1.000 Euro Entlastungsprämie: Wer profitiert? Wer geht leer aus?
1.000 Euro Entlastungsprämie: Wer profitiert? Wer geht leer aus?
Aktualisiert am 19.04.2026, 20:51 Uhr Markus Söder, Friedrich Merz, Bärbel Bas und Lars Klingbeil bei einem Pressestatment. © picture alliance / dts-Agentur/dts Nachrichtenagentur GmbH Lesedauer:4 Min.Die Regierung will eine Entlastungsprämie, bei der Betriebe Beschäftigen bis zu 1.000 Euro zahlen. Experten kritisieren, das helfe eher Besserverdienern als Bedürftigen. Was wären gute Alternativen?
Eine Analyse von Dominik Bardow Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dominik Bardow sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.Die Bundesregierung plant eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro, die Arbeitgeber freiwillig ihren Angestellten auszahlen können. Die Maßnahme soll schnell vielen helfen in der Energiekrise. Ökonom Sebastian Dullien stellt infrage, ob sie die Bedürftigen erreicht. Nur ein kleiner Teil der Beschäftigten profitiere, vor allem jene, deren Firmen ohnehin Boni zahlten.
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sind selten einig. Bei der geplanten Entlastungsprämie der Bundesregierung scheint es so: Betriebe sollen Beschäftigten bis zu 1.000 Euro Krisenhilfe zahlen, freiwillig und abgabenfrei. Das erntet breite Kritik. Viele Firmen sehen kaum Spielraum, zu zahlen. Gewerkschaften und Beamte fordern eine Ausweitung der Zahlung. Experten nennen sie ineffizient.
Nur, warum führt man sie dann ein? Wer profitiert davon, wer geht leer aus, was sind Alternativen? Sebastian Dullien, Ökonom der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, erklärt auf Nachfrage, "dass nur ein kleiner Teil der Beschäftigten diese Prämie erhält". Und dass die Entlastungsprämie kein Instrument sei, um vom Energiepreisschock betroffene, prekär lebende Haushalte zu entlasten.
"Es gibt keine Verpflichtung."
Gedacht ist die Prämie als Schnellhilfe ohne neue Staatsausgaben und komplexe Bürokratie. Sie ist Teil des Krisenpakets, das die Regierung am Montag vorstellte, samt Senkung der Mineralölsteuer. Einmalzahlungen können kurzfristig die Kaufkraft erhöhen, ohne die Inflation weiter anzuheizen. Die Maßnahme erinnert stark an die Inflationsausgleichsprämie 2022, die bis zu 3.000 Euro betrug.
Arbeitgeber können sie steuer- und sozialabgabenfrei als Sonderzahlung mit dem Lohn auszahlen. Sie müssen es aber nicht. "Es gibt keine Verpflichtung", sagte Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), der angab, viele Unternehmer hätten sich gemeldet und für Prämien plädiert. Die Freiwilligkeit, kombiniert mit kurzer Zahlfrist, ist für Experte Dullien ein Problem. So profitierten Beschäftige, "deren Unternehmen ihnen im Laufe des Jahres ohnehin einen zusätzlichen Bonus gezahlt hätten".
Wer profitiert wirklich? Bis zu 1.000 Euro Entlastungsprämie – viele könnten leer ausgehen vor 4 TagenStaat entgehen 12 Milliarden Euro Steuern und Sozialgaben
Bei der Prämie sparen Betriebe wie Angestellte Steuern und Sozialabgaben, die bei Boni fällig sind. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dadurch entgehen dem Staat 12 Milliarden Euro. Nutznießer sind vor allem Voll- und Teilzeitkräfte. Aber auch geringfügig Beschäftigte, Aushilfen, Auszubildende und Praktikanten. Zudem Personen in Kurzarbeit, Elternzeit oder mit Krankengeld.
Verlierer sind Beschäftigte in kleinen Betrieben und Niedriglohnbranchen, die selten Boni zahlen. Dazu Selbstständige, Studierende und Rentner. Also jene Gruppen, die besonders von steigenden Preisen betroffen sind. Ökonomen warnen, wie Marcel Fratzscher (DIW), vor "massiver sozialer Schieflage" oder sagen, wie Enzo Weber (IAB): "Wer wenig verdient, wird auch wenig entlastet."
Meist profitieren nur Beschäftigte im Tarif
Experte Dullien fürchtet auch, dass Tarifparteien in Verhandlungen, die dieses Jahr noch ausstehen, etwaige Entlastungsprämien einbeziehen. Wirklich zusätzlich sei sie dann nicht. "Ich sehe wenig Arbeitgeber, die jetzt aus reiner Zuneigung zu ihren Beschäftigten eine Prämie auszahlen werden." Der Arbeitgeberverband BDA erwartet denn auch deutlich geringere Nutzung der Prämie als 2022.
Umfrage unter Bundesländern Länder lehnen 1.000-Euro-Prämie für Arbeitnehmer ab vor 2 TagenIm Herbst 2022 hatte die Ampelkoalition einen Inflationsausgleich von maximal 3.000 Euro beschlossen. Der Bonus konnte bis Ende 2024 ausgezahlt werden, auch gestückelt oder als Sachleistung. Gut 86 Prozent der Tarifbeschäftigten erhielten dann laut Statistischem Bundesamt eine steuerfreie Prämie, im Schnitt pro Person 2.680 Euro. Bei Beschäftigten ohne Tarifvertrag waren es aber nur 35 Prozent.
Insgesamt erhielten 26 Millionen Beschäftigte mehr als 52 Milliarden Euro an Inflationsausgleich.
Rossmann will zahlen, Beamten fordern Beteiligung
Während die Drogeriekette Rossmann nun bereits ankündigt, bis zu 750 Euro Soforthilfe zu zahlen, sobald die Regelung rechtskräftig ist, lehnt etwa der Stahlkonzern Thyssenkrupp die Maßnahme ab.
Viele krisengebeutelte Firmen hätten heute kein Finanzpolster, um Extraprämien auszuschütten, sagte der Ökonom Oliver Holtemöller (IWH) zur Prämie, er könne "nur den Kopf schütteln". Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) nannte sie "Hohn" für Handwerker und Mittelständler. Derweil fordern Beamte und Beschäftigte im öffentlichen Dienst, auch beteiligt zu werden. Doch mehrere Bundesländer und Kommunen erklärten, sie könnten sich dies nicht leisten.
Direktzahlungen für Bedürftige wären sinnvoller
Von Regierungsseite wird derzeit geprüft, die Steuerfreiheit der Prämie bis 2027 zu verlängern. "Wichtig wäre, die Frist so zu verlängern, dass sie für alle Tarifverträge einbezogen werden kann", sagt Dullien. Denn viele Tarifrunden laufen noch nach dem kurzen Zahlungszeitraum der Prämie. So können Arbeitnehmer entscheiden, ob sie Einmalzahlungen fordern oder echte Lohnerhöhungen.
Aber ohnehin sehen viele Experten bessere Maßnahmen, um Bedürftige gezielter zu erreichen. "Denkbar wären steuerpflichtige Direktzahlungen an die Haushalte, ein neuer Kinderbonus oder eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel", schlägt Dullien vor. Seit vergangenem Jahr etwa sei technisch die Möglichkeit zur Direktauszahlung an alle Menschen in Deutschland möglich.
Geplante Entlastungen Arbeitgeber dämpfen Erwartungen an 1.000-Euro-Prämie vor 3 Tagen2022 kritisierte Kanzler Merz noch die "Gießkanne"
So könnte man genauer eingrenzen, wer eine Entlastung erhält oder wobei man Menschen entlastet. Die Gewerkschaftsbund-Chefin Yasmin Fahimi brachte zudem eine Mobilitätsprämie ins Gespräch, die die Pendlerpauschale durch Direktzahlung für Geringverdiener mit langem Arbeitsweg ersetzt. Nur müssen für all das genug Personen ihre Kontonummern hinterlegen, gibt Dullien zu Bedenken.
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Da ein Gesetz nötig ist für eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie, muss nun ein Entwurf in den Bundestag eingebracht werden. Möglich, dass es dort oder im Bundesrat noch Änderungen gibt. Oder in Absprache mit den Verbänden, die, anders als 2022, nicht über die Prämie informiert waren. Da war Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) noch Oppositionsführer und kritisierte die Regierung für Einmalzahlungen als Entlastungen "mit der Gießkanne", von der auch Gutverdiener profitierten.
Über den Experten
- Prof. Dr. Sebastian Dullien ist Research Director des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung. Er lehrt zudem als Professor für Internationale Ökonomie an der HTW Berlin. Das IMK forscht zu Verteilungsfragen und Arbeitsmarktpolitik aus Beschäftigtenperspektive. Dulliens Forschungsschwerpunkte umfassen europäische Integration, Konjunkturpolitik und Regulierung der Finanzmärkte.
Verwendete Quellen
- iwkoeln.de: "Spritpreis-Paket: Staat verzichtet bei Entlastungsprämie auf zwölf Milliarden Euro"
- imk-boeckler.de: "Inflationsausgleichsprämien entlasten 26 Millionen Beschäftigte um mehr als 52 Milliarden Euro – und stabilisieren Konsum"
- destatis.de: "Durchschnittliche tarifliche Inflationsausgleichprämie und Anteil der Berechtigten nach Wirtschaftsbereichen A-S (2022 bis 2024)"
