Verbrauchermagazin24

Nehmen Sie Kontakt auf

Auch zehn Jahre nach dem Absturz ist die Tragödie nicht aufgeklärt

EgyptAir-Flug MS804

Auch zehn Jahre nach dem Absturz ist die Tragödie nicht aufgeklärt

Aktualisiert am 15.05.2026, 11:20 Uhr Ägyptische Journalisten halten Kerzen und Plakate während einer Mahnwache für die Opfer des EgyptAir-Flugs 804 vor dem Journalistenverband in Kairo, Ägypten, am 24. Mai 2016. © picture alliance / ZUMAPRESS.com/Amr Sayed Lesedauer:5 Min. Von Yuchen Liu

Im Mai 2016 stürzte eine EgyptAir-Maschine auf dem Weg von Paris nach Kairo ins Mittelmeer. Alle 66 Insassen starben. Jahrelang ringen französische und ägyptische Ermittler um eine Erklärung. Doch die ist bis heute nicht gefunden.

In den frühen Morgenstunden des 19. Mai 2016 kam es an Bord von EgyptAir-Flug 804 – einem Airbus A320 mit 56 Passagieren und 10 Besatzungsmitgliedern – auf dem Weg von Paris nach Kairo in einer Höhe von etwa 11 Kilometern über dem Mittelmeer zu einem fatalen Zwischenfall.

Laut Aufzeichnungen des Stimmenrekorders (CVR) brachen im Cockpit plötzlich Feuer und dichter Rauch aus, woraufhin die Kommunikation und die Bordcomputer ausfielen. Radardaten zeigten, dass die Maschine unkontrolliert bizarre Kurven flog und in eine Spirale geriet, bevor sie schließlich ins Mittelmeer stürzte. Niemand an Bord überlebte.

Zehn Jahre sind seit dem Absturz von EgyptAir-Flug MS804 vergangen. Bereits 2018 haben die französischen Ermittler anhand der Blackbox-Daten festgestellt, dass an Bord ein Feuer ausgebrochen sein musste. In dieser Zeit gab es zahlreiche Theorien: von einer Bombe über Zigaretten bis hin zu Kurzschlüssen in der Elektronik. Doch statt zusammenzuarbeiten, widersprachen sich verschiedene Ermittlungsteams immer wieder – bis heute lässt sich die genaue Ursache nicht mit Sicherheit feststellen.

Trümmerteile des Egyptair-Flugs 804 wurden am 21. Mai 2016 von den ägyptischen Streitkräften aus dem Mittelmeer geborgen. © picture alliance / ZUMAPRESS.com/Egyptian Armed Forces

Zigarette im Cockpit als Auslöser des Unglücks?

Rund sechs Jahre nach dem Unglück schien die Absturzursache geklärt: Die italienische Tageszeitung "Il Corriere della Sera" berichtete im April 2022 exklusiv über einen vertraulichen 134-seitigen Bericht französischer Gutachter, der bei der Pariser Berufungskammer eingereicht worden war. Demnach soll ein Feuer in der Kabine den Absturz ausgelöst haben – entfacht durch eine brennende Zigarette in Verbindung mit austretendem Sauerstoff. Zum damaligen Zeitpunkt war es EgyptAir-Piloten noch gestattet, während des Flugs zu rauchen; eine Regelung, die inzwischen abgeschafft wurde.

Die Sauerstoffmaske des Ersten Offiziers war der italienischen Zeitung zufolge drei Tage vor dem Unglück, am 16. Mai 2016, durch einen Wartungstechniker von EgyptAir ausgetauscht worden. Der Schieberegler für den Luftstrom sei dabei in der Stellung "Notfall" belassen worden. Laut Airbus-Handbuch kann es in diesem Modus zu einem Sauerstoffaustritt kommen.

Beim Auswerten der Tonspuren des Stimmrekorders identifizierten die Experten dem Bericht zufolge mehrere Zischgeräusche des Sauerstoffaustrittes – unter anderem um 2:25:24 Uhr und 2:26:24 Uhr. Reiner Sauerstoff sei zwar nicht selbst entzündlich, begünstige jedoch die Verbrennung. Auffällig sei, dass zwei Monate vor dem Unglücksflug die Aschenbecher im Cockpit wegen Abnutzung ersetzt worden waren – ein Indiz, wie häufig dort geraucht wurde.

Die US-Zeitung "New York Post" benannte auf Grundlage des Berichts den Piloten Mohamed Said Shoukair als möglichen Verursacher; seine Zigarette soll ausgetretenen Sauerstoff aus einer undichten Cockpit-Sauerstoffmaske entzündet haben.

Wie es zum Unglück kam Bericht enthüllt Kommunikationsfehler vor tödlichem Unfall am Flughafen New York vor 20 Tagen

Spekulation ohne Beweise

Viele Medien griffen die Zigaretten-Theorie auf. Laut "Austrian Wings" gab es jedoch keine stichhaltigen Beweise dafür, dass tatsächlich eine Zigarette der Auslöser war. Obwohl dieses Szenario physikalisch im Bereich des Möglichen liegt, bleibt es reine Spekulation. Denn der Cockpit-Voice-Recorder zeichnete keinerlei Hinweise auf das Rauchen auf. Zudem führte die französische Ermittlungsbehörde BEA mehrere Tests durch, die zeigten, dass ein solcher Brand nur möglich gewesen wäre, wenn die Zigarette exakt in eine bestimmte Lücke des Sauerstoffmaskenfachs geraten wäre.

Obwohl es an dieser Stelle unterschiedliche Auffassungen gab, herrschte zwischen der ägyptischen und der französischen Seite Einigkeit darüber, dass Sauerstoff aus einer Sauerstoffmaske ausgetreten war. Damit war der Brandförderer – eine der drei Komponenten des Verbrennungsdreiecks – vorhanden. Doch woher stammte die Hitze? Was war die eigentliche Zündquelle?

Die ägyptischen Behörden legten sich von Anfang an darauf fest, dass es sich um einen Terroranschlag handelte, und berichteten, dass Sprengstoffspuren an den sterblichen Überresten der Opfer gefunden worden waren. Wie die "New York Post" berichtete, zogen französische Ermittler diese Darstellung über lange Zeit hinweg in Zweifel, doch Ägypten weigerte sich, seinen eigenen Untersuchungsbericht vorzulegen.

Finaler Bericht 2024 – mit zwei Lesarten

Der endgültige Untersuchungsbericht wurde erst im Jahr 2024 veröffentlicht – volle acht Jahre nach dem Unglück. Das insgesamt 663 Seiten umfassende Dokument besteht aus dem über 400-seitigen Hauptbericht der ägyptischen Seite sowie einer beigefügten, völlig unabhängigen Studie der französischen BEA.

Die ägyptischen Ermittler kommen darin zu dem Schluss, dass die Detonation eines Sprengsatzes außerhalb des Cockpits das wahrscheinlichste Szenario sei. Die Explosion habe ein Feuer ausgelöst, das sich anschließend auf das Notfall-Sauerstoffsystem des Ersten Offiziers ausgebreitet habe. Die Ermittler bestätigten Rückstände von Sprengstoff an Wrackteilen – für die ägyptische Seite ein abschließender Beleg für einen Sabotageakt.

True Crime Robert Hansen entführte Frauen und jagte sie in der Wildnis wie Tiere 07. April 2026 von Tim Frische

Frankreich widerspricht: Elektrischer Defekt als Ursache

Die französische Ermittlungsbehörde BEA widerspricht dieser Darstellung jedoch weiterhin und hat ihre abweichende Einschätzung dem Abschlussbericht beigefügt. Aus Sicht der französischen Experten entstand das Feuer im Cockpit selbst – und wurde durch das Notfall-Sauerstoffsystem des Ersten Offiziers gespeist. Als weitaus wahrscheinlichere Zündquelle galt ein unvorhergesehener elektrischer Kurzschluss im Bereich der Sauerstoffmaske.

Empfehlungen der Redaktion

  • Elf Passagiere nach Flugzeugabsturz aus dem Meer gerettet
  • Zwei Flugzeugabstürze an einem Tag: Sechs Tote in den USA
  • Fahrgast würgt Straßenbahnfahrer nach Streit um Haltestelle

Die französische Seite schreibt, dass der Flugschreiber nicht nur keinerlei Explosionsgeräusche oder Druckwellen aufgezeichnet hatte, sondern dass auch die französische Gendarmerie an den sterblichen Überresten der 15 französischen Opfer keine Sprengstoffrückstände nachweisen konnte.

Damit bleibt die Ursache des Unglücks auch nach der Veröffentlichung des finalen Berichts umstritten.

Zwischen Entschädigungskampf und Flugsicherheit

Gemäß internationalen Luftfahrtvorschriften sollte ein Abschlussbericht grundsätzlich innerhalb eines Jahres veröffentlicht werden – im Fall von Flug MS804 dauerte dieser Prozess jedoch achtmal länger. Majid Bouden, Vorsitzender der International Law Association in Paris, wies laut der Zeitung "Al-Estiklal" darauf hin, dass diese außergewöhnliche Verzögerung mutmaßlich mit der Klärung massiver Entschädigungsfragen zusammenhängt. Da die Ergebnisse des Berichts darüber entscheiden, ob der Flugzeughersteller, die Fluggesellschaft oder staatliche Stellen haftbar gemacht werden, steht für die Beteiligten finanziell viel auf dem Spiel. Die Entschädigungssummen orientieren sich dabei oft am sozialen und finanziellen Status der Hinterbliebenen.

Während die Angehörigen bereits einen Monat nach dem Absturz eine Sofortzahlung von 25.000 US-Dollar von EgyptAir erhielten, stecken die weitaus höheren Endentschädigungen aufgrund der widersprüchlichen Ermittlungsergebnisse in langjährigen Rechtsstreitigkeiten fest. Bouden betont, dass diese Intransparenz fatale Folgen hat: Da rund 75 Prozent aller Sicherheitsverbesserungen in der zivilen Luftfahrt auf den Lehren aus Unfalluntersuchungen beruhen, ist der Austausch mit Organisationen wie der ICAO überlebenswichtig. Ohne eine klare Aufarbeitung bleibt jede ungelöste Ursache einer Tragödie eine Gefahr für künftige Flüge.

Verwendete Quellen

  • nypost.com: Flight that crashed and killed 66 people was caused by pilot's cigarette, investigation finds
  • derstandard.de: Egypt-Air-Absturz 2016 wohl durch Zigarette im Cockpit verursacht
  • travelradar.aero: EgyptAir Crash Report Confirmed Explosives Detected Onboard
  • austrianwings.info: Egypt Air Crash: Spekulationen um Absturzursache
  • corriere.it: Il volo EgyptAir è precipitato per un incendio
  • spiegel.de: Fluglinie bietet Angehörigen Geld an
  • alestiklal.net: What’s Behind France-Egypt Aviation Dispute?
  • bea.aero: Final Report
Feedback an die Redaktion