswirt Reint Gropp warnt: Fabriken auf der grünen Wiese schaffen kein nachhaltiges Wachstum.
Eine Analyse von Dominik Bardow Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dominik Bardow sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.Ende März ging es mal wieder um Ostdeutschland. "Es ist mir ein besonders wichtiges Anliegen, dass wir den Osten wirtschaftlich stärken", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz nach der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) der ostdeutschen Länder in Berlin. Das Gremium der fünf Landesregierungen tagt regelmäßig und vertritt ostdeutsche Interessen gegenüber der Bundesregierung.
Das wirkt wichtig wie selten: In Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird im Herbst gewählt, in den beiden letztgenannten Bundesländern liegt die AfD in Umfragen klar vorn. Schwächen die Gipfelergebnisse Rechtspopulisten und sorgen für einen Aufschwung Ost 2.0? Im Gespräch wirkt Reint Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) skeptisch.
Ostdeutschland ist kein pauschales Problemkind
"Eine klare, umsetzbare Strategie habe ich in der aktuellen MPK nicht gesehen", sagt der Volkswirt. Der Bund will zwar Leuchtturmprojekte in Ostdeutschland fördern, die Chemie-Industrie ausbauen, auch Verkehrsanbindungen per Bahn und Flugzeug vorantreiben, bei einer Olympia-Bewerbung die Region einbeziehen.
Experte Gropp stört sich schon an den Begriffen. "Ostdeutschland ist kein einheitlicher Block", sagt er. Die Region sei heterogen: Leipzig, Dresden, Berlin boomen. Aus dem ländlichen Raum wandern Menschen dagegen ab, ähnlich wie aus westdeutschen Regionen wie dem Ruhrgebiet. Im Osten gibt es beides: Problemregionen und Wachstumskerne. Nur eben auch niedrigere Löhne und niedrigere Produktivität, trotz Jahrzehnten der Förderung seit der Wende.
35 Jahre Einheit Ostbeauftragte sieht ungleiche Chancen für junge Menschen im Osten 01. Oktober 2025Für Gropp ist das Problem, dass Politik die Region zu sehr aus Sicht von Industrie und Infrastruktur betrachte, zu wenig aus Perspektive der Menschen. "Leipzig oder das Berliner Umland wachsen, weil gut ausgebildete, hochqualifizierte Menschen dorthin ziehen." Diese Regionen seien attraktiv für Leben, Arbeit und Familie. "Menschen ziehen nicht primär dorthin, wo eine Fabrik eröffnet."
Sondervermögen bringt kleinen Kommunen meist wenig
Doch ging es auf der MPK-Ost viel um Energiepolitik, auch infolge des Iran-Kriegs, um Chemie-, und Pharmaindustrie sowie eine angemessene Beteiligung Ostdeutschlands am Sondervermögen. Die schwarz-rote Koalition hatte vor einem Jahr beschlossen, Schulden in Höhe von 500 Milliarden Euro aufzunehmen, um das Geld in Verkehrswege, Schulen, Krankenhäuser und Klimaschutz zu investieren.
Die ostdeutschen Länder fordern, dass ein sichtbarer Teil gezielt in Projekte in ihrer Region fließt. "Es ist immer noch so, dass es teilungsbedingte Unterschiede gibt, die noch nicht überwunden sind", sagte etwa Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) beim Gipfel. Bahnverbindungen nach Westdeutschland und Osteuropa sollen ausgebaut werden, genau wie Strecken zu Flughäfen. "Der BER ist unser gemeinsamer Flughafen", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU).
Experte Gropp sieht zwar, dass der Berliner Flughafen eher überlastet, der Leipziger dagegen unausgelastet sei. Er sagt jedoch: "Infrastruktur ist nötig, aber allein wird das keinen Boom auslösen." Auch weil das Sondervermögen den Kommunen wenig bringt, wie Marco Beckendorf, Bürgermeister der kleinen Gemeinde Wiesenburg/Mark, im Interview unserer Redaktion erklärte. Vieles im Osten müsse renoviert werden, die Sondermittel förderten aber oft nur zu teuren Neubau.
Interview Ein Bürgermeister erklärt Das Problem mit dem Sondervermögen 21. Oktober 2025 von Dominik BardowPlanwirtschaft mit Fabriken funktioniert nicht
Ökonom Gropp zufolge sollte es nicht das Ziel der Politik sein, Menschen um jeden Preis auf dem Land zu halten. "Viele Menschen wollen bewusst auf dem Land wohnen, Internet ist nicht überall schlecht", sagt er. Aber Arbeitsplätze dort solle die Privatwirtschaft schaffen. "Wir sind kein Staatswirtschaftsmodell. Wir wissen aus ostdeutscher Geschichte, dass staatlich gelenkte Ansiedlungen nicht funktionieren." Mancherorts, wie bei der Tesla-Fabrik oder einem Rechenzentrum in Brandenburg, stießen Projekte auf Protest.
Andere Leuchtturmvorhaben, wie eine staatlich geförderte Intel-Chipfabrik bei Magdeburg, wurden aufgegeben. Gropp betont, dass Standorte mit Elektronik- und Industrietradition wie Dresden eher funktionieren als subventionierte Großfabriken auf der grünen Wiese, wo das Firmenmanagement weit weg sitzt. Auch nicht, um AfD-Erfolge zu verhindern, die oft in wirtschaftlich schwachen Regionen auftreten.
AfD-Wähler reagieren kaum auf Wahlgeschenke
"Geld aufs Dorf zu werfen, führt nicht automatisch zu CDU- oder SPD-Stimmen", sagt Gropp. Der Forschung zufolge gibt es für AfD-Unterstützung zu viele Gründe, auch subjektive Wahrnehmungen. Eher helfe hier "gute, handfeste Wirtschaftspolitik": Bürokratieabbau, Entlastung mittelständischer Unternehmen, eine Rentenreform, Maßnahmen, die reale Probleme angehen und glaubwürdig sind.
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Entscheidend sei, "nichts zu versprechen, was nicht gehalten werden kann, die Leute merken das", sagt Gropp. Etwa die Aussicht, Warnemünde, Rostock, Leipzig und Potsdam profitierten von Olympischen Spielen in Berlin. Studien des IWH zeigen hier, dass große Sportveranstaltungen kaum wirtschaftliche Effekte haben. Wichtiger seien private Initiativen, damit Bäcker, Lebensmittelläden, Kneipen vor Ort neu eröffnen.
Nach der MPK-Ost werden nun bis Sommer aus 100 Vorschlägen Leuchtturmprojekte ausgewählt. Wenn Gropp sich ein Projekt aussuchen dürfte, würde er in Forschung und Bildung investieren. "Nicht in Baukosten, sondern in Personal- und Forschungsbudgets, damit Innovationen entstehen." Diese seien der wahre Wirtschaftstreiber. "Neue Straßen allein schaffen kein Wachstum", sagt er.
Über den Gesprächspartner
- Prof. Reint E. Gropp ist Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Magdeburg. Er wurde 1966 in Bottrop geboren, studierte in Freiburg und an der University of Wisconsin-Madison, arbeitete zuvor für den Internationalen Währungsfonds und die Europäische Zentralbank.
Verwendete Quellen
- Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH): Warum Ostdeutschland auch 30 Jahre nach der Vereinigung um 20% ärmer ist als der Westen
- Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH): Kann sich eine Olympia-Bewerbung Deutschlands 2040 wirtschaftlich auszahlen?
