Annette Frier: "Wir möchten das Thema Demenz ernst nehmen"
Annette Frier: "Wir möchten das Thema Demenz ernst nehmen"
Aktualisiert am 15.05.2026, 19:46 Uhr Anne Merz (Annette Frier) und ihr Ex-Mann Erik (Christoph Maria Herbst) nutzen den kurzen Moment der Ruhe, bevor das Chaos der anderen Familienmitglieder wieder losbricht. © ZDF und Brendan Uffelmann Lesedauer:6 Min.Ursprünglich sollte nach drei Staffeln der Vorhang fallen. Doch auch nach Annes und Eriks Scheidung geht "Merz gegen Merz" weiter – mit zwei neuen Filmen. Im Interview erklärt Hauptdarstellerin Annette Frier, warum die Geschichte um die Patchwork-Familie noch nicht auserzählt war.
Ein Interview von Dennis EbbeckeEine Grimme-Preis-Nominierung für "Frier und Fünfzig", viel Aufmerksamkeit für ihre Rolle als Mutter von Olivia Jones und die Fortsetzung von "Merz gegen Merz": Annette Frier ist als Schauspielerin gut im Geschäft. Und die 52-Jährige weiß, wie wichtig es ist, sich den "Basar der Eitelkeiten immer mal wieder bewusst zu machen".
Der neue "Merz gegen Merz"-Film "Geständnisse" (streambar in der ZDF-Mediathek und am 21.05. um 20.15 Uhr im ZDF) erzählt von der Erkenntnis, dass Erfolg wenig zählt, wenn Nähe, Mut und Ehrlichkeit fehlen. Im Sommer folgt mit "Entscheidungen" dann der bereits vierte Spielfilm dieser Reihe.
Im Interview mit unserer Redaktion spricht Frier über die Entwicklung ihrer Figur Anne, Spitznamen in Beziehungen und ihren Umgang mit negativen Kommentaren auf Social Media.
Frau Frier, warum war es die richtige Entscheidung, die Serie "Merz gegen Merz" in eine Filmreihe münden zu lassen? Häufig geht so etwas schief …
Annette Frier: Ich stimme Ihnen zu, das hätte ordentlich schiefgehen können. Es war unsere einzige Chance, die wir noch nicht einmal hatten. Denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, sich mit viel beschäftigten Kolleginnen und Kollegen wie Christoph Maria Herbst, Michael Wittenborn oder Carmen-Maja Antoni auf einen gemeinsamen Zeitplan zu verständigen. Alle haben einen irrsinnig vollen Terminkalender.
Ein weiterer Faktor ist die Zusammenarbeit mit Ralf Husmann. Man weiß, dass man von ihm das beste Buch des Jahres vorgelegt bekommt. Man weiß aber auch, dass man es erst circa eine Woche vor Drehbeginn in den Händen hält (lacht). Diese Stecknadel im Heuhaufen darf man gar nicht erst suchen – man kann sie nur finden. Und das haben wir getan.
Warum war "Merz gegen Merz" nach drei Staffeln aus Ihrer Sicht noch nicht auserzählt?
Eigentlich waren wir fertig. Wir waren die glücklichste Familie der Welt – und geschieden. Das war's! So zumindest dachten wir damals. Allerdings war uns in dem Moment nicht klar, dass das Leben der Familienmitglieder ja trotzdem weitergeht. Scheidung hin oder her. Dabei entspricht dieser "After Life"-Gedanke doch viel mehr der Realität. Mittlerweile haben wir alle einen riesigen Spaß daran entwickelt, uns mit diesem Ex-Pärchen auseinanderzusetzen. Das sind die Verabredungen im echten Leben.
Was braucht es, um ein geschlossenes Ende für eine Fortsetzung wieder zu öffnen?
Ich sage mal so: Bei uns beginnt der Film, nachdem der Vorhang bereits gefallen und der Applaus verebbt ist. Das ist herrlich, weil wir uns schön ausmären können. Die Filme bestehen quasi nur aus Nebenschauplätzen. Darin liegt auch die große Stärke von Ralf Husmann: Er hat die Fähigkeit, eine Szene, in der eigentlich nichts passiert, völlig eskalieren zu lassen.
"Natürlich hat Anne in den vergangenen Jahren viel gelernt. Das schützt aber vor Unfug nicht."
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Die von Ihnen gespielte Anne ist mittlerweile von Ihrem Mann Erik geschieden. Sie hat einen neuen Partner, mit dem sie sich selbstständig gemacht hat. Dennoch näht sie – zumindest in einer Szene – für ihren Ex-Mann nach wie vor die Knöpfe an. Was sagt das über Annes Entwicklung aus?
Die Szene, in der sie die Knöpfe annäht, ist wirklich absurd (lacht). Sie hat aber einen tieferen Sinn. Wir versuchen, mit der Lüge aufzuräumen, dass Leute, nur weil sie Erkenntnisse für ihr Leben gewonnen haben, am Ziel angekommen sind. Natürlich hat Anne in den vergangenen Jahren viel gelernt. Das schützt aber vor Unfug nicht.
So langsam scheint ihr zu dämmern, dass es zwischen ihrem adoleszenten Sohn und ihrem neuen Freund mehr Schnittmengen gibt als gewünscht. Du musst aber erstmal dahinterkommen. Schließlich steht das nicht auf dem Beipackzettel, wenn du dich verknallst. Anne erkennt ein Problem, das sie noch nicht einmal gelöst hat – und schon wird sie mit dem nächsten konfrontiert. Hier möchte ich explizit unseren Regisseur Felix Stienz, der auch mein Partner in "Frier und Fünfzig" ist, herausheben: Mich begeistert das rasante Tempo bei gleichzeitigem, fast elegischem Stillstand: Das ist sehr selten.
Wäre es für Sie eigentlich ein Trennungsgrund, wenn Ihr Partner Sie "Schluppi" nennen würde? So wird Anne von ihrem neuen Freund Jonas genannt …
Nein, für Anne ist es ja auch kein Trennungsgrund. Man müsste mal darüber reden, welche Spitznamen bei mir privat im Umlauf sind. Wenn Sie wüssten …
Sprechen Sie gerne darüber!
Besser nicht (lacht).
"Merz gegen Merz": Wenn Demenz zum Balanceakt wird
Annes Vater lebt mittlerweile in einem Heim, seine Demenz wird immer unberechenbarer. Wie groß ist die Herausforderung, einen sensiblen Plot wie diesen in einer Komödie weiterzuerzählen?
In der Tat ist dafür ein gewisser Balanceakt nötig. Wir möchten das Thema Demenz natürlich ernst nehmen, weil viele Familien von dieser Krankheit betroffen sind. Es darf also nicht zu albern wirken. Dennoch waren wir uns alle einig, dass die Geschichte von Annes Vater Ludwig unbedingt weitererzählt werden muss. Schließlich möchte kein Ensemble der Welt den wunderbaren Michael Wittenborn als Spieler verlieren.
In dem vierten Film "Entscheidungen" gehen wir inhaltlich sogar noch einen Schritt weiter. Eine Progression dieser Krankheit zu zeigen, versehen mit dem Etikett "Märchen": Darin liegt die große Kunst. Im echten Leben wären wir statistisch gesehen nämlich schon an einem ganz anderen Punkt.
Sie meinen, dass Ludwigs Demenz in einem Stadium angekommen ist, das ihn in der Realität daran hindern würde, aktiv am Leben teilzunehmen?
Wunder gibt es immer wieder. Aber wenn man so eine Figur in Würde weitererzählen möchte, dann muss man sie mit ein paar Dingen ausstatten, die in diesem Stadium medizinisch gesehen vielleicht nicht mehr anstünden. Ich weiß, dass Michael da eine große Verantwortung empfindet. Letztlich haben wir uns aber auf den Spaß geeinigt. Und da kommt Michaels Virtuosität besonders zum Tragen …
Erik bekommt vom Industrieverband einen Ehrenpreis verliehen, Sie waren kürzlich mit "Frier und Fünfzig – Am Ende meiner Tage" für den Grimme-Preis nominiert. Was ist mit Blick auf die Sichtbarkeit der Menopause noch zu tun?
Sie haben das Zauberwort schon genannt. Es geht um Sichtbarkeit. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Dinge aus der Tabu-Ecke herauskommen. Hier ist glücklicherweise sehr viel passiert in den letzten Jahren. Wir bleiben dran!
Wie stehen Sie grundsätzlich zu Preisverleihungen?
Als Nominierte an einer Preisverleihung teilzunehmen, ist schon mal schöner, als nicht nominiert zu sein. Und wenn man dann den Preis bekommt, ist es noch schöner, als "nur" nominiert gewesen zu sein. Diese Eskalationsstufen, die ja bekanntlich nur im Kopf stattfinden, sind irgendwie absurd.
Meiner Meinung nach ist es wichtig, sich diesen Basar der Eitelkeiten immer mal wieder bewusst zu machen. Einerseits ist so eine Auszeichnung eine große Würdigung, andererseits ist es nur ein Spiel. Früher habe ich immer gesagt: Man darf sich über gute Quoten freuen – aber nur, wenn man sich gleichzeitig verspricht, sich nicht über schlechte Quoten zu ärgern.
Ärgern Sie sich über negative Kommentare bei Social Media?
Das ist auch so eine Sache. Ich kann 100 Komplimente bekommen, merke mir aber trotzdem diesen einen negativen Kommentar. Das ist nicht nur eine Versündigung an meiner eigenen Person, sondern vor allem an den vielen Menschen, die mich mit Liebe bedacht haben. Am Ende geht es vielleicht um eine Disziplinierung unserer selbst. Was für Leute wollen wir eigentlich sein?
Wie sind die Reaktionen auf Ihr Mitwirken in dem Film "Olivia" ausgefallen? Sie spielen die Mutter der Travestiekünstlerin Olivia Jones, die ihrem Sohn unter anderem den Satz "Wer sowas macht, ist Abschaum!" an den Kopf wirft. Gab es dafür auch Applaus von der falschen Seite?
Erstens bin ich überrascht von der Wucht, die dieser Film schon vor der Ausstrahlung hatte. Das freut mich total. Zweitens ist es eine universelle Geschichte, wie mir scheint. Man denkt, es wäre ein sehr spezielles Feld, weil der Film Themen wie Travestie und Queerness behandelt. So ist es aber nicht. Vielmehr haben wir es hier mit einer ganz klassischen Familiendynamik zu tun. Es geht um Ausgrenzung, die von Menschen ausgeht, die in der Vergangenheit selber ausgegrenzt worden sind. Eigene Scham, die sich in Wut verwandelt.
Über das Feedback, das ich sowohl von Müttern als auch von ihren Söhnen bekomme, bin ich überwältigt. Ich fühle mich extrem beschenkt.
Können Sie Olivias Mutter verstehen, warum sie damals so reagiert hat?
Natürlich kann ich das. Ich habe mich mit Olivia Jones sehr intensiv über ihre Großeltern unterhalten. Das war mein Schlüssel, um in diese Rolle hineinzufinden. In diesen Gesprächen hat sich für mich ganz viel geklärt. Man darf auch nicht vergessen, dass die Uhren 1980 noch ganz anders gestellt waren.
Über die Gesprächspartnerin
- Annette Frier ist eine deutsche Schauspielerin, Komikerin und Hörspielsprecherin. Ab Ende der 90er gehörte sie zunächst zum Cast der Serie "Hinter Gittern", ehe sie 2000 mit "Switch" eine Comedy-Laufbahn einschlug. Von 2010 bis 2014 spielte die Kölnerin die Titelrolle in der Serie "Danni Lowinski", für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde.
