Adele Neuhauser: "Das ist eine schreckliche Vorgabe"
Adele Neuhauser: "Das ist eine schreckliche Vorgabe"
Aktualisiert am 11.05.2026, 16:24 Uhr "Mein Beruf hat viel mit Nähe zu tun, manchmal sogar mit übertriebener Nähe", sagt Adele Neuhauser im Interview. (Archivbild) © IMAGO/APress Lesedauer:5 Min.Seit rund 15 Jahren bringt Adele Neuhauser als "Tatort"-Kommissarin Kriminelle hinter Gitter. In der schwarzen Komödie "Mama ist die Best(i)e" blickt sie selbst auf einen langjährigen Gefängnis-Aufenthalt zurück – und wird zum Racheengel. Wir haben Sie zu ihrem Perspektivwechsel befragt.
Ein Interview von Dennis EbbeckeDie steinreiche Gloria Almeda wird nach zehn Jahren Haft für den Mord an ihrem Ehemann in die Freiheit entlassen. Nun will sie den wahren Mörder finden. "Für mich war Gloria in der Vergangenheit eine Bestie, die sich nach ihrer Freilassung bemüht, eine Beste zu werden", sagt Adele Neuhauser über ihre Rolle in dem Zweiteiler (ab 10.05. in der ZDF-Mediathek streambar, am 18.05. um 20.15 und 22.15 Uhr im ZDF). Das Drehbuch stammt aus der Feder von Uli Brée, der auch Neuhausers "Tatort"-Figur Bibi Fellner mitentwickelt hat.
Im Interview mit unserer Redaktion spricht die 67-jährige Schauspielerin über die "verquere Weltsicht" ihrer Figur, gesamtgesellschaftliche Erwartungen an Frauen sowie das "Tatort"-Ermittlerduo Eisner und Fellner.
Frau Neuhauser, von der "Tatort"-Kommissarin zur Society-Lady mit Gefängnis-Vergangenheit: Warum war es an der Zeit für einen Perspektivwechsel?
Adele Neuhauser: Es ist mir eine große Freude, die Perspektive zu wechseln. Denn das war und ist für mich der Motor, warum ich überhaupt Schauspielerin geworden bin. Ich schlüpfe unglaublich gerne in andere Lebenskonzepte hinein. Indem ich eine andere Sicht der Dinge kennenlerne, fordere ich mich immer wieder selbst. Zumal Gloria Almeda, die ich in diesem Zweiteiler spiele, ziemlich unangenehm ist und kaum positive Eigenschaften hat.
Wie gefällt Ihnen das Wortspiel im Filmtitel?
Das Wortspiel nehme ich ernst. Ich habe mir lange überlegt, wie ein Mensch tickt, der über einen langen Zeitraum unschuldig beziehungsweise bedingt schuldig im Gefängnis sitzt. Diese Ausgangslage hat mich neugierig gemacht. Für mich war Gloria in der Vergangenheit eine Bestie, die sich nach ihrer Freilassung bemüht, eine Beste zu werden. Doch es ist ein Prozess – schließlich ist sie den Justizvollzugsbeamtinnen zum Zeitpunkt ihrer Haftentlassung näher als ihren eigenen Kindern. Das ist wirklich unglaublich.
Wie konnte es so weit kommen?
Zunächst einmal können die Kinder nichts dafür. Und so wie Gloria ihre Mutterrolle verstanden hat, hat sie ihre Kinder eigentlich schon von Anfang an im Stich gelassen. Ihre Selbstwahrnehmung und verquere Weltsicht werden in den beiden Filmen natürlich überspitzt dargestellt. Dafür eignet sich eine schwarze Komödie wunderbar.
So schrecklich es ist, wenn jemand zu Tode kommt – in dem Fall Glorias Mann Viktor: Aber dieser Familie konnte eigentlich nichts Besseres passieren, als dass dieses ganze Konstrukt zusammenfällt. Nur so können die Familienmitglieder aus ihren Fehlern lernen.
Filme und Serien Adele Neuhauser: Elf Filme in zwei Jahren - und kein Ende in Sicht 11. März 2026Krimi, Drama, schwarze Komödie: Die Übergänge in diesem Zweiteiler sind fließend. Ist "Mama ist die Best(i)e" dahingehend eine Ausnahme von der Regel?
Die Entwicklung der Welt lässt uns keine andere Wahl, als gewisse Grenzen zu überschreiten. Ich glaube, dass die Komödie immer ein guter Weg ist, um Extremsituationen so zu erzählen, dass man Lust hat, in eine Geschichte einzutauchen.
In dem Filmtitel "Best(i)e" steckt auch der englische Begriff "Besties", der für "beste Freundinnen" steht …
Stimmt. Das ist eine gute Herleitung, da Gloria im Gefängnis tatsächlich neue Freundinnen gefunden hat. Die grundsätzliche Frage "Was ist Freundschaft?" begleitet uns alle durchs Leben. In Bezug auf Glorias Beziehung zu ihrer einst besten Freundin wandelt sich das Blatt. Es wird mehr und mehr deutlich, dass sich diese Freundschaft in der Vergangenheit nur an der Oberfläche bewegt hat. So etwas fällt einem irgendwann doppelt und dreifach auf den Kopf. Das ist meine grundsätzliche Überzeugung.
Welche Rolle spielen Freundschaften heute in Ihrem Leben?
Früher hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich auch im höheren Alter noch in der Lage sein würde, neue, intensive Freundschaften einzugehen. Heute nehmen Freundschaften einen noch größeren Anteil in meinem Leben ein. Darüber bin ich sehr glücklich. Ich glaube auch, dass eine gleichgeschlechtliche Freundschaft einen Tick mehr Offenheit zulässt als eine Freundschaft zwischen Frau und Mann. Bei gewissen Themen finde ich in der Kommunikation mit Frauen mehr Gehör. Zumindest geht es mir so.
Adele Neuhauser: "Frauen sind nicht nur ein Auslöser für irgendeine Dramatik"
In den Filmen "Faltenfrei", "Ungeschminkt" und "Makellos", die im Nachhinein einer Trilogie gleichkommen, spielen Sie eine Frauenfigur, die sich mit Schönheitsidealen und Sexualität auseinandersetzt. Braucht es mehr gute Drehbücher für Frauenrollen jenseits der 30, 40 oder 50?
Ich persönlich bin in einer sehr glücklichen Lage und sehe mich auch als eine der wenigen Ausnahmen. Ich hatte das große Glück, im Alter von Anfang 40 für eine Rolle gecastet und dann auch eingesetzt zu werden, die eigentlich schon 70 ist. Dadurch habe ich einen Alterssprung gemacht, der für andere Schauspielerinnen immer ein sehr schwieriger und schmerzlicher Moment ist.
Wie meinen Sie das?
Mir ist dieses Abwarten, bis aus einer jungen Darstellerin eine ältere Frau wird, erspart geblieben. Für diese Zeit dazwischen gibt es einfach viel zu wenige gute Stoffe, die den Frauen einen starken Anteil an einer Geschichte geben. Frauen sind nicht nur ein Auslöser für irgendeine Dramatik. Oft laufen Filme doch nach folgendem Schema ab: Die Frauen sagen "Oh Gott, wir werden alle sterben!". Und dann ziehen die Männer los und retten die Welt. Das entspricht doch nicht der Realität.
Durchdachte Entscheidung "Tatort"-Star Adele Neuhauser spricht über ihr Leben als Single 03. März 2026Wie sehr mussten Sie für die "Makellos"-Trilogie über Ihren eigenen Schatten springen?
Natürlich musste ich über gewisse Grenzen hinausgehen. Ich habe das getan, weil es mir wichtig ist. Niemand ist makellos. Und doch wird von uns Frauen immer wieder erwartet, dass wir schön, anziehend und erotisch sein müssen. Andernfalls sind wir keine vollwertigen Frauen. Das ist eine schreckliche Vorgabe.
Ich habe den Mut gerne aufgebracht, weil ich alle Frauen dabei unterstützen möchte, zu sich zu stehen. Wir sind das, was wir sind – und sind deswegen nicht weniger wert. Um auf "Mama ist die Best(i)e" zurückkommen: Das ist etwas, was Gloria in keinster Weise empfindet. Sie findet sich ja mehr als in Ordnung (lacht).
Haben Sie den Anspruch, für Ihr Umfeld immer die Beste zu sein?
Ich versuche es, mir ist Aufrichtigkeit wichtig. Man muss die Figuren, die man spielt, ernst nehmen. Auf eine gewisse Weise muss man sie sogar lieben, um auch negative Seiten zeigen zu können. An Gloria gefällt mir, dass sie die Augen geöffnet hat und den Wandel zulässt.
Sehen Sie in fast jedem Menschen etwas Gutes?
Auch das versuche ich zumindest. Denn ich glaube nicht daran, dass jemand per se böse ist. Der Lauf des Lebens hat immer einen gewissen Anteil an der Entwicklung der jeweiligen Person. Vieles kann man korrigieren. Mein Beruf hat viel mit Nähe zu tun, manchmal sogar mit übertriebener Nähe. Normalerweise braucht es Jahre, eine Nähe zu einem Menschen aufzubauen. Als Schauspielerin ist man gezwungen, sich schnell und intensiv auf seine Spielpartnerin oder seinen Spielpartner einzulassen.
"Tatort"-Duo Eisner und Fellner: Erwachsene Freunde, aber nie ein Paar
Zu Harald Krassnitzer konnten Sie über viele Jahre eine Nähe aufbauen. Ende des Jahres werden Sie beide zum letzten Mal als "Tatort"-Duo zu sehen sein. In einem Interview mit unserer Redaktion sagte Ihr Kollege, Eisner und Fellner seien Seismografen. Teilen Sie diese Einschätzung?
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Harald findet immer so wunderbare Formulierungen. Ich kann seine Aussage zu 100 Prozent unterschreiben. An Eisner und Fellner schätze ich, dass sie erwachsene Freunde sind. Wir wurden häufig mit dem Wunsch konfrontiert, dass die beiden ein Paar werden. Und wir haben uns bis zum Schluss mit Händen und Füßen dagegen gewehrt – weil es doch möglich sein muss, dass Partner, die sich schon ewig kennen, einfach nur sehr gute Freunde sind.
Über die Gesprächspartnerin
- Adele Neuhauser ist eine österreichische Schauspielerin. Die in Athen geborene Darstellerin spielte Anfang der 00er-Jahre die Hauptrolle in der Landkrimiserie "Vier Frauen und ein Todesfall". Seit 2011 ermittelt sie an der Seite von Harald Krassnitzer im Wiener "Tatort". Große mediale Aufmerksamkeit erhielt sie für ihre Rolle in dem Film "Ungeschminkt" (2024), in dem sie eine Transperson verkörperte.
